Planspiel: Our Community, Viacheslav Luchchyk und Natalia Subotovska,Kiew 2015; Foto: André Eichhofer
Planspiel: Our Community, Kiew 2015; Foto: André Eichhofer
Planspiel: Our Community, Kiew 2015; Foto: André Eichhofer
Planspiel: Our Community, Kiew 2015; Foto: André Eichhofer
Planspiel: Our Community, Kiew 2015; Foto: André Eichhofer

Die Zukunft unserer Stadt bestimmen wir

In Kiew sind junge Menschen in die Rollen von Lokalpolitikern und Aktivisten einer erfundenen Stadt geschlüpft. Die Simulationen sollten Engagement und Demokratie fördern.

Ein Bericht vom Planspiel "Our Community" vom 2. bis 4. November 2015

Von André Eichhofer

In der ukrainischen Kleinstadt tobt eine heftige Debatte: Die Chemiefabrik mit ihren giftigen Abwässern solle verschwinden, fordert die Umweltpartei. Das sei falsch, halten die Liberalen dagegen, denn man müsse die Wirtschaft ankurbeln. Während Bürgermeister und Abgeordnete im Stadtrat debattieren, demonstrieren draußen Umweltaktivisten, stellen Reporter  unangenehme Fragen.

So ähnlich könnte Lokalpolitik in der Ukraine funktionieren. Doch die Kleinstadt existiert nicht wirklich – die Parteien sind erfunden, die Proteste nur gespielt. Tatsächlich glauben viele Bürger, in ihrer Gemeinde kein Mitspracherecht zu haben und kaum etwas bewirken zu können. "Die Menschen würden sich mehr beteiligen, wenn sie wüssten, dass ihre Meinung gefragt ist", sagt Alexander Burka, Trainer und Geschäftsführer vom CIVIC-Institut. Das Institut veranstaltet in der Ukraine und anderen Ländern Osteuropas Planspiele, um politische Konflikte zu simulieren. Dabei schlüpfen die Teilnehmer in die Rollen von Bürgermeistern, Aktivisten, Beamten und anderen Akteuren. So wie beim Planspiel "Our Community" in Kiew. "Ich habe eine Umweltaktivistin gespielt und meine Forderungen durchgesetzt", sagt Natalia Subotovska, Wirtschaftsstudentin an der Kiewer Schewtschenko-Universität.

Mit den Planspielen, die vom Auswärtigen Amt finanziert werden, wollen das Institut für Auslandsbeziehungen (ifa) und CIVIC demokratisches Engagement in Osteuropa fördern. „Wir unterstützen junge Menschen dabei, als zivilgesellschaftliche Akteure und Brückenbauer zu wirken und sich professionell zu positionieren", sagt Urban Beckmann, Leiter der Abteilung Dialoge des ifa.

Von der fiktiven Stadt zur realen Lokalpolitik

Noch streiten die Teilnehmer in Kiew über die Zukunft ihrer fiktiven Stadt. Doch bald werden einige vielleicht selbst in der Lokalpolitik mitmischen. Ende Oktober fanden in der Ukraine Lokalwahlen statt. In Kiew kam es Mitte November zur Stichwahl, die Bürgermeister Vitali Klitschko mit 66,5 Prozent gewann. Bei den Wahlen traten auch junge Aktivisten an. Darunter Vadim Vasylchuk von der Partei Samopomitsch (Selbsthilfe), der sich zuvor bei der studentischen Selbstverwaltung der Kiewer Mohyla Akademie engagierte.

Mit neuen Köpfen gegen Korruption

Viele Ukrainer hoffen, dass neue Köpfe frischen Wind ins Land bringen und Probleme wie Korruption und Vetternwirtschaft konsequent bekämpfen. Zusätzlich soll das mit der EU geschlossene Assoziierungsabkommen die Verwaltung modernisieren und Bürokratie abbauen. Und eine weitere Reform steht der Ukraine bevor: Das Land soll dezentralisiert werden mit mehr Rechten und größerer Steuerhoheit für die Kommunen.

Die gewaltigen Herausforderungen lasten nicht nur auf der Regierung, sondern auch auf den Bürgern und der Zivilgesellschaft. In den Ländern der Östlichen Partnerschaft übernehmen ehrenamtliche Mitarbeiter von NGOs oft die Rolle von "Watchdogs": Sie kontrollieren und schützen vor der Willkür des Staates, hatten aber kaum Gelegenheit, die Gesellschaft mitzugestalten. Nach der Maidan-Revolution hat sich das in der Ukraine geändert: Immer mehr Menschen beteiligen sich und helfen dort, wo eigentlich der Staat gefragt ist, wie bei der Unterstützung der Binnenflüchtlinge.

Die Wirtschaftskrise und der Konflikt in der Ostukraine schweißen vor allem die junge Generation zusammen. "Ein Grund, wieso das Interesse an den Planspielen besonders groß ist", sagt Trainer Burka. Letzten Winter organisierte Burka ein Seminar in Charkow, als wegen des Krieges der Luftraum gesperrt und die Heizungen abgestellt wurden. Trotz der Kälte harrten die Studenten aus und diskutierten, ob man wählen gehen solle oder überhaupt etwas verändern könne. "Die Teilnehmer wollten unbedingt über die Probleme im Land reden", berichtet Burka.

"Jede Stimme zählt"

Bei den Planspielen sollen auch diejenigen zu Wort kommen, die keinen Mut haben, sich zu äußern. Deshalb lässt Trainer Burka mehrere Bögen Papier verteilen, auf die jeder Teilnehmer seine Meinung schreiben soll. "Oft haben die Ruhigen die interessantesten Ideen", sagt der Österreicher. Wie die Lehrerin, die zuerst dachte, ihre Meinung sei nicht wichtig, erzählt Burka. "Aber während unserer Veranstaltung konnte sie sich davon überzeugen, dass auch ihre Stimme zählt."

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