Skulptur "Sólfar" von Jón Gunnar Àrnason in Reykjavík, Foto: Matt Lamers (CC0 1.0), via Unsplash

Superhelden für Europa

Flucht und Migration im Comic

Jonas Engelmann

Am Anfang des Comics stehen die Flucht, das Sprachengewirr, der Neuanfang. Als der Comic gegen Ende des 19. Jahrhunderts in New York entstand, war er vor allem das Produkt jener "geknechteten Massen, die frei zu atmen begehren", der Heimatlosen und "vom Sturme Getriebenen", jener Migrantinnen und Migranten also, die in Amerika auf ein besseres Leben hofften und die von der Freiheitsstatue mit damals noch offenen Armen in Empfang genommen wurden.

"Geboren" wurde das neue Medium mit der ersten Episode von Richard F. Outcaults Hogan’s Alley im Oktober 1896 im New York Journal – zumindest gilt dieses Werk als Ausgangspunkt für den Comic in der uns heute bekannten Form, obwohl bereits zuvor vereinzelt Comics in Zeitungen publiziert worden waren. Die Erfindung des Farbdrucks hatte die Geburt ermöglicht, und schnell wurden Comics zum Aushängeschild konkurrierender Zeitungen.

Zu den wichtigen Zeichnern dieser Zeit zählten Lyonel Feininger (1871–1956), Rudolph Dirks (1877–1968), Winsor McCay (1869–1934), Cliff Sterrett (1883–1964) oder Harry Hershfield (1885–1974). Feininger und Dirks hatten einen deutschen, McCay hatte einen irischen, Sterrett einen skandinavischen und Hershfield einen russischen Migrationshintergrund. Daher ist es kein Wunder, dass die Protagonisten der frühen Zeitungscomics ebenfalls als Migranten gekennzeichnet waren: Das Yellow Kid von Outcault sprach mit irischem, die Katzenjammer Kids von Dirks mit deutschem und Hershfields Abie the Agent mit jiddischem Akzent; die Storys beschrieben den urbanen Alltag, die Probleme und das "kleine Glück" der "einfachen" Menschen. Diese Comics richteten sich an ein erwachsenes Publikum, vornehmlich in den von europäischen Einwanderern geprägten Städten der amerikanischen Ostküste.

In New York wurden zur Jahrhundertwende über 50 Sprachen gesprochen, weswegen gerade die stilisierten Zeichnungen, kombiniert mit einer einfachen, migrantisch gefärbten Ausdrucksweise über die ethnischen Grenzen hinweg verbindend gewirkt und eine gemeinsame Identität erschaffen haben: die des US-Amerikaners. Beim Lesen dieser Comics war man nicht mehr lediglich Teil einer einzigen Minderheit, sondern einer Minderheit unter vielen Minderheiten, die eine gemeinsame Sprache gefunden hatten: das Lachen.

Schmelztiegel Comic

Schon die nächste Generation von Comiczeichnern versah ihre Figuren nicht mehr mit eindeutig identifizierbaren ethnischen Merkmalen, und die sprachlichen Färbungen lösten sich nach und nach in der mittlerweile gemeinsamen Sprache auf. Aus dem kulturellen Gepäck der Migranten, ihren Herkunftssprachen, Mythen und Traditionen war eine neue Kunstform entstanden, die in ihrer Verknüpfung von Bild und Text wie keine andere für den melting pot Amerika steht und für die Fähigkeit, aus dem Erfahrungsschatz kulturell unterschiedlich geprägter Menschen eine gemeinsame künstlerische Sprache entstehen zu lassen, die alle verstehen und in der sich alle wiederfinden können. Doch die Erfahrung der Migration, des Ankommens in der Fremde und die Verlorenheit in der neuen Kultur blieben unter der Oberfläche weiterhin Teil des Comics. Insbesondere in jener Gestalt, die bis heute neben der Welt des Walt Disney – übrigens mit irisch-deutschem Familienhintergrund – als Inbegriff des amerikanischen Comics gilt: der Superheld.

Superman, Batman oder Captain America sind heute Teil der globalen Alltagskultur. Was in der langen Geschichte dieser Figuren jedoch allzu oft vergessen wird, ist die Tatsache, dass das Genre des Superheldencomics von einer gesellschaftlichen Minderheit geschaffen und ausgestaltet wurde, die sich mit Flucht, Migration, Assimilation und Ausgrenzung auseinandersetzen musste. Die Mehrzahl der Superheldenfiguren, die bis heute gegen das Böse in der Welt in den Kampf ziehen, wurde ab der zweiten Hälfte der 1930er-Jahre von jungen jüdischen Comiczeichnern entwickelt, viele von ihnen mit osteuropäischem Migrationshintergrund, die mit den mit übernatürlichen Kräften ausgestatteten Helden auf die Bedrohung durch den deutschen Nationalsozialismus reagierten. In den Biografien und Charakteren der Superhelden spiegelte sich die Erfahrung unzähliger – nicht nur jüdischer – Migranten.

Superman beispielsweise, der einzige Überlebende des zerstörten Planeten Krypton, versucht sich in Amerika zu assimilieren und versteckt seine Herkunft hinter seiner menschlichen Identität als Reporter Clark Kent. Batman ist als Waisenkind auf sich allein gestellt. Und die X-Men werden von der Gesellschaft als Außenseiter stigmatisiert. So war der Comic in seinen ersten 50 Jahren zweierlei: ein Medium, in dem zum einen Minderheiten ihre spezifische Situation in der Gesellschaft trotz Sprachbarrieren zum Ausdruck bringen konnten, und in dem zum zweiten Themen wie Flucht, Verfolgung, Migration und Assimilation auch inhaltlich eine zentrale Rolle spielten.

Während dem Comic in den Vereinigten Staaten diese wichtige Rolle der Kommunikation und Annäherung zwischen gesellschaftlichen Minderheiten zukam, entwickelte er sich zeitgleich in Europa vollkommen anders. Comics in Europa waren lange eher auf Abgrenzung, auf die Stärkung regionaler wie nationaler Identitäten und Traditionen bedacht und richteten sich, anders als in den USA, in einem belehrenden Tonfall an Kinder. Tim und Struppi rechtfertigten 1930 den belgischen Kolonialismus, und der 1959 erschaffene Asterix feiert den gallischen Widerstand gegen die römische Besatzung und damit die Weigerung der Bewohner einer Region, sich dem größeren Staatengebilde zugehörig zu fühlen und sich mit ihm zu identifizieren. Bis weit nach dem Zweiten Weltkrieg ist die Idee eines geeinten Europas oder zumindest ein Blick über die Staatsgrenzen hinweg im europäischen Comic kaum zu finden. Die danach aus Amerika in Form von Übersetzungen nach Europa "zurückmigrierten" Comics sorgten zwar für eine Öffnung, für neue Inhalte und neue Formen. Dennoch traten Comics in Europa zunächst nicht als Medium von Minderheiten in Erscheinung: Comics von "Gastarbeitern", von Sinti und Roma oder von Flüchtlingen waren in Europa lange kaum zu finden.

Grenzen und ihre Überwindung

Die Fähigkeit des Comics, als Genre von Minderheiten Grenzen zu überschreiten und kulturelle Unterschiede zu überbrücken, ist heute hochaktuell. Und so haben seit einigen Jahren Themen wie Migration, Flucht, Vertreibung, Ankommen in der Fremde und Suche nach einer neuen Heimat auch in Europa Einzug in den Comic gehalten. Um zu ergründen, warum der Comic nicht nur aufgrund seiner Geschichte, sondern auch seiner spezifischen Ästhetik so geeignet für die Gestaltung dieser Themen ist, muss man sich die Erfahrungen vor Augen führen, die mit einer Flucht und einem Neubeginn in der Fremde einhergehen: Ein Mensch lässt sein gewohntes Umfeld hinter sich, die Kontinuität einer Biografie wird zerrissen.

Diese "Zerrissenheit" ist konstitutiv für die Ästhetik des Comics, in dem sich mit jedem Einzelbild eine neue Welt eröffnet. Zwischen den Bildern jedoch liegt etwas Unbekanntes, eine Leerstelle, die der Leser füllen, sowie eine Grenze, die er überwinden muss, um aus den Einzelbildern ein Ganzes, eine Geschichte zu erschaffen. Dieser ästhetische Aspekt macht den Comic für das Erzählen zerrissener Biografien so reizvoll. Die Leere, die sich zwischen den Bildern auftut, steht für jene Erfahrungen des Verlusts, die viele Migranten gemacht haben und die sie, um ein neues Leben in der Fremde beginnen zu können, überwinden und verarbeiten müssen. Der Comic präsentiert keine in sich abgeschlossene, kontinuierlich und chronologisch erzählte Geschichte. Die Reihung von Einzelbildern betont vielmehr ein Moment des Unvollständigen und zwingt den Leser, immer wieder innezuhalten, Blickrichtungen neu zu überdenken. Im Comic eröffnen sich Räume, die helfen können, zu überleben, wie es der französische Zeichner Joann Sfar in seinem Comic Chagall in Russland beschreibt. Hier fordert der russisch-jüdische Künstler Marc Chagall die Bewohner eines jüdischen Schtetls dazu auf, in sein Skizzenbuch einzutreten, um sie damit vor einem antisemitischen Angriff zu retten:

"Ich kann euch alle retten, wenn ihr mir Vertrauen schenkt! Ihr müsst einer nach dem anderen in mein Buch eingehen, um vor den Bösewichten in Sicherheit zu sein",

warnt er und fährt fort:

"Kommt alle: die Kupplerin, der Rabbi, seine Schüler, Geflügel, Mädchen, Mütter und Väter! Violinisten, Klarinettisten, Beschneider, Klatschweiber und Luftmenschen: Hinein mit euch!"

Als er schließlich dem Mob, der das osteuropäische Schtetl niederbrennen will, ganz allein gegenübersteht, schwingt sich Chagall mit dem Buch unter dem Arm in den Himmel auf und schwebt nach Paris. Nur eine von vielen Fluchtgeschichten, die – trotz ihrer surrealen Elemente – historische Ereignisse aufgreift und verarbeitet. Es sind keine reinen Fantasywelten, in die solche Comics entführen; hinter der fantastischen Fassade tun sich oft die Abgründe der Realität auf.

Derlei fantastische Elemente finden sich mitunter sogar in autobiografisch geprägten Comics, die nun als Erstes in den Blick genommen werden sollen. Im Anschluss daran werden Comics vorgestellt, die europäische Fluchtgeschichten erzählen und innereuropäische Migration thematisieren. Und zuletzt werden jene Comics betrachtet, die von Flucht nach Europa von außerhalb erzählen, vom Ankommen in der Fremde, den Ängsten, Gefahren und auch dem Scheitern.

Autobiografische Fluchtgeschichten als kulturelles Vermächtnis

Eine der berühmtesten großen Comicerzählungen der vergangenen 30 Jahre, Art Spiegelmans Maus, handelt von Verfolgung, Flucht, Migration und den Folgen dieser Erfahrung. In diesem mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Werk flieht ein polnischer Jude, Spiegelmans Vater, vor der Verfolgung durch den Nationalsozialismus, überlebt Auschwitz und migriert nach seiner Befreiung über Schweden nach Amerika, wo ihn sein jiddischer Akzent bis ins hohe Alter als Migrant kennzeichnet. Inspiriert von Spiegelmans neuem Ansatz des Erzählens – reduzierte, subtile Schwarz-Weiß- Bilder, mit denen der Weg der Charaktere mit all ihren Selbstzweifeln und Schwierigkeiten nachgezeichnet wird –, haben sich seitdem immer wieder Künstler im Comic der eigenen Fluchtbiografie genähert.

Die größte Aufmerksamkeit erlangte dabei die Exil-Iranerin Marjane Satrapi mit ihrer Autobiografie Persepolis, die in Frankreich zwischen 2000 und 2003 in vier Bänden erschien. Sie erzählt darin von den Ereignissen der Islamischen Revolution 1979 und von der Entscheidung ihrer Eltern, die damals 14-jährige Marjane zu Verwandten nach Europa zu schicken, um ihr die Repressionen durch das neue Regime zu ersparen. Eindringlich schildert Satrapi, die heute in Paris lebt, ihre Ankunft in Wien 1984 und die Einsamkeit in der Fremde, an der sie schließlich zu zerbrechen droht. Sie wird schwer krank und entscheidet daher, in den Iran zurückzukehren: "… zum Teufel mit meiner individuellen und sozialen Freiheit … ich musste dringend nach Hause." Satrapi beschreibt eindrücklich die Hintergründe einer Flucht und zeigt: Niemand flieht freiwillig, lässt ohne Grund Familie und Freunde, die vertraute Umgebung sowie die eigene Sprache zurück.

Auch die Biografie der 1981 in Beirut geborenen Zeina Abirached ist geprägt von der Erfahrung des Bürgerkriegs und den damit einhergehenden Vertreibungen, die sie später in Comics verarbeitet hat. Ihre Graphic Novel Das Spiel der Schwalben etwa beschreibt einen Tag im libanesischen Kriegsalltag aus der Perspektive der damals Siebenjährigen als persönliche wie gesellschaftliche Krise. Auch der Zeichner Riad Sattouf, der seine Kindheit im Nahen Osten verbrachte und mit zehn Jahren in die Bretagne zog, oder der Karikaturist Mana Neyestani, der vor den iranischen Foltergefängnissen nach Frankreich f loh, verfolgen mit ihren Comics zweierlei: zum einen, sich der eigenen Biografie künstlerisch anzunähern, und zum anderen, Lesern die Ursachen für eine Flucht und deren psychische wie physische Folgen für die Geflüchteten näherzubringen.

Doch diese Zeichner leisten mehr, als bloß um Verständnis und Empathie für Geflüchtete zu werben. Sie bringen gleichzeitig ihren eigenen kulturellen Hintergrund in die europäische Comictradition ein und bereichern sie um Motive, Perspektiven und Inhalte. Vor Persepolis waren nur wenige Menschen außerhalb Irans mit persischen Zeichentraditionen vertraut, die bei Satrapi ganz selbstverständlich neben Elementen europäischer künstlerischer Avantgardebewegungen und westlicher Comictradition stehen. Der Comic wird bei Satrapi und Abirached zu einem Medium der Annäherung und Vermischung, zu einem Ort ohne jene Grenzen, die sie als Künstlerinnen einst zu überwinden hatten.

Ähnlich verfährt der französische Comiczeichner Joann Sfar, dessen Großeltern dem osteuropäischen beziehungsweise nordafrikanischen Judentum entstammen und der sich in seinen Comics intensiv wie kein Zweiter mit den Hintergründen von Migrationserfahrungen ganzer Familien beschäftigt hat. Auch er bringt dabei sein kulturelles Vermächtnis in die Comics ein und verquickt nordafrikanische und osteuropäische jüdische Traditionen mit Erfahrungen aus seinem Leben als Jude in Frankreich. Im Nachwort zum ersten Band der Comicreihe Klezmer formuliert Sfar seinen Wunsch, dass jüdische Stimmen in der Kunst sprechen, dabei aber nicht nur von Juden gehört und verstanden werden mögen. Dieser Wunsch ist für viele der Comiczeichner im Exil sowie für migrantisch geprägte Künstler wahr geworden: Muslimische, jüdische und andere Stimmen überwinden Grenzen und begründen, wie es einst auch in Amerika geglückt ist, eine neue Comictradition, die eben nicht mehr auf Abgrenzung und Stärkung der eigenen regionalen oder nationalen Identität abzielt, sondern auf grenzüberschreitende Begegnung und wechselseitige Bereicherung.

Die kanadisch-jugoslawische Zeichnerin Nina Bunjevac, 1973 in Toronto geboren und 1975 mit ihrer Mutter ins sozialistische Jugoslawien, die Heimat ihrer Eltern, zurückgewandert, erzählt in ihrem autobiografischen Comic Vaterland die Geschichte Jugoslawiens im 20. Jahrhundert – mit all jenen Konflikten und Fronten, die schließlich zum Bürgerkrieg und Verfall des Landes führten. Vaterland ist ein Werk, das versucht, dem Schwarz-Weiß-Denken zu entkommen und stattdessen auf Grau- und Zwischentöne, auf Ambivalenzen setzt. Bunjevac wechselt zwischen Bildern, die in ihrem Anspruch auf Objektivität einem Geschichtsbuch entstammen könnten, und den subjektiven Bildern ihrer Erinnerung. Ein Comic wie Vaterland kann dabei helfen, sich den großen Fragen der Geschichte anzunähern, die Konfliktlinien nachzuzeichnen und verdrängte Aspekte des Kriegsgeschehens ans Tageslicht zu holen. Auf diese Weise kann er auch – über das konkret geschilderte Ereignis hinaus – auf allgemeine Ursachen von Vertreibung und Flucht aufmerksam machen. Auch Bunjevac verpackt in ihrem Comic Motive der kulturellen Traditionen des Balkans und präsentiert sie als einen selbstverständlichen Teil Europas, einer europäischen Kulturtradition.

Die Heimatlosen Europas

Der von Joann Sfar erdachte Flug Marc Chagalls aus dem bedrohten russische Schtetl ins damalige Herz Europas, nach Paris, hat es bereits gezeigt: Migration und Flucht sind bei Weitem kein bloßes Gegenwartsphänomen, sondern tief in der innereuropäischen Geschichte verankert. Insbesondere der Zweite Weltkrieg brachte unzählige Fluchtbewegungen mit sich und machte aus vielen Menschen Heimatlose. So etwa aus jenen spanischen Anarchisten, den Verlierern des Spanischen Bürgerkriegs, die – an der Seite der Alliierten – eine zentrale Rolle bei der Befreiung von Paris von den Deutschen gespielt hatten und denen der Spanier Paco Roca in seiner Graphic Novel Die Heimatlosen ein Denkmal gesetzt hat. Die spanischen Kämpfer gegen den Faschismus, die doch Hitler besiegt hatten, mussten sich gleichzeitig der Tatsache stellen, dass sie ihr Land an Franco verloren hatten. Sie seien die Einzigen, wie der von Roca porträtierte ehemalige Soldat Miguel Ruiz resigniert am Ende von Die Heimatlosen resümiert, "die nach dem Sieg keine Heimat erwartete, in die wir zurückkehren konnten".

Eine andere geografische Region steht im Zentrum des Comics Palatschinken von Caterina Sansone und Alessandro Tota. In diesem Comic vollziehen die beiden die Fluchtroute der Großmutter Caterinas nach dem Zweiten Weltkrieg vom heutigen Kroatien nach Italien nach. Der dokumentarische, aus Fotos und Zeichnungen, eigenen Texten und Auszügen aus Interviews komponierte Comic zeigt ein vielstimmiges Bild von Flucht und Heimat. In diesen Comics erscheint Heimat als ein fragiles Gebilde, das den Protagonisten jederzeit wieder genommen werden kann, wenn sich die politischen Gegebenheiten, etwa durch Kriege, ändern.

Doch nicht nur historische Fluchtgeschichten werden in den gegenwärtigen Graphic Novels thematisiert; der präzise Blick der Zeichner richtet sich auch auf aktuelle Fluchtbewegungen, die in Europa gern ausgeblendet werden. Als der dokumentarische Comic Reisen zu den Roma 2010 in Frankreich erschien, war die Diskussion um Nicolas Sarkozys "nationalen Krieg gegen die Kriminalität", im Zuge dessen unzählige zuvor nach Frankreich migrierte Roma nach Rumänien und Bulgarien abgeschoben wurden, in vollem Gange. Der Fotograf Alain Keler dokumentierte die Situation der Roma in Europa über zehn Jahre hinweg, um auf die Diskriminierung dieser Minderheit hinzuweisen. Als Kriegsfotograf im Kosovo beobachtete er gewalttätige Ausschreitungen gegen Roma, die vertrieben und deren Häuser angezündet wurden, weil man sie der Kollaboration mit dem serbischen Feind bezichtigte. Er reiste nach Tschechien, Italien und in die Slowakei, traf auf von der Mehrheitsgesellschaft isolierte Roma-Gemeinden und dokumentierte Nazi-Aufmärsche gegen Roma in Litnov. Gemeinsam mit Emmanuel Guibert und Frédéric Lemercier veröffentlichte er seine Aufnahmen als Fotobuch, das von seinen Koautoren mit Comicelementen angereichert wurde.

"Die Lösung eines Problems beginnt mit der Erkenntnis. Um etwas erkennen zu können, muss man näher hinschauen. Das tue ich, in meinem Rhythmus, mit meinen Mitteln", beschreibt Keler im Epilog seine Hoffnung, mit Reisen zu den Roma zu einem Abbau der Ressentiments beitragen zu können. So sind zwar nach wie vor keine Comics von Roma selbst erschienen, doch immerhin wurde deren Ausgrenzung zum Thema gemacht. Gleichzeitig ist eine weitere Ursache jüngerer Migrationsbewegungen – der europäische Kolonialismus und die damit verbundene Ausbeutung großer Teile der Welt – immer stärker in den Fokus von Comics gerückt. Und auch Migrationsgeschichten von Gastarbeitern haben Einzug in den Comic gehalten, etwa in Birgit Weyhes Madgermanes, in dem ehemalige DDR-Vertragsarbeiterinnen und -arbeiter aus Mosambik ihre Biografien erzählen. "Ich erinnere mich nicht. Jedenfalls nicht gerne. Bei manchen Erinnerungen ist es besser, wenn sie weggeschlossen bleiben", lässt die Protagonistin Anabella Mbanze Rai die Leser zu Beginn ihrer Erzählung wissen. Sie ist eine der 20 000 ehemaligen Vertragsarbeiter aus Mosambik, die seit Ende der 1970er-Jahre in den sozialistischen Bruderstaat zogen und die nach der Wende unter die Räder der Weltgeschichte gerieten. Weyhe, die selbst in Uganda und Kenia aufgewachsen ist, interessiert sich für die Verlorenheit der Protagonisten zwischen den Kulturen. In Deutschland mit Rassismus konfrontiert, mit den ausgrenzenden Blicken der Mehrheitsgesellschaft, aber auch mit den Vorzügen des DDR-Sozialismus, ohne Sorgen um Geld, Wohnung, Kleidung und mit der Möglichkeit zu reisen, sich zu bilden, werden sie nach der Wiedervereinigung wieder in die alte und fremd gewordene Heimat geschickt, die nicht in der Lage ist, sie aufzufangen. In dem vom Bürgerkrieg zerstörten Mosambik fasst kaum einer von ihnen jemals wieder Fuß; ihre ehemaligen Landsleute betrachten sie als Fremde. Diejenigen, die es schaffen, in Deutschland zu bleiben, sind wiederum mit Rassismus konfrontiert. Weyhe gelingt es, diese Heimatlosigkeit in starken und doch subtilen Bildern zu veranschaulichen, Menschen zu zeigen, die rückgeführt wurden in ein Land, das nicht ihres war, aus einem Land, das sie nicht mehr haben wollte.

Selbstverständlich ist die Darstellung von Flucht auch immer eine Frage der Perspektive, was sich bereits in der Wortwahl zeigt: "Schlepper" bringen Flüchtlinge nach Europa, hingegen haben "Fluchthelfer" beispielsweise Menschen aus der DDR in den Westen geschmuggelt. So zeigen die beiden Franzosen Olivier Jouvrai und Nicolas Brachet, inspiriert von wahren Ereignissen, eine Flucht aus dem sozialistischen Staat durch einen Tunnel zwischen Ost- und Westberlin im Jahr 1964, drei Jahre nach dem Mauerbau. Auch solche Fluchtgeschichten gehören zu Europa; sie zeigen, dass Migration nicht zwangsläufig mit Angst und Unsicherheit besetzt sein muss, sondern auch Befreiung und Freude bedeuten kann.

Ausgeschlossen aus der "Festung Europa"

Die Ost von West trennende Mauer ist gefallen, die Grenzen innerhalb Europas haben sich seit 1989 nach und nach aufgelöst, und doch wurden neue Grenzen errichtet, die Menschen von der EU fernhalten sollen. 2012 ertrank Samia Yusuf Omar mit 21 Jahren vor der italienischen Küste. Ihr hat der Zeichner Reinhard Kleist den Comic Der Traum von Olympia gewidmet. Um als Läuferin an den Olympischen Spielen in London teilnehmen zu können, hatte Omar die Flucht aus Somalia über das Mittelmeer in Richtung Europa gewagt. Vier Jahre zuvor, bei den Olympischen Spielen in Peking 2008, war Omar die offizielle Vertreterin ihres Landes gewesen, hatte zum ersten Mal die Möglichkeit gehabt, den repressiven Alltag ihres Landes hinter sich zu lassen und sich dem zu widmen, worin sie ihre Berufung sah: dem Laufen. Die mediale Aufmerksamkeit nützte Omar nach ihrer Rückkehr nach Somalia jedoch wenig, da das Land im Chaos des Bürgerkriegs versunken war und die Kämpfer der Al- Shabaab-Miliz, die ihre Heimatstadt Mogadischu kontrollierten, Frauen das Ausüben von Sport untersagten.

Die Olympischen Spiele in London wurden für Omar zu einem Symbol der Freiheit, zu einem Ausweg aus Krieg, Hunger und Unterdrückung. Sie entschloss sich zur Flucht nach Europa und begann ihre Odyssee in Richtung Italien. Reinhard Kleist zeigt in Der Traum von Olympia eine "Festung Europa", in die Omar und viele andere Flüchtlinge nicht vordringen konnten. Kleist schreibt in seinem Vorwort:

"Ich hoffe, dass ich mit diesem Buch Samia Yusuf Omar gerecht werde und dass ihre Geschichte dazu beiträgt, unser Bewusstsein dafür wachzuhalten, dass sich hinter den Randnotizen der Medien zur Flüchtlingspolitik Schicksale und hinter den abstrakten Zahlen Menschenleben verbergen."

Von ähnlicher Tragik ist die Graphic Novel Unsichtbare Hände des Finnen Ville Tietäväinen. Darin verpfändet der Marokkaner Rashid, voller Scham darüber, seine junge Familie mit seinen mageren Einkünften allein nicht ernähren zu können, sein Elternhaus, um mit dem Geld und mithilfe eines Schleppers die Straße von Gibraltar überqueren zu können. Das Boot wird von der Grenzschutzagentur Frontex aufgebracht und sinkt, viele Insassen sterben. Mit Glück entgeht Rashid seiner Abschiebung und landet auf einer landwirtschaftlichen Plantage. Er fingiert seinen Tod, flieht, schlägt sich nach Barcelona durch, verfällt zusehends körperlich und psychisch und begeht – am Ende seiner Kräfte, nach Jahren der Odyssee – schließlich Selbstmord. Der düstere Comic weist auf Missstände im Zusammenhang mit Fluchtbewegungen hin, die sonst selten angesprochen werden, etwa auf die Ausbeutung illegaler Flüchtlinge auf Obstplantagen in den südlichen Ländern Europas.

Andere Comics betrachten das Schicksal jener Geflüchteten, die bereits in Europa angekommen sind. In Kafka für Afrikaner – Sofie und der schwarze Mann der belgischen Zeichnerin Judith Vanistendael etwa eröffnet die 19-jährige Sofie ihren mit wenig Verständnis reagierenden Eltern, dass sie sich in den aus Togo stammenden und illegal in Belgien lebenden Abou verliebt hat. Sehr genau lernt man in Kafka für Afrikaner das belgische Asylrecht kennen, dessen Bürokratie tatsächlich immer wieder kafkaeske Züge annimmt.

Das Leben von Flüchtlingen in Sachsen-Anhalt, ihren Kampf gegen die Residenzpf licht, vergammelnde Heime, Alltagsrassismus und die drohende Abschiebung beschreibt Paula Bulling in ihrem Reportagecomic Im Land der Frühaufsteher. Die Autorin berichtet von ihren Annäherungen an die in den Heimen ausharrenden Bewohner und beschreibt in vielen Details das Leben im »Knast, der seinen Namen nicht sagt«, wie ihr Interviewpartner Aziz es beschreibt. Insbesondere den Rassismus, der den Flüchtlingen in ihrem Alltag entgegenschlägt, wenn sie sich außerhalb der Heime bewegen, erfasst Bulling sehr genau. Dieser Rassismus und die miserablen Wohnbedingungen im Heim lassen Aziz erklären: "Ich bin hier seit mehr als ein Jahr. Jetzt bin ich wie verrückt. In diese Ort ich frage mich: Wer bin ich … und wo kann ich ein normal Mensch sein."

Ästhetische Neuformationen

Beim Lesen dieser Comics fällt es schwer, kein Mitgefühl für die Menschen in der für sie fremden Umgebung aufzubringen. Doch der Comic leistet mehr, als Empathie zu wecken. Denn er bereichert auch die europäische Kultur – mit Motiven aus der untergegangenen jüdischen Kultur, mit Elementen der persischen Bildtradition oder mit den in Westeuropa nahezu unbekannten Mythen des Balkans. Kunst und Kultur bilden immer schon das Feld, in dem durch das Zusammentreffen unterschiedlicher Einflüsse Neues entstehen kann. Die frühen amerikanischen Comics haben sich in zwei Jahrzehnten von einem ethnisch gefärbten zu einem "amerikanischen" Medium entwickelt, und ganz ähnlich zeigt das große Interesse an den Arbeiten von Marjane Satrapi oder Riad Sattouf, dass Kunst und Kultur auch in Europa das Potenzial besitzen, nationale Grenzen zu überwinden und ein ähnliches Gemeinschaftsgefühl zu stiften, wie es im Amerika an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert zu beobachten war: Man vertieft sich in eine Geschichte und lernt darüber hinaus die Hintergründe von Flucht und Migration kennen, und Aspekte einst fremder Kulturen und Traditionen werden besser vertraut.

Der Musikstil Rembetiko entstand in den Armenvierteln der griechischen Hafenstädte. Der Rembetiko verknüpfte musikalische Traditionen Griechenlands mit Einflüssen aus der Türkei; er ist außerdem der Protagonist in David Prudhommes gleichnamigem Comic Rembetiko. In seiner Vorrede schreibt Prudhomme über diesen Musikstil: "Man hört den Schmerz des Exils, die Romantik der Häfen, das Streunen der Nachtschwärmer, ihre leidvollen Liebesgeschichten. Das Scheitern und den Humor." Damit umschreibt er nicht nur die Musik, sondern auch seinen eigenen Comic, für den Situationen des Scheiterns und Humor ebenfalls zentral sind. Der Rembetiko stellt in den Augen der nationalistischen Machthaber im Jahr 1936, in dem der Comic spielt, eine Bedrohung dar, eine Form des Widerstands gegen ein politisches System, das die Artikulation von gesellschaftlichen Außenseitern nicht dulden will. Doch Prudhomme weist mit seinem Comic über den konkreten historischen Kontext und die politische Situation im damaligen Griechenland hinaus, indem er die Macht der Kunst herausarbeitet – der Musik genauso wie des Comics –, vermeintlich Getrenntes zu vereinen und rigide Systeme der Abgrenzung subversiv zu unterlaufen.

Die Musiker des Rembetiko, der Chagall Joann Sfars, die aus dem Iran geflohene Marjane und Samia Yusuf Omar: Sie alle sind die Superhelden, die Europa benötigt, um das Unmögliche möglich zu machen. Der Comic kann in manchen Momenten jene übernatürlichen Kräfte annehmen, die es möglich machen, Grenzen vergessen zu lassen, das Fremde in sich aufzunehmen und mit dem Eigenen zu verbinden.

Kann Kultur Europa retten? / Ronald Grätz (Hg.) - Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung, 2017. -240 S.

Themenreihe

In Zeiten von Populismus, Abschottung und Angst vor dem Fremden stellt sich die Frage: Was hält die Europäische Union in Zukunft zusammen? Was verbindet die Menschen in Europa? In der Themenreihe "Kann Kultur Europa retten?" begeben sich Kunst- und Kulturschaffende sowie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf die Suche nach Antworten. In loser Folge veröffentlichen wir Auszüge aus dem vom ifa gemeinsam mit der Bundeszentrale für politische Bildung herausgegebenen Band "Kann Kultur Europa retten?".

Folge 1: Freiräume schaffen. Ein Gedankenaustausch zu Kultur im Internet

Folge 2: "Don't panic, I'm Islamic". Riem Spielhaus stellt die Frage, wie Europa mit dem Islam umgeht.

Folge 3: Wider die Eindimensionalität. Zur Bedeutung von Kultur für Ankommende

Folge 4: Superhelden für Europa. Jonas Engelmann über Flucht und Migration im Comic

Folge 5: Kleiner – größer – anders. Claus Leggewie über die Zukunft der Regionen in Europa

Folge 6: Europa in nicht allzu ferner Zeit. David Engels über ein dystopische Szenario Europas