Einwanderungskontinent Europa

Anti-Islam-Demonstrationen in Deutschland, auftrumpfender Front National in Frankreich: Gründe für den Erfolg der Rechten in Europa sind eine wachsende soziale Spaltung und eine steigende Zahl an sozial und gesellschaftlich Abgehängten – den Verlierern der Modernisierung und Globalisierung. Wie kann Europa von der Wirtschafts- und Finanzkrise zu einer inklusiven Zuwanderungspolitik und einem neuen europäischen Narrativ kommen, das Migranten umfasst?

Von Isabel Schäfer

Migration nach Europa und Mobilität innerhalb des Kontinents haben in den letzten Jahrzehnten stetig zugenommen. Dabei wird meist übersehen, dass der Großteil der Einwanderer in der EU (auch in Deutschland) aus anderen EU-Mitgliedstaaten kommt und nicht aus anderen Weltregionen wie der islamisch geprägten. Die Schattenseiten der restriktiven und teilweise inhumanen europäischen Migrationspolitik gegenüber Einwanderern aus dem südlichen und östlichen Mittelmeerraum sind bekannt. Es war auch zu erwarten, dass durch die politischen Umbrüche in Nordafrika und im Nahen Osten seit dem "Arabischen Frühling" 2011 und in der Zeit danach neue Migration ausgelöst wurde. Meist wird indes übersehen, dass der Großteil der Flüchtlinge in der Region selbst bleibt und vor allem die betroffenen Nachbarländer die Last tragen, ob im Libyenkonflikt oder im syrischen Bürgerkrieg. Nur ein sehr geringer Anteil von Flüchtlingen kommt überhaupt nach Europa. Gleichzeitig lässt sich aktuell eine neue und ansteigende Welle an anti-islamischen und  antimuslimischen Vorurteilen beobachten. Dieses neue Feindbild Islam wird befördert durch die Berichterstattung über die Gräueltaten des Islamischen Staats (IS) in Syrien und Irak, aber auch durch einige Wahlsiege von islamistischen Parteien nach dem Arabischen Frühling, Szenarien von zerfallenden Staaten in der südlichen Nachbarschaft (Libyen, Jemen, Syrien) und islamistisch motiviertem internationalen Terrorismus, der in Gestalt von radikalisierten Rückkehrern aus Syrien eine neue Bedrohung für Europa darstellt.

Die Antworten der europäischen Außenpolitik auf diese Entwicklungen in der südlichen Nachbarschaft zeugen von einer Tendenz zu einem neuen Realismus, die sich unter anderem niederschlägt in mehr Forderungen nach Militarisierung und "Versicherheitlichung" der europäischen Außen- und Sicherheitspolitik. In diesem Kontext drängt sich die Frage auf, ob somit nicht in ähnliche Denkmuster zurückgefallen wird, wie dies nach 9/11 und im Rahmen des "Kriegs gegen den Terrorismus" der Fall war: Zurückgekehrte oder nie gefallene autoritäre Regime in der arabischen Welt rechtfertigen mit der islamistischen Bedrohung eine Wiederaufnahme oder Fortsetzung ihrer Repressionsmaßnahmen; für die europäischen Regierungen legitimiert der Verweis auf diese Bedrohung die Restriktion von Immigration aus der MENA-Region (Nahost und Nordafrika) und kontinuierliche Versicherheitlichung der Migrationspolitik (Frontex), den Ausbau von Sicherheitsmaßnahmen in Europa und an Europas Grenzen, die Erhöhung militärischer Ausgaben und weitere Waffenlieferungen an autoritäre Regime (etwa Saudi-Arabien).

Die real existierende Gefahr, die von einigen wenigen radikalisierten Islamisten, Salafisten oder Dschihadisten ausgeht, soll hier gar nicht bestritten werden, doch sollte diese verhältnismäßig betrachtet werden. Muss es nicht vielmehr und vorrangig darum gehen, die Gesellschaften in der südlichen Nachbarschaft in ihren schwierigen Transformationsprozessen konstruktiv zu unterstützen? Oder nach dem "Arabischen Frühling" die Beziehungen zu den neuen und alten Regimen auf ein neues Fundament zu stellen, und die kulturelle, geographische, politische und wirtschaftliche Nähe dieser Nachbarschaft zu Europa wahrzunehmen sowie die gegenseitige Verwobenheit zwischen den Regionen zu erkennen?

Hierzu bedarf es eines konstruktiven Ansatzes, der darauf abzielt, gemeinsame Interessen zwischen den europäischen Gesellschaften und denen Nordafrikas und des Nahen Ostens herauszufiltern statt eines abgrenzenden, antiislamischen, neorealistischen Sicherheitsdiskurses.

Sicher: Das ist nicht einfach in einem Moment, in dem Europa selbst beträchtliche Probleme hat. Angesichts des Zuwachses an rechtspopulistischen Strömungen und eines verbreiteten rechtskonservativen Materialismus verfällt der Rest des politischen Spektrums in eine Art Kulturpessimismus und sieht überall nur noch das Schreckgespenstvon europäischen Desintegrationsprozessen (Beispiele: Schottland, Griechenland, Katalonien). Mit einer gewissen Fassungslosigkeit steht man Phänomenen wie der deutschen Anti-Islam-Bewegung PEGIDA, aber auch gleichzeitig einer neuen intellektuellen Qualität der Neuen Rechten in Form von Hass und Rassismus gegenüber, die sich insbesondere im Netz und in Hate-E-Mails ausdrückt.

Proeuropäische Stimmen werden leiser und weniger. Mit dem deutschen Soziologen Ulrich Beck ist ein wichtiger Vordenker Europas verstorben. Warum gelingt es heute so selten, die EU als positives Narrativ, als "postnationale Konstellation" (Jürgen Habermas) zu etablieren, eine europäische Identität als einen kulturellen Mehrwert zu vermitteln, der zusätzlich und simultan zu anderen lokalen, nationalen, weiteren Identitäten existiert?

Das Projekt Europa wurde auf dem Prinzip der offenen Gesellschaften aufgebaut. Als Einwanderungskontinent im 21. Jahrhundert darf dieses Prinzip nicht erodieren, denn es zeichnet Europas Stärke in der Welt aus. Gerechte  und effizient geregelte legale Zuwanderung bedeutet aber auch nicht nur die "besten Köpfe" für Europa anzuwerben, sondern auch sozial Schwächeren eine Chance zu geben.

Brauchen wir ein neues europäisches Narrativ und wenn ja, wie könnte dieses aussehen?

Die Frage der Zuwanderung wirft Europa auf den Stand der eigenen Integration, auf den internen Zusammenhalt zurück. Welches Gesellschaftsprojekt – abgesehen von ökonomischer Integration, EU-interner Mobilität für EU-Bürger und harmonisierten Handytarifen – steht den europäischen Bürgern und Entscheidungsträgern vor Augen? Welche Werte und welche Visionen zeigen den Weg in ein tiefergehendes inklusives Identitätsprojekt als die EU es heute repräsentiert? Brauchen wir ein neues europäisches Narrativ und wenn ja, wie könnte dieses aussehen? Narrative werden meist von den Eliten erfunden, oft abgekoppelt von und vorbei an der gesellschaftlichen Realität der Bürger. Doch wird nicht, während sich die Eliten noch den Kopf zerbrechen, bereits ein neues europäisches Narrativ "von unten" entwickelt und ausgehandelt?

Die europäische Krise ist nicht nur bedingt durch die Wirtschafts- und Finanzkrise. Sie geht einher mit einer Legitimitäts- bzw. Glaubwürdigkeitskrise der europäischen Institutionen und des Projekts Europa insgesamt.

Verlorenes Vertrauen

Teile der europäischen Bevölkerungen, auch der jungen Generation, haben das Vertrauen in die Regierenden verloren, oder fühlen sich sozial abgehängt. Vor allem der Rechtspopulismus hat von der Krise profitiert und Fremdenfeindlichkeit in den europäischen Gesellschaften nimmt eher zu statt ab.

Die Prognosen für die Europawahlen im Mai 2014 waren alarmierend: Es wurde davon ausgegangen, dass ein Viertel der Sitze des Europäischen Parlaments an Rechtspopulisten gehen würde. Das Ergebnis war nicht ganz so drastisch, doch immerhin erhielten die rechten, EU-kritischen Parteien insgesamt 19 Prozent der Stimmen (besonders erfolgreich waren sie in Frankreich, Großbritannien, Dänemark und Österreich). Gleichzeitig schüren Rechtspopulisten antieuropäische Gefühle und Positionen; und sie schüren Fremdenfeindlichkeit – nicht nur gegen außereuropäische Migranten, sondern auch gegen Zuwanderer aus anderen EU-Mitgliedstaaten. Ein Beispiel hierfür waren die Verbalattacken und Stimmungsmache der deutschen konservativen Partei CSU gegen Einwanderer aus Bulgarien und Rumänien.

Aber auch in den südeuropäischen EU-Mitgliedstaaten haben rechtsextrem motivierte Gewalttaten zugenommen, etwa in Griechenland. Gründe für den Erfolg der Rechten sind vor allem eine wachsende soziale Spaltung zwischen Gewinnern und Verlierern in den europäischen Gesellschaften, zunehmende soziale Desintegration, eine wachsende Zahl an sozial und gesellschaftlich Abgehängten, den Verlierern der Modernisierung und Globalisierung. In Deutschland, aber auch anderswo in Europa, existieren ganze abwärtsdriftende Regionen. Das Stadt-Land-Gefälle nimmt zu. Die Schere zwischen Arm und Reich wird größer, die gesellschaftliche Mitte erodiert und Abstiegsängste werden stärker.

Mehr Mobilität, eine zentrale Errungenschaft der europäischen Integration, ist etwas Positives. Wir sehen eine neue Generation von jungen Menschen, für die es selbstverständlich geworden ist, drei Monate an einem Ort zu studieren, dann sechs Monate woanders zu arbeiten, zwölf Monate an einem weiteren Ort einen Auf baustudiengang zu absolvieren, und persönliche Beziehungen quer über den europäischen Kontinent hinweg zu haben.

Für diese "Generation Erasmus" oder "Generation EasyJet" oder genauer gesagt bereits die Kinder der ersten "Generation Erasmus", von der Europäischen Kommission auch "Neue Europäer" genannt, ist eine europäische Identität schon längst zur Selbstverständlichkeit geworden. Diese junge Generation ist mobil, gut ausgebildet, vielsprachig und  in ganz Europa zuhause. Aber es handelt sich trotz Demokratisierung der Bildungssysteme und Mobilitätsmöglichkeiten um eine Elite. Denn es gibt auch weiterhin viele in dieser Generation, die noch nie über ihr Stadtviertel hinausgekommen sind, geschweige denn in einem anderen europäischen Land ihre Ferien verbracht haben.

Zum Phänomen der gestiegenen Mobilität gehört auch, dass sie gar nicht immer unbedingt freiwillig passiert oder gewünscht ist. Viele junge Europäer (z.B. aus Spanien oder Polen) gehen in einen anderen EU-Mitgliedstaat, um neue Studien- und Ausbildungschancen oder Arbeitsperspektiven zu bekommen, obwohl sie aus privaten Gründen lieber in ihrer Region bleiben würden. Auch geht für viele junge binationale europäische Paare die beruflich-private Lebensplanung nicht auf, und die administrativen, zwischenmenschlichen und beruflichen Hürden lassen einige dieser real gelebten europäischen Lebensprojekte scheitern.

Die Glaubwürdigkeit der EU steht zur Disposition, wenn zur Europäisierung zwar auf Ebene der Gesellschaften ermutigt wird, gleichzeitig aber Regierungen gerade in Krisenzeiten in nationalstaatliches Denken und Argumentieren zurückfallen. So entstand im Fall der spanischen und griechischen Wirtschaftskrisen eine Art Nord-Süd-Konflikt innerhalb Europas (z.B. zwischen Deutschland und Griechenland) über Fragen der Anpassung von Arbeitszeiten, Mindestlöhnen, Rentenalter und Bildungssystemen.

Wenn aber eine europäische Harmonisierung in diesen Bereichen angestrebt ist, warum wird diese dann nicht auch konsequent für andere Politikbereiche gefordert, wie etwa für das Bankensystem? Warum sollte es nur integrierte Märkte in der EU geben, aber keine integrierte, gesamteuropäische Sozialpolitik? Dazu müsste mehr reguliert werden. Doch hier vertreten insbesondere die beiden zentralen EU-Mitgliedstaaten Frankreich und Deutschland unterschiedliche Positionen. Die Euro-Rettung allein reicht nicht aus. Angesichts der Entwicklung der globalen Märkte sollte sich die EU z.B. eher für Mindeststandards in allen europäischen Ländern einsetzen.

Europa ist keine Insel. Die Zukunft Europas wird auch von den Entwicklungen in der Nachbarschaft abhängen. Die Krise in Südeuropa ist ja vorrangig ökonomisch und finanziell, während die im südlichen Mittelmeerraum politisch und sicherheitspolitisch ist, aber eben auch sozioökonomisch. Natürlich ist die Mittelmeerregion sehr heterogen, aber ab 2011 sind fast zeitgleich soziale Protestbewegungen rund ums Mittelmeer entstanden, von Tunesien über Ägypten und Libyen, hin nach Spanien, Israel, in die Türkei oder Griechenland. Auch wenn die Ursachen und Kontexte teilweise sehr unterschiedlich sind, so konnte man doch ähnliche Protestformen beobachten und gegenseitige Einflüsse etwa bei der Organisation von Protesten mit Hilfe neuer Netzwerke.

Seit 2008/2009 sind die Handelsbeziehungen zwischen Südeuropa und dem südlichen Mittelmeerraum aufgrund der Wirtschafts- und Finanzkrise rückläufig. Die südeuropäischen Staaten haben weniger aus Nordafrika importiert (das betrifft Energie, Konsumartikel, Textilien, Lebensmittel), was wiederum die Krise in den arabischen Ländern verstärkt hat. Durch die politischen Umbruchsituationen kam es zu Unterbrechungen der Produktion, was wiederum zu Exportrückgängen in die EU geführt hat (Ausnahmen sind Israel und die Türkei).

Aufgrund der sicherheitspolitischen Lage in einigen Ländern ist der Tourismus in Nordafrika zurückgegangen (vor allem in Tunesien und Ägypten), was die ökonomische Krise verstärkt hat. Das hat sich wiederum positiv auf den Tourismus in Südeuropa ausgewirkt: Viele Urlauber, die sonst nach Tunesien oder Ägypten gefahren wären, haben Ferien in Südeuropa gemacht (etwa auf den kanarischen Inseln, in Spanien, Griechenland oder auf Zypern). Hier haben sich die Krisen gegenseitig verstärkt, aber zum Vorteil der südeuropäischen Ökonomien.

Auch die südeuropäischen Investitionen in Nordafrika sind stark zurückgegangen, zum einen wegen der Rezession in Südeuropa und wegen der politischen Umbrüche in Nordafrika. Die Direktinvestitionen von Dritten in Südeuropa wiederum sind auch rückläufig, und dies obwohl die Preise und Gehälter gesunken sind. Was die Hilfsgelder seitens der EU und der EU-Mitgliedstaaten für die arabischen Staaten betrifft, so kam es zwar teilweise zu neuen Programmen und Budgetlinien, aber insgesamt ist das Volumen an Hilfsgeldern der südeuropäischen EU-Mitgliedstaaten für den südlichen Mittelmeerraum zurückgegangen und teilweise mussten aus sicherheitspolitischen Gründen laufende Projekte gestoppt oder unterbrochen werden. Klar ist: Die Wirtschaftskrise hatte Auswirkungen auf die Migrationsbewegungen. So haben zum Beispiel aufgrund der Rezession in Südeuropa viele nordafrikanische Migranten ihre Arbeit verloren (z.B. in Spanien) und mussten teilweise zurück in ihre Herkunftsländer. So steigt das Konfliktpotenzial in Nordafrika. Andererseits hat sich der Pull-Faktor für Migration verschoben: Für viele der nordafrikanischen Zuwanderer liegt ihr Zielland jetzt eher in Nordeuropa als in Südeuropa.

"In der erhitzten Debatte über Flüchtlingsströme wird meist übersehen, dass der Großteil der Flüchtlinge innerhalb der Region bleibt und auf der Schulter der Nachbarstaaten lastet."

Anders als von vielen erwartet und prognostiziert, haben die politischen Umbrüche in der MENA-Region jedoch nicht zu massenhaften Migrationsbewegungen Richtung Europa geführt. In der erhitzten Debatte über vermeintliche Flüchtlingsströme wird meist übersehen, dass der Großteil der Flüchtlinge innerhalb der Region bleibt und auf der Schulter der Nachbarstaaten lastet (z.B. Libanon und Jordanien).

Hinzu kommt, dass Spanien, Portugal und Griechenland vor dem arabischen Frühling (2011) immer wieder als Positivbeispiele für die arabischen Transformationsländer genannt wurden, im Sinne einer gelungenen Transition von autoritären zu demokratischen Regimen, und aufgrund ihrer wirtschaftlichen Leistung und Entwicklung durch ihre EU-Mitgliedschaft. Für Marokko etwa galt Spanien lange als Orientierungsmodell und Vorbild. Angesichts der Rezession und hohen Jugendarbeitslosigkeit in Südeuropa, ist dieser Modellcharakter nun eher hinfällig und für den Reformwillen in den arabischen Staaten wenig förderlich.

Letztendlich hat die EU aufgrund ihrer Wirtschafts- und Außenhandelspolitik auch eine Mitverantwortung an der sozioökonomischen Situation in der MENA-Region, die wiederum einer der Auslöser und Push-Faktoren für Emigration nach Europa ist.

Die Vorstellungen darüber, wie eine Europäische Union zukünftig politisch und ökonomisch aussehen könnte, variiert nicht nur zwischen den Generationen, zwischen politischen Lagern, regionalen und lokalen Akteuren, zwischen Denkschulen und Individuen, sondern unter anderem auch zwischen den nord- und südeuropäischen Mitgliedstaaten. Der allgemeine Trend zur Renationalisierung lässt sich jedoch in allen Mitgliedstaaten finden – ein Resultat der Globalisierung, Beschleunigung und größeren Komplexität der Weltpolitik.

Aber auch unter den Nordeuropäern gehen die Meinungen über die Zukunft der EU auseinander. Während zum Beispiel Großbritannien gegen eine weitere Integration ist, befürwortet Deutschland diese; Frankreich möchte zwar eine starke EU, aber seine nationale Außen- und Sicherheitspolitik nicht aufgeben. Ebenso variieren die Meinungen unter den Südeuropäern: während Madrid eine eher nationalstaatliche Politik verfolgt, ist Katalonien zwar separatistisch, gleichzeitig aber sehr EU- orientiert. Unter Berlusconi in Italien waren ein Anti-EU-Kurs und nationale Alleingänge durchaus üblich. Nicht zuletzt in Griechenland ist die Anti-EU-Haltung durch die Sparauflagen eher gestiegen als gesunken.

Die unterschiedlichen Krisen innerhalb der EU bieten aber auch Chancen: Durch sie sind innereuropäische Diskussionen in Gang gekommen über soziale Ungerechtigkeit, übereine Neudefinition des Sozialvertrags in Europa, über die notwendige Reform der Bankensysteme, über fairere Handelsbedingungen und gerechtere Gehälter (Mindestlöhne, Mindeststandards für Arbeitnehmer) und nicht zuletzt über eine Postwachstumspolitik (z.B. Deglobalisierung von Herstellungsketten). All diese Elemente verdeutlichen auch den transnationalen Charakter der Herausforderungen, mit denen Europa konfrontiert ist.

Angesichts der alternden europäischen Gesellschaften, des Fachkräftemangels und des generellen Arbeitskräftemangels in bestimmten Sektoren, sowie angesichts der jungen Gesellschaften im südlichen Mittelmeerraum, ließe sich durchaus eine Win-Win-Situation für beide Seiten des Mittelmeers entwickeln. Europa muss in globaleren, weiteren Räumen denken, insbesondere gegenüber seinen Nachbarschaften – im Osten wie im Süden. Ziel sollte es sein, das Prinzip der offenen Gesellschaften zu erhalten. Offene Gesellschaften sind kein Luxus, sondern inhärenter Bestandteil europäischer Identität und Geschichte.

Neue Zuwanderungspolitik nötig

Gleichzeitig braucht Europa eine neue Zuwanderungspolitik, die den Entwicklungen des 21. Jahrhunderts entspricht. Damit ist vor allem eine nicht diskriminierende EU-Zuwanderungspolitik gemeint, ein besserer Schutz von Flüchtlingen und Menschen in Seenot, eine insgesamt menschliche Flüchtlingspolitik, alles in Übereinstimmung mit der Europäischen Menschenrechtskonvention und der Genfer Flüchtlingskonvention. Doch vor allem braucht die EU eine intensivierte Förderung legaler Zuwanderungsmöglichkeiten.

Schließlich ist ein neues, gemeinsames europäisches Narrativ nötig, das über die simple "Einheit durch Vielfalt" hinausgeht. Lange Zeit galten die Vereinigten Staaten und Australien als erfolgreiche, moderne Einwanderungsstaaten, denen es zumindest vordergründig gelang, Zuwanderer – unabhängig von nationalen, religiösen oder ethnischen Hintergrund – in den damaligen "Melting Pot" aufzunehmen und mittels übergeordneter, patriotischer Symbole, universeller Referenzen und Diskurse zu einer gesellschaftlichen Gemeinschaft werden zu lassen, in der jeder Immigrant die gleichen Chancen und Rechte hat.

Dass einzelne Ethnien wie schwarze US-Amerikaner oder lateinamerikanische US-Bürger trotz Multikulturalismus, Postkolonialismus oder "Politics of Identity and Difference" weiterhin mit Rassismus und Diskriminierung konfrontiert sind, hat nicht dazu geführt, dass diese sich der amerikanischen Nation weniger zugehörig fühlen.

Die berechtigte Kritik an der Melting-Pot-Integrationsstrategie ist, dass eher eine Integration durch kulturelle Assimilation gemeint war, also die Vermischung von verschiedenen; Kulturen und Werten zu einer gemeinsamen, integrierten nationalen Kultur. Ziel war es, eine Art homogene nationale Kultur zu bilden, die einen starken Gemeinsinn entwickelt, statt ein respektvolles Neben-und Miteinander von verschiedenen Traditionen und Religionen der Einwanderer-Gruppen.

Eine andere Variante ist jene, in welcher Kulturen nicht miteinander verschmolzen werden, sondern jeder für sich seine eigenen, abgegrenzten Kulturen lebt, wie zum Beispiel  das "Salad Bowl Konzept" oder das "multikulturelle Mosaik" in Kanada, das unter anderem auch auf der gezielten Förderung von kulturellen Praktiken und Sprachen beruht. Das plurikulturelle Miteinander-Modell in Kanada ist geprägt von Prinzipien der Chancengleichheit und Toleranz gegenüber kultureller Differenz. Abgesehen von konzeptionellen und praktischen Umsetzungsdefiziten ist es den Vereinigten Staaten von Amerika, Australien und Kanada gelungen, im Laufe der Jahrhunderte Menschen aus aller Welt mit verschiedenen Religionen, Kulturen und Traditionen zu offenen, demokratischen Gesellschaften zusammenzubringen.

Auch bildungs- und kulturpolitisch sind Australien und die Vereinigten Staaten in Bezug auf Inklusion und interkulturelle Praxis, insbesondere in der Frühpädagogik, teilweise weiter als die europäischen Bildungssysteme. Dort wird bereits vom Kleinkindalter an kulturelle Toleranz und sozialer Umgang mit kulturellen Unterschieden und kultureller Vielfalt (diversity) eingeübt und so häufig zu einer Selbstverständlichkeit. Das Community-Konzept wird gezielt gefördert und auch in die Praxis umgesetzt. Deutsche Bildungseinrichtungen hinken hier teilweise hinterher und lassen häufig die Kleinkind- und Schülergenerationletztendlich alleine mit ihren neuen sozialen, (multi-, pluri-, trans-, inter-)kulturellen und identitären Aushandlungsprozessen. Während kulturelles und soziales Miteinanderverschiedener Migrationsbiografien einerseits Alltag und nichts Besonderes mehr ist, leben gleichzeitig nationale Identitäten, Klischees und Vorurteile weiter. Der wirkliche interkulturelle Austausch bleibt oft trotz guten Willens begrenzt. Gleichzeitig fehlt ein inklusives europäisches bzw. transnationales Gesellschaftskonzept, das einen philosophischen Überbau für vergleichbare, neue pädagogische Konzepte bieten könnte. Was nach innen fehlt, fehlt auch nach außen, etwa in Bezug auf den Mittelmeerraum.

Denn es gilt, diesen als einen gemeinsamen Raum zu betrachten und nicht als eine Grenze. Dazu gehört auch, die euro-mediterranen Beziehungen neu zu denken, neu zu definieren, im Sinne von geteiltem Wohlstand (Handelspolitik), Nachhaltigkeit, Mobilität, guter Nachbarschaft, Beziehungen auf Augenhöhe, zivilgesellschaftlicher Kooperation, einer ausgewogeneren Machtverteilung zwischen der EU und den südlichen und östlichen Mittelmeerländern, einer neuen Vision für eine langfristig orientierte EU-Strategie, die auf eine Integration und Inklusion der Mittelmeerregion abzielt. Wenn dies nicht geschieht, so wird sich die sozioökonomische Lage im südlichen Mittelmeerraum noch weiter verschlechtern, und damit noch mehr soziales Protestpotential und tendenziell mehr Emigration Richtung Europa entstehen.

Europa: Festung oder Sehnsuchtsort? Kultur und Migration / EUNIC, ... (Hg.). – Göttingen: Steidl , 2015. – 300 S. – (Kulturreport, EUNIC-Jahrbuch)

Europa: Festung oder Sehnsuchtsort? Kultur und Migration / EUNIC, ... (Hg.). – Göttingen: Steidl , 2015. – 300 S. – (Kulturreport, EUNIC-Jahrbuch)
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Isabel Schäfer, Politikwissenschaftlerin, ist Dozentin am Institut für Sozialwissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin und leitet das Projekt "Mittelmeer Institut Berlin (MIB)"