Franz Erhard Walther: Handlungskörper, 1969, Baumwollstoff genäht; Foto: Uwe Walther, © (Franz Erhard Walther) VG Bild-Kunst Bonn, 2017 I
Franz Erhard Walther: Handlungskörper, 1969, Baumwollstoff genäht; Foto: Uwe Walther, © (Franz Erhard Walther) VG Bild-Kunst Bonn, 2017

Handlungskörper

In den 1960er Jahren veränderte Franz Erhard Walther den traditionellen Material- und Werkbegriff, indem er den Handlungsprozess zur Grundlage seines Werkbegriffs machte: die geometrischen Formen der Skulpturen erforderten die Handlung des Betrachters, einfache Bewegungsabläufe, um ihre Bedeutung zu entfalten. Die Handlung wurde zur "Werkform". Er entwickelt Objekte aus Baumwollstoffen, Schaumstoffen und Holz, textile Skulpturen als variable Gestalt. Zwischen 1963 und 1969 entstand so sein "1. Werksatz", 58 benutzbare Objekte. Nach 1969 relativierte er den Handlungsaspekt ("2.Werksatz") zu hypothetischen Handlungsmöglichkeiten. Es entstanden "Wandformationen" mit stärker bildhaft skulpturalem Eigenwert, die einladen, das plastische Material zu entdecken.

Interview von Marco Fiedler

Fiedler: Das erste Mal bin ich deiner Arbeit als junger Student Mitte der 1990er-Jahre in Genf begegnet. Wortbilder aus den späten 1950er-Jahren: einfache, schlagkräftige Wörter in Temperafarbe auf Papier. Was hat es mit diesen Papierarbeiten auf sich und welche Geschichte steckt dahinter?

Walther: Im Frühjahr 1957 hatte ich ein Studium an der Werkkunstschule Offenbach begonnen. Da mir die Arbeit in der Grundklasse nicht viel sagte, streifte ich durch die Ateliers und kam so auch in die Klasse für Schrift. Mich faszinierten die konstruierten Schriften. Ich schrieb mich in der Klasse ein und zeichnete fortan alle wichtigen Buchstabenfamilien. Irgendwann begann ich eigene Buchstabenalphabete zu entwerfen. Doch Anwendungen, etwa für Plakatgestaltungen, lagen mir fern. Ich wollte mit den Schriften eigene Werke schaffen. Diese nannte ich Wortbilder. Die Betrachter sollten durch einzelne Worte in Verbindung mit der Schrifttype, deren Farbigkeit, der Farbe der Fläche sowie deren Format ihr eigenes Bild imaginativ entwickeln, also handeln lassen.

Fiedler: Zeichnung nimmt innerhalb Deines Werks eine große Rolle ein. Entweder voll ausgearbeitet oder teilweise auch skizzenhafte Bleistiftzeichnungen. Wie siehst Du die Zeichnung innerhalb Deiner Arbeit? Ist sie ein autonomes Werk oder mehr als Vorstufe, Skizze oder Handlungsanweisung zu einer Skulptur zu sehen? Was hat es mit solchen Werkzeichnungen auf sich?

Walther: Zeichnen ist eine der Grundlagen meiner Kunst. Dabei gibt es alle nur denkbaren Typen: Skizze, Notation, Entwurf, Planzeichnung, Konstruktionen, autonome Zeichnungen, Diagramme, Werkzeichnungen… Letztere sind alleine auf den 1. Werksatz bezogen. Sie sind keine vorbereitete Arbeitsskizze, was traditionell mit dem Begriff bezeichnet wurde. Vielmehr habe ich der Werkzeichnung eine andere Bedeutung gegeben: In Verbindung mit den Werkhandlungen haben sie den Anspruch, parallele Werke zu sein, unbeschadet ihres Fragmentcharakters.

Franz Erhard Walther: Handlungskörper, 1969, Baumwollstoff genäht; Foto: Uwe Walther, © (Franz Erhard Walther) VG Bild-Kunst Bonn, 2017
Franz Erhard Walther: Handlungskörper, 1969,
Baumwollstoff genäht; Foto: Uwe Walther, ©
(Franz Erhard Walther) VG Bild-Kunst Bonn, 2017

Fiedler: Welche Rolle spielt Textil in Deiner Arbeit?

Walther: Die verschiedensten Baumwollstoffe bilden bei den Werkstücken das Hauptmaterial. Als ich 1963 begonnen habe damit zu arbeiten, war das in der Kunst einzigartig. Es galt bestenfalls als Material der Angewandten Kunst.

Fiedler: Wie sind die ersten Textilarbeiten entstanden? Wer hat die Arbeiten genäht und wie war der gedankliche Entwurf dafür? Hattest Du eine handwerkliche Vorbildung, was zum Beispiel die Schnitttechniken angeht, oder hattest Du Hilfe beim Umsetzen?

Walther: Die ersten Handstücke sind geklebt. Mit dem Kleben war ich allerdings nicht zufrieden. Anfang 1963 sah ich zufällig in einer Schneiderwerkstatt in Fulda ein sogenanntes "Glanzkissen", das beim Ausbügeln von Anzugschnitten verwendet wurde. Es hatte Ähnlichkeit  mit meinen geklebten Formen. Allerdings war es an den Seiten genäht. Heureka! Das ist die Technik! Ich zeichnete unmittelbar Formen, die zu nähen waren. Johanna, meine Freundin, die in Hohenheim Textiltechnik studierte und Semesterferien hatte, setzte meine Zeichnungen in Nähungen um. Die in der Folge entstehenden Werksatz-Stücke verlangten Kenntnisse in Schnitttechniken als auch spezielle Materialerfahrungen. Ohne Johanna hätten die Arbeiten damals nicht entstehen können.

Fiedler: Was war und ist Dein Auswahlkriterium für die Textilien?

Walther: Das Auswahlkriterium für die verwendeten Stoffe war eine Mischung aus ästhetischen Fragen und solchen der Funktion, letztere im ersten Rang. Dabei waren die Auswahlbedingungen äußerst beschränkt. Ich hatte nicht die finanzielle Möglichkeit, nach Belieben auszuwählen. Doch Kompromisse bin ich nicht eingegangen.

Fiedler: Mir fällt auf, dass Du bei den Textilien einem bestimmten Farbecode folgst. Wie ist er entstanden? Handelt es sich um industrielle Farben oder hast Du sie speziell für Dein Werk entwickelt?

Walther: Die Farben wähle ich nicht nach Schönheitskriterien aus. Sie müssen meinen bildhaft-plastischen Vorstellungen entsprechen. In den 1960er-Jahren habe ich entsprechend der mir gegebenen Möglichkeiten die Stoffe ausgesucht. Da bei den Werksatz-Stücken die Handlung im Vordergrund stand, war die Farbe in den meisten Fällen zweitrangig. Bei der Stärke der Stoffe allerdings war eine Alternative nicht möglich. In den 1970er Jahren hatte ich das Glück, die gewünschten Stofffarben und -stärken zu finden. Als mit den Wandformationen eine stärkere Visualität zurückkam, hatte ich glücklicherweise die Möglichkeit, die Stoffe nach meinen Angaben färben zu lassen.
Offenbar gibt es eine Farbikonographie in mir. Die Wortbilder haben, bis auf zwei Ausnahmen, die gleichen Farben wie die für die Wandformation entwickelten – dies obgleich mehr als zwanzig Jahre dazwischenliegen und mir die damaligen Farben längst entfallen waren.

Franz Erhard Walther: Handlungskörper, 1969, Baumwollstoff genäht; Foto: Uwe Walther, © (Franz Erhard Walther) VG Bild-Kunst Bonn, 2017
Franz Erhard Walther: Handlungskörper, 1969, Baumwollstoff
genäht; Foto: Uwe Walther, © (Franz Erhard Walther)
VG Bild-Kunst Bonn, 2017

Fiedler: Es gibt von Dir diese Fotos Versuch eine Skulptur zu sein (1958). Wie kam es zu diesen Aufnahmen und wie kann man sich die Zeit damals, beziehungsweise die Rezeption für Kunst in dieser Zeit, vorstellen?

Walther: Dem Handlungsgedanken bei meinen Umrisszeichnungen von 1955–56, den Wortbildern und Symbolbildern von 1957–58 wollte ich plastische Gesten zur Seite stellen, die ebenfalls handlungsbezogen sein sollten. Mit den traditionellen bildhauerischen Mitteln war das nicht zu erreichen. So kam ich auf die Idee, körperliche Gesten zu vollziehen, die fotografisch festzuhalten waren. Ich überlegte mir die verschiedensten Gesten und bat einen Fotografenfreund in meinen Arbeitsraum. Für die Aufnahmen nahm ich eine besondere Lichtsetzung vor: nicht die traditionelle Beleuchtung – Licht von links mit den Schatten rechts – sondern eine Ausleuchtung mit mehreren Scheinwerfern von verschiedenen Standpunkten aus. Damit wollte ich den Aufnahmen einen Eigenwert geben. Da auch die Schattenwürfe mitsprechen sollten, spannte ich eine große Nesseltuchfläche auf, vor der ich agierte. Die Gesten und Posen hatten teilweise biografische Bezüge.
In einen künstlerischen Freundeskreis eingebunden, hatten wir 1958 mit dem ZielGegenwartskunst zu zeigen eine Galerie gegründet, die erste in Fulda überhaupt. In dem Kreis war eine Rezeption dieser Arbeiten nicht denkbar. Das blieb auch so, als ich ab 1959 in Frankfurt studierte. In Düsseldorf, wo ich ab Anfang 1962 an der Kunstakademie eingeschrieben war, begegnete man ihnen mit Toleranz. Ausgestellt hätte sie allerdings niemand.

Franz Erhard Walther: Handlungskörper, 1969, Baumwollstoff genäht; Foto: Uwe Walther, © (Franz Erhard Walther) VG Bild-Kunst Bonn, 2017
Franz Erhard Walther: Handlungskörper, 1969, Baumwollstoff
genäht; Foto: Uwe Walther, © (Franz Erhard Walther)
VG Bild-Kunst Bonn, 2017

Fiedler: Ging es Dir damals schon um fotografische Dokumentation oder war das Zufall?

Walther: Die Aufnahmen waren für mich keine "Dokumentationen", sondern eigene Werke.

Fiedler: Du hast den Begriff "Skulptur" damals klar für Dich definiert. Gerade heute, da viel mit Performance gearbeitet wird, wird der Begriff Skulptur gerne vermieden. Welche Bedeutung hat für Dich der Körper beziehungsweise der Körpereinsatz innerhalb der Skulptur?

Walther: Den Begriff "Skulptur" habe ich verwendet, da durch ihn die Körperhandlungen an die Kunst und ihre Geschichte gebunden wurden. In den Anfangsjahren war oft die Tendenz da, sie aus dem Kunstkontext zu lösen. Der Körper kann bei den Werkhandlungen zu einem plastischen Material werden. Er kann Raum definieren und in den Handlungen Zeit artikulieren. Raum und Zeit werden so zu künstlerischen Materialien – gebunden an den Körper und dessen Bewegungen. Skulptur erhält eine Zeitlichkeit, sie hat einen ephemeren Charakter.

Fiedler: Wie verhält es sich mit diesen Arbeiten: Ist das Objekt selbst schon Skulptur oder wird die Skulptur erst durch die Handlung aktiviert?

Walther: Materiell und formal sind die Arbeiten skulptural, und sie können als Skulpturen gesehen werden. Doch in der Aktivierung ändern sie diesen Status. Sie werden zu Sockeln und die Akteurinnen und Akteure können sich als Skulpturen verstehen.

Fiedler: Was ist Dein liebstes Material?

Walther: In den Werkhandlungen der Körper, der Raum, die Zeit, Sprache und Erinnerung.

The Event of a Thread | Das Ereignis eines Fadens. Globale Erzählungen im Textilen

Die nächsten Termine:

01.09.2017 – 28.01.2018
Dresden, Deutschland

Für die Premiere in Dresden entwickelte Ausstellungen, Workshops, Performances verknüpfen die ifa-Ausstellung mit der Stadt. Künstler: Ch. Jeitner, C. Nowak, A. Rose, A. Schapiro & T. Schnell, L. Schnitger, R. Walch. Kuratiert von Ch. Mennicke-Schwarz.

Franz Erhard Walther (*1939) lebt in Fulda und ist ein Pionier der partizipativen Kunst. Als Professor an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg hat er wichtige Künstler späterer Generationen geprägt. 2016 war er Aachener Kunstpreisträger mit einer Einzelausstellung im Ludwig Forum. Während der Manifesta 2016 in Zürich trugen Kellner des Park Hyatt Hotels seine orangefarbenen Halbierte Westen. Eine Werkschau ist 2017 im Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofía in Madrid zu sehen. 2017 wurde er auf der 57. Biennale von Venedig als bester Künstler mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet.