Köpfe von Männern mit Glatze, im Hintergrund mit dunkler Kaputze
NPD Demonstration in Berlin, picture alliance, Foto: Rolf Kremming, 2009

Management des Hasses




Nitzan Shoshans ethnographische Forschung unter jungen Neonazis in Ost-Berlin diente als Grundlage für seine preisgekrönte Monographie „The Management of Hate“. In einem Gespräch erläutert der Autor Fragen zur aktuellen Polarisierung der Gesellschaft, zum Wiedererstarken rechtsradikaler Bewegungen und warum die öffentliche Erregung und normative Urteile in akademischen Debatten, eine echte Auseinandersetzung mit dem Problem eher behindern.

 

ifa: Wie schätzen Sie die derzeitige Polarisierung der Gesellschaft und den Aufstieg von rechtsextremen Diskursen ein?

Nitzan Shoshan: Die soziale Polarisierung bzw. sozioökonomische Ungleichheit hat länder- und regionenübergreifend zugenommen, aber nicht überall im gleichen Maße. Der Zusammenhang mit nationalistischen und antidemokratischen Strömungen (also politischer Polarisierung) ist komplex. In manchen Fällen kommen die Anhänger von Rechtsaußen-Parteien (etwa der AfD) vorwiegend aus benachteiligten Bevölkerungsschichten, in anderen wiederum entstammen sie privilegierten Gruppen (z. B. bei Trump in den USA oder bei Bolsonaro in Brasilien). Das Ausmaß relativer Ungleichheit korreliert nicht immer mit dem Erfolg rechtsextremer Bewegungen. Entscheidender als objektive Messungen von Benachteiligung sind subjektive Erfahrungen und Wahrnehmungen, die aus enttäuschten persönlichen und kollektiven Zukunftserwartungen entstehen.

Die Befindlichkeiten, aus denen Hoffnungen und Ängste bezüglich der Zukunft erwachsen, sind unter historischen Umständen und in sozialen Kontexten geprägt worden, die sich stark von den heutigen unterscheiden. Die relativ junge Geschichte der Demokratie in einem Großteil Europas – darunter natürlich in Deutschland – legitimierte sich mit dem Versprechen von universellem Wohlstand, insbesondere Mitte des 20. Jahrhunderts. Heute wachsen die Spannungen zwischen noch bestehenden Bekenntnissen zu diesem Versprechen und dessen Niedergang. Ein Niedergang, der nicht nur objektiv messbar ist , sondern auch und vor allem die Zukunftsvisionen der Personen betrifft. Ich glaube, mit diesen Spannungen sollten wir uns befassen, wenn wir den Zusammenhang von sozialer Polarisierung und dem Aufschwung des Rechtspopulismus verstehen wollen.

Was macht den Populismus oder Autoritarismus heute so erfolgreich in der politischen Landschaft?

Populismus kann viele Formen annehmen, angefangen von Ressentiments gegen die Eliten oder Behauptungen über die wahre und einzigartige Essenz des Volkes bis hin zu Schuldzuweisungen und Feindseligkeit gegenüber kulturellen, religiösen, ethnischen oder sexuellen Minderheiten. Ebenso kann Populismus als strategisches Etikett eingesetzt werden, um Bewegungen und Akteure zu delegitimieren, die den Status quo infrage stellen. Zum Aufstieg autoritär-populistischer Diskurse tragen eine ganze Reihe von Faktoren bei, von denen ich drei erwähnen möchte.

Erstens haben wir mit der vermeintlich beispiellosen Demokratisierung nach dem Zerfall des Ostblocks erlebt, wie es gleichzeitig für demokratische Regime schwierig wurde, ihre früheren Modi der Selbstlegitimation aufrechtzuerhalten. Etablierte Wege demokratischer Staaten, die Vorherrschaft politischer Eliten über die Bevölkerung ideologisch zu rechtfertigen, wurden zunehmend obsolet – und zwar aus denselben Gründen, wie bereits genannt. Die Sehnsucht nach der verlorenen Zukunft eines kollektiven Wohlergehens, die man heute beobachten kann, bereitet den Nährboden für bestimmte Formen autoritärer Politik.

Zweitens beeinflusst die jüngste Wiederbelebung des Rassebegriffs und seine wieder legitim gewordene Verwendung als pseudowissenschaftliche biologische – und nicht soziale – Kategorie auch politische Mehrheitsideologien. Biologische Vorstellungen von Rassen sind als tabuisierte und unterdrückte, aber stets latent vorhandene Ideen in populären Darstellungen von Fortschritten in der Genomforschung machtvoll zurückgekehrt und werden heute zu verschiedensten politischen Zwecken eingesetzt, beispielsweise als Argument für die angeblich unterschiedlichen Intelligenzniveaus ethnischer Gruppen.

Zuletzt haben neue technologische Entwicklungen, wie die Digitalisierung, hergebrachte Formen der Autorisierung öffentlicher Diskurse, wie zum Beispiel offiziell bestätigtes Fachwissen oder institutionell vermittelte Interpretationsrahmen, ins Wanken gebracht, sodass diese ihre Wirkmacht in politischen Debatten verlieren. Dieser Prozess brachte bislang unterdrückte Stimmen zu Gehör, was tiefgreifend dezentralisierende, demokratisierende und emanzipatorische Effekte mit sich gebracht hat. Zugleich trug er jedoch dazu bei, rechtspopulistische Diskurse zu legitimieren.

Sie haben im Feld dessen geforscht, was Sie „Management of Hate“ nennen. Was kann politische Ethnographie zum Verständnis des Rechtsextremismus beitragen?

Die Ethnographie setzt voraus, dass wir ein vertrautes Verhältnis zu den Menschen aufbauen, die wir erforschen. Was wir aus nächster Nähe miterleben, unterscheidet sich stark von Eindrücken, die aus der Ferne gewonnen werden, und wir können komplexe Prozesse sehr viel genauer beobachten. Anstatt von vorgefertigten Kategorien auszugehen, ermöglicht, ja erfordert die Ethnographie einen ergebnisoffenen Ansatz, der empfänglicher ist für die Heterogenität der sozialen Welt. Darüber hinaus können uns die Nähe und das Vertrauen, das wir zu unseren Gesprächspartnern aufbauen, Zugang zu Daten verschaffen, die sie andernfalls wohl kaum teilen würden, insbesondere wenn es um verbotene oder stark tabuisierte Themen geht.

Als ich meine Untersuchung begann, konnte ich so gut wie keine ethnographischen Forschungen zu Rechtsextremismus finden, einem Feld, das größtenteils aus sicherer Distanz untersucht wird, mithilfe statistischer Erhebungen, strukturierter Interviews in arrangierten Settings oder der Analyse politischer Rhetorik, Propaganda und Literatur. Meine Beobachtungen und die Unterhaltungen mit meinen jungen Gesprächspartnern brachten mich zum Beispiel dazu, die Kategorie Extremismus an sich infrage zu stellen. Diese vermochte die Vielzahl ambivalenter und veränderlicher Positionen, die mir begegneten, nicht zu fassen. So wurde ich mit der dynamischen Natur politischer Identifikation konfrontiert, welche der akademischen Forschung oft als unveränderlich gelten.

Warum laufen staatliche Präventivmaßnahmen wie Anti-Rassismus-Botschaften und eine Politik der harten Hand gegen Neonazis oft ins Leere bzw. bewirken das Gegenteil?

Viele Regierungsprogramme haben eine deutlich positive Wirkung gezeigt, und häufig sind Erfahrungen aus früheren Initiativen in die Verbesserung politischer Maßnahmen gegen Neonazis eingeflossen oder haben dazu geführt, dass gescheiterte Strategien verworfen wurden. Zudem findet der Kampf gegen Rechtsextremismus auf der Straße statt, nicht in einem kontrollierten Labor. Daher ist der Erfolg spezifischer Maßnahmen, deren Ergebnisse von einer Vielzahl von Faktoren abhängen, schwer zu bewerten. Oft können solche Programme die lokalen Auswirkungen mächtigerer Kräfte nur ein Stück weit ausgleichen.

Trotzdem bleiben staatliche Maßnahmen oft hinter den gesetzten Zielen zurück. In meinem Buch, das auf meiner ethnographischen Forschung mit jungen Neonazis beruht, beschreibe ich mehrere Maßnahmen und erkläre, warum sie sich als kontraproduktiv erweisen. Tief sitzende Ängste und Vorurteile erhalten zum Teil mächtige kulturelle Tabus aufrecht, die in Deutschland aus historischen Gründen das belasten, was ich als „Management of Hate“ bezeichne. Die öffentliche Erregung und normative Urteile in akademischen Debatten verhindern eine Konfrontation mit unangenehmen Realitäten. Das führt zu simplifizierenden Erklärungen, die komplexe Probleme nicht erfassen und dementsprechend keine angemessenen Lösungen bieten können. In der Regel gibt man jenen Sichtweisen den Vorzug, die mit großem Abstand zur Zielgruppe agieren und welche die Probleme, die junge Neonazis verkörpern und mit denen sie sich auseinandersetzen müssen, kaum aus eigener Anschauung kennen oder nachvollziehen können. Stimmen, die durch die Praxis oder ethnographische Forschung eng mit solchen Personen vertraut sind, werden zu wenig gehört.

Wie kann Deutschland Ihrer Meinung nach auf effektivere Weise Nationalismus und Rassismus bekämpfen?

Über punktuell erfolgreiche Strategien hinaus muss Deutschland Rassismus und Nationalismus als Mainstreamprobleme anerkennen, anstatt den Kampf dagegen auf vermeintlich anomale Extreme zu projizieren und sich dadurch ein Alibi zu verschaffen. Rassismus und Nationalismus sind normaler Teil des sozialen Lebens in Deutschland. Sie treten beiläufig auf, in Alltagssituationen und unter Menschen, die sich selbst weder für rassistisch noch als nationalistisch halten. Indem sie auf ein vermeintliches Extrem verlagert werden, verleugnet man ihre weite Verbreitung und verhindert damit den Kampf gegen sie.

Viele Deutsche halten zum Beispiel an einer Vorstellung von nationaler Zugehörigkeit fest, die auf Blutsverwandtschaft oder einer gemeinsamen Abstammung beruht, was sich selbst nach einer geringfügigen Liberalisierung weiterhin in den deutschen Einwanderungs- und Einbürgerungsgesetzen widerspiegelt. In der Art und Weise, wie der deutsche Staat Teilhabe und Zugehörigkeit anerkennt, verankert er das Leitbild eines ethnischen Nationalismus auf institutioneller Ebene. Darüber hinaus reproduzieren die deutschen Medien, Nachrichtendienste und die Unterhaltungsindustrie unermüdlich ethnische Stereotype und verstärken damit rassistische Weltbilder in der breiten Öffentlichkeit. Man kann das zum Beispiel an der Netflix-Serie Dogs of Berlin sehen. Ich bin gegen Zensur und Verbote, sie erscheinen mir kontraproduktiv. Vielmehr müssen sich die Deutschen kritisch mit solchen Darstellungen auseinandersetzen und sie entlarven.


Über den Autor

Nitzan Shoshan promovierte 2008 an der University of Chicago in Kulturanthropologie und ist Professor am Center for Sociological Studies am Colegio de Mexico in Mexico City. Er ist spezialisiert auf deutschem und europäischem Nationalismus und Rechtsextremismus. Seine ethnographische Forschung mit jungen Neonazis in Ostberlin diente als Grundlage für seine preisgekrönte Monographie "The Management of Hate Nation, Affect, and the Governance of Right-Wing Extremism in Germany".

Das Interview führte Ulrike Prinz
Übersetzt aus dem Englischen von Nadine Püschel