Multiple Modernen, Foto: Markus Spiske (CC0 1.0), via Unsplash

Multiple Modernen

Der große Schock

ifa | Bekommen wir die Moderne überhaupt noch in den Griff? Nicht ganz, meint der Philosoph Ken'ichi Mishima. 
Interview von Sebastian Blottner

Sebastian Blottner: Herr Mishima, ist Moderne gleich Fortschritt? 

Ken'ichi Mishima: Das kommt darauf an, was man unter Moderne versteht. Es gibt viele Schattenseiten der Moderne, die nicht jeder begrüßen und als Fortschritt ansehen wird. Der wissenschaftliche und medizinische Fortschritt und normative Errungenschaften wie die Allgemeinen Menschenrechte sind verbunden mit Kriegen, Massakern und Katastrophen. 

Blottner: Ist die Moderne nur geprägt von Krisen und Konflikten – oder in Wahrheit deren Ursache? 

Mishima: Ich würde letzteres sagen. Die Moderne hat Spannungen und Konflikte in vorher ungekanntem Ausmaß hervorgebracht. Seit mindestens 200 Jahren befinden wir uns praktisch in einer Dauerkrise. Und aus diesen krisenbedingten Konflikten sind normative Prinzipien wie Menschenwürde entstanden.

Blottner: Und das war vorher anders? 

Mishima: Im Mittealter existierte keine Diversität der Weltanschauungen, das galt früher für die meisten Weltregionen. Erst in der historischen Periode der Moderne haben die Menschen erkannt, dass einfach alles veränderbar ist. Das war der große Schock, den wir bis heute nicht verarbeitet haben. Er nimmt uns jegliche Sicherheit. Nehmen wir ein vergleichsweise harmloses Beispiele aus Deutschland: Erst mussten in den 1950er und 1960er Jahren autogerechte Städte gebaut werden, wenig später kam die grüne Bewegung und die Autofahrer standen unter Beschuss. Oder denken Sie an das Thema der vermeintlich sicheren Renten. Und es gibt Tausende andere Beispiele, die ständige Wandelbalkeit der als selbstverständlich angesehenen Ansichten.

Blottner: Seit der Veröffentlichung des gleichnamigen Buches von Shmuel N. Eisenstadt im Jahr 2000 wird anstatt von nur einer, von multiplen Modernen gesprochen – welche Grundidee verbirgt sich hinter diesem Schlagwort? 

Mishima: Es war für Europäer und Nordamerikaner ein großer Schock, dass außerhalb der westlichen Hemisphäre industrialisierte Nationen entstanden, die trotz ihrer kulturellen Andersartigkeit moderne Gesellschaften aufbauten. Damit wurde offensichtlich, dass es nicht nur eine Moderne gibt. Es gibt also keine Zwangsläufigkeit kultureller Traditionen oder Entwicklungsschritte. Dies war ein Denkanstoß, der die Europäer übrigens entdecken ließ, dass ihre Vorstellung einer homogenen, westlich geprägten Moderne nicht einmal für Europa selbst greift. In Frankreich lief dieser historische Prozess schließlich ganz anders ab, als in Italien oder Großbritannien. 

Blottner: Mitunter sprechen Sie anstatt von multiplen auch von selektiven Modernen. Was ist damit gemeint? 

Mishima: Das ist ein wichtiger Punkt. Mit dem Begriff soll zum Ausdruck gebracht werden, dass verschiedene Aspekte der Moderne unterschiedlich stark ausgeprägt bzw. umgesetzt wurden. Die maschinelle Industrialisierung beispielsweise wurde vollständig vollzogen, humanitäre Fragen dagegen nie ganz geklärt. Während man in Paris die Menschenrechte erklärte, unterdrückte man Aufstände in der französischen Kolonie Haiti auf brutalste Weise – so etwas ist mit selektiv gemeint. 

Blottner: Sie nehmen Abstand von einem Begriff der Moderne, der ausschließlich von westlichen Vorstellungswelten definiert wird – es muss andererseits etwas geben, das die verschiedenen Modernen eint? 

Mishima: Ich würde es anders formulieren: Ich nehme Abstand von einem einseitigen harmonischen Verständnis der Moderne, das im Westen über Jahrzehnte propagiert wurde. Gemeinsam ist allen Spielarten der Moderne aber eine deutliche Ausdifferenzierung aller Lebenssphären, ob in Kunst, Religion, Politik oder Wirtschaft. 

Blottner: Unter der Überschrift "transnationale Öffentlichkeit" subsumieren wir einen Prozess der enger werdenden globalen Vernetzung – wie wirkt diese Entwicklung auf die multiplen Modernen zurück?   

Mishima: Natürlich gibt es die globale digitale Vernetzung, aber das ist für mich kein so wichtiger Punkt. Die Moderne hat überall auf der Welt vor allem lokale Proteste ausgelöst, ob nun Stuttgart 21, Demonstrationen gegen Atommeiler in Japan oder Unruhen in Südafrika. Für diese Proteste sind lokale Traditionen eminent wichtig und sollten Beachtung finden. Die grüne Bewegung zum Beispiel ist nicht zufällig in Deutschland entstanden, es gab eine weit zurückreichende Tradition, an die manchmal angeknüpft wurde. 

Blottner: Geschichte wird von Siegern geschrieben, lautet ein bekannter Satz von Winston Churchill. Sie dagegen fragen, ob Geschichte stattdessen nicht auch von den Verlieren her gedeutet werden kann.

Mishima: Das ist die Botschaft, die Walter Benjamin uns hinterlassen hat. Denen, die zum Verstummen gebracht wurden, sollten wir wieder eine Stimme geben, indem wir selbst gegen die Verformungen und Entgleisungen der Moderne protestieren. 

Blottner: Wer sind denn die Verlierer von heute, die Verlierer der Modernisierung? 

Mishima: Das sind die im 19. Jahrhundert entstandenen Arbeiterbewegungen, die Kriegstoten, die Opfer von Umweltkatastrophen oder die Stuttgarter Bürger, die gegen Stuttgart 21 protestiert haben. Auch sie wurden zum Verstummen gebracht, auch wenn man heute dafür kein Militär mehr einsetzt. 

Blottner: Ist die Moderne überhaupt in den Griff zu bekommen? 

Mishima: Ich denke, vollständig ist die Moderne nicht in den Griff zu bekommen. Die globale Finanzkrise hat uns das beispielhaft vor Augen geführt. Gesellschaftliche Entwicklungen zu kanalisieren und flexibel auszugestalten, ist aber möglich. 

Blottner: Denken Sie, dass der Begriff der Moderne seinen positiven Beigeschmack bewahren wird? 

Mishima: Ich vermute schon, bei allen Desastern kann man das hoffen. Allerdings hat der Enthusiasmus, dem man dem Begriff noch im 19. Jahrhundert und wiederum nach 1945 entgegenbrachte, spürbar abgenommen.  

Prof. Dr. Ken'ichi Mishima lehrt an der Tokyo Keizai University. In der ifa-Reihe "Total Glokal. Stuttgarter Weltgespräche" sprach er mit Harald Fuess, Universität Heidelberg, über "Multiple Modernen und die Dynamik der transnationalen Öffentlichkeit".