Nichtkontrollierbares Naturphänomen

Es hat große Ost-West-Migrationen gegeben, in deren Verlauf die Völker des Kaukasus sowohl die Kultur wie das biologische Erbgut der Eingeborenen gründlich verändert haben. Die Phänomene, die Europa heute noch als Fälle von Immigration zu behandeln versucht, sind indessen schon Fälle von Migration. Die Dritte Welt klopft an die Pforten Europas, und sie kommt herein, auch wenn Europa sie nicht hereinlassen will. 

Von Umberto Eco

Vor einigen Jahren, als in Paris die Académie Universelle des Cultures gegründet wurde, die Künstler und Wissenschaftler aus allen Ländern der Welt versammelt, ist für diese Akademie eine Charta aufgesetzt worden. Und eine der einleitenden Erklärungen dieser Charta, die auch die wissenschaftlichen und moralischen Aufgaben der neuen Akademie definieren sollte, sagt voraus, dass wir in Europa im dritten Jahrtausend ein großes "Gemisch von Kulturen" haben werden.
Wenn sich die Entwicklung nicht plötzlich umkehrt (und alles ist möglich), müssen wir uns darauf gefasst machen, dass es in Europa im nächsten Jahrtausend wie in New York oder in einigen lateinamerikanischen Ländern zugehen wird. In New York erleben wir die Negation des Konzepts vom Melting Pot, verschiedene Kulturen existieren nebeneinander, von den Puerto Ricanern bis zu den Chinesen, von den Koreanern bis zu den Pakistani; einige Gruppen haben sich miteinander vermischt (wie Italiener und Iren, Juden und Polen), andere bleiben getrennt (in verschiedenen Vierteln, wo sie verschiedene Sprachen sprechen und verschiedene Traditionen pflegen), und alle treffen sich auf der Basis einiger allgemeingültiger Gesetze und einer allgemeingültigen Verkehrssprache, des Englischen, das jeder leidlich genug spricht, um sich verständigen zu können.

Ich gebe zu bedenken, dass in New York, wo die sogenannte "weiße" Bevölkerung im Begriff ist, eine Minderheit zu werden, 42 Prozent dieser Weißen Juden sind und die verbleibenden 58 Prozent höchst unterschiedlicher Herkunft (darunter irische, italienische, hispanoamerikanische und polnische Katholiken), so dass die WASPs, die weißen angelsächsischen Protestanten, inzwischen in der Minderheit sind.

In Lateinamerika ist die Entwicklung von Land zu Land unterschiedlich verlaufen: Mal haben die spanischen Siedler sich mit den Indios vermischt, mal auch (wie in Brasilien) mit den Afrikanern, mal sind sogenannte kreolische Sprachen und Bevölkerungen entstanden.
Es ist oft schwer zu sagen, auch wenn man in rassischen Blutsbegriffen argumentieren will, ob ein Mexikaner oder ein Peruaner europäischer oder indianischer Herkunft ist, um nicht von einem Jamaikaner zu reden.

Nun, so ungefähr wird es auch in Europa kommen, und kein Rassist, kein reaktionärer Nostalgiker wird das verhindern können.
Ich denke, man sollte den Begriff "Immigration" von dem der "Migration" unterscheiden. Immigration liegt vor, wenn einige Individuen (es können auch viele sein, aber in statistisch unerheblicher Zahl verglichen mit dem ursprünglichen Stamm) sich aus einem Land in ein anderes begeben (wie die Italiener oder die Iren nach Amerika oder heute die Türken nach Deutschland). Immigrationsphänomene können politisch kontrolliert, begrenzt, gefördert, programmiert oder hingenommen werden.

Nicht so die Migrationen. Gleich ob sie gewaltsam oder friedlich daherkommen, sie sind wie Naturphänomene. Sie treten ein, und niemand kann sie kontrollieren. Migration liegt vor, wenn ein ganzes Volk aus einem Gebiet in ein anderes zieht (wobei es nicht relevant ist, wie viele von ihm im Ursprungsland bleiben, sondern wie radikal es die Kultur des Landes, in das es eingewandert ist, verändert). Es hat große Ost-West-Migrationen gegeben, in deren Verlauf die Völker des Kaukasus sowohl die Kultur wie das biologische Erbgut der Eingeborenen gründlich verändert haben.

Es hat die Migrationen der sogenannten "barbarischen" Völker gegeben, die das Römische Reich überflutet und neue Reiche mit neuen Kulturen geschaffen haben, Mischkulturen, die dann eben "römisch-barbarisch" oder "römisch-germanisch" genannt worden sind. Es hat die europäische Durchdringung des amerikanischen Kontinents gegeben, einerseits von der Ostküste bis nach Kalifornien, andererseits von den karibischen Inseln und Mexiko bis nach Feuerland.

Obwohl sie zum Teil politisch programmiert war, spreche ich auch hier von Migration, weil die aus Europa gekommenen Weißen nicht die Sitten und die Kultur der Eingeborenen übernahmen, sondern eine neue Zivilisation gründeten, der sich sogar die Eingeborenen (soweit sie überlebten) angepasst haben. Es hat abgebrochene Migrationen gegeben, wie die der Völker arabischer Herkunft bis zur Iberischen Halbinsel.

Es hat Formen von programmierter und partieller, aber deshalb nicht minder einflussreicher Migration gegeben, wie die der Europäer nach Osten und Süden (aus der dann die sogenannten "postkolonialen" Nationen entstanden sind), bei denen die Einwanderer ebenfalls die Kultur der autochthonen Bevölkerung verändert haben. Soweit ich sehe, ist bisher noch keine Phänomenologie der verschiedenen Arten von Migration erstellt worden, aber sicher sind Migrationen etwas anderes als Immigrationen.

Immigration haben wir nur, wenn die Immigranten (die aufgrund einer politischen Entscheidung aufgenommen worden sind) in großer Zahl die Lebensweise des Landes, in das sie einwandern, übernehmen. Migration dagegen haben wir, wenn die Hereinströmenden (die niemand an der Grenze aufhalten kann) die Kultur des Landes radikal verändern.

Heute, nach einem 19. Jahrhundert voller Immigrationen, stehen wir vor ungewissen Phänomenen. In einem Klima großer Mobilität ist es sehr schwer zu sagen, ob bestimmte Phänomene solche der Immigration oder der Migration sind. Zweifellos gibt es einen unaufhaltsamen Strom von Süden nach Norden (aus Afrika und Nahost nach Europa), die Inder haben sich in Afrika und auf den pazifischen Inseln festgesetzt, die Chinesen sind überall, und die Japaner sind mit ihren industriellen und ökonomischen Organismen präsent, auch wenn sie nicht physisch in großen Massen herbeiströmen.

Ist es noch möglich, Immigration von Migration zu unterscheiden, wenn der ganze Planet zum Schauplatz sich überkreuzender Wanderbewegungen wird? Ich denke, ja: Immigrationen sind, wie ich schon sagte, politisch kontrollierbar, Migrationen nicht, sie sind wie Naturgewalten. Solange man es mit Immigrationen zu tun hat, können die Völker hoffen, die Immigranten in einem Getto zu halten, damit sie sich nicht mit den Einheimischen vermischen. Ist es Migration, dann hilft kein Getto mehr, und die Vermischung wird unkontrollierbar.

Die Phänomene, die Europa heute noch als Fälle von Immigration zu behandeln versucht, sind indessen schon Fälle von Migration. Die Dritte Welt klopft an die Pforten Europas, und sie kommt herein, auch wenn Europa sie nicht hereinlassen will. Das Problem ist nicht mehr, zu entscheiden (wie die Politiker zu glauben vorgeben), ob in Paris Schülerinnen mit dem Tschador herumlaufen dürfen oder wie viele Moscheen man in Rom errichten soll.

Das Problem ist, dass Europa im dritten Jahrtausend – da ich kein Prophet bin, kann ich das Datum nicht präziser angeben – ein vielrassischer oder, wenn man lieber will, ein "farbiger" Kontinent sein wird. Ob uns das passt oder nicht, spielt dabei keine Rolle: Wenn es uns gefällt, um so besser; wenn nicht, wird es trotzdem so kommen. Dieses Aufeinandertreffen (oder Zusammenstoßen) verschiedener Kulturen kann blutige Ergebnisse haben, und ich bin überzeugt, dass es sie in gewissem Maße haben wird, sie werden unvermeidlich sein und lange anhalten. Doch die Rassisten müssten eigentlich (theoretisch) eine aussterbende Rasse sein.

Hat es ein römisches Patriziertum gegeben, das nicht ertragen konnte, dass auch die Gallier und die Sarmaten und Juden wie Paulus cives romani werden durften und dass ein Afrikaner auf den Kaiserthron steigen konnte, wie es schließlich geschah? Nun, dieses Patriziertum haben wir vergessen, es ist von der Geschichte besiegt worden. Die römische Zivilisation war eine Mischzivilisation. Rassisten werden sagen, eben deswegen sei sie zerfallen, aber das hat immerhin fünfhundert Jahre gedauert – ein Zeitraum, der, wie mir scheint, auch uns noch erlaubt, Projekte für die Zukunft zu machen. 

Formen von Intoleranz 

Gewöhnlich gelten Fundamentalismus und Integralismus als eng miteinander verbundene Begriffe und als die beiden evidentesten Formen von Intoleranz. Wenn ich zwei hervorragende Nachschlagewerke wie den "Petit Robert" und das "Dictionnaire Historique de la Langue Française" konsultiere, finde ich unter dem Stichwort "Fundamentalismus" sofort einen Verweis auf den Integralismus. Was zu der Annahme verleitet, dass alle Fundamentalismen integralistisch seien und umgekehrt.

Aber auch wenn das richtig wäre, würde sich daraus nicht ergeben, dass alle, die intolerant sind, Fundamentalisten und Integralisten seien. Zwar haben wir es derzeit mit vielerlei Formen von Fundamentalismus zu tun, und Beispiele für Integralismus finden sich überall, aber das Problem der Intoleranz liegt tiefer und ist gefährlicher.

Geschichtlich ist "Fundamentalismus" ein hermeneutisches Prinzip, das mit der Auslegung einer heiligen Schrift zu tun hat. Der moderne westliche Fundamentalismus entstand im 19. Jahrhundert in protestantischen Kreisen der USA und charakterisiert sich durch die Entscheidung, die Bibel wörtlich auszulegen, besonders im Hinblick auf ihre kosmologischen Vorstellungen, deren Wahrheitsgehalt die zeitgenössische Wissenschaft zu bezweifeln schien. Daher die oft intolerante Ablehnung jeder allegorischen Auslegung und vor allem jeder Form von Erziehung, die das Vertrauen in den biblischen Text zu untergraben versuchte, wie es beim triumphierenden Darwinismus der Fall war.

Diese Form der fundamentalistischen Buchstabengläubigkeit ist schon alt. Bereits unter den Kirchenvätern gab es Debatten zwischen den Anhängern des Buchstabens und den Verfechtern einer eher elastischen Hermeneutik, wie sie Augustinus vertrat.

In der modernen Welt konnte der strikte Fundamentalismus jedoch nur protestantisch sein, da man, um Fundamentalist sein zu können, davon ausgehen muss, dass die Wahrheit durch die richtige Auslegung der Bibel zu finden ist. Im Katholizismus wird dagegen die richtige Bibelauslegung durch die Autorität der Kirche gewährleistet, und daher nimmt das Äquivalent des protestantischen Fundamentalismus dort allenfalls die Form des Traditionalismus an. Ich übergehe hier (und überlasse den Experten) die Untersuchung der Natur des muslimischen und des jüdischen Fundamentalismus.Ist Fundamentalismus zwangsläufig intolerant? Gewiss auf der hermeneutischen Ebene, aber nicht unbedingt auf der politischen. Man kann sich durchaus eine fundamentalistische Sekte vorstellen, die überzeugt ist, dass ihre Mitglieder das Privileg der richtigen Bibelauslegung haben, und die trotzdem keinerlei Form von Proselytenmacherei betreibt, weder um die anderen zu zwingen, ihre Glaubensinhalte zu teilen, noch um für die Verwirklichung einer auf sie begründeten politischen Gesellschaft zu kämpfen.

Unter "Integralismus" versteht man dagegen eine religiöse und politische Position, für welche die religiösen Prinzipien gleichzeitig das Modell des politischen Lebens und die Quelle der Gesetze des Staates werden müssen. Während der Fundamentalismus und der Traditionalismus im Prinzip konservativ sind, gibt es Integralismen, die sich als progressiv und revolutionär verstehen.

Es gibt katholisch-integralistische Bewegungen, die nicht fundamentalistisch sind, die sich für eine gänzlich an den religiösen Prinzipien inspirierte Gesellschaft einsetzen, ohne deswegen eine wörtliche Auslegung der Schrift zu verlangen, und die womöglich bereit sind, eine Theologie à la Teilhard de Chardin zu akzeptieren. Die Nuancen können sogar noch feiner sein. Man denke nur an das Phänomen der Political Correctness in Amerika. Sie ist entstanden, um die Toleranz und die Anerkennung aller religiösen, rassischen und sexuellen Unterschiede zu fördern, aber sie entwickelt sich immer mehr zu einem neuen Fundamentalismus, der in fast ritueller Weise die Alltagssprache durchdringt und sich zum Schaden des Geistes an den Buchstaben klammert.
Inzwischen darf man einen Blinden notfalls auch diskriminieren, solange man nur das Zartgefühl hat, ihn einen "Nichtsehenden" zu nennen, und vor allem darf man diejenigen diskriminieren, die sich nicht an die Regeln der Political Correctness halten.

Und der Rassismus? Der nazistische Rassismus war zweifellos totalitär, und er nannte sich "wissenschaftlich", aber seine Rassenlehre enthielt nichts Fundamentalistisches. Ein nichtwissenschaftlicher Rassismus wie derjenige der Lega Nord hat nicht die gleichen kulturellen Wurzeln wie der pseudowissenschaftliche (er hat in Wirklichkeit überhaupt keine kulturellen Wurzeln), aber er ist gleichwohl ein Rassismus.

Und die Intoleranz? Reduziert sie sich auf die Unterschiede und Verwandtschaften zwischen Fundamentalismus, Integralismus und Rassismus? Es hat auch Formen von nichtrassistischer Intoleranz gegeben (wie die Ketzerverfolgung oder die Intoleranz der Diktaturen gegenüber ihren politischen Gegnern).

Intoleranz ist etwas sehr viel Tieferliegendes, es steckt an der Wurzel aller hier angesprochenen Phänomene. Fundamentalismus, Integralismus und pseudowissenschaftlicher Rassismus sind theoretische Positionen, die eine Doktrin voraussetzen. Intoleranz beginnt vor jeder Doktrin. In diesem Sinne hat sie biologische Wurzeln, sie äußert sich bei den Tieren als Kampf ums Territorium, sie gründet sich auf gefühlsmäßige, oft oberflächliche Reaktionen – wir ertragen die Andersartigen nicht, weil sie eine andere Hautfarbe haben, weil sie eine uns unverständliche Sprache sprechen, weil sie Frösche, Hunde, Affen, Schweinefleisch oder Knoblauch essen, weil sie sich tätowieren lassen und so weiter. Intoleranz gegenüber dem Andersartigen oder Unbekannten ist beim Kind so natürlich wie der Instinkt, sich alles, was es haben will, einfach zu nehmen. Das Kind wird nach und nach zur Toleranz erzogen, so wie es zur Achtung des Eigentums anderer erzogen wird und davor noch zur Kontrolle des eigenen Schließmuskels.

Doch während die Kinder in der Regel zur Kontrolle ihres Körpers gelangen, bleibt Toleranz leider ein Problem der permanenten Erwachsenenbildung, denn im täglichen Leben ist man ständig dem Trauma der Verschiedenheit ausgesetzt. Die Forscher beschäftigen sich häufig mit den Doktrinen der Verschiedenheit, aber nicht häufig genug mit der vor jeder Doktrin angesiedelten wilden oder rohen Intoleranz, die sich jeder kritischen Definition und Wesensbestimmung entzieht.
Es ist jedoch nicht so, dass die Doktrinen der Verschiedenheit diese rohe Intoleranz hervorbrächten. Im Gegenteil, die Doktrinen machen sich einen bereits diffus vorhandenen Bodensatz von Intoleranz zunutze. Denken wir an die Hexenjagd. Sie ist kein Produkt der "dunklen Zeitalter", sondern eines der Neuzeit.

Der "Malleus Maleficarum" oder "Hexenhammer" wurde sechs Jahre vor der Entdeckung Amerikas geschrieben, er ist ein Zeitgenosse des florentinischen Humanismus; die "Démonomanie des sorciers" von Jean Bodin entstammt der Feder eines Renaissancemenschen, der nach Kopernikus schrieb. Ich will hier nicht erklären, warum die neuzeitliche Welt theoretische Rechtfertigungen für die Hexenjagd produziert.

Ich möchte nur daran erinnern, dass die Hexenlehre sich deswegen durchsetzen konnte, weil es bereits einen im Volk verbreiteten Glauben an die Existenz von Hexen gab. Dieser Glaube findet sich in der Antike (Horaz), im langobardischen "Edictum Rothari", in der "Summa Theologica" des Thomas von Aquin. Man rechnete mit den Hexen als einer alltäglichen Realität, so wie unser Strafgesetzbuch mit der Existenz von Handtaschenräubern rechnet. Ohne diesen Volksglauben hätte sich eine Doktrin des Hexenwesens und eine systematische Verfolgungspraxis nicht ausbreiten können.

Der "wissenschaftliche" Antisemitismus kam im Laufe des 19. Jahrhunderts auf und wurde in unserem Jahrhundert zu einer totalitären Anthropologie und zur industriellen Praxis des Völkermords. Aber er hätte nicht entstehen können, wenn es nicht bereits seit Jahrhunderten, seit den Zeiten der Kirchenväter, eine antijüdische Polemik gegeben hätte und im einfachen Volk einen praktischen Antisemitismus, der überall dort sein Unwesen trieb, wo es Gettos gab. Die antijakobinischen Theorien über eine jüdische Weltverschwörung, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts aufkamen, haben den volkstümlichen Antisemitismus nicht geschaffen, sondern nur einen bereits vorhandenen Hass auf die Andersartigen ausgebeutet.

Die gefährlichste Intoleranz ist genau diejenige, die ohne jede Doktrin oder Theorie allein aufgrund elementarer Triebe entsteht. Deswegen kann sie nicht mit Vernunftargumenten kritisiert und aufgehalten werden. Die theoretischen Grundlagen von Hitlers "Mein Kampf" lassen sich mit einer Reihe von ziemlich elementaren Argumentationen widerlegen, aber wenn die Ideen, die das Buch propagierte, überlebt haben und jeden Einwand überleben werden, dann deshalb, weil sie sich auf eine rohe Intoleranz stützen, die gegen jede Kritik immun ist.

Ich finde die Intoleranz von Bossis Lega Nord gefährlicher als die des Front National von Le Pen. Le Pen hat hinter sich immer noch Intellektuelle, die Verrat begangen haben, während Bossi nichts anderes hat als rohe Triebe.

Man sehe nur, was in Italien vor einigen Jahren geschah, nachdem in kaum mehr als einer Woche zwölftausend Albaner ins Land gekommen waren. Offiziell und öffentlich war nur von Aufnahme aus humanitären Gründen die Rede, und der größte Teil derer, die diesen Exodus stoppen wollen, weil er unerträglich werden könnte, führt ökonomische und demographische Argumente an, nicht etwa rassistische. Aber alle Theorie wird zunichte vor der schleichenden Intoleranz, die jeden Tag mehr um sich greift. Die rohe Intoleranz gründet sich auf einen kategorialen Kurzschluss, den sie jedem zukünftigen Rassismus als Leihgabe anbieten kann: Wenn einige der in den letzten Jahren nach Italien gekommenen Albaner Diebe und Prostituierte geworden sind (was stimmt), dann sind alle Albaner potentielle Diebe und Prostituierte.

Dieser Kurzschluss ist umso schrecklicher, weil er für jeden von uns eine ständige Versuchung darstellt – es genügt, dass uns auf dem Flughafen eines beliebigen Landes der Koffer gestohlen worden ist, und schon behaupten wir, dass man den Bewohnern jenes Landes nicht trauen dürfe. Noch einmal, die schlimmste Intoleranz ist die der Armen, die immer die ersten Opfer der Verschiedenheit sind. Unter den Reichen gibt es keinen Rassismus. Die Reichen haben höchstens die Doktrinen des Rassismus produziert, die Armen produzieren seine Praxis, die viel gefährlicher ist.Die Intellektuellen können gegen die rohe Intoleranz nichts ausrichten, denn vor dem rein Animalischen, das kein Denken kennt, ist das Denken wehrlos.

Und wenn sie gegen die doktrinale Intoleranz kämpfen, ist es zu spät, denn sobald die Intoleranz zur Doktrin gerinnt, ist sie nicht mehr zu besiegen, und die es tun müssten, werden zu ihren ersten Opfern.

Und doch liegt hier die Herausforderung. Erwachsene Menschen, die aus ethnischen und/oder religiösen Gründen aufeinander schießen, zur Toleranz erziehen zu wollen, ist Zeitvergeudung. Zu spät. Die rohe Intoleranz muss an der Wurzel bekämpft werden, durch eine permanente Erziehung, die im zartesten Alter beginnt, bevor sie zu einer Doktrin gerinnt und bevor sie eine zu dicke und harte Verhaltenskruste wird.

Aus dem Italienischen von Burkhart Kroeber

Europa: Festung oder Sehnsuchtsort? Kultur und Migration / EUNIC, ... (Hg.). – Göttingen: Steidl , 2015. – 300 S. – (Kulturreport, EUNIC-Jahrbuch)

Europa: Festung oder Sehnsuchtsort? Kultur und Migration / EUNIC, ... (Hg.). – Göttingen: Steidl , 2015. – 300 S. – (Kulturreport, EUNIC-Jahrbuch)
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Umberto Eco, Jahrgang 1932, ist Schriftsteller, Kolumnist, Philosoph und Medienwissenschaftler. Sein umfassendes Werk reicht von der "Geschichte der Schönheit" bis zum Roman "Der Name der Rose", durch den er zu Weltruhm gelangte. Der vorliegende Beitrag ist anlässlich seines Buches "Vier moralische Schriften" entstanden, das auf Deutsch im Münchner Carl Hanser Verlag erschienen ist.