Was bedeutet Bildung für dich?

Eine internationale Gruppe von Vermittlerinnen und Vermittlern, Kulturschaffenden, Künstlerinnen und Künstlern sowie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern kam in Athen und Kassel zusammen. Thema war die anhaltende Debatte über den Zustand der Vermittlung und der Bildung in der Kunst.

Von Aïcha Diallo

Der Kreis als Methode

Es ist ein heller und schöner Morgen in Kassel. Eine belebende Brise und etwas Wärme fließen aus dem Himmel. Ich spüre auch eine Art Aufregung in der Luft. Wir stehen auf dem dunkelgrünen Gras zwischen dem Parthenon of Books, einer eindrucksvollen Installation der argentinischen Künstlerin Marta Minujín, die aus 100.000 verbotenen Büchern gebaut wurde, und dem Museum Fridericianum. Zwischen diesen beiden Bauten, das eine die Bedrohten verkörpernd, dem gegenüber die scheinbare Sicherheit, steht eine schmale Eiche. Sanchayan Ghosh aus Santiniketan, Indien, unser Gastgeber dieser Eröffnung, erzählt uns, dass es eine von Beuys' 7000 Eichen ist. Mit der Unterstützung von Freiwilligen pflanzte der Künstler Joseph Beuys diese Eichen über mehrere Jahre in Kassel. Als Reaktion auf die umfangreiche Urbanisierung der Stadt war die Arbeit eine langfristige künstlerische und ökologische Intervention, die darauf abzielte, den Geist und die Leben der Menschen zu stimulieren und Kassels öffentlichen Raum zu verändern.

Foto: © Matthias Völzke

Wir stellen uns vorsichtig im Kreis um den Baum von Beuys. Sanchayan Gosh lädt uns ein, uns einander vorzustellen. Indem wir einen Kreis bilden, schauen wir uns gegenseitig an. Ich fühle mich unsicher, aber ich bin auch neugierig, zu sehen und ein Gespür dafür zu bekommen, wer eigentlich hier ist, wer wir in diesem Raum sind. Nach einer kurzen Weile bemerke ich, wie manche Leute, Besucher und Mitarbeiter der documenta gleichermaßen, uns anschauen. Von außerhalb des Kreises, zwischen den offenen und geschlossenen Stätten der documenta, versuchen sie, sich den Sinn unserer Performance zusammenzureimen.

Performance und Spiele sind von zentralem Interesse in Sanchayan Ghoshs Praxis und Forschung. Er erklärt, wie Spiele als pädagogische Methode zur Aktivierung dialogischer Situationen und kritischen Engagements in einem gemeinsamen Raum, in dem Individuen miteinander interagieren genutzt werden können. Sanchayan Ghosh öffnet diese kreisförmige Formation für uns, damit wir die Idee eines nicht-linearen, gemeinsamen und kontinuierlichen Prozesses verkörpern können. Durch diesen werden "machen, lernen und versagen" in solchen Situationen unvermeidlich gemacht. Der Kreis als Werkzeug regt die Einnahme verschiedener Standpunkte an, indem er die Frage aufwirft, wie ein "Wir" einen Raum für verschiedene Aufmerksamkeitspunkte, mehrfache Positionierungen, spiegeln und ermöglichen kann.

Nach dieser Einleitung fahren wir mit unserer rituellen Eröffnung fort. Wir bleiben in einem Kreis, versuchen neben unseren rechten und linken Nachbarn zu gehen, strecken uns aus, um beieinander zu bleiben. Wir bilden kleine Kreise innerhalb des Kreises, indem wir uns zunächst von unserem Ausgangsort zum Park bewegen, um schließlich unsere Reise unter anderen Bäumen von Beuys neben der Kasseler Universität der Künste zu beenden. Wir nehmen an einer experimentellen Pilgerfahrt teil, folgen einer Einladung, den Augenblick zu ehren und in der Natur zu sein.

Foto: © Matthias Völzke

Lernen von...

Im Rahmen der documenta 14 – in Athen diente die Zusammenkunft "Under the Mango Tree –Sites of Learning" als Plattform, um Praktiken, Wissen und Perspektiven rund um das Verständnis von Bildung und Vermittlung zu reflektieren und zu teilen. Sepake Angiama, Leiterin der Vermittlung der documenta 14, deren Programm "eine Erfahrung" heißt, und Elke aus dem Moore, Leiterin der Abteilung Kunst des ifa, haben das Programm konzipiert und "Under the Mango Tree" genannt, inspiriert von Paulo Freires Gedanken aus seinem Buch "Pedagogy of the Heart":

"To come under the shade of this mango tree with such deliberateness and to experience the fulfillment of solitude emphasize my need for communion. While I am physically alone proves that I understand the essentiality of to be with."

Die Idee der Gemeinschaft im Sinn, wurde die Zusammenkunft "Under the Mango Tree" als Treffpunkt für den Austausch gestaltet, mit einem spezifischen Schwerpunkt auf Gruppenarbeit, aktivem Zuhören und körperbasierten Methoden. Experimentieren und Verflechtungen bildeten den Kern dieses Forums. Vor dieser besonderen Kulisse wurden kritische Fragen, die Institutionen herausfordern, gestellt. Die Mängel und auch die Einschränkungen des strukturellen Zugangs, Lehrpläne und Bildungspolitik wurden thematisiert. Ziel war es, in der Dringlichkeit alternative, neue sowie überarbeitete Formen und Netzwerke des Lernens vorzuschlagen.

"Under the Mango Tree" wurde in vier Kapiteln an vier aufeinanderfolgenden Tagen inszeniert. Die ersten zwei Tage fanden in Athen statt, wo Akteurinnen und Akteure aus nicht-formalen und künstlerisch geführten Initiativen eingeladen wurden. Diese stammten vor allem aus dem Globalen Süden und indigenen Gemeinschaften. In der griechischen Hauptstadt blieben diese Gäste zunächst unter sich, um sich gegenseitig kennenzulernen und einen Gesprächsauftakt zu finden. Ihre begonnene Diskussion wurde dann auf der zweiten Etappe in Kassel wiederholt und für eine größere Gruppe von weiteren Experten geöffnet.

Unter den zehn eingeladenen Initiativen befand sich beispielsweise "KUNCI - The School of Improper Education" aus Yogyakarta, Indonesien, vertreten durch Syafiatudina Saja. Diese multidisziplinäre Plattform erforscht und hinterfragt den Begriff der Schule und öffnet ihre Fragestellungen und Gespräche für Teilnehmer unterschiedlicher sozioökonomischer und kultureller Herkunft. Das nomadische Projekt "Wood Land School" aus Ontario, das von Duane Linklater ins Leben gerufen wurde und gemeinsam mit Tanya Lukin Linklater und Cheyanne Turions geführt wird, konzentriert sich in einer großen Bandbreite von Projekten und Formaten auf indigene Wissenssysteme. Darüber hinaus ist die Johannesburger "Keleketla! Library", von Rangoato Hlasana und Malose Malahlela gegründet, ein weiteres treffendes Beispiel dafür, wie Wissen in kollaborativen und demokratischen Prozessen durch multimediale Ansätze und Werkzeuge produziert werden kann. In Kassel präsentierte Hlasane in einer sonic lecture (akustischer Vortrag) das Erbe des südafrikanischen Musikgenres Kwaito und seine transkulturellen Verbindungen mit anderen Genres wie House Music. Anhand von Oral History zeigte er seine laufende Forschung, indem er diese immer wieder unterbrach und mit Klangstücken ergänzte. So übermittelte dieser Vortrag auf eine einzigartige und interaktive Art Worte und Klänge, streifte und schaffte Raum für alternative Formen der Wissensproduktion und für das Nichtgreifbare, das wir als Menschen gemeinsam erfahren und teilen.

Um es mit den Worten der Wissenschaftlerin und Aktivistin Françoise Vergès zu sagen:

"Let us for a moment consider a world in which the intangible matters as much, if not more than the tangible where culture is embodied in human beings, in exchanges and encounters, rather than in stones and objects. We are a narrative species with an endless faculty to fantasize. We grew up with stories and they contribute to making us who we are. We live in an intangible world of images, sounds and words."

Foto: © Matthias Völzke

Ko-Kreation

Nach dem Spaziergang sitzen wir im grünen Park mit Blick auf den Kanal. Obwohl unser Kreis sich aufgelöst hat, können wir einander immer noch sehen. Elke aus dem Moore teilt leidenschaftlich ihre und Sepake Angiamas Ideen und Motivation, die der Zusammenkunft "Under the Mango Tree" zugrunde liegen. Im Schatten der Bäume hören wir ihr zu, wie sie dort steht und gerührt klingt. Es ist ein nachdenklicher Moment. Nachdem sie die Höhepunkte unserer gemeinsamen Eröffnung noch einmal in Erinnerung gerufen hat, erklärt aus dem Moore, wie das Programm als Einladung zur Entschleunigung entworfen wurde. Es soll dazu dienen, verkörpertes Wissen in dieser temporären Gemeinschaft ins Spiel kommen zu lassen.

Als Kulisse spielt der Name "an education", oder zu Deutsch "eine Erfahrung" des Vermittlungsprogramms der documenta 14 auf den Prozess des Verlernens an. Das Team um "eine Erfahrung" hat während der documenta Teilnehmer und öffentliche Methoden und Aktivitäten vorgestellt, welche die Veränderung von Perspektiven bestärken. Zum Beispiel fragte Sepake Angiama in einem Interview: "Warum, zum Beispiel, wurde ich in der Schule über die Zivilisation des Antiken Griechenlands unterrichtet, aber nicht über das Königreich von Benin?"

Die Atmosphäre ist ganz still. Sepake Angiame liest ihre inneren Gedanken und Beobachtungen vor, die während dieses Projekts entstanden sind. Sie bringt die Worte mit einer ruhigen Stimme hervor. Ihrer Meinung nach ist die Stimme ein emotionales Barometer des Ausdrucks, dem mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden muss. Zum Abschluss fragt Angiama auch: "Was bedeutet es dabei zu sein? Und wie fühlen und denken wir aus unserer eigenen Position heraus, während wir aktiv zuhören und anderen begegnen?"

Wie bell hooks in ihrem Buch Teaching to Transgress schreibt:

"Accepting the decentering of the West globally, embracing multiculturalism, compels educators to focus attention on the issue of voice. Who speaks? Who listens? And why?"

Bildung und Vermittlung ist im Grunde eine Frage der Fürsorge darüber, was wir in Verbindung mit Dingen, die andere tun, anstellen - also der Sinnstiftung in Beziehungen zwischen dem Selbst und der Welt.  

Von Anfang bis Ende hat die Zusammenkunft "Under the Mango Tree" unter Bäumen stattgefunden – den metaphorischen Mangobäumen, den echten Eichenbäumen... – und dabei neue und alte Zweige von Lernerfahrungen ausgestreckt. Im Schatten dieser Bäume sind entscheidende Fragen oder auch blinde Flecken präsent, die uns versteckte und offene normative, unterdrückende Mechanismen bewusst machen. Wie, beispielsweise, führen wir den Übergang herbei oder überlegen uns Strategien, um die etablierten normativen Systeme zu dekonstruieren? Und wie erkennen wir eine Diversität an Stimmen und Wissen, zum Beispiel diasporische und Migrantenperspektiven, die in lokalen Kontexten im Westen vorhanden und aktiv sind, an? Welche Körper haben welchen Zugang zu Räumen in Kunst und Bildung?
Wie eine Pilgerfahrt werden diese Gespräche und der Austausch eine andauernde Reise mit einer starker Bestimmung sein, und ein Streben nach neuen Möglichkeiten und nach Selbst-Erwachen.

Aïcha Diallo
Aïcha Diallo ist Ko-Direktorin des Kunstvermittlungsprogramms KontextSchule der UdK/University of the Arts, Berlin und ist  Redaktionsmitglied des Onlinemagazins Contemporary And(C&).