Gorodeja, Weißrussland, 2005: Dorfbewohnerinnen sammeln Preiselbeeren und tragen sie in Säcken durch den Sumpf. © Andrei Liankevich: Belarus portfolio, 2010
Weißrussland, 4. Juli 2006: Ein Teenager sitzt nach dem Schwimmen am Ufer eines Sees. © Andrei Liankevich: Belarus portfolio, 2010
Minsk, Weißrussland, 7. November 2005: Eine Frau trägt die Flagge der UdSSR zum Gedenken an die Oktoberrevolution der Bolschewiki, der in Weißrussland ein gesetzlicher Feiertag gewidmet ist. © Andrei Liankevich: Belarus portfolio, 2010
Foto: Tot © Andrei Liankevich: Goodbye, Motherland, 2011
© Andrei Liankevich: Goodbye, Motherland 2011
© Andrei Liankevich: Goodbye, Motherland 2011
Stashany, Weißrussland, 15. Juni 2008: Eine Frau hat sich für die traditionellen Kusta-Feierlichkeiten als Baum verkleidet. © Andrei Liankevich: Pagan Tradition 2008-2010
Aleksander Veledzimovich: Space Project, Minsk, 2012
Aleksander Veledzimovich: Space Project, Minsk, 2012
Aleksander Veledzimovich: Space Project, Minsk, 2012
Aleksander Veledzimovich: Space Project, Minsk, 2012
Aleksander Veledzimovich: Space Project, Minsk, 2012
Aleksander Veledzimovich: Space Project, Minsk, 2012

"Mit Kunst hat man mehr Freiheiten, eine Botschaft zu vermitteln"

Belarus - terra incognita? Auch mehr als 20 Jahre nach der Unabhängigkeit von der Sowjetunion und trotz der geografischen Nähe zur Europäischen Union haftet dieses Stigma an jenem Land, das oft als "Europas letzte Diktatur" bezeichnet wird. Doch welches Bild der Gegenwart zeichnen die Menschen vor Ort? Wie wird das Land von der jungen Generation wahrgenommen und wie hat sich die Kunstszene in den vergangenen Jahren entwickelt? Diesen Fragen nähert sich die ifa-Ausstellung BY NOW – Zeitgenössische Fotografie aus Belarus. Wir sprachen mit dem Fotografen und Initiator des Projekts, Andrei Liankevich, und mit dem Fotografie-Künstler Aleksander Veledzimovich.

Das Interview führte Juliane Pfordte

ifa (Institut für Auslandsbeziehungen): Man sagt, Fotos seien selbst in unserer übervisualisierten Welt kraftvoll. Denken Sie, dass Ihre Fotos kraftvoll sind?

Andrei Liankevich: Das hoffe ich. Aber meine Bilder funktionieren nur mit Texten. Das Foto ist nur ein Teil der Botschaft. Ich habe einen journalistischen Hintergrund und brauche daher immer mehr Informationen: Fakten, Daten, Biografien.

ifa: Ein Foto ohne Text ist also unvollständig?

Liankevich: Ja, in meinem Fall schon.

Aleksander Veledzimovich: Es ist schwierig, die "Kraft" der eigenen Arbeit einzuschätzen. Ich möchte in erster Linie Fotos machen, diese zeigen und mich als Künstler entdecken. Manchmal ist es notwendig, einen Text zu integrieren. Aber für mich ist es wichtiger, ein schönes Foto zu machen, um zum Betrachter durchzudringen.

ifa: Für viele Europäer ist Belarus noch immer ein weißer Fleck auf der Landkarte, eine Diktatur irgendwo im Osten Europas. Inwiefern trägt Ihre Arbeit dazu bei, ein anderes Bild von Belarus zu vermitteln?

Liankevich: Man sollte nicht romantisch sein und glauben, dass ein paar Fotos und ein Buch über zeitgenössische Fotografie in Belarus diesen weißen Fleck in ein reales Land verwandeln können. Aber vielleicht ist es für ein paar Leute der Schlüssel. Immerhin zeigt das Projekt eine breite Auswahl junger Fotografen und ihrer Themen, sodass sich der Betrachter ein Bild vom Land und seinen Leuten machen kann, und davon, wie die jüngere weißrussische Generation die Welt sieht.

Veledzimovich: In der Ausstellung geht es um Belarus, aber für die Fotografen ist der belarussische Kontext nur eine Inspiration. Es geht um ihre subjektive Realität, nicht um das reale Belarus.

ifa: Die Ausstellungen der ifa-Galerien sollen auch den Austausch zwischen Kulturschaffenden fördern und intensivieren. Können Sie sich vorstellen, zukünftig stärker mit deutschen Künstlern zusammenzuarbeiten?

Liankevich: Ja, klar. Es ist schon beachtlich, dass ein Projekt und ein Buch über belarussische Fotografie von den ifa-Galerien in Deutschland realisiert wurden und nicht von einer belarussischen Institution.

Veledzimovich: Was mich betrifft, kann ich mir zwar vorstellen, mit deutschen Fotografen zusammenzuarbeiten, aber eher auf persönlicher Ebene. Wir haben hier in Stuttgart viele neue Kontakte geknüpft. Mal sehen, was sich daraus ergibt.

Andrei Liankevich © Gaisha Madanova
Andrei Liankevich © Gaisha Madanova

 

"In Belarus brauchen wir oft Texte, um Bilder zu erklären. In Deutschland werden sie hingegen problemlos verstanden."

Aleksander Veledzimovich © Katerina Dmitrieva
Aleksander Veledzimovich © Katerina Dmitrieva

ifa: Wie hat das deutsche Publikum bislang auf Ihre Fotos reagiert?

Liankevich: Die schönste Erfahrung war, Schulkinder während einer Exkursion zu beobachten: Sie haben vor unseren Fotos "Selfies" gemacht. Kinder verstecken ihre Gefühle nicht, sie sind direkt und ehrlich. Das ist überall auf der Welt gleich. Wenn sie gelangweilt sind, sieht man es ihnen an. Aber wenn sie "Selfies" machen, dann weiß man, dass sie etwas gut finden und dass die eigene Arbeit funktioniert.

Veledzimovich: Ich weiß nicht, was die Besucher über diese Ausstellung denken, aber generell haben die Leute in Deutschland und Europa eine visuellere Kultur. Vor allem ältere Menschen haben ein besseres Verständnis für Fotografie. In Belarus brauchen wir oft Texte, um Bilder zu erklären. In Deutschland werden sie hingegen problemlos verstanden. Das ist zumindest meine Erfahrung.

ifa: Die Ausstellung heißt BY NOW, ein Wortspiel mit dem Länderkennzeichen von Belarus und dem Bezug zur Gegenwart. Bereits 1994 zeigte die ifa-Galerie Berlin die Ausstellung "Fotografie aus Minsk", fast ausschließlich mit Schwarz-Weiß-Fotografien. Wie hat sich die Fotografenszene in den letzten 20 Jahren verändert?

Liankevich: Wenn man beide Ausstellungen vergleicht, wird deutlich, wie sich die Themen verändert haben. Im aktuellen Projekt ist klar erkennbar, dass die Fotografen angefangen haben, die Welt um sich herum zu entdecken. Vorher ging es eher darum, Gefühle zu visualisieren und dem Betrachter zu zeigen, was einen im Innern beschäftigt. Heute ist die Fotografie weitaus dokumentarischer.

Veledzimovich: Ich glaube, der größte Unterschied liegt einfach in der Farbe (lacht).

ifa: Auf der Rangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen steht Belarus derzeit auf Platz 157 von 180 beobachteten Ländern. Wie stark hat Zensur Sie beeinflusst?

Liankevich: Es gibt zwei Formen von Zensur: die staatliche und die Selbstzensur. Letztere ist meiner Meinung nach die wichtigere, obwohl es schwieriger ist, darüber zu sprechen, weil sie versteckt wird. In Bezug auf diese Ausstellung habe ich zum Beispiel ein Bild bewusst nicht mit nach Minsk genommen: das von Siarehei Hudzilin, das die Glatze des belarussischen Präsidenten zeigt. Manchmal muss man sich zurückhalten, um Provokation zu vermeiden und wie in dem Fall, das ganze Projekt in Gefahr zu bringen. Das Buch ist aber dennoch in ausgewählten Läden in Minsk erhältlich, auch in der Nationalbibliothek, in einigen Universitäten und Kulturinstituten. Was viel wichtiger ist: Das einzige Kunstmagazin in Belarus – herausgegeben von der Regierung – veröffentlichte eine Rezension des Buches. Zwar wurden die Fotos nicht gedruckt, aber allein die Rezension überraschte mich.

Veledzimovich: Meine Fotos sind weder politisch noch provozierend. Ich bevorzuge ästhetische Fotografie im Zusammenhang mit der Geschichte der Bildenden Künste, aber nicht mit der harten Realität oder sozialen Problemen.

ifa: Ihr Projekt heißt "Space Project". Was steckt hinter der Idee, banale Details in Wohnungen zu fotografieren?

Veledzimovich: Ich wollte zeigen, wie Menschen die Realität um sich herum mit Dingen, die die sie haben und benutzen, verändern – das ist alles. Was wir in unserem Zimmer hinterlassen oder anbringen – einen Vorhang, Poster oder Stahlboxen–, all das sagt etwas über uns aus und verrät persönliche Details. Diese Dinge zu zeigen, ist eine andere Art, jemanden zu porträtieren und zu zeigen, wer wir sind. Es ist ein Dialog ohne Sprache.

ifa: Andrei, Krieg und militärische Symbole sind in Ihren Arbeiten sehr präsent. "Double Heroes" zeigt ein- und denselben Mann einmal als Rote-Armee-Soldat, einmal als Wehrmachtssoldat. Was drückt es aus?

Liankevich: Die Vorfahren meines Vaters waren polnischer Abstammung und kamen aus dem westlichen Teil von Belarus. Meine Mutter hat russische und weißrussische Wurzeln. Da man den Polen nach der sowjetischen Invasion nicht traute, wurde mein Großvater nie zum Militärdienst eingezogen. Niemand aus meiner Familie hat den Krieg also an der Front erlebt. Es ist aber schwierig herauszufinden, wer man ist, wenn die Geschichte der eigenen Familie im System, in dem man aufwächst und lebt, fehlt. Daher war ich an den Orten, wo die Kriegsmythen in den 60er und 70er Jahren nach Stalins Tod entstanden sind. Das ganze Projekt heißt "Goodbye, Motherland". Das Bild "Double Heroes" ist ein gutes Beispiel dafür, wie Fotografie lügen kann. Auf der einen Seite kann man denken: Oh mein Gott, der Typ bildet den guten Sowjetsoldaten und den schlechten Nazi in ein- und demselben Bild ab. Was traut er sich bloß? Aber darum geht es nicht.

Double Heroes © Andrei Liankevich: Goodbye, Motherland 2011
Double Heroes © Andrei Liankevich: Goodbye, Motherland 2011

 

 

 

"Das Bild 'Double Heroes' ist ein gutes Beispiel dafür, wie Fotografie lügen kann (...) Krieg kann nie mit dem Konzept von Gut und Böse erklärt werden."

 

Der Mann im Bild ist Mitglied eines sogenannten Geschichtsclubs, die in Belarus weit verbreitet sind. Die Mitglieder spielen Krieg, besitzen echte Waffen und unterschiedliche Uniformen, um ihre Rollen zu wechseln. Eine Woche sind sie Sowjetsoldat, die andere Wehrmachtsoldat. Am Anfang hat mich schockiert, wie problemlos sie ihre Rollen wechseln und wie eine bloße Uniform aus einem guten einen schlechten Menschen machen kann. Krieg kann aber nie mit dem Konzept von Gut und Böse erklärt werden. Es ist viel komplizierter, auch in Belarus.

ifa: Zurück zu den Anfängen: Wie sind Sie überhaupt zur Fotografie gekommen?

Liankevich: Ich habe nach dem Studium als Programmierer für eine Nachrichtenwebsite gearbeitet. Damals war gerade Wahlkampf, die Redaktion brauchte Fotos. Ich machte welche und sie wurden sofort veröffentlicht. So begann meine Karriere als Fotojournalist. Ich arbeitete für den SPIEGEL, die New York Times, verschiedene Nachrichtenagenturen. Aber vor fünf Jahren beschloss ich aufzuhören. Mit Journalismus kann man die Welt nicht verändern. Die Bilder, die Medien veröffentlichen, sind immer begrenzt: Man kann vielleicht ein Bild, maximal sieben veröffentlichen. Jedes Medium hat eine konkrete Linie, eine spezielle Sicht auf die Dinge. Das ist meine Erfahrung. Mit Fotojournalismus ist es fast unmöglich, die generell herrschende Vorstellung von Russland als "Bösewicht" und Belaraus als "Europas letzter Diktatur" zu verändern. Klar, braucht das Zeit, aber genau das ist mein Ziel als Künstler. Ich denke, mit Kunst hat man mehr Möglichkeiten und größere Freiheiten, eine Botschaft zu vermitteln.

Veledzimovich: Ich habe mir vor etwa zehn Jahren meine erste Kamera gekauft – die billigste, die es damals auf dem Markt gab. Ich habe mit einfachen Motiven wie einem Strauß Blumen angefangen. Ich begann, Bücher über Fotografie zu lesen, mich im Internet zu informieren und irgendwann begriff ich, dass Fotografie mehr ist als nur schöne Bilder. Deshalb bin ich nach Sankt Petersburg gegangen, um an der Galperin-Fakultät für Pressefotografie zu studieren. Das Studium habe ich aber nicht abgeschlossen, mir gefiel es nicht wirklich. Ich habe an ein paar Workshops teilgenommen und dann Leute vom FotoDepartament kennegelernt. Das ist eine gemeinnützige Organisation in Sankt Petersburg mit Fokus auf zeitgenössischer Fotografie. Für mich war das ein Wendepunkt. Von da an habe ich Fotografie als Kunst begriffen.

ifa: Welche Ausbildungsmöglichkeiten gibt es für Fotografen in Belarus?

Liankevich: Es gibt kaum Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten, daher studieren viele im Ausland. Bei mir war es ähnlich: Ich bekam ein Stipendium von World Press Photo und konnte ein Jahr am Caucasus Media Institute in Jerewan studieren.

Veledzimovich: So war es bei mir auch. Ich bin nach Sankt Petersburg gegangen, um mich auf Fotografie zu spezialisieren.

ifa: Abschließende Frage: Was machen Sie am liebsten, wenn Sie nicht fotografieren?

Veledzimovich: Ich lese Bücher, hauptsächlich Belletristik. Vor kurzem habe ich angefangen, Texte und Gedichte zu schreiben.

Liankevich: Ich habe eine starke Verbindung zum Journalismus, weshalb ich fast immer lese, recherchiere, Dinge hinterfrage, Menschen beobachte und Neues entdecke. Was mich beschäftigt, möchte ich auf visuelle Weise ausdrücken.

Ausstellungskatalog

BY NOW. – Kehrerverlag, 2014. – 70 S. – (connect)

BY NOW

Zeitgenössische Fotografie aus Belarus

Berlin: Kehrer, 2014. – 144 S. – (connect)

Andrei Liankevich wurde 1981 in Hrodna geboren. Nach Abschluss seines BWL-Studiums 2004 zog er nach Armenien, wo er am "World Press Photo"-Seminar des Kaukasischen Medieninstituts in Eriwan teilnahm. Als freier Fotojournalist arbeitete er für internationale Bildnachrichtenagenturen und Medien (New York Times, Le Figaro, SPIEGEL, Vanity Fair, GEO, International Herald Tribune, etc.). Seit 2004 unterrichtet er Fotojournalismus an der Europäischen Humanitären Universität in Vilnius (Litauen). 2008 schloss er sich den jungen Fotografen von Sputnik an. Für sein Projekt über belarussische heidnische Traditionen erhielt er 2009 den Humanity Photo Award. Das gleiche Projekt fand sich im selben Jahr auch unter den Finalisten des Magnum Expression Award wieder. Es folgten Auszeichnungen von Press Photo Belarus, vom Grand Prix des Polnischen Fotowettbewerbs und vom Grand Prix des Portfolio Review in Kaunas (Litauen). Seine Werke waren in mehr als 60 Einzel- und Gruppenausstellungen in Europa, Asien und den USA zu sehen.

Aleksander Veledzimovich wurde 1983 in Vitebsk geboren, wo er Wirtschaft und Management am Internationalen Institut für Arbeit und Soziale Beziehungen studierte. 2009 zog er nach Sankt Petersburg, um an der Galperin-Fakultät für Pressefotografie zu studieren. Dort nahm er an Seminaren von Lina Scheynius und Nicholay Howalt teil. Seit 2007 arbeitet er als freier Fotograf, seit 2009 unterrichtet er an der Fotoschule "FotoTrend" in Sankt Petersburg und an der Schule für Fotografie in Minsk. Seine Werke wurden in Berlin ("Ex oriente lux"), Vitebsk ("Quiet City") und Paris ("À la croisée des chemins artistiques") ausgestellt.