Skulptur "Sólfar" von Jón Gunnar Àrnason in Reykjavík, Foto: Matt Lamers (CC0 1.0), via Unsplash

Wider die Eindimensionalität

Zur Bedeutung von Kultur für Ankommende

Sineb El Masrar

Es war ein langer Weg: von der griechischen Mythologie, von der vom Göttervater Zeus in Gestalt eines Stiers geraubten Europa, der unser Kontinent heute den Namen verdankt, bis zu einem Staatenbund, in dem nicht nur über 60 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg in großen Teilen Frieden herrscht, sondern der trotz aller jüngsten Krisen ein weitestgehend stabiler Wirtschaftsstandort ist, in dem Rechtsstaatlichkeit maßgeblich ist. Dieser Tage jedoch zeichnet sich "europäische Vielfalt" vor allem dadurch aus, dass man sich auf die eigene Nation zurückbesinnt. Es ist die vermeintlich einfache Lösung – anstatt sich ernsthafte Gedanken darüber zu machen, wie zum Wohle der Gesellschaften wirtschaftliche und soziale Gefälle langfristig überwunden werden können. Der Nationalismus kann zwar ein Gefühl des kollektiven Erhabenseins der eigenen Kultur vermitteln, aber nur, indem er fälschlicherweise suggeriert, Kulturen seien homogen und statisch, wie es auch die unreflektierte "Nationalgeschichte" bezeugt. Wahre Vielfalt indes bedeutet Bewegung, Interaktion, stetiges Nachdenken und Auseinandersetzung darüber, wie wir Werte wie Menschenrechte, Freiheit und Gleichberechtigung in Zeiten des Wandels erhalten können – und zwar ohne Einschränkung dieser Rechte, etwa aus Angst davor, dass der gewaltbereite, legalistische Islamismus das Ideal eines freiheitlich-demokratischen Europas bedrohen könnte.

Während der Islamismus vor allem für die Nachkommen muslimischer Einwanderer attraktiv ist, zieht der rechte Populismus eher christlich sozialisierte Autochthone an. Beide Strömungen sind auf lange Sicht hochexplosiv. Der rechte Populismus ist nicht minder diskriminierend oder bedrohlich als der Islamismus. Er ist nicht weniger homophob oder frauenfeindlich, und sein Weltbild ist genauso eindimensional. Und so wundert es nicht, dass auch so mancher Rechte zum Islam konvertiert, um im Islamismus eine neue ideologische Heimat zu finden.

Leider hat in Europa noch keine differenzierte Auseinandersetzung mit dem Islamismus stattgefunden, der in großen Teilen faschistisches Gedankengut umfasst. Diese Auseinandersetzung wird unter anderem dadurch erschwert, dass jene "neuen Jünger" – die "frisch Bekehrten" und die Konvertiten – Kritik an der Ideologie immer gleich als "Islamophobie", also als Kritik am Islam als Religion, diffamieren und Kritik an ihren Aktivitäten als Einschränkung der Religionsfreiheit brandmarken. Unkenntnis des Islams, Unübersichtlichkeit der verschiedenen religiösen Strömungen und Auslegungstraditionen sowie diffuse Ängste erwecken indes bei vielen europäischen Bürgerinnen und Bürgern den Eindruck, dass Europa an der Bewältigung dieser Konflikte und Krisen zu zerbrechen drohe. Doch trotz Brexit, griechischer Rettungsschirme, spanischer Immobilienblase, Terroranschlägen und der großen Anzahl an Geflüchteten und Migranten ist Europa nach wie vor sicherer und verspricht eine bessere Zukunft als das, was Menschen auf der anderen Seite des Mittelmeeres – auf dem afrikanischen Kontinent oder in den nahöstlichen oder vorderasiatischen Ländern – hinter sich lassen möchten. Europa ist nach wie vor der Sehnsuchtsort für viele, die sich auf den Weg hin zu einem besseren Leben machen möchten – und zwar nicht erst, seitdem der sogenannte Islamische Staat in Syrien und dem Irak sein Unwesen treibt.

Von falschen Erwartungen und wichtigen Prioritäten

Was erwarten die Menschen aus muslimisch geprägten Ländern von Europa? Mit welchen Einstellungen kommen sie zu uns? Und wie kann Kultur dazu beitragen, das Zusammenleben in Europa einvernehmlich zu gestalten? Wie für alle Migranten sind auch für Flüchtlinge und Auswanderer aus muslimisch geprägten Ländern Sicherheit sowie die Verbesserung der wirtschaftlichen und sozialen Situation zentrale Motive für die Migration nach Europa. Dazu kommt die Erwartung, dass Meinungs- und Pressefreiheit in Europa auch mehr Möglichkeiten für die persönliche Entfaltung und Entwicklung bieten. Doch gilt Letzteres mit Einschränkungen: Während es vor allem Journalisten und politischen beziehungsweise gewerkschaftlichen Akteuren natürlich bewusst ist, dass sie ganz existenziell auf die Einhaltung dieser Werte angewiesen sind, gibt es auch Migranten, die Meinungs- und Pressefreiheit für entbehrlich halten. In ihren oft autoritären und streng hierarchisch strukturierten Herkunftsländern haben sie weder von der Regierung noch von den Medien gelernt, dass diese Werte elementare Pfeiler einer Demokratie darstellen. Kritische Auseinandersetzungen und Diskussionen gehören in diesen autoritär geführten Ländern weder zum Familien- noch zum Schulalltag. Als Gewerkschaftler etwa kann es einen dort schneller ins Gefängnis verschlagen, als es einem hinterfragenden Menschen lieb ist. Daher passiert es leicht, dass Meinungsfreiheit mit Bedrohung und Gefahr assoziiert wird, für die man sich nicht unbedingt engagieren sollte – selbst dann, wenn man sein Herkunftsland bereits verlassen hat.
Auf diese Einwanderer, die in wenig reflektionsfreudigen Umfeldern sozialisiert wurden und die auf der Flucht und in ihren Zielländern zudem auch Rassismus erfahren haben beziehungsweise immer noch erfahren, wirken westeuropäische Medienschaffende oft islamkritisch bis -feindlich, wenn sie sich mit negativen Auswüchsen rund um den politischen Islam und die Muslime befassen. Verschwörungstheorien fallen in diesem Umfeld auf fruchtbaren Boden, und nicht selten heißt es, dass Medien von Juden und Amerikanern oder von westlichen Regierungen oder Geheimbünden gelenkt seien.

Auch eine kritische Auseinandersetzung mit der Religion kommt in dieser Migrantengruppe oft zu kurz, weil Teile der muslimischen Einwanderer den Islam als in sich perfekt und unantastbar verstehen, sodass er keiner Kritik ausgesetzt werden könne und dürfe. Dass die jeweilige Auslegung des Islams immer auch eine Interpretation darstellt, wird dabei ausgeblendet. Dadurch entstehende Verwerfungen finden sich nicht nur im familiären Bereich, wo persönliche und freie Entfaltung von den Autoritätspersonen mit einem rigiden Religionsverständnis unterbunden und eingeschränkt werden kann, sondern vor allem auch in den Bereichen Politik und Wirtschaft in den Herkunftsländern. Denn Missstände, Korruption, fehlender Wettbewerb oder fehlende Innovationen werden heute zunehmend religiös begründet und gelten somit ebenfalls als nicht kritisierbar.
Für zahlreiche Migranten, die nach Europa kommen, ist es zudem oberste Priorität, die Erwartungen der Zurückgebliebenen in der alten Heimat zu erfüllen, vor allem wenn diese etwa Fluchtkosten finanziert haben, von Kriegsfolgen betroffen sind oder der Staat ihnen keine soziale Unterstützung bietet. Diese Erwartungen an die neuen europäischen Mitbürger sind enorm hoch. Sie setzen die migrierten Menschen unter einen derartig starken Druck, wie es sich Europäer ohne Migrationshintergrund kaum vorstellen können. Von der finanziellen Unterstützung beim Kauf von Lebensmitteln oder der Übernahme von Mietkosten bis hin zur Versorgung mit Medikamenten – es gibt nichts, was nicht erwartet wird. Finanzielle Aufwendungen für kulturelle Aktivitäten oder Programme stehen darum für Migranten, die Verpflichtungen gegenüber den Zuhausegebliebenen haben, oft nicht an erster Stelle. Wichtiger ist es, schnell am Erwerbsleben teilzuhaben, um die zurückgebliebenen Familienmitglieder mit dem verdienten Geld finanziell zu unterstützen. Dies ist die Realität für fast alle, die weniger betuchte Eltern in Ländern fernab der Europäischen Union haben, wo kein Sozialstaat existiert, der den ausgewanderten und geflüchteten Kindern, Enkeln oder Geschwistern die Bürde abnehmen könnte. Diese Situation gilt für viele Migranten weltweit, seien sie nun Arbeiter aus Indien in den Golfstaaten, arabische mittelständische Akademiker in den USA oder sogenannte Gastarbeiter in Europa.

Die Ohnmacht, die diese Verantwortung mit sich bringt, ist den Menschen in Europa, die aus muslimisch geprägten Ländern stammen, nur allzu bekannt. Von Marokko bis Indonesien halten Familienmitglieder selbst Tausende von Kilometern entfernt die Hände auf und lassen ihre Verwandten zu den europäischen Geldtransferstuben strömen, um auf der anderen Seite der Warteschlange bei Moneygram oder Western Union etwas Geld in Empfang zu nehmen. Obwohl sie oft selbst am europäischen Existenzminimum leben, bürden sich die Geflüchteten und Migranten diese Verantwortung auf. Sich dem Druck zu entziehen, würde Verrat an der eigenen Familie und Egoismus bedeuten. Und Egoismus wird gern mit den "westlichen", nichtmuslimischen Europäern assoziiert, die ihre alten, kranken Eltern in fremde Hände geben, anstatt sich selbst um sie zu kümmern. Dies sei Ausdruck einer Gefühlskälte, weil die Europäer sich vom Glauben und von familiären Werten wie Zusammenhalt und Verantwortungsbewusstsein verabschiedet hätten. Manche Geflüchtete und Migranten zerbrechen an dieser Verantwortung oder geben ihre Aggressionen aufgrund der nicht zu befriedigenden Ansprüche der erwartungsvollen Familienangehörigen an die jüngere Generation weiter.

Religion als Orientierungshilfe

Um die Ohnmacht angesichts dieser Spirale aus Erwartungen und Verpflichtungen überhaupt auszuhalten, suchen manche Einwanderer Halt und Geborgenheit in ihrer Religion. Die Mehrheit der Muslime ist der Überzeugung, der einzig wahren Religion anzugehören, während andere Gläubige mit ihrer Religion "irregeleitet" seien. Der Islam sei – im Gegensatz zu den Menschen und ihrer Lebenswirklichkeit – perfekt und unfehlbar. Dass seine Lehren seit Anbeginn von seinen Anhängern interpretiert und ausgelegt wurden und durchaus auch problematische und diskriminierende Aspekte umfassen, blenden sie aus. Auch, weil sie sonst die Ernüchterung ertragen müssten, nirgendwo Perfektion vorzufinden, was ein gesundes Selbstvertrauen und ein großes Maß an Selbstliebe voraussetzen würde, um an ihrem Leben am Rand der Gesellschaft nicht zu zerbrechen.
Zu neuem Selbstbewusstsein verhilft es ihnen indes, den Islam nicht nur als Religion, sondern auch als kulturelles und staatliches Gebilde zu begreifen. Das Beschwören der einstigen erfolgreichen Expansion des Islams auch in Europa hat zur Folge, dass sich viele Muslime auch heute in Europa groß und mächtig fühlen können. Sie mögen heute in vielen gesellschaftlichen Zusammenhängen nur Randfiguren sein, nicht aber in Sachen Islam. Denn bevor die Europäer die arabischen Länder durch Kolonialisierung knechteten, waren der Islam und damit auch die Muslime viel mächtiger. Diese verklärende Wahrnehmung der Vergangenheit führt in verschiedenen Ausprägungen zu einer Überzeugung, die schon seit Jahrhunderten existiert.

Diese Überzeugung, wie sie etwa salafistische Gruppen auch heute proklamieren, lautet: Weil sich Muslime einst von ihrer Religion abwandten oder sie nicht korrekt praktizierten, zerfielen ihre Gesellschaften zunehmend und erlitten herbe Rückschläge. Was dabei genau mit dem "korrektem Praktizieren der Religion" gemeint ist, hängt wohlgemerkt von der jeweiligen Ausrichtung der islamischen Strömung jener klagenden Gruppe ab. Dabei wird gern übersehen, dass die "Rückständigkeit" mancher arabisch- islamisch geprägter Länder möglicherweise auch andere Gründe hat. Erziehung, fehlende Bildung und Aufklärung spielen hier eine Rolle, ebenso Eliten, die Korruption keinen Riegel vorschieben, mit Verve Unterprivilegierte kleinhalten, nicht für soziale Grundsicherung sorgen und Andersdenkende abfällig behandeln.

Auch weniger Fromme erkennen in der Überzeugung, dass nur die Rückkehr zur Religion einen Weg aus der Misere weise, einen Mehrwert, wenn sich dadurch Geschäfte machen und Gewinne erzielen lassen. Allein das Segment des "Halal-Markts" für Lebensmittel, aber auch vermeintlich islamkonforme Wertanlagen hätten ohne diese Überzeugung in der wettbewerbsdominierten Wirtschaft keine Chance. Diese Vermengung von "westlichen Konzepten" wie dem Kapitalismus mit vermeintlich »islamischen Werten« stellt für junge Muslime eine Form des Euro-Islams dar, der sich jedoch oft mehr an islamistischen als an freiheitlich-demokratischen Konzepten orientiert.
Identifikation mit falschen Helden.

Da die Geflüchteten und Arbeitsmigranten in Europa auch auf Rassismus und eine diffuse antiislamische Stimmung treffen, sind einfache und stabilisierende Auslegungen des Islams verführerisch. So verwundert es nicht, dass nach Anerkennung und einfachen Antworten suchende Muslime einen Recep Tayyip Erdoğan verehren, der vielen Türken jenen Wohlstand brachte, den sich auch viele andere Muslime für ihre Herkunftsländer wünschen. Endlich hat es einer von ihnen, ein einfacher Bürger, der den traditionellen Islam zu schätzen weiß, bis nach ganz oben geschafft! Sein Erfolg, seine neoliberale Öffnung werden als Ergebnis einer islamischen Lebensweise gefeiert, die dem Credo folgt: "Der Islam ist perfekt, der Mensch nicht." Wer den vermeintlich islamischen Geboten und Gesetzen folgt, erntet Erfolg auf Erden und im Jenseits – das lässt sich nach dieser Sichtweise aus dem Beispiel Erdoğan und seiner neuen Elite ableiten.

Diese Elite zeichnet sich indes weder in der Türkei noch in Europa durch besondere kulturelle Partizipation oder Kreativität aus. Kultur bewegt sich auch hier nur im religiös erlaubten Rahmen. Musik hat dem Islam zu huldigen, genauso wie die bildende Kunst. Gesellschaftskritik in Literatur, in Kunstinstallationen, in Karikaturen oder in den Medien ist nur in Richtung der ideologischen Gegner erlaubt, nicht aber in Richtung Islamismus und ideologischer Leitfiguren oder im Ansprechen von Tabuthemen wie Homosexualität, Emanzipation der Frau oder Apostasie. Diese kulturelle Armut wird gepflegt, und die Auswirkungen lassen sich besonders an den in Europa auf der Strecke gebliebenen Nachkommen muslimischer sogenannter Gastarbeiter beobachten, die aufgrund fehlender Kenntnisse ihrer Herkunftskultur und ihrer Religion, aber auch der Kultur des Landes, in dem sie leben, auf der Suche nach kultureller Identität sind und dabei wegen mangelnder Aufklärungsangebote und Alternativen bei islamistischen und salafistischen Inhalten landen. Sie sind empfänglich für all jene Ideologien, die sie endlich aufwerten.

Für mehr kulturelle Stimulation

Die Teilhabe an kulturellen Angeboten hingegen fördert kritisches Denken, Hinterfragen, Diskussionsfähigkeit. Kultur spiegelt und verhandelt gesellschaftliche Entwicklungen. Doch wer aus einem kulturfernen Familienumfeld kommt oder gar in einem Land lebt, in dem die Regierung die Kultur einhegt und für eigene machtpolitische Zwecke missbraucht, verpasst diese intellektuelle Stimulation und könnte als Erwachsener eher für tendenziöse Ideologien empfänglich sein.
Dies macht deutlich, wie wichtig es ist, kulturelle Bildung nicht allein den Eltern oder einer kleinen Elite zu überlassen, sondern staatliche Institutionen einzubinden. Literatur, Film, Kunst sowie Geschichte in all ihrer Bandbreite müssen über Schulen, Jugend- und Kultureinrichtungen zugänglich gemacht werden, und die Menschen müssen dazu angehalten werden, das Angebot kritisch zu reflektieren. Sonst bleibt für zu viele der einfachere und weniger aufwühlende Weg vermeintlich klarer Ideologien attraktiv. Die Entscheidung, einfach "dem" Islam zu folgen, der mittels kostenloser Literatur, Videos und Islamseminaren durch größtenteils wahhabitische und islamistische Förderer verbreitet wird, ebnet den Weg zu einem eindimensionalen, kulturarmen Weltbild.

Doch auch der finanzielle Aspekt von Kulturvermittlung und -rezeption ist nicht zu unterschätzen. Zahlreiche Muslime in Europa sind Kinder von bildungsfernen Einwanderern, die schlicht wenig Geld zur Verfügung hatten; ohne die Schule wären sie wohl kaum je in Kontakt mit Kunst und Kulturangeboten gekommen. Wer in die Stärkung der europäischen Gemeinschaft mittels Kultur investieren möchte, muss dies auch finanziell in den Schulen tun. Dabei sind heute auch die Inhalte neu zu überdenken. Denn Europabildung ist nicht mehr nur die Förderung von deutschfranzösischem Austausch. Es muss in aller Sachlichkeit mitberücksichtigt werden, dass auch die Kultur in Deutschland und Frankreich seit Jahrzehnten zunehmend migrantisch geprägt ist, wobei die europäische Einwanderungsgeschichte weder verklärt noch verteufelt werden darf.

Zusammenleben mit Kultur gestalten

Kultur muss eine Brücke bauen, um ein friedliches, solidarisches und freies Europa zu sichern. Das beinhaltet auch die Aufarbeitung der Kolonialvergangenheit. Bis heute steht beispielsweise eine Entschuldigung Frankreichs gegenüber Algerien aus, was seine Rolle während der Kolonialzeit und im opferreichen algerischen Unabhängigkeitskrieg angeht.

Bis sich ein Euro-Islam im Geiste tatsächlicher Freiheit, Gleichheit und Rechtsstaatlichkeit etablieren kann, ist noch ein weiter Weg zurückzulegen, der sich jedoch zu gehen lohnt. Es gilt zum einen, die Einwandungsgeschichte als Teil der europäischen Identität zu vermitteln, sowie zum anderen, jungen Menschen Kultur in all ihren Facetten vor allem schon in der Schule zugänglich zu machen und sie dazu anzuhalten, ein aktiver Teil davon zu werden. Genauso wichtig ist es, faschistisches und nationalistisches Gedankengut jeglicher Herkunft und Ausprägung zu identifizieren und den Jugendlichen die davon ausgehenden Gefahren deutlich zu machen. Das bedeutet auch, dass die Einwanderer und ihre Nachkommen genauso wie die europäischen "Ureinwohner" selbstreflexiv sein müssen und Selbstkritik zu leisten haben.

Ein weiterer und elementarer Schritt gilt der Emanzipation der Einwanderer der spätestens dritten Generation vom Herkunftsland ihrer Eltern und Großeltern. Vor allem religiöse Vereine, die wie die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion (DITIB) in Deutschland aus dem Ausland finanziert und personell gefördert werden, aber auch Organisationen, die die Ideologie der Muslimbruderschaft vertreten und unter dem Dach der Islamischen Gemeinschaft in Deutschland agieren, versuchen, über die Religion eine nationale türkische beziehungsweise osmanische oder aber eine großislamische Identität zu vermitteln. Statt sie den Predigern dieser Vereine und Organisationen zu überlassen, sollte den Jugendlichen die Angst davor genommen werden, dass diejenigen unter ihnen, die sich für Europa entscheiden, automatisch ihre Wurzeln verlieren könnten. Dazu aber müssen diese Wurzeln auch in Europa sichtbar sein. Und wo ginge das besser als in der Kultur, im Film, in der Literatur? Die Anerkennung dieser Wurzeln in Europa ist wichtig, denn sie sind nicht nur Teil der Geschichte der Migranten und Geflüchteten, sondern auch Teil der Geschichte der Europäer.

Allein die Präsenz der osmanischen und arabischen Herrscher in Europa und ihre Hinterlassenschaften machen deutlich, dass Brücken zwischen den Kulturen seit Jahrhunderten existieren. Allerdings sollte diese Tatsache ohne Beschönigung betrachtet und vermittelt werden. Denn bei den Kulturkontakten handelte es sich stets auch um gewaltsame Eroberungen, und Minderheiten wie Sklaven oder Andersgläubige waren als Untertanen auch in früheren Zeiten in Europa nicht gleichberechtigt. Doch auch die Rolle wichtiger islamischer Denker für Europa sollte besser bekannt gemacht werden, wie etwa die des in Andalusien wirkenden Arztes und Philosophen Ibn Rushd aus dem 12. Jahrhundert, der durch seinen Kommentar zu Aristoteles einen wichtigen Grundstein für die europäische Aufklärung legte.

Es wird die Aufgabe von progressiven europäischen Muslimen wie dem Muslimischen Forum Deutschland, der Initiative Liberaler Muslime Österreich oder auch von Einzelpersonen aus Wissenschaft, Kultur und Medien sowie von zukunftsorientierten Nichtmuslimen sein, den Euro-Islam zum Teil eines freiheitlichen Narrativs Europas zu machen und dieses Narrativ nicht den Reaktionären aller Seiten und EU-Gegnern zu überlassen, die danach streben, die europäische Idee der Gründerväter und -mütter zu zersetzen, und die glauben, im Nationalismus oder Islamismus die einzig gültige Antwort auf die europäischen Krisen gefunden zu haben.

Kann Kultur Europa retten? / Ronald Grätz (Hg.) - Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung, 2017. -240 S.

Themenreihe

In Zeiten von Populismus, Abschottung und Angst vor dem Fremden stellt sich die Frage: Was hält die Europäische Union in Zukunft zusammen? Was verbindet die Menschen in Europa? In der Themenreihe "Kann Kultur Europa retten?" begeben sich Kunst- und Kulturschaffende sowie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf die Suche nach Antworten. In loser Folge veröffentlichen wir Auszüge aus dem vom ifa gemeinsam mit der Bundeszentrale für politische Bildung herausgegebenen Band "Kann Kultur Europa retten?".

Folge 1: Freiräume schaffen. Ein Gedankenaustausch zu Kultur im Internet

Folge 2: "Don't panic, I'm Islamic". Riem Spielhaus stellt die Frage, wie Europa mit dem Islam umgeht.

Folge 3: Wider die Eindimensionalität. Zur Bedeutung von Kultur für Ankommende