Alte und neue Netzwerke



Am Kunstmuseum von Montenegro arbeitet Mirjana Dabović Pejović, Direktorin des Kunstmuseums, für den Erhalt der Kulturgeschichte Jugoslawiens und setzt sich zugleich für eine tolerante und integrative zeitgenössische Gesellschaft ein.

National Museum of Montenegro
National Museum of Montenegro; © Lazar-Pejović

ifa: Wie ist Ihre Institution während der Krise zurechtgekommen und wie läuft es seitdem? Wie hat die aktuelle Situation die Arbeit Ihrer Galerie und ihr Konzept verändert?

Mirjana Dabović Pejović: Da unsere Aktivitäten gewöhnlich Ende März/Anfang April beginnen, hat Covid-19 alle unsere geplanten Ausstellungen und das Begleitprogramm für diese Saison durchkreuzt. Fast unser komplettes Programm musste auf 2021 verschoben werden. Unsere Institution musste sich wie viele andere hier in Montenegro an die "neue Realität" anpassen und wir waren gezwungen, unsere Aktivitäten darauf zu beschränken, uns um die Sammlung zu kümmern. Statt an neuen Programmen zu arbeiten, mussten wir unseren Fokus auf die digitale Werbung für eine begrenzte Zahl von Aktivitäten verschieben etwa in Form virtueller Führungen durch laufende Ausstellungen oder die Dauerausstellung des Museums.

ifa: Wie sprechen Sie Ihre Öffentlichkeit in diesem neuen Kontext an? Welche Art von Öffentlichkeit erwarten Sie und was erwarten Sie von Ihrer Öffentlichkeit?

Dabović Pejović: Wir haben unsere gesamte Kommunikation auf soziale Netzwerke verlagert, wo wir weiterhin laufende Aktivitäten präsentieren. Wir haben auch weiterhin unsere Publikationen Schulen und Bibliotheken gespendet und unsere Arbeit in verschiedenen Magazinen beworben. Wir hoffen, dass unser Publikum, das unsere Arbeit bis hierhin verfolgt hat, uns auch in Zukunft treu bleiben wird. 

ifa: Worin besteht Ihrer Meinung nach im Wesentlichen die soziale Verantwortung Ihres Museums?

Dabović Pejović: In der heutigen Gesellschaft ist es für Museen dringend und notwendig geworden, ihre Aufgaben, Ziele, Funktionen und Strategien neu zu definieren, um vielschichtige Erwartungen zu erfüllen. Mehr als je zuvor sind Museen heute Akteure für Wandel und Entwicklung: um Ereignisse in der Gesellschaft zu spiegeln und Katalysatoren des Fortschritts zu werden, indem sie die Aufmerksamkeit auf bestimmte Aktionen richten und zu weiterer gesellschaftlicher Entwicklung anregen. Sie müssen zu Einrichtungen werden, die durch ihre Aktivitäten Konzepte von Gleichheit und Demokratie fördern und enge Beziehungen in der gesamten lokalen Community knüpfen, um jede gesellschaftliche Gruppe zu erreichen.

Um relevant zu bleiben und anerkannte Partner in der gesellschaftlichen Entwicklung zu werden, sollten Museen ihre Ressourcen sowie ihr Potenzial maximal ausschöpfen, um besser auf die Dynamik moderner Ansprüche und urbanen Wandel reagieren zu können. Als Einrichtungen, die relevante Ressourcen in der Gesellschaft besitzen, können sie die besten kulturellen und demokratischen Ideale der Nation verbreiten und fördern.

Durch unterschiedliche Aktivitäten versucht unser Museum, den Bürgerinnen und Bürgern im Hinblick auf Governance eine Stimme zu geben, indem es Möglichkeiten für freie Diskussion und offenen Dialog eröffnet. Neben der Organisation von Ausstellungen, die Schlüsselfiguren der montenegrinischen Kunstszene präsentieren, organisieren und veranstalten wir oft Projekte, die sich mit sozialen Themen beschäftigen, um aktuelle globale Probleme ins Auge zu fassen und die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf wichtige Themen zu lenken. Durch unsere Programme und Aktivitäten versuchen wir in verschiedenen Zielgruppen, darunter Lehrkräfte, junge Leute, Kinder, Studierende, Frauen und ältere Bürgerinnen und Bürger, ein Bewusstsein zu schaffen. Wir nutzen verschiedene Formen der Diskussion, um die Wirkung von Kunst und Kultur, die Entwicklung von Kultur und den Erhalt von Erbe zu untersuchen, damit wir unser kulturelles Erbe fördern und besser verstehen und zudem auf eine allgemeine Emanzipation hinarbeiten.

ifa: Wie sollten Kunstinstitutionen Geschichten, Bilder und narrative Muster vermitteln und reflektieren?

Dabović Pejović: Die Sammlungen des Kunstmuseums sind so strukturiert, dass sie die Geschichte der jugoslawischen Kunst aufzeigen. Die Dauerausstellung ist konzipiert mit einem Schwerpunkt auf die wichtigsten Strömungen und Schlüsselfiguren sowohl der jugoslawischen als auch der montenegrinischen Kunstszenen. Die Präsentation beinhaltet verschiedene Konzepte der Darstellung.

Die jugoslawische Kunst vom Ende des 19. Jahrhunderts und die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts wird eingeführt durch einen chronologischen Überblick internationaler Kunstströmungen und ihrer Wirkung auf die regionale Szene. Die Anfänge des Modernismus in der montenegrinischen Kunst und später der zeitgenössischen Kunst werden vorgestellt durch mehrere Generationen von Künstlerinnen und Künstlern, die für ihre Bildung oder praktische Ausbildung ins Ausland gegangen sind und persönliche Stile entwickelt haben, in die internationale Einflüsse, individuelle Sensibilität und lokale Tradition einfließen. Durch diese Ausstellungen ist es möglich, die Veränderungen in künstlerischen Konzepten und Phasen darzustellen, die auch von den Richtungen der einzelnen Künstlerinnen und Künstler und ihrer persönlichen Erfahrungen in großen europäischen Zentren abhängen.

Eine zweite Ebene der Kommunikation/Präsentation basiert darauf, getrennte Erinnerungsräume für die bedeutendsten Figuren der montenegrinischen Kunstszene zu schaffen. Diese zentralen Künstlerinnen und Künstler werden mit Werken aus verschiedenen Perioden vorgestellt. Ein drittes Element ist die Ausstellung privater Hinterlassenschaft, die dem Nationalmuseum übergeben wurde, welche die anderen Präsentationen ergänzt.

Der Raum der Galerie ist offen für verschiedene begleitende Aktivitäten, die alle so angelegt sind, dass sie die Ausstellung für verschiedene Besuchsgruppen besser erklären. Vorlesungen, öffentliche Führungen, Workshops für Schulkinder und offene Kurse für Studierende gehören zu den unterschiedlichen Programmen, die von unseren Kuratorinnen und Kuratoren in Zusammenarbeit mit Lehrkräften und Professorinnen und Professoren verschiedener Schulen, Kunstschulen und Akademien durchgeführt werden.

ifa: Welche Konzepte verfolgen Sie im Hinblick auf Zugang, Teilhabe und Interpretationen Ihrer Ausstellungen?

Dabović Pejović: Das Kunstmuseum besteht aus verschiedenen Einheiten mit einer Dauerausstellung, die sich über unser Hauptgebäude und zwei Galerieräume erstreckt – die Galerie für zeitgenössische Kunst (gegründet 2012) und die Studio Dado Galerie (gegründet 2002). Zusammen stellt dies eine Kombination aus einem nationalen und zeitgenössischen Kunstmuseum dar.

Das Parlamentsgebäude (errichtet 1910), das unser Nationalmuseum und die Dauerausstellungen des Kunst- und Geschichtsmuseums beherbergt, benötigt immer noch einige zusätzliche technische Eingriffe, um den Zugang zu verbessern, während die neu gebauten Galerien komplett zugänglich sind. Um spezielle Bedürfnisse der Besucherinnen und Besucher erfüllen zu können, organisiert das Museum verschiedene Projekte, die auf Menschen zugeschnitten sind, die sich mit regulären Kunstausstellungen schwertun. Für die Zukunft gibt es auch Pläne, einige unserer bedeutendsten Kunstwerke in taktile Werke zu übertragen, damit sie von visuell eingeschränkten Menschen erlebt werden können.

Was die Präsentation unserer Sammlungen betrifft, ist unsere Dauerausstellung einzigartig darin, die künstlerischen Ursprünge im 19. und 20. Jahrhundert in der ehemals vereinten jugoslawischen Kulturregion zu bekräftigen. Wir halten dies für wichtig im Hinblick auf die Herausbildung der montenegrinischen Kunstszene – zuerst als Teil dieses komplexen Systems und später als unabhängige Szene. Im Laufe des 20. Jahrhunderts lebten und bildeten sich viele Künstlerinnen und Künstler in anderen Ländern, wo sie aktiv am lokalen kulturellen Leben teilnahmen. Einige zentrale Ausstellungen mehrerer montenegrinischer Künstlerinnen und Künstler waren bahnbrechende Momente in Kunstströmungen des 20. Jahrhunderts.

2006, nach der Erneuerung der montenegrinischen Unabhängigkeit, hat sich unsere internationale Werbung intensiviert. Wir haben Ausstellungen herausragender montenegrinischer Künstlerinnen und Künstler über Kunstwerke in unseren Sammlungen organisiert sowie Ausstellungen von Nachwuchstalenten. Unsere Kunstszene hat über unser lokales Publikum hinaus an Präsenz und Anerkennung gewonnen und kann mit zunehmendem Einsatz und einer langfristigen Strategie immer weiter in größere globale Bewegungen integriert werden.

ifa: Sehen Sie Ihre Galerie als einen Ort für politischen Diskurs?

Dabović Pejović: Ja, in der sich heute schnell entwickelnden Gesellschaft muss das Museum ein aktiver Ort für soziale und politische Debatte sein und auch ein Ort, um Stereotype zu überwinden, die immer noch hinsichtlich marginalisierter Gruppen existieren, Menschen mit Behinderungen, wie auch im Hinblick auf die Rolle von Frauen in Kunst und Gesellschaft. Im Laufe des letzten Jahrzehnts ist über all diese Themen intensiv diskutiert worden und sie sind durch verschiedene Ausstellungen und öffentliche Gespräche mit Künstlerinnen und Künstlern sowie Theoretikerinnen und Theoretikern weiterentwickelt worden – nicht nur aus Montenegro, sondern auch aus benachbarten Ländern und von weiter her.

ifa: Wie können Kulturinstitutionen heute international, post-national und verantwortlich arbeiten? 

Dabović Pejović: Obwohl viel größere Einrichtungen mit viel größeren Budgets mit diversen Problemen zu kämpfen haben, ist es für relativ kleine Museen wie dem Nationalmuseum von Montenegro (wenngleich es das größte im Land ist) notwendig, Teil des größeren regionalen und internationalen Netzwerks zu werden, um sichtbarer zu werden.

Wir haben unsere Aktivitäten in diese Richtung seit 2000 intensiviert und Partnerschaften mit anderen Institutionen entwickelt, die eine ähnliche Ausrichtung haben, und unser Publikum über den nationalen Rahmen hinaus erweitert, und wir nutzen unsere zwei modernen Galerieräume, um es lokalen Besuchern (insbesondere jungen Leuten und Studierenden) zu erleichtern, sich noch besser mit der weiteren regionalen und internationalen Kunstszene vertraut zu machen.

Gegründet in der Ära Jugoslawien ist das Konzept eines vereinten kulturellen Raums und einer Szene wesentlich für die Ursprünge unseres Museums und heute immer noch sehr präsent. Unsere Dauerausstellung ist praktisch die einzige in der Region, die immer noch einen Überblick über die jugoslawische Kunstszene des 20. Jahrhunderts bietet. Die Kunstwerke in unseren Sammlungen sind als Teil gemeinsamer kultureller Werte zu betrachten. Montenegrinische Künstlerinnen und Künstler, die in den 1950er Jahren geboren wurden, die später Gründerinnen und Gründer sowie Professorinnen und Professoren der Fakultät der Feinen Künste in Cetinje werden sollten, wurden in anderen jugoslawischen Zentren wie Belgrad, Sarajewo und Ljubljana ausgebildet, wo sie aktiv am kulturellen Leben teilnahmen. Unabhängig von den dramatischen Entwicklungen der 1990er Jahre, entwickelte sich die Kommunikation zwischen den neu formierten Ländern und Szenen (und Institutionen) im Laufe des nächsten Jahrzehnts weiter, zudem geprägt durch Künstlerinnen und Künstler und Kunstfachleute jüngerer Generationen.

ifa: Museen erfüllen heutzutage viele Aufgaben. Wie würden Sie definieren, was ein Museum ist oder sein sollte?

Dabović Pejović: Die traditionelle Rolle von Museen besteht darin, Objekte und Materialien von kultureller, religiöser und historischer Relevanz zu sammeln, zu erhalten, zu erforschen und sie der Öffentlichkeit zum Zwecke der Bildung und Unterhaltung zu präsentieren. Aber heute umfasst sie viel mehr. Trotz der Veränderungen, die große oder kleine Museen vorgenommen haben, zwingen uns die unsicheren Umstände unserer globalisierten Welt, die gesellschaftliche Rolle und Funktion des modernen Museums neu zu bewerten. Globale Bedrohungen erfordern sozial verantwortliche Aktionen und Strategien, die sich auf die lokale Community konzentrieren.

Als führende kulturelle Institution erweitert unser Kunstmuseum kontinuierlich die eigenen Kapazitäten sowie die Präsenz und Wirkung auf nationaler wie internationaler Ebene. Viel ist erreicht worden und das Museum wird weiterhin daran arbeiten, integrativer zu werden, ein aktives Erlebnis für die Besucherinnen und Besucher anzubieten sowie die gesellschaftliche Partizipation zu fördern. Die Entwicklung kultureller Strategien und Programme wird sich auf eine Kombination unserer eigenen Mittel, lokaler Ressourcen und auf Zusammenarbeit gründen müssen. Indem wir unabhängige Künstlerinnen und Künstler und den NGO-Sektor unterstützen, können wir uns hinbewegen zu größerer Solidarität, Nachhaltigkeit und besseren kulturpolitischen Strategien.


Mirjana Dabović Pejović ist Direktorin des Kunstmuseums von Montenegro am Nationalmuseum von Montenegro, Cetinje.

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Unter dem Titel "MuseumsNow" befragte das ifa Akteurinnen und Akteure internationaler Museen nach ihren aktuellen Erfahrungen, Herausforderungen und Visionen – auch vor dem Hintergrund der Covid-19-Pandemie. Die Interviews und Berichte geben einen Einblick in gegenwärtige museale Praktiken und zivilgesellschaftliches Handeln von Museen weltweit.

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