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Indigene Körper, Gedanken und Praxis ins Zentrum stellen

Die Zusammenkunft Under the Mango Tree–Sites of Learning, die gemeinsam von "Eine Erfahrung" der documenta 14 und vom ifa organisiert wurde, fungierte als offenes Forum für die Untersuchung des Verständnisses von kultureller Bildung und Bildungsinitiativen aus der ganzen Welt. Der Künstler Duane Linklater aus dem Volk der Omaskêko Cree, der mit seinem Projekt Wood Land School teilnahm, hat sich zum Gespräch mit Aïcha Diallo getroffen und mit ihr über Bildung, kulturelle Ausdrucksformen und das Zentrieren von Indigenität gesprochen.

Aïcha Diallo: Du bist Gründer, Direktor und einer der Künstler des Projekts Wood Land School, gemeinsam mit Tanya Lukin Linklater und Cheyanne Turions. Wie hat das Projekt eigentlich angefangen?

Duane Linklater: Ich habe das Projekt Wood Land School 2011 in meinem Studio in Nipissing First Nations im Norden von Ontario begonnen. Damals habe ich mein Aufbaustudium gemacht und obwohl meine damalige Arbeit recht wenig öffentliche Aufmerksamkeit bekam, wollte ich unbedingt mit einigen Freunden und Leuten, die ich bewunderte, zusammenarbeiten. In unserer ersten Ausstellung waren wir zu fünft. Außerdem brauchte das Projekt einen Titel. Zu der Zeit forschte ich gerade zu einer Gruppe indigener Künstler, die in den 1970ern und 80ern überwiegend hier in Kanada Kunst gemacht haben. Obwohl sie sich selbst die Professional Native Indian Artists Inc. genannt hatten, waren sie in der Öffentlichkeit als Woodland School of Artists bekannt. Davon inspiriert habe ich unser Projekt Wood Land School genannt, nur habe ich bewusst eine Lücke zwischen die ersten beiden Worte gesetzt. Durch diese Entstehung eines kleinen Raums wollte ich die ethnographische Kategorisierung östlicher indigener Völker in Nordamerika durchbrechen. Da ich mich viel der Analyse und Dekonstruktion von Sprache widme, brachte mich ihr Name auch in besonderer Hinsicht auf den Ausdruck "School" zum Nachdenken. Sowohl in Kanada als auch den Vereinigten Staaten finden sich die finsteren und gewaltsamen Hinterlassenschaften eines Schulsystems, der residential schools, in die indigene Kinder gezwungen wurden zu gehen. Bis 1996 gab es dieses Bildungssystem, um die indigenen Völker gegen ihren Willen in den Mainstream zu assimilieren.

Diallo: Fast fünf Wochen sind seit der Zusammenkunft Under the Mango Tree – Ulterior Sites of Learning bei der documenta 14 in Athen und Kassel vergangen. Kannst du uns jetzt, rückblickend, erzählen, was dich während deiner Zeit und Teilnahme in Athen und Kassel besonders beschäftigt hat?

Linklater: Zunächst muss ich dazu sagen, dass ich nur aus meiner eigenen Perspektive sprechen kann, meine Kolleginnen Tanya und Cheyanne hatten natürlich jede ihre ganz eigenen Erfahrungen. Ich für meinen Teil habe über viele Dinge nachgedacht, während ich dort war. Eines davon war die körperliche Erschöpfung, die mich die ganze Zeit begleitete, aufgrund der weiten Reise von Nordamerika nach Athen und weiter nach Kassel. Mich hat tief beschäftigt, was mein Körper auf diese Weise auszudrücken versuchte, an diesen spezifischen Orten zu sein. Und es war ein interessantes Signal meines Körpers an mich, dem was ich tat zu widerstreben. Anders gesagt, wollte mein Körper sich physisch an einen anderen Ort zurückziehen, um für mich selbst etwas Ruhe zu finden, während ich gewissen Arten europäischer Normativität begegnete. Diese Normativität fand auf unterschiedliche Weise und an verschiedenen Orten Ausdruck, sowohl in Athen als auch in Kassel, in einigen der Ausstellungen, die verwendete Sprache und Politik um sie.
Diese Normativität, ständig in Museen, Galerien und diskursiven Räumen hinterfragen zu müssen, ist für mich als sichtbar indigene Person aus Kanada wirklich ein erschöpfendes Unterfangen.

Diallo: An deinen Worten kann ich spüren, dass du auch etwas Gewaltsames erlebt hast...

Linklater: Ja, das nähert sich einem Teil dieser Sprache und dieser Handlung. Dies spricht nur meine eigene Sensibilität und meine eigene Rolle an. Und es führt uns zu einem interessanten Punkt, wohin ich mich zurückziehen wollte, nämlich meinem Heimatland in Nordamerika. Interessanterweise gab es in den Vereinigten Staaten, nur 12 Stunden Fahrt von hier in Kanada, vor kurzer Zeit extreme Formen rassistischer Gewalt, und zwar in Charlottesville. Das ist also der Ort, an den ich mich zurückziehe. Daraus ergibt sich die Frage: Gibt es überhaupt so etwas wie einen Rückzugsort? Wenn diese Art von Vorfällen so beständig in der Welt bleiben, muss ich sehr viel über diese Idee von Rückzug und irgendwo Sicherheit zu finden nachdenken.

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Diallo: Was du gerade gesagt hast, ist sehr berührend und ehrlich. Mir kommt dazu die Idee eines safe space, die aus der Schwarzen Feminismustheorie stammt. Du hast gerade die Idee eines Heimatlandes beschrieben, in dem man gleichzeitig Gewalt erfährt. Glaubst du, dass es unter solchen Umständen möglich ist, aktiv safe spaces zu gestalten?

Linklater: Teil des Projekts Wood Land School ist es auch, Räume zu schaffen, in denen Indigenität, also indigene Körper aufgenommen werden, dass indigene Formen und Gedanken und Praxis in den Räumen, in die wir eingeladen werden, zentriert sind. Ich hoffe, das überträgt sich in safe spaces für Künstler_innen, Theoretiker_innen, Denker_innen und Menschen, die sich artikulieren möchten. Ich denke, es ist für indigene Menschen hier in Kanada und in den Vereinigten Staaten wichtig, sichere Orte zu haben, in denen wir im Zentrum sind, denn, wie ich vorher schon erwähnt habe, überall anders wird die weiße Normativität jedweder Form ins Zentrum gestellt. Allein das ist ein extremer Ausdruck von Gewalt, weil es indigene Menschen ausbootet. Es verdrängt schwarze Menschen, es verdrängt Queer- und Transmenschen, es verdrängt Frauen…

Im Frühling dieses Jahres bin ich zu einem Vortrag vom Wissenschaftler Fred Moten an der Universität von Toronto gegangen. Dort gab es auch eine wundervolle Paneldiskussion mit Wissenschaftler_innen, Poeten und Künstler_innen aus der schwarzen Gemeinde in Kanada und den Vereinigten Staaten. Gegen Ende sprach Moten ausdrücklich über das Zentrieren von Liebe in solchen Räumen. "Es gibt kein Draußen". Das hat mich und mein Projekt zum Zentrieren von Indigenität direkt angesprochen. Es ist wichtig, anzufangen kritisch darüber nachzudenken, was es bedeutet, wenn Wood Land School in bestimmte Räume eingeladen wird oder eintreten möchte. Schließt das Blackness (Schwarzsein) aus? Verdrängt das Queerness? Schließlich wollen wir keine Form gewaltsamen Ausschlusses reproduzieren.

Diallo: Wie würdest du rückblickend beschreiben wie und wo du aufgewachsen bist?

Linklater: Ich bin im Norden von Ontario aufgewachsen, im Treaty 9 Territorium in den späten 1970ern und in den 1980ern.  Während dieser Zeit als Junge in einer Mainstream kanadischen Schule habe ich einiges an Rassismus und Intoleranz erfahren. Als Kind in solchen Institutionen zu sein war eine schwierige Erfahrung. Ungeachtet der Erfahrungen, die ich in meiner Kindheit und Jugend gemacht hatte, fand ich während meines Studiums und Aufbaustudiums immer wieder Lehrer_innen, die mich in Räumen unterrichteten, die machtvoller waren als die Erlebnisse von Rassismus. Ich verdanke diesen Lehrer_innen unheimlich viel, die in der Lage waren, Räume voll Zuneigung, Liebe und Indigenität zu schaffen. Sie waren indigene Menschen, die andere indigene Menschen in indigenen Räumen unterrichteten.

Diallo: Indem du sagst "Sie waren indigene Menschen, die andere indigene Menschen in indigenen Räumen unterrichteten" unterstreichst du den Begriff der Indigenität besonders. Was bedeutet Indigenität für dich?

LInklater: Tja, das ist eine sehr komplizierte Frage. Ich möchte keine Antwort geben, die meine Erfahrungen als indigene Person essentialisiert. Aber es gibt ein Thema, das viele indigene Völker teilen. Und das ist Land. Es geht nicht nur um die Idee, wie wir Land wahrnehmen, sondern auch darum, wie wir auf diesem Land agieren und wie wir Räume füreinander schaffen. Das ist nicht nur für uns selbst in diesem Moment wichtig, sondern es wird auch kommende Generationen, die noch nicht geboren sind, in der Zukunft beschäftigen.

Diallo: Ich habe letztens mit einem guten Freund eine Diskussion geführt über einen inspirierenden Text der Denkerin und Aktivistin Françoise Vergès – erschienen im Buch Écrire l'Afrique-Monde (Writing a Global Africa). In diesem Text argumentiert Vergès, dass Neo/Kolonialosmus und Kapitalismus eine Einheit sind, die das System von "billige Arbeit/billige Natur" (cheap labour/cheap nature) in afrikanischen Kontexten und darüber hinaus aufrechterhalten. Wenn du über Land sprichst, sehe ich eine Art Verbindung…

Linklater: Ich würde sagen, das vorherrschende kapitalistische System und die Mechanismen der Regierung in den Vereinigten Staaten haben immer noch ein gleichbleibendes Ziel, das unmittelbar entstand, als die Europäer in Amerika ankamen. In der Tat haben die Siedler durch ihre Handlungen die indigenen Völker fortwährend von ihrem Land getrennt. Diese Trennung hat extrem gewaltsame Formen angenommen, wie den Tod indigener Menschen und ihre systematische Unterdrückung. Beispielsweise ist es erst 20 Jahre her, dass ein indigener Mann von der Landespolizei ermordet wurde. Sein Name war Dudley George, er protestierte friedlich, unbewaffnet, hier in Ontario für Land, das rechtmäßig seiner Nation zusteht.

Diallo: Denkst du in dieser Hinsicht, dass Kunst alternative Formen von Widerstand und Protest hervorbringen kann?

Linklater: Das ist eine große Frage. Ich denke, es erfordert für mich selbst einen langen Zeitraum zur Reflektion und zum Ausprobieren, um zu sehen, was Kunst erreichen kann, wenn indigene Menschen sich politisch und konzeptuell, im Kontext von Museen, Galerien und im System der Kunstwelt im allgemeinen behaupten. Ich bin etwas skeptisch, was die Kunstwelt tun kann, ehrlich gesagt. Trotz meiner eigenen Skepsis beharre ich aber auch darauf, es weiter zu tun. Ich denke, dieser Widerspruch interessiert mich als Künstler und als jemand Indigenes.

Diallo: Ich würde gerne wissen, in welchem Ausmaß Kunst eine entscheidende Rolle in deiner Kindheit gespielt hat.

Linklater: Als ich aufgewachsen bin und zur Schule ging, war Kunst für mich sehr wichtig. Ich habe gerne Dinge gemacht, die nicht viel Geld oder Material erforderten. Als ich jünger war, habe ich gemalt und Dinge gebastelt, zum Beispiel aus Kartons oder übrig gebliebenen Magazinen. Ich konnte die Potenziale gewisser Materialien als Kind entdecken. Das hat mich geprägt. Ich denke immer noch, dass die Idee, was Kunst ist und insbesondere was indigene Kunst ist, sich weiter zeigen und entfalten wird, indem ich mich weiterbewege.

Diallo: Du hast beschrieben, dass diese Orte deines jüngeren Ichs in dir erhalten bleiben, in Erinnerungen, körperlichen Wahrnehmungen. Fällt es dir leicht, zu ihnen zurückzukehren, als Erwachsener heute?

Linklater: Ich habe in der letzten Zeit über meine eigene Erinnerung nachgedacht, und darüber, wie ich meiner Erinnerung an bestimmte Kindheitserlebnisse oder Objekte vertrauen kann. Aber ich hinterfrage auch meine eigene Erinnerung. Ich hinterfrage, wie ich mich an Dinge erinnere, die Subjektivitäten dieser Erinnerungen als auch, wie sie sich über die Zeit hinweg verändern.

Diallo: Wie denkst du in Bezug auf die Wiederherstellung von Erinnerung durch Geschichten, Lieder und so weiter besonders im Hinblick auf Wood Land School?

Linklater: Bezogen auf die Idee der Wiederherstellung gibt es eine Verbindung zwischen unserer Arbeit in Montréal dieses Jahr und der in Kassel. Der Aufbau dieser Orte hat die Einbeziehung vieler Menschen erfordert. Primär waren das ich selbst, Tanya und Cheyanne und dann unsere Gäste, mit denen wir gemeinsam eine Art kollektives Narrativ gestalten oder vorschlagen, das in diesen Räumen funktioniert. Und das kann als Methodologie für den Aufbau indigener Ausstellungen angesehen werden.

Aïcha Diallo
Aïcha Diallo ist Ko-Direktorin des Kunstvermittlungsprogramms KontextSchule der UdK/University of the Arts, Berlin und ist Redaktionsmitglied des Onlinemagazins Contemporary And(C&).