Stühle, Decke: Sugarcoating, Nina Lundström 2017. Türmodell, Monitore: La Puerta de las Californias, Sofia Dona 2017. Große Leinwand: Re/flecting the Border, Miguel Buenrostro, Margarita Garcia 2017. Foto: © Hannes Wiedemann

 

Grenzerfahrungen – von Tijuana nach Berlin

Grenzen. Sie sind weltweit präsent und beeinflussen das Leben der Menschen, schaffen gewisse Lebensumstände. In dem Projekt „Tunnel Below/Skyjaking above: deconstructing the boder“ setzen sich Künstlerinnen und Künstler mit diesem Thema auseinander. Mit Hilfe einer Unterstützung durch das ifa reisten Künstlerinnen und Künstler aus Deutschland ins mexikanische Tijuana, direkt an der Grenze zu den USA. Ein reger Austausch entstand. Zusammen konzipierten sie eine Ausstellung in Berlin. Jan Lemitz, Mitorganisator, redete mit dem ifa über das Projekt.

Von Mirjam Karrer

ifa: Wie sind die Kontakte zustande gekommen? Arbeiteten die beteiligten Künstlerinnen- und Künstler bereits in der Vergangenheit zusammen? Wie lief die Zusammenarbeit?

Lemitz
: Austausch und Kontakte gibt es schon eine ganze Weile. Davon bringen wir alle etwas mit. Für die meisten von uns ist das Arbeiten für die Ausstellung Teil einer langjährigen Praxis, die sich mit dem Thema Grenze befasst. Wir haben viele Menschen getroffen, die politisch aktiv sind und/oder sich künstlerisch mit der Situation auseinandersetzen. Unter anderem haben wir im Rahmen eines Workshops Filme gezeigt. So ist das Begleitprogramm der Ausstellung in Berlin entstanden. Gleichzeitig war es eine unglaubliche Erfahrung, die Filme und künstlerischen Arbeiten im Zusammenhang mit den Orten ihrer Entstehung zu sehen und mit den Protagonistinnen und Protagonisten ins Gespräch zu kommen.

ifa: Entstanden ist dabei eine interdisziplinäre und internationale Zusammenstellung von Arbeiten. Unter dem Titel "Tunneling below/Skyjacking above: deconstructing the border" wurden sie diesen Sommer in Berlin ausgestellt. Worum ging es genau?

Lemitz: Allgemein ging es um Orte, die alle von den jeweiligen Bedingungen geprägt sind, die Grenzen ihnen auferlegen. In Tijuana beispielsweise betrifft das die gesamte Stadt. Es gibt viel Leerstand, viele Menschen sind abgewandert. In Calais oder an anderen Orten ist das nicht anders – dort sind ganze Landschaften entstanden, die geprägt sind von den Versuchen Mobilität unter Kontrolle zu bringen. In der Ausstellung wird das auf unterschiedliche Weise aufgegriffen und zu einer räumlichen Erfahrung. 

Sockel: Findling, Edith Kolath 2017. Linke Wand: Jordan River, Yoav Admoni 2017. Große Leinwand: Re/flecting the Border, Miguel Buenrostro, Margarita Garcia 2017. Foto: © Hannes Wiedemann
Video Screens: A Threeseome with Nature: Circular Pilgrimage, Plant Migration, Bodies of Water, Yoav Admoni 2014. Gerüst: Both Sides Now, Liz Bachhuber 2017. Foto: © Hannes Wiedemann

ifa: Zwischen Tijuana und San Diego sind Tunnel immer wieder eine Option die Grenze zu überqueren. Ist hieraus der Titel des Projekts entstanden?

Lemitz: Tunnelsysteme haben für verschiedene Akteure eine unterschiedliche Bedeutung und Funktion. Während sie einerseits die Möglichkeit bieten die Grenze zu überqueren, wurden sie eigentlich als Entwässerungssystem installiert, um die Grenze vor Errosion und Landslides zu schützen. Gleichzeitig geht es uns aber auch darum, vorherrschende Erzählweisen und Bildwelten zu untergraben, an ihren Festen zu rütteln und Alternativen aufzuweisen. Mit dem Begriff  "Skyjacking" verhält es sich ähnlich. Ein wesentlicher Aspekt des Projekts ist es, die vermeintlichen Entfernungen zwischen Orten zu verringern, denen allesamt bestimmte Erfahrungen und Geschichten gemeinsam sind. Und zwischen den Menschen, die diese Erfahrungen machen und diese Geschichten schreiben. 

ifa: Staatliche und nicht-staatliche Organisationen wie Frontex können als Teil einer komplexen Zusammensetzung von Grenzen wahrgenommen werden. Wie spiegelt sich das in dem Projekt wider?

Lemitz: Mit der Ausstellung setzen wir der Fragmentierung von Grenzregimen eine künstlerische Praxis entgegen, die ebenfalls aus Netzwerken, Kontakten und Kooperationen besteht. Dabei wird Wissen generiert. Es findet Austausch in einer Form statt, die es erlaubt Grenzorte, Gegenden und Regionen zu verknüpfen. Wir greifen das auf, indem wir unterschiedliche Positionen aus sehr vielfältigen Kontexten zusammenbringen.

Fass, Mobiletelefone: Electronic Distrubance Theatre, EDT, Ricardo Dominguez, Amy Sara Carroll 2007 – 2009. Leuchtkästen, Projektion, Plotter, Sockel: Skyjacking Across Borders with Toy Guns, Lisa Glauer 2017. Foto: © Hannes Wiedemann
Große Leinwand: Re/flecting the Border, Miguel Buenrostro, Margarita Garcia 2017 Monitor, 2 StühleDecke: Sugarcoating, Nina Lundström 2017. Türmodell, Monitore: La Puerta de las Californias, Sofia Dona 2017. Foto: © Hannes Wiedemann

ifa: Migration sowie populistische und nationalistische Sichtweisen sind in Europa aktuell ein großes Thema. Was können wir aus Grenzerfahrungen zwischen Mexiko und den USA lernen?

Lemitz: Vor allen Dingen darf nicht vergessen werden, dass es überall eine Realität jenseits des Spektakulären gibt. Für Tijuana bedeutet das, dass die gesamte Stadt auf eine komplexe Geschichte ihrer Grenzsituation zurückblickt. Diese Grenzsituation fällt entlang der gesamten Staatsgrenze überall anders aus. Trotzdem ist es wichtig diesen Punkt zu machen und ihn zu erzählen. In Tijuana wird deutlich, wie die Grenzsituation im Stadtbild sichtbar und spürbar ist. Und dieses Wissen ist mit Sicherheit übertragbar. Diese Erfahrung kann den eigenen Blick prägen. Diese Komplexität und die zeitliche Kontinuität werden in vielen der Arbeiten deutlich. An der Küste Nordfrankreichs sind in den letzten Jahren Millionenschwere Grenzanlagen entstanden. Hinter dieser Reaktion verbirgt sich aber viel mehr als die aktuelle Antwort auf den „Jungle“. Im Hintergrund wird eine zeitliche Tiefe dieses Zustands erkennbar; eine Tiefe die immer schärfer werdende Konturen annehmen kann.

Stative, Viewfinder-Kästen: Border Peepshows, Kate Clark and Sara Vela 2017. Vitrinen: Incendiary Traces at the EU Border: Frontex to the Hellenic Coast, Hillary Mushkin 2017. Foto: © Hannes Wiedemann
Weißer Sockel: Legal Disobedience, Or How to Avoid Paying taxes, Vienne Chan 2017. Wandtapete, Platte am Boden, Rahmen: Properties of Lace, Jan Lemitz 2017. Holzkonstruktion: Dante’s Journey / El Trajecto del Dante, Marcos Ramirez Erre 2017. Foto: © H

ifa: Sind in Zukunft weitere gemeinsame Projekte zwischen den beteiligten Künstlerinnen- und Künstlern geplant?

Lemitz: Ja, das hoffen wir sehr. Viele von uns arbeiten sowieso fortlaufend und längerfristig. Es wäre sehr interessant, die Arbeiten in Tijuana zu zeigen. Das wollen wir für das kommende Jahr angehen. Gleichzeitig haben wir die Erfahrung gemacht wie schnell sich die Situation, die wir uns ansehen, ändern kann. Seit dem Beginn der Vorbereitungen für die aktuelle Ausstellung, sind ganze Teile des europäischen Kontinents abgeschottet worden. Die Reise nach Europa ist Lebensgefährlicher denn je. Es ändern sich ebenfalls die Strategien der Sichtbarkeit, in der diese Situation dargestellt wird. Auch das wird einen Einfluss auf die Zukunft es Projekts und jede einzelne Beteiligung haben.

Über die Ausstellungsförderung unterstützt das ifa Vorhaben deutscher und in Deutschland lebender Künstlerinnen und Künstler im Ausland. Das Programm Künstlerkontakte fördert die internationale Zusammenarbeit deutscher und ausländischer Kulturschaffender. Die Rave-Stipendien für Nachwuchskräfte aus Entwicklungs- und Transformationsländern ermöglichen Aufenthalte an Museen, Galerien u. ä. in Deutschland. Die kommentierte Linksammlung „Artguide Germany“ stellt die Kunstlandschaft Deutschlands vor.

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