Stell Dir vor, Du stehst im Mikro-Atelier einer Streetart-Künstlerin in Luanda, und im nächsten Moment befindest Du Dich in Nairobi hinter einem Typen, der an einem Western-Union-Schalter Geld holt. Dann stehst Du plötzlich mit einem jungen Spoken-Word-Poet in Berlin auf einer Bühne vor Leuten, die Fotos davon machen und auf Instagram teilen. Du trittst aus dieser Berliner Bar, hinein in eine Galerie in Lagos und bewegst Dich von dort aus in das abstrakte digitale Universum, das von einem Kunstkollektiv in Jakarta geschaffen wurde.

Wie verstehen und interpretieren wir das, was wir sehen und erleben?

Die fortschreitende Digitalisierung der Welt hat starke Auswirkungen auf die kulturelle Produktion. Aber wie sehen die aus? Wann und aufgrund welcher Kriterien beginnen "Reales" und "Realität", und wo enden sie, wenn überhaupt?

Diesen Fragen galt in der Vergangenheit die Aufmerksamkeit einer Vielzahl von Denkerinnen und Denkern – aus Kunst, Wissenschaft und Philosophie – und sie gewinnen aktuell, mit der Zunahme der Spannungen zwischen dem Physischen und dem Digitalen, besondere Bedeutung. Diese Spannungen sorgen für neue Möglichkeiten der Zugänglichkeit, was nicht nur für die Schaffung und den Erhalt von Netzwerken wichtig ist, sondern auch für die tägliche, wenn nicht stündliche Zirkulation von Ideen, Aufträgen und Geld zwischen globalen Kollaborationspartnern. All diese Faktoren waren noch nie drängender als jetzt, da wir uns in einer globalen Krise befinden. Paradoxerweise bauen wir bei dieser Entwicklung hin zu immateriellen Formen der Erfahrung zunehmend auf physische Infrastrukturen, um sie zu ermöglichen – von Glasfaserkabeln bis zu Datenzentren.

Ein durchschnittlicher Teenager verbringt etwa acht Stunden pro Tag "vernetzt". Manche Menschen haben Millionen von Freunden in sozialen Netzwerken, und ein Großteil der heutigen Kommunikation und Interaktionen findet in virtuellen Umgebungen statt. Konzepte wie digitale Transformation, künstliche Intelligenz (KI), erweiterte Realität (AR) und virtuelle Realität (VR) werden immer stärker Teil unserer täglichen Routinen und kulturellen Praktiken. Durch Videospiele haben wir es mehr und mehr mit alternativen, inspirierenden Universen zu tun und Algorithmen beeinflussen unsere Entscheidungsfindung oder bestimmen sogar unser Verhalten. Gleichzeitig scheinen wir selbstverständlich davon auszugehen, dass wir in einer Welt leben, die real und leichter zu erreichen und zu fassen ist als je zuvor.

Real sind die Dinge auf den verschiedensten Ebenen, in den verschiedensten Perspektiven und Zeitlichkeiten.

Inwiefern ist ein Kontinent, ein Land oder eine Person "real"? Was ist "real" an einem digitalen Bild, das in den Nachrichten und den sozialen Medien verbreitet wird? Welche Perspektive ist "realer"? "Real" bezieht sich hier auf die geläufige Vorstellung, dass wir aufgrund der ständigen digitalen Vernetzung die Welt in "Realtime" sehen, von ihr in "Echtzeit" erfahren und wissen.

Trailer ARE YOU FOR REAL

Konzept-Film von Ainslee Alem Robson und Kidus Hailesilassie

Das webbasierte Projekt ARE YOU FOR REAL setzt sich mit Verbindungen von Menschen, Gedanken, Dingen und Orten sowie deren Visualisierung auseinander – wobei die Kommunikation durch den Austausch und das Trainieren von Daten erfolgt. Es befasst sich mit den materiellen und immateriellen Aspekten des "Digitalen" und damit, wie diese aus der Perspektive verschiedener Disziplinen wahrgenommen werden: Künstlerinnen und Künstler, Forscherinnen und Forscher sowie Programmiererinnen und Programmierer werden beauftragt, Werke zu schaffen, die uns ihr Verständnis der Realität und ihren Zugang zu ihr vermitteln.

Dieses sich stetig weiterentwickelnde Projekt ist eine Plattform des Austauschs, die verschiedene Formate wie Ausstellungen, Workshops, digitale Kunsträume und Apps ermöglicht. Es findet an beliebig ausgewählten Orten statt, deren Bandbreite von Wettbüros über Postämter zu Spielstätten und Kulturzentren reicht.

Das Ziel ist keine lineare Erzählung, doch wird es einen roten Faden geben, der die Ereignisse verbindet und Begegnungen ermöglicht. Wie im Kinderspiel "Stille Post", bei dem eine Botschaft erdacht, weitergegeben und durch Flüstern von einem Spieler zum nächsten verändert wird, ist das Ergebnis dabei immer unerwartet und nicht vorhersagbar. Dieser spielerische Ansatz führt zum Austausch von Sichtweisen und Konzepten und ermöglicht die Erkundung von Überschneidungen und Lücken zwischen Gebieten, Formaten und Kontexten.

Die Kunstwerke werden sich im Laufe des Projekts verändern, wenn neue Künstler*innen dazukommen, sie ergänzen und auf sie reagieren. Das Format der Tourneeausstellung wird in dem Projekt als Reise von Ideen und Gedanken weitergedacht.

Der Ansatz für dieses Projekt hinterfragt das beim ifa jahrzehntelang gängige Format der Tourneeausstellung, bei dem Kunstaustellungen aus Deutschland um die ganze Welt geschickt werden. ARE YOU FOR REAL will im Rahmen des internationalen Kulturaustauschs eine zeitgenössische, kollaborative Praxis des Ausstellungsmachens erproben. Die Herausforderung besteht darin, die Inflexibilität der klassischen Tourneeausstellung zu dekonstruieren und andere Modelle zu erkunden, die Antworten auf die Fragen bieten, die wir durch eine globale Zusammenarbeit und neue Formen künstlerischer Produktion stellen.

Zum Projekt ARE YOU FOR REAL

Künstlerische Beiträge

© Nolan Oswald Dennis

Nolan Oswald Dennis

ist ein interdisziplinär arbeitender Künstler aus Johannesburg. In seiner Praxis erforscht er das schwarze Bewusstsein für Raum, und damit die materiellen und metaphysischen Bedingungen von Entkolonialisierung. Er hinterfragt Politiken des Raums und der Zeit durch einen systemspezifischen Ansatz. Dennis beschäftigt sich mit den verborgenen Strukturen, die die Grenzen unserer sozialen und politischen Imaginationen bestimmen. Durch Diagramme, Zeichnungen und Modelle lotet er diese verborgene Landschaft systematischer und struktureller Bedingungen aus und fügt technologische, spirituelle, ökonomische und psychologische Systeme zusammen – um das Technologische neben dem Spirituellen zu lesen und politische Fiktionen mit Science-Fiction zu verbinden.

Link zur Webseite

© Can Karaalioglu

Can Karaalioglu

ist Automatisierungsingenieur, arbeitet derzeit in der VR-Forschung und lebt in Berlin. Sein künstlerisches Werk nimmt diskriminierende und repressive Technologien durch die Linse der Intersektionalität in den Blick und hinterfragt wie Technologie Identitäten und digitale Kultur im Allgemeinen beeinflusst.

© Nushin Yazdani

Nushin Isabelle Yazdani

ist Interaktions- und Transformationsdesignerin, Künstlerin und KI Researcherin, die in Berlin lebt und arbeitet. Ihre Praxis beschäftigt sich mit den Zusammenhängen zwischen Technologie und sozialer Gerechtigkeit, KI und Diskriminierung – aus einer intersektionalen, feministischen Perspektive. Sie erforscht Designprozesse die dabei helfen repressive Strukturen abzubauen. Im Berliner Education Innovation Lab arbeitet Yazdani an der Transformation des Bildungssystems und der Entwicklung innovativer Lernmethoden. Sie ist Dozentin, Mitglied bei dgtl fmnsm und im Design Justice Network und kuratiert und organisiert Community-Events an der Schnittstelle von Technologie, Kunst und Design.

Link zur Webseite

Das Projekt umfasst weitere Beiträge von

  • Ibrahim Cissé & Asmaa Jama,
  • João Renato Orecchia Zúñiga,
  • Nelly Y. Pinkrah,
  • Ainslee Alem Robson & Kidus Aailesilassie und
  • Michelle M. Wright.

Webdesign und Programmierung

© Yehwan Song

Yehwan Song

ist eine in Korea geborene Grafikdesignerin, Webdesignerin und -entwicklerin, die ihr eigenes unabhängiges Kreativstudio YSong betreibt. Ihr Interesse gilt dem allgemeinen Verständnis von Webdesign und dem Spiel mit visuellen Elementen und Interaktionen, die sich aus der Struktur von Inhalten ergeben. Sie entwirft und entwickelt experimentelle Websites und interaktive Grafiken, die aus ihren eignen Regelwerken entwickelt werden und damit statischen Vorlagen und Konventionen hinterfragen.

Kuratorinnen

© Julia Grosse, Foto: Benjamin Renter

Julia Grosse

ist Mitbegründerin und Chefredakteurin der Kunstzeitschriften Contemporary And (C&) und Contemporary And América Latina (C&AL). Zusammen mit Yvette Mutumba wurde sie für ihr wegweisendes Engagement mit dem prestigeträchtigen Europäischen Kulturmanager*in Award für das Jahr 2020 ausgezeichnet. Sie ist Dozentin am Institut für Kunst im Kontext an der Universität der Künste in Berlin. Sie studierte Kunstgeschichte, Germanistik und Medienwissenschaft an der Ruhr-Universität Bochum und arbeitete als Kolumnistin und Kulturjournalistin in London für Die Tageszeitung (taz), die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (FAS), Architectural Digest und die Süddeutsche Zeitung. 2020 kuratierte sie das Festival "Friendly Confrontations: Festival für Globale Kunst und Institutionskritik" an den Münchner Kammerspielen.

© Yvette Mutumba, Foto: Benjamin Renter

Yvette Mutumba

ist Mitbegründerin und Chefredakteurin der Kunstzeitschriften Contemporary And (C&) und Contemporary And América Latina (C&AL). Zusammen mit Julia Grosse wurde sie für ihr wegweisendes Engagement mit dem prestigeträchtigen Europäischen Kulturmanager*in Award für das Jahr 2020 ausgezeichnet. Sie lehrt am Institut für Kunst im Kontext an der Universität der Künste in Berlin und ist Curator at Large am Stedelijk Museum in Amsterdam. 2018 war Mutumba Teil des Kuratorenteams der 10. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst und Gastprofessorin für "Global Discourses" an der Akademie der Künste der Medien Köln. 2012 bis 2016 arbeitete sie als Kuratorin am Weltkulturen Museum in Frankfurt a. M. Sie studierte Kunstgeschichte an der Freien Universität Berlin und promovierte am Birkbeck College, University of London.

© Mario Macilau

Paula Nascimento

ist Architektin und freie Kuratorin. Sie lebt und arbeitet in Luanda. Nascimento kuratierte eine Vielzahl von Ausstellungen in Angola, Südafrika, Portugal, Italien, im Rahmen der Biennalen in Bamako und Lubumbashi sowie des African Mobility Projects. Sie is die Kuratorin der afrikanischen Sektion bei der Arco Lisbon Kunstmesse. Nascimento ist Mitbegründerin von Beyond Entropy Africa, einem Kollektiv, das Projekte in den Bereichen Architektur, zeitgenössische Kunst und Geopolitik entwickelt und 2013 mit dem Goldenen Löwen der Biennale von Venedig sowie 2017 mit einem afrikanischen Architekturpreis ausgezeichnet wurde. Sie arbeitet mit mehreren Bildungsprojekten zusammen, veröffentliche verschiedene Publikationen und hat einen MA in Architektur von der London South Bank University.

Tourneeausstellungen weltweit

Mit seinen über 20 laufenden Tourneeausstellungen und seinen vielfältigen Veranstaltungsprogrammen zur zeitgenössischen Kunst verbindet das ifa die deutsche Kunstszene mit internationalen Kulturschaffenden und bildet Kooperationen und Netzwerke. Die vielfach in Ko-Kreation mit Partnerinnen und Partnern vor Ort entwickelten Projekte umfassen verschiedene Disziplinen der modernen und zeitgenössischen Bildenden Kunst – von aktuellen Themen der Architektur, der Fotografie und des Designs über das Bauhaus bis hin zu monografischen Ausstellungen von Rosemarie Trockel oder Wolfgang Tillmans. Sie schaffen lokale Begegnungsplattformen und ermöglichen internationale Perspektiven auf weltweit relevante Themen. Interessierten Museen stellt das ifa darüber hinaus Leihgaben zur Verfügung.

Mehr erfahren

Zum Download:

Überblick über die Tourneeausstellungen 2020 (PDF)

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