Porträtfoto von Edris Joya, einem Journalisten aus Afghanistan
Der Journalist Edris Joya hat 2015 ein mehrsprachiges Medienangebot für Geflüchtete ins Leben gerufen. Foto: Privat

Flucht.Punkt: Ein Internetangebot für Geflüchtete

"Nicht nur die negativen Seiten der Flucht"

Als Edris Joya 2010 nach Deutschland kam, gab es kaum Medien, in denen er sich über sein neues Zuhause informieren konnte. Kurzerhand gründete er selbst ein Medienangebot für Geflüchtete. Gemeinsam mit Ehrenamtlichen aus ganz Europa berichtet er heute auf der Website "the voice of refugees" über Themen wie Flucht, Krieg und Europa. Im Interview spricht der afghanische Journalist und Menschenrechtsaktivist über positive Seiten der Flucht, deutsche Medien und seine aktuellen Projekte.

Von Siri Gögelmann

ifa: Edris, im Mai 2015 hast du das Internetangebot "the voice of refugees" ins Leben gerufen. Um was geht es bei dem Projekt?

Edris Joya: Als ich 2010 nach Deutschland kam gab es kaum Seiten oder Quellen, über die ich mich auf meiner Muttersprache informieren konnte. Die einzigen Möglichkeiten waren DW Dari und BBC Persian. Die deutschen Medien habe ich bei meiner Ankunft in Deutschland einseitig, deutschsprachig, staatlich und mit wenigen positiven Berichten wahrgenommen. Gemeinsam mit ein paar Freunden aus anderen europäischen Ländern habe ich mich entschieden, eine Facebook-Seite zu gründen, wo sich jeder Dari beziehungsweise Persisch sprechende Mensch informieren kann. Ein Medienangebot für Geflüchtete ist wichtig, denn wir leben zwar in der gleichen Gesellschaft, aber nicht jeder spricht die gleiche Sprache und nicht jeder kennt sich mit der anderen Kultur aus.  

ifa: Die Bilder auf euren Seiten zeigen Menschen auf der Flucht, Proteste gegen Abschiebungen und Eindrücke aus Afghanistan. Dazwischen Fotos von Sportveranstaltungen. Welche Themen sind für Geflüchtete besonders relevant?

Joya: Wir zeigen nicht nur die negativen Seiten der Flucht. Wir zeigen auch Bilder und Videos über die positiven Seiten. Zum Beispiel die Geschichte eines jungen Afghanen, der vor zwei Jahre nach Deutschland flüchtete und heute in einer Profimannschaft Fußball spielt. Oder die Geschichte eines 16-jährigen Mädchens, das noch nicht einmal zwei Jahre hier in Deutschland lebt und jetzt angefangen hat, ein Buch auf Deutsch zu schreiben.
 
ifa: Dieser Ansatz scheint bei den Menschen gut anzukommen: Auf Facebook folgen euch knapp 225.000 Personen, bei Instagram habt ihr mehr als 25.000 Abonnenten. Wer sind die Menschen, die eure Seiten nutzen?

Joya: Unsere Follower sind meistens Persisch sprechende Menschen. Sie leben in verschiedenen Kontinenten auf der ganzen Welt und sind zwischen 29 und 33 Jahre alt.

ifa: Eure Artikel, Fotos und Videos veröffentlicht ihr auf Facebook, Twitter, Instagram und Youtube sowie auf einer eigenen Website. Wer steckt denn hinter den Artikeln?

Joya:
Unsere Redaktion besteht aus freien Journalisten, Grafikern und Menschenrechtsaktivisten. Wir sind professionelle Redakteure, arbeiten jedoch ehrenamtlich. Jeder von uns hat einen eigenen Schwerpunkt. Trotzdem gehen wir jedes Thema redaktionell zusammen durch. Teilweiße kooperieren wir auch mit anderen Medienangeboten.

ifa: Und wie finanziert ihr euch?

Joya:
Wir sind politisch und staatlich unabhängig. Am Anfang haben wir kaum Geld gebraucht. Aber seit wir die Website haben, fallen Gebühren an. Das bezahlen wir bisher aus der eigenen Tasche.

ifa: Gehen die deutschen Medien deiner Meinung nach heute besser auf geflüchtete Menschen ein?

Joya: Die deutschen Medien haben jetzt auch gemerkt, dass ein großes Potenzial bereits da ist. Immerhin das. Sogar konservative deutsche Medien haben mittlerweile mehr oder weniger Angebote für die Zielgruppe "Ausländer".

ifa: Als ich eure Seite angeschaut habe, war ich ein bisschen enttäuscht: Alle Inhalte sind auf Persisch, Darisch oder Paschtu. Plant ihr, in Zukunft auch Texte ins Deutsche oder Englische zu übersetzen?

Joya: Ja, das haben wir natürlich vor. Aber dafür benötigen wir Unterstützung in den verschiedenen Sprachen. Wir können auf unseren Muttersprachen schneller reagieren. Aber Ende Januar 2017 habe ich noch eine andere Facebook-Seite gegründet. Sie heißt "Afghanistan ist kein sicheres Land". Auf der Seite veröffentlichen wir auf drei Sprachen: Deutsch, Farsi und Englisch. Zwei Drittel unsere Follower auf dieser Seite sind Deutsche. Wir wollen in Zukunft noch produktiver werden, deshalb freuen wir uns über jede Unterstützung, die wir bekommen.

ifa: Vielen Dank für das Gespräch.

Foto: Linh Nguyen, escape (CC0)

Die Serie Flucht.Punkt beleuchtet das Thema "Flucht.Migration.Kultur" aus verschiedenen Perspektiven. Zu Wort kommen Autoren, Künstler und Wissenschaftler sowie Menschen, die sich im Bereich Flucht und Migration engagieren.

Scott Webb, via Unsplash