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Die Ausgegrenzten der Moderne

Die Ghettos in Frankreich für Einwanderer, von denen man erwartete, dass sie binnen kurzem von etablierten städtischen Strukturen assimiliert würden, hatten ursprünglich den Charakter von Transitstationen. Sie verwandelten sich jedoch in "Ausschlussgebiete", als der Arbeitsmarkt dereguliert war. Dann verdichteten sich die Ressentiments der etablierten Bevölkerung, so der 1925 geborene große Soziologe Zygmunt Bauman, zu einer undurchdringlichen Mauer, die die Neuankömmlinge ausschloss. 

Von Zygmunt Bauman 

Der französische Soziologe Philippe Robert fand im Rahmen seiner umfassenden Studie zur Genealogie moderner Ängste heraus, dass seit den frühen Jahren des 20. Jahrhunderts (das bedeutet zugleich: seit den frühen Jahren des Sozialstaates – was mehr als nur ein bloßer Zufall ist) die Ängste vor dem Verbrechen allmählich nachließen. Dieser Trend hielt über einen längeren Zeitraum an, bis es Mitte der Siebzigerjahre zu einer plötzlichen, eruptiven Panikreaktion in der Frage der „persönlichen Sicherheit“ kam, die sich in Frankreich auf das kriminelle Potenzial konzentrierte, das sich offensichtlich in den Vorortsiedlungen entwickelte, den banlieues, in denen vor allem Einwanderer lebten.

Nach Roberts Ansicht ging dort eine "Zeitbombe" los: Mit dem langsamen, aber stetigen Abbau der Kollektivversicherung, die der Sozialstaat bot, und der raschen Deregulierung des Arbeitsmarktes hatten sich über einen längeren Zeitraum höchst brisante Sicherheitsprobleme angesammelt. Die Einwanderer gaben in ihrer neuen Rolle als "Gefahr für die allgemeine Sicherheit" einen passenden alternativen Brennpunkt für die Besorgnisse ab, die sich aus der plötzlichen Wackeligkeit und Anfälligkeit sozialer Rangstufen entwickelten. So wurden sie zu einem vergleichsweise bequemen Ventil für die Entladung von Angst und Zorn, die solche Besorgnisse unweigerlich hervorbrachten.

Nach Einschätzung des deutschen Strafrechtlers und Kriminologen Hans-Jörg Albrechts ist hier nur die Verbindung zwischen Einwanderung und öffentlicher Besorgnis über die Zunahme an Gewalt und die allgemeine Sicherheit wirklich neu; ansonsten hat sich seit den Anfängen des modernen Staates nicht viel geändert – die folkloristischen Darstellungen von Teufeln und Dämonen, die einst die diffusen Sicherheitsbedenken der Menschen "aufsaugten", seien zu "Gefahren" und "Risiken" umgestaltet worden.

Die Dämonisierung, so Albrecht, ist durch das Konzept und die Strategie der "allgemeinen Gefährdung" (dangerisation) ersetzt worden. Politische Herrschaft ist deshalb auch teilweise vom abweichenden Anderen und der Mobilisierung von Sicherheitsbedürfnissen abhängig geworden. Politische Macht, ihre Errichtung wie auch ihre Bewahrung, hängen heute von sorgfältig ausgewählten Wahlkampfthemen ab, wobei der Sicherheit (und dem Empfinden von Unsicherheit) herausragende Bedeutung zukommt.
Und Einwanderer, das soll hier festgehalten werden, erfüllen einen solchen Zweck besser als jede andere Kategorie echter oder vermeintlicher Schurken. Es besteht eine Art "Wahlverwandtschaft" zwischen den Einwanderern (dem Menschen-Abfall aus fernen Winkeln des Planeten, der in "unserem Hinterhof" abgeladen wurde) und den unerträglichsten unter unseren eigenen Ängsten aus heimischem Anbau.

Wenn alle Rangfolgen und sozialen Statuszuweisungen unsicher werden und nicht mehr als verlässlich gelten, streut der Anblick von Einwanderern Salz in die offene Wunde. Einwanderer, und ganz besonders die zuletzt Angekommenen unter ihnen, verströmen den schwachen Geruch der Müllhalde, der die potentiellen Opfer zunehmender Verwundbarkeit nachts auf vielerlei Art heimsucht. Die Einwanderer verkörpern – sichtbar, greifbar, körperlich fassbar – für diejenigen Menschen, die sie öffentlich herabsetzen und mit ihrem Hass verfolgen, die zwar unausgesprochene, aber dennoch schmerzhafte Vorahnung ihrer eigenen Entbehrlichkeit. Würden die Einwanderer nicht bereits an unsere Tür klopfen, so ist man versucht zu sagen, dann müssten sie erfunden werden … Sie liefern den Regierungen ein ideales "abweichendes Anderes", ein äußerst willkommenes Ziel für "sorgfältig ausgewählte Wahlkampfthemen". 

Die Regierungen mussten einen großen Teil ihrer hoheitlichen Vorrechte und Handlungsmöglichkeiten an die Kräfte der Globalisierung abtreten, denen sie nicht widerstehen und die sie auch nicht kontrollieren können; sie haben keine andere Wahl, als sich "sorgfältig" diejenigen Ziele "auszuwählen", derer sie (wahrnehmbar) Herr werden, auf die sie rhetorische Salven abfeuern und denen sie ihre Muskeln zeigen können, während ihnen die dankbaren Untertanen dabei zuhören und zusehen.

Treib- und Strandgut der planetaren Ströme

Die Assoziation von Terroristen mit Asylbewerbern und "Wirtschaftsmigranten" erfüllte ihren Zweck, so übergeneralisiert, ungerechtfertigt, ja sogar bizarr sie auch ausgefallen sein mochte: Die Gestalt des "Asylbewerbers", die einst mitmenschliche Gefühle und große Hilfsbereitschaft auslöste, wurde mit Schmutz überzogen und verunglimpft, während der bloße Begriff des "Asyls", einst eine Angelegenheit des zivilen und zivilisierten Stolzes, zu einer schrecklichen Mischung aus schmählicher Naivität und krimineller Verantwortungslosigkeit umdefiniert wurde. Die "Wirtschaftsmigranten" verschwanden aus den Schlagzeilen und machten dort den finsteren, Gift brauenden und Krankheiten einschleppenden "Asylbewerbern" Platz. 

Dem Image der Ersteren nützte es auch nichts, dass sie, wie der niederländische Sicherheitsexperte Jelle van Buuren aufzeigte, all das verkörpern, was der vorherrschenden neoliberalen Gesinnung heilig ist und von dieser als Leitlinie gepriesen wird, die unser aller Verhalten bestimmen sollte (dazu gehören: "Streben nach Fortschritt und Wohlstand, Verantwortung des Einzelnen, Risikobereitschaft usw."). 

Das Treib- und Strandgut der planetaren Ströme menschlichen Abfalls konnte nun trotz aller Mühen die summarische Anklage, einer terroristischen Verschwörung anzugehören, nicht mehr abschütteln, die sich nun einmal mit "Leuten wie ihnen" verband, denn die Anklage wegen "Schnorrens" und Festhaltens an bösartigen und verrufenen Gewohnheiten und Überzeugungen bestand bereits. Dies ist die neue Funktion der überflüssigen Existenzen und besonders derjenigen unter ihnen, die es bis an die Wohlstandsgestade geschafft haben. 

Die Vorstellungen, die sich mit "Wirtschaftsmigranten" und "Asylbewerbern" verbinden, stehen jeweils für "nutzlose Menschen". Es spielt keine Rolle, welche der beiden Begriffe benutzt wird, um Ablehnung und Zorn zu wecken, das Objekt der Ablehnung und das Ziel, gegen das sich der Zorn richtet, sind im Wesentlichen identisch. Auch der Zweck der Übung bleibt unverändert: die vermoderten und zerfallenden Mauern, die den geheiligten Unterschied zwischen dem "Drinnen" und dem "Draußen" schützen, sollen verstärkt (gerettet? neu aufgerichtet?) werden, und dies in einer sich globalisierenden Welt, die Flüchtlingen wenig bis keinen Respekt erweist und sie routiniert missachtet. 

Der einzige Unterschied zwischen beiden Arten "nutzloser Menschen" ist der: Asylbewerber sind tendenziell das Produkt sukzessiv ablaufender Phasen Ordnung planenden und Ordnung schaffenden Eifers, Wirtschaftsmigranten dagegen ein Nebeneffekt ökonomischer Modernisierung, die, wie bereits erläutert, den ganzen Globus inzwischen vollständig erfasst hat. Der Ursprung beider Arten "menschlichen Abfalls" ist gegenwärtig globaler Natur, doch es gibt keine global tätigen Institutionen, die willens und in der Lage wären, das Problem wirksam an der Wurzel zu bekämpfen – die geradezu wütende Suche nach lokal umsetzbaren Antworten auf das globale Abfallentsorgungs- und/oder Recycling- Problem kann deshalb kaum überraschen. 

"Menschlicher Abfall" kann noch eine weitere nützliche Funktion haben, damit sich in dieser Welt nichts ändern muss. Flüchtlinge, Heimatlose, Asylbewerber, Migranten, alle Menschen ohne Papiere – sie sind der Abfall der Globalisierung. Doch in unserer heutigen Zeit sind sie nicht der einzige "Abfall", der in immer größeren Mengen anfällt. Es gibt auch noch den "traditionellen" industriellen Abfall, der von Anfang an zur modernen Produktion gehörte. Seine Entsorgung ist keineswegs einfacher als die Entsorgung des menschlichen Abfalls, und die Probleme werden immer größer – aus den gleichen Gründen wie auf der menschlichen Seite: Sie begleiten den wirtschaftlichen Fortschritt, der sich bis in die letzten Ecken und Winkel dieses "vollen" Planeten ausbreitet und dabei alle verbliebenen alternativen Lebensformen jenseits der Konsumgesellschaft niedertrampelt. 

Konsumenten in einer Konsumgesellschaft – wie die Bewohner von Italo Calvinos Leonia – brauchen Müllmänner, viele Müllmänner, und zwar solche, die sich nicht scheuen, das in die Hand zu nehmen und abzuarbeiten, was bereits für den Abfallhaufen bestimmt ist. Doch die Konsumenten sind nicht gewillt, die Arbeit der Müllmänner selbst zu übernehmen. Schließlich sind sie dazu erzogen worden, die Dinge zu genießen, und nicht dazu, an ihnen zu leiden. Man hat sie dazu angehalten, jede Art von Langeweile, Plackerei und ödem Zeitvertreib zurückzuweisen. Man hat sie darauf gedrillt, Gerätschaften zu finden, die das für sie erledigen, was sie früher selbst erledigten. Sie sind auf eine Welt eingestellt, in der alles gebrauchsfertig ist, auf eine Welt der sofortigen Bedürfnisbefriedigung. 

Das sind die Freuden, um die sich ein Konsumentenleben dreht. Das ist das Wesen des Konsumismus – und dazu gehören ganz gewiss keine Tätigkeiten in schmutzigen, scheußlichen, ermüdenden oder schlicht langweiligen Jobs, die "keinen Spaß" machen. Mit jedem neuen Triumph des Konsumismus wächst auch der Bedarf an Müllmännern, und die Zahl der Menschen, die in diesen Berufszweig einsteigen wollen, nimmt ab. Menschen, deren herkömmliche Art, den eigenen Lebensunterhalt zu verdienen, zwangsweise entwertet und auf die Streichliste gesetzt wurde; Menschen, die selbst schon dem Abfall zugeordnet wurden, können nicht wählerisch sein. 

In ihren Träumen mögen sie sich selbst ein Leben als Konsumenten ausmalen, doch ihr Alltag wird von der Sorge ums physische Überleben bestimmt, nicht vom Schwelgen im Konsum. Die Bühne ist bereitet für die Begegnung der abgewiesenen Menschen mit den Hinterlassenschaften des Konsumrausches. Tatsächlich scheinen beide Seiten wie füreinander bestimmt … 

Hinter dem farbenfrohen Vorhang des freien Wettbewerbs und gleichberechtigten Handels wartet der homo hierarchicus. In der Kastengesellschaft konnten (und mussten) nur die Unberührbaren unberührbare Dinge in die Hand nehmen. 

Abschottende Kontinente

In der Welt globaler Freiheit und Gleichheit sind Länder und ihre Menschen einer Kastenhierarchie zugeordnet. Nicht aller Industrie- und Haushaltsmüll kann an entlegene Orte transportiert werden, wo dann der "Menschenabfall" für ein paar Cent den gefährlichen und schmutzigen Job der Müllentsorgung erledigen soll. Die unvermeidliche Begegnung zwischen materiellem und "menschlichem Abfall" kann auch näher an der Heimat arrangiert werden. 

Eine immer populärere Lösung ist nach der kanadischen Journalistin und Publizistin Naomi Klein das "mehrschichtige regionale Bollwerk". (Bei diesem Konzept übernahm die Europäische Union eine Vorreiterrolle, doch die Vereinigten Staaten zogen rasch nach.)

"Ein Festungskontinent ist ein Bündnisblock von Ländern, die ihre Kräfte vereinigen, um anderen Ländern günstige Handelsbeziehungen abzutrotzen. Zugleich kontrollieren die Verbündeten ihre gemeinsame Außengrenze scharf, um die Menschen aus jenen Ländern fernzuhalten. Wenn ein Kontinent jedoch wirklich zur Festung werden will, muss er ein oder zwei arme Länder in seine Mauern aufnehmen, weil irgendjemand die Drecksarbeit übernehmen und die schweren Lasten tragen muss." 

Die Festung Amerika umfasst das North America Free Trade Agreement (NAFTA); um diese Freihandelszone zu schaffen, wurden Kanada und Mexiko in den US-Binnenmarkt aufgenommen. (Naomi Klein merkt hierzu an: "Nach dem Erdöl ist die Arbeitskraft der Einwanderer der Treibstoff des Wirtschaftslebens im Südwesten" der USA.) Das Freihandelsabkommen wurde im Juli 2001 durch den „Plan Sur“ ergänzt, demzufolge die mexikanische Regierung die Verantwortung für die intensive polizeiliche Bewachung der Südgrenze übernimmt; auf diese Weise soll die Flut des verarmten menschlichen Abfalls, die aus den Ländern Lateinamerikas in die USA drängt, gestoppt werden. 

Die mexikanische Polizei stellte seitdem Hunderttausende von Migranten, nahm sie in Haft und schob sie ab, bevor sie die US-Grenze erreichten. Und was die Festung Europa betrifft: "Polen, Bulgarien, Ungarn und die Tschechische Republik sind die postmodernen Sklaven. Dort stehen die Niedriglohn- Fabriken, in denen Kleidung, Elektroartikel und Automobile für 20 bis 25 Prozent der Produktionskosten in Westeuropa hergestellt werden." 

Innerhalb der Festungskontinente ist "eine neue soziale Hierarchie" entstanden, im Bestreben, ein Gleichgewicht zwischen zwei krass einander widersprechenden, doch gleich wichtigen Zielen zu finden: Es geht um absolut dichte Grenzen bei gleichzeitigem Zugang zu billigen, anspruchslosen und willigen Arbeitskräften, die alles annehmen und tun, was ihnen angeboten wird; oder um Freihandel bei gleichzeitigem Nachgeben gegenüber Anti- Einwanderer-Stimmungen. "Wie bleibt man offen fürs Geschäft und zugleich geschlossen für Leute?", fragt Klein. Und antwortet: "Das ist leicht. Zuerst erweitert man die Peripherie. Dann macht man dicht." 

Flüchtlinge und Einwanderer, die von "weit her" kommen, sich jedoch in der Nachbarschaft niederlassen wollen, eignen sich vorzüglich für die Rolle der Strohpuppe, die als Symbol für das Schreckgespenst der "globalen Marktkräfte" verbrannt wird, denn sie treffen auf Furcht und Ablehnung, weil sie ihre Arbeit tun, ohne sich mit denen zu beraten, auf die sich ihre Präsenz auswirken wird. Asylbewerber und "Wirtschaftsmigranten" sind im Grunde kollektive Ebenbilder (ein Alter Ego? Mitläufer? Spiegelbilder? Karikaturen?) der neuen Machtelite in einer globalisierten Welt, die allgemein (und zu Recht) als wahrer Schurke des Stückes verdächtigt wird. 

Sie sind, ebenso wie diese Elite, nicht an einen bestimmten Ort gebunden, und sie sind unstet und unberechenbar. Und wie jene Elite verkörpern sie den unergründlichen "Raum der Ströme", in dem sich die Wurzeln der heutigen Unsicherheit befinden, die die menschliche Gesellschaft prägt. Auf der Suche nach anderen, geeigneteren Ventilen reiben sich die Sorgen und Ängste an den verfügbaren Zielen und treten als allgemeine Ablehnung und Angst vor den "Fremden nebenan" wieder ans Tageslicht. Die allgemeine Ungewissheit lässt sich nicht in einer direkten Konfrontation mit der anderen Verkörperung von Extraterritorialität entschärfen oder zerstreuen: Die globale Elite bewegt sich außerhalb der Reichweite menschlicher Kontrolle. Sie ist viel zu mächtig, um sich in direkter Konfrontation herausfordern zu lassen, selbst wenn ihr genauer Standort bekannt wäre (was nicht der Fall ist). Flüchtlinge sind dagegen ein klar erkennbares und unbewegtes Ziel für die unbewältigten Qualen. 

Ich möchte hinzufügen, dass die "Etablierten" allen Grund haben, sich bedroht zu fühlen, wenn sie mit einem Zustrom von "Außenseitern" konfrontiert werden (um Norbert Elias’ denkwürdige Begriffe zu zitieren), mit dem Abfall des weltweiten Triumphs der Moderne, aber auch mit einer neuen sich weltweit entwickelnden Unordnung. Zusätzlich zur Verkörperung des "großen Unbekannten", das alle "Fremden in unserer Mitte" darstellen, bringen diese besonderen Außenseiter, die Flüchtlinge, fernen Kriegslärm, den Gestank verbrannter Häuser und zerstörter Dörfer mit, der die Sesshaften unweigerlich daran erinnert, wie leicht der Kokon ihrer sicheren und vertrauten (sicheren, weil vertrauten) Gewohnheiten durchstoßen und zermalmt wer- den kann und wie trügerisch die Sicherheit sein muss, die ihre Sesshaftigkeit bietet. Der Flüchtling, so drückte es Bertolt Brecht 1941 in seinem Gedicht "Die Landschaft des Exils" aus, ist "ein Bote des Unglücks". 

Im Nachhinein können wir erkennen, dass es in der modernen Geschichte eine echte Wasserscheide gab, nämlich die Dekade, die die "glorreichen dreißig Jahre" des Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg, die Jahre der Sozialpartnerschaft und des entwicklungspolitischen Optimismus, der mit der Auflösung des Kolonialsystems und dem Aufblühen "neuer Nationen" einherging, von der "schönen neuen Welt" der aufgelösten oder löchrigen Grenzen, der Informationsflut und ungezügelten Globalisierung trennte; der Welt des Konsumrausches im wohlhabenden Norden und eines "sich intensivierenden Gefühls der Verzweiflung und des Ausgeschlossenseins in einem großen Teil der übrigen Welt", das aus "dem Spektakel des Reichtums auf der einen Seite und der bitteren Armut auf der anderen" entstand, so der britische Soziologe Steward Hall. In jenem Jahrzehnt änderten sich die Rahmenbedingungen, unter denen sich Männer und Frauen den Herausforderungen des Lebens stellen müssen, ebenso unmerklich wie radikal. Bestehende Lebensweisheiten wurden entwertet und eine gründliche Revision und Überprüfung der persönlichen Lebenspläne war gefragt.

Rigide Grenzen zwischen uns und ihnen

Ein schicksalhafter Aspekt des Umgestaltungsprozesses zeigte sich relativ früh, und er ist seitdem auch gründlich dokumentiert worden: der Übergang von einem "Sozialstaatsmodell” einer alle Menschen umfassenden, inklusiven Gemeinschaft zu einem "das Strafrecht betonenden", "mit Strafe drohenden", "das Verbrechen bekämpfenden" und zum Ausschluss neigenden Staat. 

Der dänische Migrationsexperte Ulf Hedetoft hält fest, dass "die Grenzen zwischen uns und ihnen gegenwärtig rigider" als je zuvor gezogen werden. Zudem, dass die Grenzen sich zu so etwas wie "asymmetrischen Membranen" entwickelt haben, die den Ausgang gestatten, aber "gegen den unerwünschten Eintritt von Elementen der anderen Seite" schützen. 

"Die Kontrollmaßnahmen an den äußeren Grenzen sind verschärft worden, aber, und das ist genauso wichtig, auch das Verfahren bei der Visumvergabe in den Auswanderungsländern im ,Süden‘ wird strenger gehandhabt." Die Grenzen "haben sich ausdifferenziert, ebenso die Grenzkontrollen, die nicht mehr nur an den üblicherweise dafür vorgesehenen Orten stattfinden, […] sondern auch in Flughäfen, Botschaften und Konsulaten, in Zentren für Asylbewerber und im virtuellen Raum, letzteres in Form intensiverer Zusammenarbeit zwischen Polizei und Einwanderungsbehörden in den verschiedenen Ländern." 

Waren Familien- und kommunale Betriebe einst in der Lage und auch willens, alle Neugeborenen aufzunehmen, ihnen Arbeit und Lebensunterhalt zu verschaffen und zumeist auch ihr Überleben zu sichern, sind sie nach der Kapitulation vor globalen Zwängen und der Öffnung des eigenen Territoriums für die ungehinderte Zirkulation von Kapital und Waren unrentabel geworden. Die Neulinge im Kreis der Modernen durchleben erst jetzt die Phase der Trennung des Erwerbslebens vom Familienhaushalt, die die Pioniere der Moderne schon vor Hunderten von Jahren durchgemacht haben, mit all den Begleitumständen sozialer Unruhe und menschlichen Elends, aber auch mit dem Luxus globaler Lösungen für lokal erzeugte Probleme – es gab eine Fülle "menschenleerer Niemandsländer", die als bequeme Entsorgungsstätten für die überschüssige Bevölkerung dienten, die von einer Wirtschaft, die sich aus familiären und kommunalen Bindungen emanzipiert hatte, nicht mehr aufgenommen wurde; den Zuspätkommern steht diese Luxuslösung nicht mehr zur Verfügung. 

Zu den "lokalen Lösungen für globale Probleme", zu denen sich die "Zuspätkommer der Moderne" gezwungen sehen oder die sie von selbst praktizieren, gehören Stammeskriege und Massaker sowie das verbreitete Wüten von "Guerillaarmeen" (die sich häufig kaum von schlecht verkleideten Banditenhorden unterscheiden), die sich gegenseitig dezimieren und dabei auch den "Bevölkerungsüberschuss" (zumeist die jungen Menschen, die im eigenen Land eine Chance auf Arbeit und eine lebenswerte Zukunft haben) aufnehmen und beseitigen. Das ist, kurz gesagt, "Nachbarschaftskolonialismus" oder "Imperialismus des armen Mannes". 

Dabei werden Hunderttausende von Menschen aus ihren Häusern verjagt, ermordet oder, wenn sie das nackte Leben retten wollen, über die Landesgrenze getrieben. Der einzige blühende Industriezweig in den Heimatländern dieser Verspäteten (die zur Ablenkung und Täuschung als "Entwicklungsländer" bezeichnet werden) ist möglicherweise die massenhafte Produktion von Flüchtlingen. Es sind die in immer größerer Zahl auftretenden Produkte dieser Industrie, die der britische Premierminister "in der Nähe ihrer Heimatländer" untergebracht sehen will, in provisorischen, doch zugleich auf einen langen Zeitraum an- gelegten Lagern (die zur Ablenkung und Täuschung als "sichere Zufluchtsorte" bezeichnet werden); so werden dann die ohnehin bereits nicht mehr zu bewältigenden Probleme, die die unmittelbaren Nachbarn mit der "überschüssigen Bevölkerung" haben, weiter verschlimmert – und diese Nachbarn betreiben bereits, wohl oder übel, eine ähnliche Industrie. 

Das Ziel besteht darin, "lokal erzeugte Probleme" im lokalen Bereich zu halten und dabei alle Versuche der Verspäteten, dem Beispiel der Pioniere der Moderne zu folgen, in dem sie globale (und damit die einzig effektiven) Lösungen für lokal erzeugte Probleme anstreben, im Keim zu ersticken. 

Die Bemühungen, den Andrang von "Wirtschaftsmigranten" aufzuhalten, sind jedoch, bei aller Ernsthaftigkeit, nicht hundertprozentig erfolgreich, können es vielleicht auch gar nicht sein. Anhaltendes Elend lässt Millionen Menschen verzweifeln, und in der Ära des "globalen Grenzlandes" und der globalisierten Kriminalität kann man kaum erwarten, dass es an "Unternehmen" mangelt, die aus dieser Verzweiflung Kapital schlagen wollen, ein paar Dollar, vielleicht auch ein paar Millionen Dollar. 

Daraus ergibt sich die zweite ernstzunehmende Konsequenz des gegenwärtigen Umwandlungsprozesses: Millionen von Migranten, die sich auf den Routen bewegen, die einst die aus den Treibhäusern der Moderne entlassene "Überschussbevölkerung" nahm – diesmal in umgekehrter Richtung und ohne Unterstützung (bisher jedenfalls) durch die Armeen der Konquistadoren, Händler und Missionare. Das ganze Ausmaß dieser Konsequenz und ihrer vielfältigen Auswirkungen muss erst noch entschlüsselt und in all seinen Verästelungen analysiert werden. 

Vor einigen Jahren wurde am High Court in London ein Fall verhandelt, bei dem es um die Rechtmäßigkeit der Behandlung von sechs Asylbewerbern ging, die vor Regimen geflohen waren, die offiziell als "böse" bezeichnet wurden und/oder regelmäßig die Menschenrechte verletzten oder ignorierten, wie zum Beispiel der Irak, Angola, Ruanda, Äthiopien und der Iran. Der Kronanwalt Keir Starmer trug dem Richter, Mr Justice Collins, vor, die in Großbritannien jüngst eingeführten Bestimmungen hätten Hunderte von Asylbewerben "so mittellos gemacht, dass sie ihren Fall nicht mehr weiterbetreiben konnten". 

Sie schliefen unter freiem Himmel, froren, waren hungrig, verängstigt und krank; einigen "blieben nur noch Telefonzellen und Parkplätze als Lebensraum". Sie erhielten "weder Geld noch Unterkunft noch Nahrung" und durften keine bezahlte Arbeit annehmen, waren aber zugleich von jeglichen Sozialleistungen ausgeschlossen. Und sie hatten keinerlei Einfluss darauf, wann und wo ihr Asylantrag behandelt wurde oder ob dies überhaupt geschah. Eine Frau, die nach mehrfacher Vergewaltigung und Misshandlung aus Ruanda entkommen war, musste auf einer Polizeiwache im Londoner Stadtteil Croydon die Nacht auf einem Stuhl verbringen – unter der Bedingung, dass sie nicht einschlief. Ein Mann aus Angola, der seinen erschossenen Vater und seine mehrfach vergewaltigte, nackte Mutter und Schwester vorgefunden hatte, erhielt keinerlei Unterstützung und schlief unter freiem Himmel. 

Die Zahl der heimat- und staatenlosen Opfer der Globalisierung wächst zu schnell, um mit den Planungen und Baumaßnahmen für neue Lager nachzukommen. Die Deregulierung von Kriegen ist eine der bedrohlichsten Auswirkungen der Globalisierung. Die meisten kriegsähnlichen Handlungen, zugleich auch die grausamsten und blutigsten Taten, die in diese Kategorie fallen, werden heute von nichtstaatlichen Vereinigungen ausgeführt, die weder staatlichen Gesetzen noch internationalen Konventionen unterworfen sind. Sie sind zugleich Ergebnis und Begleiterscheinung wie auch eine machtvolle Ursache der beständigen Erosion staatlicher Souveränität und fortdauernder Grenzland-Bedingungen im "zwischenstaatlichen" globalen Raum. Antagonismen zwischen verschiedenen Volksgruppen brechen offen aus, weil die Hand des Staates schwächer wird oder, im Fall "neuer Staaten", diese Hand nie genug Zeit bekam, um kräftig zu werden; sobald die Antagonismen nicht mehr im Zaum gehalten werden, sind die noch im Entstehen begriffenen ebenso wie die vom Staat bereits verabschiedeten Gesetze nicht mehr durchsetzbar und praktisch null und nichtig. 

Die gesamte Bevölkerung findet sich dann in einem rechtlosen Raum wieder; derjenige Teil, der sich für die Flucht vom Schlachtfeld entscheidet und es tatsächlich schafft zu entkommen, gerät in eine andere Art von Gesetzlosigkeit – die des globalen Grenzlandes. 

Sind die Flüchtlinge erst einmal jenseits der Grenzen ihres Heimatlandes, fehlt ihnen der Rückhalt durch eine anerkannte Staatsmacht, die ihnen Schutz gewähren, ihre Rechte verteidigen und sich bei fremden Regierungen für sie verwenden könnte. Flüchtlinge sind staatenlos, und dies in einem neuen Sinn: Durch das Fehlen einer staatlichen Autorität, auf die sich ihre staatliche Zughörigkeit beziehen könnte, ist ihre Staatenlosigkeit auf ein ganz neues Niveau gehoben worden. Sie bewegen sich, so hat es der französische Anthropologe Michel Agier einmal formuliert, "hors du nomos", außerhalb des Gesetzes; nicht außerhalb dieses oder jenes Gesetzes des einen oder anderen Staates, sondern außerhalb jeglichen Gesetzes. 

Sie sind eine neue Art von Ausgestoßenen und Gesetzlosen, Produkte der Globalisierung und Inbegriff und vollkommene Verkörperung von deren Grenzland-Lebensgefühl. Sie sind nach Agier in einen Zustand der "Schwellen-Drift" versetzt worden und haben keine Ahnung, ob dieser nur vorübergehend oder von Dauer ist. 

Selbst wenn sie sich vorübergehend an einem bestimmten Ort aufhalten, sind sie dabei auf einer Reise, die nie zu Ende gehen wird, denn ihr Zielort (für Ankunft oder Rückkehr) bleibt für immer unbestimmt, während ihnen der Zugang zu einem Ort, den sie "endgültig" nennen könnten, für immer unerreichbar bleibt. Das zermürbende Gefühl, sich an jedem ihrer Wohnorte im Übergang, in der Unbestimmtheit und in einem Provisorium zu befinden, wird sie niemals loslassen. 

Die Not der palästinensischen Flüchtlinge, von denen viele seit mehr als fünfzig Jahren noch niemals ein Leben außerhalb der hastig errichteten Lager kennengelernt haben, ist sehr gut dokumentiert. Die Globalisierung fordert ihren Preis und neue (weniger berüchtigte und weitgehend unbemerkte oder vergessene) Lager entstehen in großer Zahl rings um die Krisenherde.

Schon auf dem Weg in diese Lager wird den künftigen Bewohnern alles genommen, was ihre Identität ausmacht, mit einer Ausnahme: der Eigenschaft des staatenlosen, heimatlosen, funktionslosen Flüchtlings. Innerhalb der Lagerzäune werden sie in eine gesichtslose Masse verwandelt, der jeglicher Zugang zu den einfachsten Einrichtungen verwehrt ist, die identitätsbildend wirken, genau wie das gewöhnliche Garn der Geschichten, die zu einer Identität gehören. 

Flüchtlinge, der "menschliche Abfall" des globalen Grenzlandes, sind die Verkörperung des Außenseitertums, die absoluten Außenseiter, die überall Außenseiter und fehl am Platz sind, mit Ausnahme der Orte, die ihrerseits fehl am Platz sind – die "Niemandsländer", die auf den Reisekarten normaler Menschen gar nicht verzeichnet sind. Wer einmal draußen ist, bleibt es auf unbestimmte Zeit; ein Sicherheitszaun mit Wachttürmen ist die einzige erforderliche Vorrichtung, um das auf "unbestimmte Zeit" angelegte Deplaziertsein zu verewigen. 

Anders steht es dagegen um die "überflüssigen Menschen", die bereits "drinnen" sind und dort auch bleiben werden, denn die neuartige Überfüllung des Planeten verhindert ihren territorialen Ausschluss. Es fehlt an unbewohnten Orten, an die man sie deportieren könnte, und die Orte, an die sie freiwillig reisen würden, um dort ihren Lebensunterhalt zu finden, bleiben ihnen verschlossen. 

Deshalb müssen jetzt in der Gegend, die sie überzählig gemacht hat, "Müllplätze" ausgewiesen werden. Solche Orte gibt es in allen, zumindest in den meisten großen Städten. Es sind städtische Ghettos, die, ob sie nun einen Namen tragen oder nicht, uralte Institutionen sind. 

Die herkömmlichen Ghettos mochten geschlossene Gebiete gewesen sein, umgeben von (auch bei immaterieller Beschaffenheit) unüberwindlichen Barrieren physischer und sozialer Art, mit wenigen verbliebenen, äußerst schwer zu passierenden Ausgängen; sie mochten Instrumente der Klassen- und Kastentrennung gewesen sein und ihre Bewohner mit dem Stigma der Minderwertigkeit und der Ablehnung durch die Gesellschaft gezeichnet haben. Und doch waren sie – im Unterschied zu den "Hyperghettos", die sich aus diesen Stadtvierteln entwickelten und Ende des vergangenen Jahrhunderts deren Platz einnahmen – keine Abladeplätze für den überschüssigen, überflüssigen, für das Erwerbsleben untauglichen und funktionslosen Teil der Bevölkerung. 

Verknastung des öffentlichen Wohnungsbaus

Das neue Ghetto dient, anders als sein klassischer Vorgänger, in den Worten des französischen Soziologen Loïc Wacquant "nicht als Reservoir für frei verfügbare Industriearbeitskräfte, sondern als reiner Abladeplatz [für diejenigen Menschen, für die] die Gesellschaft draußen keine wirtschaftliche oder politische Verwendung hat". Den Ghettobewohnern gelingt es nicht aus eigener Kraft, neue Verwendungsweisen in Wirtschaft oder Politik zu entwickeln, die als Ersatz für die Aufgaben dienen könnten, die ihnen der größere Teil der Gesellschaft verweigert. – Sie sind von ihren eigenen Mittelschichten im Stich gelassen worden, die sich nicht mehr ausschließlich auf die schwarze Klientel verlassen wollten und es statt dessen vorzogen, sich in die sichereren freiwilligen Ghettos der "gated communities" einzukaufen, der befestigten Enklaven mit bewachtem Zugang. "Das Ghetto in seiner klassischen Form", so Wacquant, "diente teilweise auch als Schutzschild gegen brutalen rassistischen Ausschluss, doch das Hyperghetto hat diese positive Funktion als kollektiver Puffer eingebüßt und ist dadurch zur tödlichen Maschinerie für den unverhüllten Ausschluss aus der Gesellschaft geworden.

Mit anderen Worten: Das amerikanische Schwarzenghetto hat sich schlicht und einfach in einen praktisch nur diesem einen Zweck dienenden "Müllabladeplatz" verwandelt. Wacquant verzeichnet eine Reihe von parallelen und wechselseitig koordinierten Prozessen, die die amerikanischen Schwarzenghettos dem Modell gefängnisartiger "totaler Institutionen" stetig näherbringen: eine "Verknastung" des öffentlichen Wohnungsbaus, der immer mehr an Haftanstalten erinnert, mit neuen "Bauvorhaben", die eingezäunt sind und deren Umfeld durch verstärkte Sicherheitspatrouillen und autoritäre Kontrollen geprägt wird. Und dann die Umwandlung vom Staat unterhaltener Schulen in Institutionen der, deren oberste Ziele nicht Erziehung und Bildung, sondern Überwachung und Kontrolle lauten. 

In den Ghettos anderer Teile der Welt, besonders in den Ghettos, die in den vielen europäischen Städten mit einem großen Anteil von Einwanderern entstehen, ist ein ähnlicher Umwandlungsprozess wohl schon recht weit fortgeschritten, aber noch nicht abgeschlossen. Rassisch oder ethnisch klar abgrenzbare städtische Ghettos sind in Europa nach wie vor sehr selten. 

Außerdem sind die erst vor kurzem oder vor relativ kurzer Zeit ins Land gekommenen Einwanderer, die solche Viertel bewohnen, im Unterschied zu den amerikanischen Schwarzen kein im Inland produzierter, sondern "importierter Abfall“ aus anderen Ländern, bei dem noch Hoffnung auf Recycling besteht. Die Frage, ob ein solches "Recycling“ möglich ist oder nicht, ob also das Verdikt, mit dem diese Menschen dem "Abfall" zugeordnet werden, endgültig und allgemein verbindlich ist, bleibt weiterhin offen. Diese städtischen Ghettos, soviel kann man sagen, bleiben "Zwischenstationen" und der Verkehr rollt in beide Richtungen. Ihre provisorischen, nicht festgeschriebenen, unzureichend definierten Strukturen sind auch die Quelle und das Ziel der akuten Spannungen, die sich täglich in Spähtruppgefechten und Grenzzusammenstößen entladen. 

Es ist jedoch nicht ausgemacht, dass diese Mehrdeutigkeit, die die europäischen Einwandererghettos mit ihrer eindeutig stärker gemischten Bevölkerung von den amerikanischen "Hyperghettos" unterscheidet, von Dauer sein wird. Der bereits erwähnte französische Soziologe Philippe Robert wies nach, dass städtische Ghettos in Frankreich für Neueinwanderer, von denen man erwartete, dass sie binnen kurzem von etablierten städtischen Strukturen assimiliert und aufgenommen wurden, ursprünglich den Charakter von Transit- oder Durchgangsstationen hatten, sich jedoch in dem Moment in "Ausschlussgebiete" verwandelten, als der Arbeitsmarkt dereguliert war, die Arbeit unsicher und unbeständig und die Arbeitslosigkeit ein Dauerphänomen wurde. 

In dem Moment verdichteten sich die Ressentiments und die Feindseligkeit der etablierten Bevölkerung zu einer quasi undurchdringlichen Mauer, mit der die zu Außenseitern gewordenen Neuankömmlinge ausgeschlossen wurden. Die in sozialer Hinsicht ohnehin bereits herabgestuften quartiers, die von der Kommunikation mit anderen Stadtteilen abgeschnitten blieben, waren jetzt "die einzigen Orte, an denen sich [die Einwanderer] 'chez soi' fühlen konnten, geschützt vor den boshaften Blicken der übrigen Bevölkerung", so Robert.

Die Soziologenkollegen Hughes Lagrange und Thierry Pech merken in diesem Zusammenhang an, dass der Staat, sobald er die meisten seiner wirtschaftlichen und sozialen Aufgaben aufgegeben hatte, eine "Politik der Sicherheit" (konkreter: der persönlichen Sicherheit) als zentrales Thema seiner Strategie wählte, die auf das Wiedererlangen verlorener Autorität und die Wiederherstellung seiner in den Augen der Bürgschaft wichtigen Schutzfunktion ausgerichtet war, und in der Folge war es der Zustrom von Neuankömmlingen, der direkt oder indirekt für die zunehmende Unruhe und die diffusen Ängste verantwortlich gemacht wurde, die von einem immer unsicherer werdenden Arbeitsmarkt ausgingen. 

Die Einwandererviertel wurden als Brutstätten der Kleinkriminalität, der Bettelei und Prostitution dargestellt, die, so die Anschuldigung, eine wichtige Ursache der ständig zunehmenden Ängste "einfacher Bürger" seien. Der Staat ließ unter dem Beifall seiner Bürger, die verzweifelt nach den Ursachen für ihre lähmenden Ängste suchten, seine Muskeln spielen, ganz gleich, wie schwach und träge er in allen anderen Bereichen agierte, und kriminalisierte in aller Öffentlichkeit die marginalisierten Teile der Bevölkerung, die unter den anfälligsten und unsichersten Umständen lebten; er entwickelte immer noch strengere und schärfere Konzepte einer Politik der "harten Hand" und führte spektakuläre Kampagnen zur Verbrechensbekämpfung, die sich auf den menschlichen Abfall ausländischer Herkunft konzentrierten, wie er in den Vororten französischer Großstädte abgeladen worden war. 

Der Sozialstaat wird nach und nach, ebenso unablässig wie konsequent umgewandelt in einen Staat, der zunehmend die Interessen globaler, transnational operierender Unternehmen schützt. Vorhandene Probleme wie knapper Wohnraum, hohe Arbeitslosigkeit, Obdachlosigkeit, herumlungernde Jugendbanden und verbreitetem Drogenmissbrauch werden ignoriert, und zwar zugunsten von politischen Konzepten, die auf Disziplin, Eindämmung und Kontrolle setzen. Die unmittelbare Nachbarschaft zu großen und weiter anwachsenden Zusammenballungen "nutzloser Menschen" verlangt, sobald es so aussieht, als sei sie von Dauer, nach einer Politik der strikten Trennung und außergewöhnlichen Sicherheitsmaßnahmen, damit die "Gesundheit der Gesellschaft" und das "reibungslose Funktionieren" des Sozialsystems nicht in Gefahr geraten. 

Die allseits bekannten Aufgaben der "Spannungsbewältigung" und "Bewahrung von Strukturen", die jedes soziale System nach dem US-Soziologen Talcott Parsons meistern muss, um überleben zu können, beschränken sich gegenwärtig nahezu ausschließlich auf die strikte Trennung des "menschlichen Abfalls" vom Rest der Gesellschaft, auf seine Herausnahme aus dem rechtlichen Rahmen, innerhalb dessen der Rest der Gesellschaft seinen Lebenszielen nachgeht, und auf seine "Neutralisierung". "Menschlicher Abfall" kann heute nicht mehr auf ferne Müllplätze geschafft und auf diese Weise zuverlässig aus dem "normalen Leben" herausgehalten werden. Deshalb muss dieser Abfall in fest verschlossenen Containern isoliert werden. 

"Nutzlose Menschen"

Das System des Strafvollzugs liefert solche Container. Im günstigsten Fall kommt es noch zu gelegentlichen Lippenbekenntnissen hinsichtlich "Rehabilitation", "Besserung", "Umerziehung" und geplanter Rückführung der versprengten Schafe zur Herde, und wenn es zu solchen Bekenntnissen kommt, kontert umgehend ein zorniger Chor mit dem Schrei nach Blut. 

Die führenden Boulevardblätter dirigieren ihn, und die führenden Politiker singen Soloparts. Der Haupt-, vielleicht der einzige Zweck von Gefängnissen ist, um es deutlich zu sagen, nicht irgendeine Art der "Menschenentsorgung", sondern eine endgültige, definitive "Entsorgung". Einmal zurückgewiesen, für immer zurückgewiesen. 

Für einen ehemaligen Gefangenen, ob nun auf Hafturlaub oder auf Bewährung draußen, ist eine Rückkehr in die Gesellschaft nahezu unmöglich und eine Rückkehr ins Gefängnis nahezu sicher. Die Aufgabe der Bewährungshelfer besteht nicht darin, die Gefangenen, die ihre Haftzeit abgesessen haben, anzuleiten und ihnen den Weg "zurück in die Gemeinschaft" zu ebnen; vielmehr sollen sie diese Gemeinschaft vor der ewigen, zeitweilig auf freien Fuß gesetzten Gefahr beschützen. Kurz und knapp: Die Gefängnisse haben sich, wie so viele andere soziale Institutionen auch, vom Recycling gelöst und auf die Abfallentsorgung verlegt. 

Die dringendste Anforderung, der sich jede Regierung zu stellen hat, die den Abbau und das Hinscheiden des Sozialstaates verwaltet, besteht deshalb im Finden oder Erfinden einer neuen "Legitimationsformel", mit der sich die Durchsetzung staatlicher Autorität und die Forderung nach Disziplin begründen lassen. Staatsregierungen können keinen glaubwürdigen Schutz mehr bieten, wenn die Menschen als Kollateralverluste« des wirtschaftlichen Fortschritts, der nun in den Händen frei-schweifender globaler ökonomischer Kräfte ist, unter die Räder kommen. Doch sie können die Sorgen um die persönliche Sicherheit verstärken, die sich mit ähnlich frei-schweifenden terroristischen Verschwörern verbinden; sie können dann mehr Sicherheitsleute versprechen, ein dichteres Netz von Röntgenmaschinen und ein weiter reichendes System von Überwachungskameras, häufigere Kontrollen, mehr vorbeugende Zugriffe und mehr Vorbeugehaft zum Schutz der Bürger. So sieht die zweckdienliche Alternative aus. 

Die Mentalität einer "belagerten Festung", der körperlichen Bedrohung und des gefährdeten Privatbesitzes muss aktiv kultiviert werden, als Kontrast zur allzu greifbaren und täglich erfahrenen Unsicherheit, die die Märkte entstehen lassen, die ihrerseits auf Hilfe aus der Politik nicht angewiesen sind und stattdessen gern alleingelassen werden. Die Bedrohungen müssen in den düstersten Farben gemalt werden, sodass ihr Nichtwahrwerden der verängstigten Öffentlichkeit noch eher als außergewöhnliches Ereignis präsentiert werden kann als das Eintreten der vorweggenommenen Apokalypse. 

Ein günstiger Ausgang ist dann vor allem auf das außerordentliche Können, die Wachsamkeit, Sorgfalt und den guten Willen der staatlichen Organe zurückzuführen. Und so geschieht es auch, und zwar mit spektakulären Auswirkungen. Die CIA und das FBI warnen die Amerikaner fast täglich, mindestens aber einmal pro Woche vor bevorstehenden Anschlägen auf ihre Sicherheit, versetzen sie damit in einen permanenten Alarmzustand und halten sie darin auch dauerhaft, indem sie die persönliche Sicherheit konstant in den Brennpunkt ebenso unterschiedlicher wie diffuser Anspannungen rücken. 

Andere Regierungen, die die Beerdigung des Sozialstaats verwalten, imitieren diese Strategie eifrig, wenngleich mit etwas weniger Leidenschaft (das ist wohl eher auf Geldmangel als auf mangelnden Willen zurückzuführen). Ein neues öffentliches Verlangen nach einem starken Staat, der in der Lage ist, die schwindenden Hoffnungen auf Schutz gegen die Einsortierung zum Abfall wiederaufleben zu lassen, gründet sich auf persönliche Verwundbarkeit und persönliches Sicherheitsbedürfnis, nicht auf soziale Unsicherheit und soziales Schutzbedürfnis. 

Dazu gehören zum Beispiel das Einsperren von "Ausländern" (die euphemistisch als "Asylbewerber" bezeichnet werden) in Lager, die unhinterfragte Priorität von "Sicherheitserwägungen" über Menschenrechte, die Abschaffung oder das Außerkraftsetzen einer Vielzahl von Menschenrechten, die seit der Zeit der Magna Carta und der Habeas-Corpus- Akte gültig waren, eine "Null-Toleranz- Politik" gegenüber angeblichen "Kriminellen in der Entwicklungsphase" sowie regelmäßig wiederholte Warnungen, dass einige Terroristen irgendwo und irgendwann ganz gewiss zuschlagen werden. Wir alle sind potenzielle Kandidaten für die Rolle der "Kollateralverluste" in einem Krieg, den wir nicht erklärt und dem wir auch nicht zugestimmt haben. Die Mächtigen hoffen, dass die herkömmlichen Ängste vor sozialer Marginalisierung ganz klein erscheinen, vielleicht sogar zum Schlafen gebracht werden, wenn sie mit jener als sehr viel unmittelbarer und dramatischer eingehämmerten Bedrohung verglichen werden. 

Die neuen Ängste wirken auch zerstörerisch auf das Vertrauen ein, das Bindemittel jeglichen menschlichen Zusammenseins. Schon Epikur schrieb (im Brief an Menoikeus), dass "es nicht so sehr die Hilfe unserer Freunde ist, die uns hilft, sondern das sichere Wissen dass sie uns helfen werden". Ohne Vertrauen zerfällt das Netz der menschlichen Bindungen, und die Welt wird zu einem noch gefährlicheren und noch mehr Furcht einflößenden Ort. Die Ängste, die von der Grenzlandvariante des Abfalls erzeugt werden, neigen zur Selbstreproduktion, Selbstbekräftigung und Selbstvergrößerung. Vertrauen wird durch allumfassendes Misstrauen ersetzt. Alle Bindungen gelten als unzuverlässig, nicht vertrauenswürdig, mit Fallen und Hinterhalten verbunden – bis zum Beweis des Gegenteils, fehlt es jedoch an Vertrauen, dann ist schon der bloße Gedanke an einen "Beweis", geschweige denn an einen endgültigen und abschließenden Beweis, alles andere als klar und überzeugend. 

Wie würde ein wirklich glaubwürdiger Beweis denn aussehen? Man würde ihn nicht (an)erkennen, wenn man ihn zu Gesicht bekäme, selbst bei einer direkten Konfrontation würde man nicht glauben, dass er tatsächlich sei, was zu sein er vorgibt. Deshalb muss das Anerkennen eines Beweises auf unbestimmte Zeit verschoben werden. Die Bemühungen um das Anknüpfen und Festigen von Bindungen entwickeln sich zu einer endlosen Abfolge von Experimenten. Menschliche Bündnisse, Verpflichtungen und Bindungen entwickeln kaum noch eine solche Festigkeit, dass man sie für ganz und gar verlässlich erklären kann, denn sie sind experimentell, "auf Probe" akzeptiert und stets von der Einstellung "Lasst uns abwarten und sehen, wie es funktioniert" geprägt. Aus dem Misstrauen geboren, erzeugen sie weiteres Misstrauen. 

Verpflichtungen (Arbeitsverträge, Ehebündnisse, Übereinkünfte zum "Zusammenleben") werden mit einer "Kündigungsoption" im Hinterkopf eingegangen; ihr Wert und der Grad ihrer Erwünschtheit bemisst sich nach der Solidität ihrer "Ausstiegsklauseln". Mit anderen Worten: Es ist von Anfang an klar, dass ihr letzter Bestimmungsort tatsächlich ein "Müllplatz" ist, so wie es sein sollte und unweigerlich kommen wird. Verpflichtungen werden vom Augenblick ihres Entstehens an als potenzieller "Abfall" betrachtet und so auch behandelt. Brüchigkeit (nach Art des biologischen Abbaus) gilt deshalb als ihr Vorteil. Dabei wird leicht vergessen, dass die Verpflichtungen, die zu stabilen Bindungen führen, zuallererst angestrebt wurden und immer noch angestrebt werden, um der unfassbaren, grauenerregenden Zerbrechlichkeit der menschlichen Existenz ein Ende zu bereiten … 

Des Vertrauens beraubt und von Misstrauen erfüllt, ist das Leben mit Widersprüchen und Mehrdeutigkeiten durchschossen, die es nicht auflösen kann. In der Hoffnung, unter dem Zeichen des "Abfalls" weiterzukommen, taumelt es von Enttäuschung zu Frustration, und jedes Mal landet es genau an dem Punkt, dem es zu Beginn der Erkundungsreise zu entkommen hoffte. Ein in diesem Stil gelebtes Leben lässt eine ganze Reihe unerfüllter und aufgegebener Beziehungen hinter sich – den "Abfall" der globalen Grenzland-Lebensweise, die dafür bekannt ist, dass sie Vertrauen als Zeichen von Naivität und als Falle für die Einfallslosen und Leichtgläubigen umdeutet. 

Europa: Festung oder Sehnsuchtsort? Kultur und Migration / EUNIC, ... (Hg.). – Göttingen: Steidl , 2015. – 300 S. – (Kulturreport, EUNIC-Jahrbuch)

Europa: Festung oder Sehnsuchtsort? Kultur und Migration / EUNIC, ... (Hg.). – Göttingen: Steidl , 2015. – 300 S. – (Kulturreport, EUNIC-Jahrbuch)
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Zygmunt Bauman (1925 – 2017) war Professor emeritus für Soziologie an der Universität Leeds. 1992 erhielt er den Amalfi- Preis für Soziologie, 1998 wurde er mit dem Theodor-W.-Adorno-Preis der Stadt Frankfurt ausgezeichnet, 2014 für ein "hervorragendes wissenschaftliches Lebenswerk" mit dem Preis der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DSG). Dieser Text geht auf sein Buch "Verworfenes Leben – Die Ausgegrenzten der Moderne" zurück, das in der Hamburger Edition des Instituts für Sozialforschung erschienen ist.