Volker Albus: www/www we want wind/we want water, Korkbälle, 2015; Foto: Philip Radowitz, © Volker Albus/Philip Radowitz
Volker Albus: www/www we want wind/we want water, Korkbälle, 2015; Foto: Philip Radowitz, © Volker Albus/Philip Radowitz

Pure Gold oder: Warum es sich lohnt, sich etwas gründlicher mit dem Hausmüll zu befassen

Von Volker Albus

"Bayern München spielt heute in Müll-Trikots". So ein Titel in der "Bild"-Zeitung im November 2016. Es war der Vorbericht zur Bundesligapartie Bayern gegen 1899 Hoffenheim. Natürlich gehen die Spieler nicht neuerdings mit Secondhand-Leibchen aus der Altkleidersammlung aufs Feld. Die Trikots bestehen "komplett aus Ozeanmüll" und zwar "aus 28 alten Plastikflaschen, die aus dem Meer gefischt wurden". "Mit der Aktion", so der Bericht weiter, "wollen Ausrüster Adidas und die Umweltorganisation Parley vor Meeresvermüllung warnen", denn "pro Jahr landen immerhin 20 Millionen Tonnen Plastikmüll in den Weltmeeren, die sage und schreibe 600 Jahre brauchen, um abgebaut zu werden", klärte die "Bild"-Zeitung auf.

Piratas do Pau: Mulher-Woman, Regal, 2016; Foto/© Nelsa Guambe

Sicherlich war diese Aktion zumindest seitens des Sportausrüsters kaum allein der Sorge um die Umwelt geschuldet. Dennoch belegt diese Ressourcenschöpfung nicht nur eine zunehmend dynamische Entwicklung der Recyclingtechnologien, sondern zudem eine hohe Akzeptanz, um nicht zu sagen Wertschätzung allgemein zugänglicher Recyclingprodukte. Das war nicht immer so. Wo nur geringste ästhetische Ansprüche berücksichtigt waren, kamen Recyclingprodukte keineswegs zum Einsatz. Genau das hat sich fundamental geändert. Fast täglich liest man über innovative Produkte, die ausschließlich aus "upgecyceltem" Plastik, aus Jeans, Porzellan, Gummi oder aus was auch immer hergestellt werden.

Aktuell sind diese Recyclingtechnologien noch zentral oder zumindest im Einflussbereich der diese Güter produzierenden Unternehmen (adidas, Emeco, Herman Miller, Epson) angesiedelt. Und das wiederum heißt, dass der Zugriff begrenzt und in der Regel relativ teuer ist. Das zeigt sich am Beispiel der kompostierbaren Kaffeeportionskapseln der Firma Original Food aus Freiburg. Als Alternative zur aluminiumlastigen Nespresso-Variante liegt der Preis des umweltgerechten Ökodöschens 20 Prozent über dem aus dem Hause Nestlé. Bei entsprechender technologischer Um- und Ausrüstung wird sich das Prinzip der Wiederverwertung dennoch über kurz oder lang zu einem Standard der Rohstoffgewinnung etablieren. Es sind aber vor allem politische und fiskalische Maßnahmen, die hier die stärksten Schubkräfte entfalten.

Association for the Protection of the Environment (A.P.E.): Tin Lamp, Stehleuchte, 2011; Foto: Frank Kleinbach, © ifa (Institut für Auslandsbeziehungen)

Up-cycling statt Re-cycling

Ganz anders sieht das bei solchen Arbeiten aus, die eigentlich ver- und gebrauchte oder relativ billige Alltagsgegenstände sozusagen "as found" verarbeiten. Die Gegenstände bleiben also größtenteils in ihrer spezifischen Produktposition erhalten. Sie werden also nicht mittels technischer Verfahren in den Zustand ihrer ursprünglichen Roh-Stofflichkeit zurückgeführt und verwandeln sie somit auch nicht in etwas gänzlich "Neues".

Genau das zu demonstrieren ist Ziel der Ausstellung Pure Gold. Insgesamt versammelt sie 76 Beispiele von 53 Designerinnen und Designern aus den Regionen Europa, Lateinamerika, Nordafrika-Nahost, Ostasien, Subsahara-Afrika, Südasien und Südostasien. Unabhängig von ihrer durchaus unterschiedlichen Perfektion, sind nahezu alle Arbeiten komplett manuell oder ausschließlich mit Hilfe einfachster Werkzeuge aus ge- und verbrauchten Abfall oder sehr billigen Materialien gefertigt. Das heißt, dass sich sowohl der apparative als auch der operative Aufwand in engen Grenzen hält. Arbeiten, wie die hier vorgestellten, lassen sich in kleinsten Manufakturen, also auch innerhalb industriell mehr oder weniger unterentwickelten Strukturen oder unabhängig an der eigenen Werkbank fertigen.

Gleiches Material in neuer Form

Die Wiederverwertung versteht sich weit weniger "grundsätzlich" und damit auch weniger aufwändig.  Während das industriell angelegte Recycling darauf abzielt, eine möglichst sortenreine Quantität zu generieren, geht es bei den "as found"-Strategien in erster Linie darum, ganz bestimmte  Qualitäten zu nutzen und in einem veränderten Kontext zu nuancieren. Dies können beispielsweise  Verformbarkeit, Farbigkeit, Festigkeit, Haptik oder die Materialstruktur sein.

Das geht soweit, dass die Materialien zwar demonstrativ gezeigt werden, ihre eigentliche Funktion aber nur nach akribischster Untersuchung identifizierbar ist. So würde wohl kaum jemand erkennen, dass Waltraud Münzhubers Behältnisse nichts anderes sind als verwebte Videobänder diverser "Lieblingsfilme". Ebenso schwierig dürfte es sein, in Paul Cocksedges Styrene-Leuchte eine Addition von Polystyrol-Kaffeebechern auszumachen, die unter Hitzeeinwirkung verformt wurden. Und auch der Ursprung der Free Range stools von El Ultimo Grito offenbart sich nicht auf den ersten Blick: Bei den verbeulten Corpora handelt es sich um sehr geschickt verformte und gedrückte Kartonboxen.

Weiterführene Informationen:

    • Charles Jencks, Nathan Silver: Adhocism, New York, 1973
    • Werkbund-Archiv: Blasse Dinge, Werkbund und Waren 1945 – 1949. Eine Ausstellung des Werkbund-Archivs im Martin-Gropius-Bau vom 12.8. – 8.10.1989, Ausstellungsmagazin, Berlin, o. Jg.


    Alafuro Sikoki-Coleman: H++, Ensemble aus Stuhl und Tisch, 2011; Foto: Frank Kleinbach, © ifa (Institut für Auslandsbeziehungen)

    Vielfalt der Verwertung

    Es ist vor allem die Vielfalt des verarbeiteten Fundus, die diese Quelle der Materialschöpfung als realistische Alternative zur energieaufwändigen Neugewinnung von Rohstoffen erscheinen lässt: Papier jeglicher Art, Wellpappe, Glas, Autoreifen, Kork, Denim, Bauholz, Plastikkörbe, Bretter, Wolle, Eisschrankverkleidungen, Plastiktüten, Flip-Flops, Klebe- und PVC-Bänder, Stahlschrott, Billigtaschen und vieles mehr. Ergänzt man diesen Materialkatalog noch durch bestimmte physische und ästhetische Eigenschaften, erhält man eine ungefähre Vorstellung, zu welchen Verwertungsphantasien der geradezu unerschöpfliche Fundus von vermeintlichem Abfall das zeitgenössische und zukünftige Design noch inspirieren wird.

    Sicher ist diese Form gestalterischen Schaffens kein neuer Ansatz. So lassen sich Bezüge zu dem aus der bildenden Kunst bekannten Prinzip des Ready-made ebenso erkennen wie zu dem von Charles Jencks Anfang der 70er Jahre proklamierten Adhocism. Zudem ist hier insbesondere an die in Notzeiten gefertigten Artikel des täglichen Bedarfs zu erinnern. Zwar entstanden diese aus einer komplett anderen Lebenslage heraus, in ihrer Machart und Nutzung vorhandener Produktmerkmerkmale jedoch waren sie vom gleichen gestalterischen Impetus getragen wie die hier vorgestellten Arbeiten.

    Massimiliano Adami: Fossili Moderni, Raumteiler, 2006; Foto/© Massimiliano Adami

    Nüchterne Kenntnis und künstlerisches Talent

    Die aktuelle Entwicklung des in dieser Ausstellung repräsentierten designmotivierten Recyclings oder recyclingmotivierten Designs kommt dabei ohne jeglichen missionarischen Eifer oder eine abstrakt entwickelte und idealistisch grundierte Ideologie aus. Vielmehr entspringen diese Arbeiten durchweg einer Gemengelage aus Neugier und Phantasie, aus analytischem Blick und teilweise unglaublicher Geduld, ebenso wie aus handwerklichem Geschick und einer soliden Kenntnis der verwendeten "Rohstoffe". Und wahrscheinlich ist es genau diese Kombination rein nüchterner Fähigkeiten und künstlerischer Talente, die die weltweite Verbreitung dieses Designphänomens begründen. Das heißt aber auch, dass diese manuell geprägten "Machenschaften" nicht minder bedeutend sind als die auf schiere Quantität und serielles Recycling ausgerichteten Technologien. Das bezieht sich nicht nur auf die gestalterische Qualität, sondern, bei entsprechender handwerklicher Ausführung, auch auf die monetäre Dimension.

    In dieser Hinsicht belegt der Designer Stuart Haygarth eine unbestrittene Spitzenposition. So besteht etwa der von ihm produzierte Kronleuchter Drop von 2007 aus hunderten unterschiedlicher, sorgfältig gereinigter Plastikflaschenböden, die er zu einer tropfenförmigen Gesamtform arrangiert. Genau darin besteht im Prinzip der zentrale gestalterische Akt. Machart und Material belegen, dass er dieses Werk nahezu überall auf der Welt hätte herstellen können, vorausgesetzt natürlich, ihm stünden ausreichend Plastikflaschen zur Verfügung – aber die werden ja weltweit angespült.

    Der einzige Grund, warum ausgerechnet dieses Paradebeispiel exzeptionellen Upcyclings nicht in dieser Ausstellung gezeigt werden kann, ist denn auch sein Preis: Er liegt bei mehreren zehntausend englischen Pfund. Man sieht: Allzu weit sind wir vom behaupteten Goldwert nicht entfernt. Zumal dann, wenn man sich den Abfall etwas genauer betrachtet.



    Pure Gold. Upcycled! Upgraded! / Institut für Auslandsbeziehungen (Hg.). – Stuttgart: ifa, 2017. – 385 S.

    Pure Gold. Upcycled! Upgraded! / Institut für Auslandsbeziehungen (Hg.). – Stuttgart: ifa, 2017. – 385 S. – 30 € – bestellen