Zwangsmigration und Global Citizenship – Über meinen Wandel vom Flüchtling zum Immigranten und zum Akademiker

Faustin Thuyambaze (CC0 1.0) via unsplash
Faustin Thuyambaze (CC0 1.0) via unsplash

Ich reiste durch verschiedene westafrikanische Länder auf der Suche nach einer "Heimat" fern der Heimat, immer in der Hoffnung, bald wieder zurückkehren und mein Studium beenden zu können.

Von Ahmed Khan

Mein Essay gibt meine Überlegungen und bisherigen Erfahrungen wieder, beginnend mit meiner Flucht aus Sierra Leone über meine Stationen als Einwanderer in Kanada bis hin zu meiner Karriere als international tätiger Akademiker. Diese Entwicklung lieferte mir den Anlass, über meine Identität als globaler Bürger nachzudenken, der nicht nur Idealen aus Sierra Leone und Kanada verbunden ist, sondern sich auch aktiv mit internationalen Themen auseinandersetzt. Angesichts der aktuellen Entwicklung von Flucht und Vertreibung ist meine Situation vielleicht eine glückliche Fügung; die Gründe für die derzeitige Lage reichen von Naturkatastrophen über Unruhen bis zu bewaffneten Konflikten. Allein im Jahr 2014 wurden über 55 Millionen Menschen zwangsvertrieben; laut Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) ist das die bislang höchste Zahl überhaupt. Die Zahl umfasst Flüchtlinge, Binnenvertriebene und Asylsuchende.

In Ermangelung effektiver institutioneller Mechanismen für die Lenkung globaler Migration setze ich auf das Konzept der Global Citizenship als vielversprechenden Lösungsansatz bei der Beseitigung der Ursachen für Zwangsvertreibung, bei der Entwicklung humanitärer Hilfsprogramme, beim Schutz von Flüchtlingen und bei der Ausgestaltung internationaler Partnerschaften für Sicherheit und das Wohlergehen der Menschen.

Bei der Migration, die mit den meisten Konflikten einhergeht, spielen lokale und internationale Organisationen eine entscheidende Rolle, denn sie koordinieren die humanitäre Hilfe und die Wiederansiedlung. Mich inspiriert die Tatsache, dass manche Flüchtlinge das Glück haben, eine neue Heimat zu finden und individuelle Hürden zu überwinden, um schließlich selbst führende Positionen einzunehmen und zur Lösung drängender Probleme beizutragen. Bekannte Vorbilder sind Michaëlle Jean, die aus Haiti stammt und 2005 zur 27. Generalgouverneurin von Kanada aufstieg, und Albert Einstein mit seinen bahnbrechenden Entdeckungen, der 1921 den Nobelpreis für Physik erhielt. Diese und andere Beispiele bieten interessante Einblicke, welchen Beitrag Einzelne und Gemeinschaften zur Global Governance, zur ökologischen Nachhaltigkeit und zur Entwicklung der Menschheit leisten können.

Ich musste Sierra Leone aufgrund des Bürgerkriegs und politischer Unruhen im Januar 1997 verlassen. Ich reiste durch verschiedene westafrikanische Länder auf der Suche nach einer "Heimat" fern der Heimat, immer in der Hoffnung, bald wieder zurückkehren und mein Studium beenden zu können. Trotz ähnlicher Traditionen in Westafrika und einer ähnlichen Kultur musste ich zu meiner Enttäuschung feststellen, dass es wenige oder gar keine regionalen Initiativen gab, sich um eine Ansiedlung der Flüchtlinge und ihre Integration in den Arbeitsmarkt zu kümmern. Dieses Versäumnis der Politik hat dazu geführt, dass Flüchtlinge und Migranten über verschiedene humanitäre und nationale Einwanderungsprogramme den Weg nach Europa und Nordamerika gehen. Ich ließ mich schließlich in Gambia nieder, wo ich als Vertretungslehrer arbeitete und ehrenamtlich für die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen tätig war. Schließlich stellte ich einen Einwanderungsantrag für Kanada, ein Land, das für seine Werte wie Frieden, ökologische Nachhaltigkeit und Multikulturalismus bekannt ist. Dass ich mich für Kanada entschied, hat auch mit den historischen Verbindungen über den Atlantik zu tun; frühe schwarze Siedler aus Nova Scotia (hauptsächlich Maroons aus Jamaika und Black Loyalists) kehrten als befreite Sklaven nach Afrika zurück und siedelten sich in der Stadt Freetown in der britischen Kolonie an – was im Book of Negroes gut dokumentiert ist. Das Book of Negroes ist ein historisches Dokument aus dem Jahr 1783, das die Namen und Geschichte von 3000 Black Loyalists aufführt, die in der Amerikanischen Revolution auf Seiten der Briten kämpften und in Nova Scotia angesiedelt wurden. 

Die Bearbeitung eines Einwanderungsantrags dauert aufgrund der strengen nationalen und internationalen Sicherheitsüberprüfungen, Gesundheitszeugnisse und der Vielzahl der Anträge oft Jahre. Ich stellte meinen Antrag mit Unterstützung mehrerer internationaler Organisationen, unter anderem des Flüchtlingshilfswerks UNHCR und der Internationalen Organisation für Migration. Im Gegensatz zu vielen anderen Flüchtlingen in Gambia, die von ihrer Familie oder kirchlichen Organisationen unterstützt wurden, wanderte ich über den Manitoba Interfaith Immigration Council nach Kanada aus. Das Programm wurde durch das Resettlement Assistance Program ermöglicht, das in Zusammenarbeit mit dem kanadischen Einwanderungsministerium die Umsiedlung und Eingliederung erleichtert. Von Manitoba ging ich nach British Columbia, weil mich die milden Winter und die schöne Küstenlandschaft lockten, vor allem aber auch die Studienmöglichkeiten. Mit meiner Zulassung zum Studium engagierte ich mich bei vielen studentischen Initiativen aktiv für internationale Belange.

Meine gelebten Erfahrungen haben meine Weltsicht sowie meine Werte und meine Einstellung zu Migration und Integration geprägt. Ich glaube, dass sich (zusätzlich zum Staat) Einzelne und Gemeinschaften engagieren müssen, um das Verständnis für die globale Migration zu fördern, zudem kann sich nur so eine Partnerschaft zur Lösung dieser Probleme entwickeln. Daher ist es wichtig zu wissen, welche politischen Maßnahmen und Institutionen zur Förderung von Global Citizenship und des Friedens beitragen. Mir begegnete das Konzept Global Citizenship erstmals während meines Studiums an der University of British Columbia, in einer Rede der ehemaligen Universitätspräsidentin Martha Piper im Jahr 2002. Sie betonte: "Wir müssen uns zum Ziel setzen, globale Bürger heranzubilden, die sich selbst nicht nur als Bürger einer lokalen Region betrachten, sondern als Menschen, die sich über gegenseitige Sorge und gegenseitiges Verständnis mit anderen Menschen verbunden fühlen." Diese Haltung stieß bei mir auf große Zustimmung, vor allem nachdem ich viele einheimische wie internationale Studenten kennengelernt hatte, die alle daran glaubten, dass man sowohl zur "lokalen" Gemeinschaft wie zu internationalen oder globalen Themen seinen Beitrag leisten muss. Als Mitglied des Speakers Bureau der Universität und Vortragender der Reihe "Passages to Canada" begann ich, mich ausgiebig mit dem Thema Flüchtlinge und Global Citizenship zu beschäftigen.

Ich möchte mich hier auf meine Erfahrungen als Student beim World University Service of Canada (WUSC) konzentrieren, einer gemeinnützigen kanadischen Organisation, die meine Auffassung von Global Citizenship maßgeblich prägte. Das Beispiel des WUSC zeigt, wie Partnerprogramme und die Beteiligung von Studenten einen sozialen Wandel fördern. Meine erste Begegnung mit dem WUSC hatte ich anlässlich eines Vortrags, zu dem ich eingeladen worden war, um über meine Erfahrungen als Flüchtling und Einwanderer zu berichten. Das veranlasste mich, Fragen zur Vertreibung und Migration im internationalen Kontext zu stellen, und mich mit der Überlegung zu beschäftigen, was es bedeutet, Verbindungen zu mehreren Welten zu haben und gemeinsame Werte zu teilen. Aber wie nahm der Diskurs zur globalen Migration beim WUSC seinen Anfang? WUSC begann als Studentendienst unter dem Namen International Student Services (ISS), als eine Gruppe europäischer Studenten während des Ersten und Zweiten Weltkriegs studentische Flüchtlinge unterstützte. Der erste kanadische Ortsverband wurde 1939 an der University of Toronto gegründet. Da der ISS Flüchtlinge im Nahen Osten und Asien unterstützte, wurde der Name in den fünfziger Jahren in World University Service geändert, mit einem ersten kanadischen Ortsverband 1957. Mittlerweile engagiert sich WUSC lokal, national und international in Asien, Lateinamerika, in der Karibik und in Afrika. (Für Details zu den Programmen siehe www.wusc.ca.) 

Besonders erwähnenswert sind das Student Refugee Program (SRP) für studentische Flüchtlinge, die Shine a Light Campaign zur Förderung der Bildung bei Mädchen in Flüchtlingslagern, Bike for Aids zur medizinischen Versorgung von HIV-Patienten, Fair Trade and Ethical Purchasing, ein Programm für den fairen Handel und ethischen Einkauf, das Freiwilligenprogramm Students without Borders und das International Summer Seminar, das bereits seit sechs Jahrzehnten besteht. Neben diesen Programmen bieten die jährliche Vollversammlung und das internationale Forschungsforum den WUSC-Mitarbeitern, Freiwilligen, Ehemaligen, Studenten und globalen Partnern die Möglichkeit, sich aktiv für die internationale Entwicklung einzusetzen.

Ein WUSC-Programm mit besonderer Bedeutung für Global Citizenship ist das Programm für studentische Flüchtlinge (Student Refugee Program, SRP). Dank des Programms und seiner Bildungsmöglichkeiten werden aus studentischen Flüchtlingen, die aus ihrer Heimat vertrieben wurden, globale Bürger. Das Programm, das Mitte der siebziger Jahre seinen Anfang nahm, soll studentische Flüchtlinge auf der ganzen Welt "aus den Flüchtlingslagern an die Universitäten" holen. Seit 2008 wurden etwa 1000 studentische Flüchtlinge, die überwiegend aus Afrika, Asien und Europa kommen, finanziell unterstützt, um in Kanada studieren zu können. Dies ist im Zusammenhang mit Zwangsmigration eins der wichtigsten Programme für "transformatives Lernen" in der kanadischen Geschichte. Das SRP wird durch eine Partnerschaft mit dem kanadischen Einwanderungsministerium ermöglicht, durch Mittel aus Studiengebühren unterstützt sowie durch verschiedene andere Beiträge der Universitätsverwaltungen und internationalen Partner. Auch die kanadische Gesellschaft hat von dem Programm auf verschiedene Weise profitiert, was sich etwa an einer wachsenden zivilgesellschaftlichen Beteiligung, der Integration von Einwanderern, Führungstraining und dem Bau soziokultureller Brücken zeigt. Zudem haben einige ehemalige Teilnehmer des Programms nicht nur etwas zu ihrer neuen Heimat beigetragen, sondern sind zu Botschaftern ihres Herkunftslandes geworden. Der Südsudan ist hier ein gutes Beispiel, einige Absolventen des SRP-Programmes kehrten dorthin zurück. Es gibt zwar eine Debatte über die Zu- und Abwanderung qualifizierter Arbeitskräfte und Wissenschaftler bei der internationalen Migration, man findet jedoch auch Belege, dass auf lange Sicht neben den Zielländern auch die Herkunftsländer profitieren.

Im Laufe der Jahre habe ich festgestellt, dass WUSC nicht nur eine akademische Organisation ist, sondern auch ein soziales Netzwerk, über das man Ideen austauschen, Partnerschaften bilden und das globale Lernen fördern kann. Während meiner Promotion an der Memorial University in St. Johns in Neufundland wurden von Studenten, dem Lehrkörper und den Mitarbeitern viele Lernprogramme entwickelt, die das WUSC-Motto "Bildung verändert die Welt" in die Tat umsetzten. So hat der WUSC-Ortsverband der Memorial University seit 2009 zwei Studierende zum internationalen Sommerseminar nach Südostasien und Westafrika geschickt. Zudem wurden von Uniterra finanzierte Workshops bei der kanadischen International Development Week zu Themen wie den Millenniums-Entwicklungszielen organisiert. Damit wird Studierenden und Lehrenden ein Forum geboten, sich für internationale Themen zu engagieren und sich am Diskurs zur Rolle höherer Bildung für das Konzept der Global Citizenship zu beteiligen.

Meine Sicht auf Zwangsmigration und Global Citizenship ist von meinen persönlichen Erfahrungen geprägt und zeigt, wie Institutionen (Organisationen wie WUSC), staatliche Maßnahmen zur Einwanderung und Ansiedlung und Plattformen (wie ICTS und soziale Medien) zur Förderung von Global Citizenship beitragen. Ich gehe davon aus, dass es die Kombination aus "individuellen" und "institutionellen" Erfahrungen ist, die zur Heranbildung eines globalen Bürgers beiträgt und somit auch die Bestandteile für einen Lehrplan und öffentliches Engagement liefert. Ich persönlich glaube, dass man Global Citizenship auch als Ubuntu verstehen kann, eine afrikanische Philosophie, die von dem Leitsatz ausgeht: "Ich bin das, was ich bin, aufgrund dessen, was wir alle sind." Das passt zu dem grundlegenden Paradigma, dass wir in einem globalen Dorf leben, wo moralische und ethische Verantwortung Grundvoraussetzungen dafür sind, das Lebensnetz zu bewahren. Die Missachtung dieser Verbundenheit hat gravierende Folgen, so steht etwa die Zwangsmigration in direktem Zusammenhang mit der Auseinandersetzung um natürliche Ressourcen, mit Macht und Tyrannei, Ungerechtigkeit und Konflikten. Ein Bildungsparadigma für Global Citizenship befasst sich nicht nur mit Zwangsmigration und Ansiedlungsprogrammen, sondern auch mit den Ursachen der Probleme, etwa schwachen Regierungssystemen, durch die sich derartige Konflikte überhaupt erst so weit entwickeln können. Dass man diese Herausforderungen und Probleme zunehmend erkennt, zeigt sich auch daran, dass sich die Forschung damit auseinandersetzt und sich mit Themen wie Migration und Global Citizenship befasst, aber auch an Arbeitsmarktreformen, öffentlich-privaten Partnerschaften und Koalitionen aus Einzelpersonen, die bereit sind, sich in diesem Bereich zu engagieren.

Ungeachtet ihrer potenziellen Vorzüge und ihrer Bedeutung bleibt Global Citizenship ein schwer zu fassendes Konzept, das entsprechend auch viele praktische Fragen zum Modus operandi oder zu den besten Praktiken aufwirft. Global Citizenship ist auch ein Forschungsthema, das weitere theoretische und empirische Analysen verdient. Für Lehrende lautet die Frage, welche Formen des Lehrplans und der politischen Bildung eine miteinander vernetzte Welt fördern. Meine persönlichen Überlegungen und kritischen Gedanken sollen Flüchtlinge wie Nicht-Flüchtlinge inspirieren und Akademikern und Lehrenden eine Möglichkeit bieten, beim Diskurs zur Global Citizenship und Zwangsmigration zusammenzuarbeiten und daran teilzuhaben.

Aus dem Englischen von Heike Schlatterer

Eine frühere Version des Textes erschien im Oxford Monitor of Forced Migration, Bd. 2 Nr. 1.

Aus: Global Citizenship. Perspektiven einer Weltgemeinschaft / Roland Bernecker, Roland Grätz (Hg.). – Göttingen: Steidl, 2017. – 192 S. – erscheint in Kürze