Eröffnung der Ausstellung "In Zwei Welten", 2017. © AGDM

Was verbindet die deutschen Minderheiten?

Mehr als eine Million Angehörige der deutschen Minderheiten leben aktuell in Dänemark, Mittel- und Osteuropa, im Baltikum und in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion. Welche Gemeinsamkeiten sie haben und worin sie sich unterscheiden zeigt die Ausstellung "In Zwei Welten – 25 deutsche Geschichten, Deutsche Minderheiten stellen sich vor". Die Wanderausstellung wurde von der "Arbeitsgemeinschaft Deutscher Minderheiten" konzipiert. Im Interview erzählt Bernd Gaida, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft, von der Bedeutung der Ausstellung und der Rolle der deutschen Minderheiten in der Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik von Deutschland. Die Ausstellung, die von ifa-Kulturmanagerinnen und Kulturmanagern unterstützt wurde, ist noch bis zum 20. Oktober 2017 in der ungarischen Botschaft in Berlin zu sehen.

Von Karoline Gil

Bernard Gaida, Sprecher der "Arbeitsgemeinschaft Deutscher Minderheiten" © AGDM
Bernard Gaida, Sprecher der "Arbeitsgemeinschaft Deutscher
Minderheiten" © AGDM

ifa: Mit der Ausstellung "In Zwei Welten" treten die deutschen Minderheiten zum ersten Mal seit der Gründung der "Arbeitsgemeinschaft Deutscher Minderheiten" im Jahre 1991 gemeinsam in der Öffentlichkeit auf, um ihre Geschichte und Gegenwart zu präsentieren. Welche Bedeutung hat das Projekt für die deutschen Minderheiten?

Gaida: Deutsche Minderheiten stehen in den einzelnen Ländern häufig vor sehr ähnlichen Alltagsproblemen. Diese reichen von fehlender Akzeptanz in der Mehrheitsbevölkerung und fehlenden politischen Partizipationsmöglichkeiten bis hin zu einem fehlenden Zugang zu eigenen Medien in der Muttersprache. Die Benachteiligungen haben zu einem großen Teil mit einer Unwissenheit der Mehrheitsbevölkerung über ihre Minderheiten zu tun, die wir ändern möchten. Auch in Deutschland besitzen nur wenige Menschen Kenntnisse über die deutschen Minderheiten im Ausland. Glücklicherweise versteht das Bundesinnenministerium unser Bedürfnis, über uns aufzuklären. Mit seiner Unterstützung haben wir vor einem Jahr eine Broschüre über 25 deutsche Minderheiten herausgegeben. Und mit der Wanderausstellung wurde dieses Jahr noch ein weiterer Schritt getan. Wir hoffen mit der Ausstellung mehr Interesse und Wissen über die deutschen Minderheiten in den 25 Ländern zu schaffen und damit ebenso mehr Empathie in der Mehrheitsbevölkerung für die Bedürfnisse der Minderheiten zu generieren.

Thementafel Deportation © AGDM
In der Ausstellung "In Zwei Welten" werden auch Themen
wie Deportation, Ausgrenzung und Zwangsarbeit
besprochen © AGDM
Ausstellungsbesucher mit Kopfhörern © AGDM
Die Audiostationen kamen bei den Ausstellungs-
besucherinnen und -besuchern in Berlin gut
an © AGDM

ifa: "Von deutschen Minderheiten über deutsche Minderheiten" – Die Ausstellung soll den Besucherinnen und Besuchern die Vielfalt der deutschen Minderheitengruppen ins Bewusstsein rufen und zum Nachdenken und Diskutieren anregen. Wie wurde das umgesetzt?

Gaida: Dass die Ausstellung nicht von einem einzelnen Land, sondern von 25 Gruppen auf einmal erzählt, hat eine besondere Relevanz. Eine so umfassende Ausstellung gab es meines Wissens nach in dieser Form noch nie! Auf "Ländertafeln" werden die einzelnen Minderheiten der Länder mit herausragenden Projekten vorgestellt. Darüber hinaus werden Schicksale und Identifikationselemente der Gruppen aufgezeigt, zum Beispiel die Deportationen, Ausgrenzungen und die Zwangsarbeit in der Nachkriegszeit. Gleichzeitig regen Themen wie Jugendarbeit, Medien und Religion dazu an, über Minderheiten in ihrer Vielfalt zu sprechen.

Hartmut Koschyk, Beauftragter der Bundesregierung für Minderheiten © AGDM
Hartmut Koschyk, Beauftragter der Bundesregierung für
Minderheiten © AGDM

ifa: Hartmut Koschyk, der Bundesbeauftragte für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten, betonte bei der Ausstellungseröffnung in Berlin, dass "Minderheitenpolitik in Europa präventive Friedenspolitik sei". Welchen Beitrag können die deutschen Minderheiten im Dialog der Zivilgesellschaften spielen?

Gaida: Der Begriff "Brückenbau" klingt heute nicht mehr besonders innovativ. Im gesellschaftlichen Leben in mittel- und osteuropäischen Ländern – und nicht nur dort – ist der Begriff trotzdem noch sehr wichtig. Die zunehmenden euroskeptischen und nationalistischen Tendenzen zeigen, dass alles, was die kulturelle Vielfalt Europas als Bereicherung darstellt, wieder grundlegend an Bedeutung gewinnt. In manchen Ländern, zum Beispiel in Polen, sind Politiker, die ihre Euroskepsis mit antideutschen Ressentiments begründen, wieder laut geworden. Die Erfahrung der Vergangenheit zeigt, dass deutsche Minderheiten als Befürworteter der europäischen Gemeinschaft besonders erfolgreich sind und zu guten Beziehungen zwischen Deutschland und den Ländern, in denen sie leben, beitragen. Wir knüpfen Partnerschaften mit Schulen, Vereinen und Gemeinden, wir organisieren den Jugendaustausch über Grenzen hinweg und den Gedankenaustausch in den Ortschaften, in denen wir leben. In vielen Regionen stellten die deutschen Minderheiten die ersten zivilgesellschaftlichen Organisatoren nach der Wende.

ifa: Die Ausstellung "In Zwei Welten" ist eines von vielen Projekten, das die "Arbeitsgemeinschaft Deutsche Minderheiten" umsetzt. Mit welchen zukünftigen Plänen wollen Sie die Zusammenarbeit der Verbände stärken und die Präsenz in Deutschland verbessern?

Gaida: Wir versuchen seit ein paar Jahren durch jährliche Tagungen in Berlin unsere Präsenz in Deutschland zu stärken. Die Tagungen sind sowohl mit wichtigen politischen Treffen als auch mit Medienberichten verbunden. Außerdem verbessern wir die Zusammenarbeit mit den Mittlerorganisationen, die sich mit deutschen Minderheiten beschäftigen, zum Beispiel das ifa und das Goethe-Institut. Eine stärkere Vernetzung innerhalb der "Föderalistischen Union Europäischer Nationalitäten", des Dachverbandes der autochthonen Minderheiten in Europa, ermöglicht uns, über eine gemeinsame Arbeitsweisen und Methoden nachzudenken. 2018 möchten wir in "Zukunftswerkstätten" Strategien für eine langfristige Verbesserung unserer Situation erarbeiten. Eins ist klar: Innerhalb unserer Arbeitsgemeinschaft ist es möglich, eine bessere Kooperation für Selbsthilfe zu schaffen. Nach dem Motto: die Größeren helfen den Kleineren.   

Die Ausstellung "In Zwei Welten" präsentiert 25 Geschichten deutscher Minderheiten.  © AGDM
Die Ausstellung "In Zwei Welten" präsentiert 25 Geschichten deutscher Minderheiten. © AGDM

ifa: Vor welchen Herausforderungen stehen Sie in Ihrer Amtszeit als Sprecher der "Arbeitsgemeinschaft Deutscher Minderheiten"?

Gaida: Ich merke, dass ich noch viel besser die Situation der einzelnen, besonders der kleineren Gruppen kennenlernen muss. Das ist notwendig, um die Vernetzung untereinander effektiver zu gestalten und gemeinsam Projekte zu planen. Besonders wichtig ist für mich, die Anliegen der deutschen Minderheiten in der neuen Legislaturperiode des Bundestages politisch bestmöglich zu positionieren. Sehr viele Abgeordnete, die sich traditionell mit der deutschen Minderheitenpolitik beschäftigt haben, sind in der neuen Legislaturperiode nicht mehr aktiv. Es wurden jüngere, neue Abgeordnete gewählt, die man nun über die Anliegen der deutschen Minderheiten informieren muss und sie dafür begeistern muss. Ein weitere große Herausforderung für dieses und kommendes Jahr stellen für mich und alle Minderheiten in Europa der erfolgreiche Abschluss der Bürgerinitiative Minority SafePack dar. Sie setzt sich für bessere Rechte von nationalen autochthonen Minderheiten ein. Um das Anliegen ins EU-Parlament zu bringen, müssen bis April eine Million Unterschriften gesammelt werden – das wäre ein sehr wichtiger Schritt für uns alle!

Die "Föderalistische Union Europäischer Nationalitäten", kurz FUEN, ist der größte Dachverband autochthoner, nationaler Minderheiten in Europa. 1949 in Paris gegründet, verfügt er heute über 90 Organisationen aus 33 Ländern. Ziel der FUEN ist es, die Identität, Sprache, Rechte und Kultur der Minderheiten zu wahren und zu fördern.

Die "Arbeitsgemeinschaft Deutscher Minderheiten", kurz AGDM, ist ein Zusammenschluss der 21 deutschen Minderheitenverbände der FUEN. Das informelle Gremium möchte die Kooperation und Sichtbarkeit der einzelnen Verbände stärken. Bernard Gaida ist seit 2016 Sprecher der 1991 auf Initiative des Bundesministeriums des Innern in Budapest gegründeten Arbeitsgemeinschaft. Koordiniert wird diese seit zwei Jahren aus dem Bundeshaus in Berlin.