Skulptur "Sólfar" von Jón Gunnar Àrnason in Reykjavík, Foto: Matt Lamers (CC0 1.0), via Unsplash

Kleiner – größer – anders.

Regionen der Zukunft und Zukunft der Regionen in Europa

Von Claus Leggewie

Im Jahr 2014 fragten sich viele, was mit den Schotten los sei, als sie aus dem Vereinigten Königreich austreten wollten. Sollte die südöstliche "Verschweizerung" Europas nach 1990 – wir sprechen von der Zerlegung Jugoslawiens in seine Einzelteile – mit Ministaaten im Nordwesten fortgesetzt werden? Dabei hatten die Schotten gute Gründe für ihren Separationswunsch anzuführen: Sie wollten den Wohlfahrtsstaat bewahren, den die City of London mit ihrem neoliberalen Radikalismus abserviert hatte, ihrer Jugend kostenlose Bildung garantieren und eine bürgernahe Politik und Regierung haben. Im Euro, in der Europäischen Union und in der NATO wollten sie als kleinere Nation bleiben. Aber wäre es sinnvoll gewesen, dafür 800 000 Schotten (in England) und 400.000 Engländer (in Schottland) zu "Ausländern" zu machen?

Die schottische "Leave"-Kampagne scheiterte, aber das Brexit-Votum im Juni 2016 hat die Nationalisten in Edinburgh wieder bestärkt. Die schottische Bevölkerung stimmte mehrheitlich gegen den Austritt des Vereinten Königreiches aus der Europäischen Union, und die Regierung wird wohl demnächst – mit einem neuen Referendum – ihre Zustimmung zur EU signalisieren und gegebenenfalls als selbstständiger Nationalstaat in ihr verbleiben. Ähnlich verhält es sich mit dem zum Vereinigten Königreich gehörenden Nordirland, das keine EU-Außengrenze nach Irland haben möchte; die Partei Sinn Fein und auch andere politische Akteure denken über eine Wiedervereinigung mit der Republik Irland nach – etwas, wogegen nordirische Protestanten und Unionisten jahrzehntelang gekämpft haben.

Das ist die Paradoxie: Die eine Gesellschaft – die nordirische beziehungsweise Teile dieser – möchte sich einer Schwesternation anschließen, um in einer supranationalen Gemeinschaft verbleiben zu können; die andere – die schottische Gesellschaft – will eine Nation verlassen, zu der sie seit Jahrhunderten gehört, ebenfalls, um in einer supranationalen politischen, rechtlichen und wirtschaftlichen Gemeinschaft bleiben zu können. Der Fall belegt, was Regionsforscher gern herausstreichen: "Region" oder "regionale Integration" bedeutet ganz Verschiedenes für verschiedene Menschen in unterschiedlichen Zeiten und Zusammenhängen. Und eine Region ist keine vorgegebene Struktur oder Funktion, die sich quasi automatisch aus der nationalstaatlichen Ordnung ergibt; regionness (Söderbaum) ist aus kultureller und kulturwissenschaftlicher Sicht ein Prozess, der verschiedenste Anlässe und Akteure vereint oder gegeneinanderstellt. Das lernt auch, wer über die nationalstaatliche Ordnung Europas hinaus in den globalen Süden blickt, wo viele Gesellschaften an von Kolonialherren gezogenen Grenzen leiden, die grenzüberschreitende Bezüge durchschnitten haben.

Die britische devolution unterstreicht, dass das Korsett des Nationalstaats an Bindung und Zwang verloren hat und dass allenthalben subnationale Einheiten entstehen, kleiner als die überkommenen Staaten, während sich zugleich supra- und transnationale Strukturen wie die EU, in denen man sich als Schotte und Europäer (und Weltbürger) fühlen kann, heraus und auch wieder zurückbilden können – dass also zu Beginn des 21. Jahrhunderts neue regionale Einheiten entstehen: kleiner, größer, anders. Die Regionen, die sich da konstituieren, nehmen kulturelle und sprachliche Gemeinsamkeiten für sich an, fühlen sich als Peripherien von Machtzentralen unterdrückt und bilden zum Teil territoriale, administrative und rechtliche Einheiten mit mehr oder weniger großer Autonomie, jedoch nicht notwendigerweise, wie man bei Basken und Kurden sehen kann.

Zeitgemäßer Regionalismus

Der fluide Begriff der Region könnte im Zeitalter einer weltumspannenden Digitalisierung und globaler Politikfelder noch eine neue Qualität gewinnen. Dazu muss man sich jedoch vom traditionellen Verständnis von "Region" verabschieden.
Regionen (vom lateinischen Begriff regio für Herrschaftsgebiet) wurden historisch als Teilgebiete eines größeren Raums definiert, als Ausdehnungen in der Fläche, typisch für den modernen Territorialstaat. Vom 15. Jahrhundert an bildeten sich größere Herrschafts- und Verwaltungseinheiten, die Gebiete auch jenseits von natürlichen Gegebenheiten (wie Flüssen, Hügeln und Tälern) voneinander abgrenzen, in denen Menschen intensiv zusammenwirken und ein Wir-Gefühl pflegen – gewissermaßen ein "Revier" bilden wie im "Ruhrrevier". Nationsbildung gilt seit dem Westfälischen Frieden im 17. Jahrhundert und vor allem seit den nationalen Bewegungen im 19. und 20. Jahrhundert als natürlichste Gebietseinheit, dabei ist sie historisch sehr jung – und könnte ein Auslaufmodell sein.

Dass sich Schotten und andere Verfechter eines "Europas der Regionen" (wie Bretonen, Okzitanier, Basken, Katalanen und Kurden) politisch selbstständig machen wollen, liegt am Überzentralismus der Nationalstaaten, während föderale Systeme in Kanada, Deutschland und der Schweiz mehr Spielraum lassen für politisch-kulturelle Autonomie ihrer "Stämme". In der Regel sind Nationalstaaten territorial untergliedert; wie die Vielzahl der Regionen innerhalb der EU zeigt, haben diese aber ganz unterschiedliche Zuschnitte und Kompetenzen. Zu unterscheiden sind stets funktionale und kulturelle Aspekte der Region: Für kollektive Identität sind naturräumliche und ökologische und dann vor allem symbolisch-kulturelle (darunter sprachliche) Verbindungen bedeutsam, für die funktionale Verbindung sorgen institutionalisierte Gebietskörperschaften und wirtschaftliche Arbeitsteilungen. Regionen sind "gelebte Räume" – physisch und imaginiert, erst durch soziale Praktiken und rechtliche Setzungen hergestellt. Und indem sie etwas einschließen, schließen sie anderes stets aus.

Der europäische Regionalismus, der insbesondere in den 1940erund 1970er-Jahren aufblühte, leitete nach dem Vorbild des europäischen Nationalismus den Anspruch auf territoriale Souveränität aus kulturellen Eigenheiten ab. Das war der Fall, als sich bestimmte Ethnien in dem von der deutschen Wehrmacht besetzten Europa aus dem "Völkergefängnis" befreiten, und erneut, als sich zum Teil nur noch nostalgisch beschworene Gebietseinheiten wie "Okzitanien" gegen die Machtzentralen in Paris, Madrid, London und anderswo stemmten und in einem "Europa der Regionen", also einer locker gefügten Konföderation ethnisch-kultureller Gemeinschaften, Zuflucht suchten. In Schottland und Katalonien hat dies zu einer Nationsbildung geführt, auch der friedliche Scheidungsprozess zwischen Tschechen und Slowaken ist in diesem Zusammenhang zu erwähnen. Hochproblematisch bleiben alle Fälle, in denen Autonomiebestrebungen zur Separation führen und Gebiete aus mehreren Staaten herausgeschnitten werden sollen, wie im kurdischen Fall.
Die Herausforderung für einen zeitgemäßen Regionalismus besteht nun darin, nicht zu exklusiven Mininationen zu schrumpfen und dadurch Gebilde entstehen zu lassen, die über noch weniger Ressourcen und Steuerungskapazitäten verfügen könnten als die angeschlagenen "klassischen" Nationalstaaten.

Man kann sich nun auch neue Regionen vorstellen. Mitgliedschaft und Teilhabe in regionalen Verbünden sind nicht exklusiv, denkbar ist vielmehr die Überlappung multipler Zugehörigkeiten, die von unten wächst und sich zugleich an transnationalen Problemen ausrichtet. Ein – freilich sehr offener – Definitionsversuch: Regionen sind kooperative Nutzergemeinschaften zur Erhaltung und Pflege regionaler und transregionaler Gemeingüter auf der Grundlage historisch-kultureller Gemeinsamkeitsgefühle. So weit sind wir freilich noch nicht. Aber zwischen marktgetriebener Globalisierung und defensiver Renationalisierung entwickeln sich heute schon weltweit neue Makroregionen – im Fernen Osten, in Westafrika, in Südamerika. Meistens sind sie in erster Linie wirtschaftlich oder sicherheitspolitisch veranlasst. So etwa der Verband Südostasiatischer Nationen (ASEAN), dessen ursprüngliches Ziel die Verbesserung der wirtschaftlichen, politischen und sozialen Zusammenarbeit war und dessen Betätigungsfeld sich später um die Bereiche Sicherheit, Kultur und Umwelt erweiterte. Oder die Economic Community of West African States (ECOWAS) mit dem Ziel einer "kollektiven Selbstversorgung" der Mitgliedsstaaten durch die Errichtung eines gemeinsamen Binnenmarktes sowie eine Wirtschafts- und Währungsunion. Und schließlich der Gemeinsame Markt Südamerikas (Mercosur), durch den sich die Mitgliedsstaaten nicht nur wirtschaftlich, sondern auch politisch enger verbunden haben. Noch interessanter sind die europäischen Grenzregionen, so etwa die Grenzlandgemeinschaften und Mikroregionen wie an Maas, Mosel und Saar. Oder "Alpe-Adria", früher habsburgische Zone, und die Ostsee-Baltikum-Union, einst Handelsgebiet der Hanse. Oder das "Dreiländereck" zwischen Frankreich, Deutschland und der Schweiz an einer lange hoch umstrittenen Rheingrenze.

Unspektakulär und ausbaufähig

Betrachten wir dieses Dreiländereck "Oberrhein" etwas genauer: Dort leben rund sechs Millionen Menschen auf 21 518 Quadratkilometern in drei Staaten und in 20 Distrikten, das sind Landkreise, Kantone und Departments. Die Städte Basel, Freiburg, Karlsruhe, Straßburg, Colmar und Mulhouse flankieren und prägen die Region, deren Bruttoprodukt zu zwei Dritteln aus Dienstleistungen und im Übrigen aus der chemischen, pharmazeutischen, biotechnologischen und Energiewirtschaft stammt. Folglich hat die Region einen hohen Lebensstandard und einen intensiven Grenzverkehr von Arbeitskräften und Verbrauchern, auch von Studierenden, aufzuweisen. Die Region ist dreisprachig, wobei alemannische und andere Dialekte passives Verstehen erleichtern. Die regionale Kooperation begann nach dem Zweiten Weltkrieg, der zwei "Erbfeinde" und einen neutralen Staat gegeneinandergestellt hatte, mit Städtepartnerschaften; in den 1970er-Jahren folgte die Oberrhein-Konferenz: Mit der Unterzeichnung der Regierungsvereinbarung vom 22. Oktober 1975 in Bonn gaben die Regierungen Deutschlands, Frankreichs und der Schweiz zum ersten Mal gemeinsam ihrem Wunsch Ausdruck, die grenzüberschreitende regionale Zusammenarbeit zu organisieren, regelmäßige Kontakte zu pflegen und sich gemeinschaftlich mit grenzüberschreitenden Fragen, die alle Partner betreffen, zu beschäftigen. Das zur Oberrhein-Konferenz gehörende "Forum Kultur" versteht sich als Koordinator, Informant und Berater von Initiatoren grenzüberschreitender Kulturprojekte und betreut auch selbst Initiativen und Programme aus verschiedenen Kulturbereichen.

Seit den 1990er-Jahren profitiert die Region "Oberrhein" auch vom INTERREG-Programm der EU, über das bislang ebenfalls zahlreiche Kunst- und Kulturprojekte gefördert wurden. Dabei geht es unter anderem darum, das kulturelle Erbe gemeinsam aufzuarbeiten und dabei auch kontroverse Sichtweisen – etwa auf die Ereignisse des Ersten Weltkriegs – gelten zu lassen.
Seit den 2000er-Jahren bestehen Eurodistrikte und Einrichtungen der »Trinationalen Metropolregion Oberrhein«, die außer Hoheitsträgern auch zivilgesellschaftliche Akteure zusammenführen. Kulturelle und touristische Aspekte spielen ebenso eine Rolle wie die Förderung einer grenzüberschreitenden Wissenschaft. Ähnliche Beziehungen bestehen in der Bodenseeregion, die schwäbische, Vorarlberger und Schweizer Bezirke und Kantone sowie Liechtenstein umfasst, oder in der Region um Triest, einst Kriegsgebiet und Hotspot des Kalten Krieges, heute ein Dreiländereck zwischen Italien, Österreich und Slowenien, was der historischen Stadt Triest etwas von ihrem Glanz zurückgegeben hat.

Unspektakulär, lebensnah und ausbaufähig. Denn die Reichweite solcher Transregio-Kooperationen und der Zusammenschluss in Unionen und weiteren Verbünden übersteigt die Selbstbezogenheit jener regionalistischen Bewegungen, die sich – oft in deutlich wohlstandschauvinistischer Absicht – von größeren (nationalstaatlichen) Einheiten absetzen und abspalten wollen, wie etwa die Lega Lombarda in Norditalien vom Mezzogiorno und dem armen Süden. Unterstützt werden kann diese transnationale Regionalisierung durch neue Formen transnationaler Staatsbürgerschaft, die in der Makroregion politische Beteiligung unterhalb der Nationalstaaten bietet, aber auch über deren Grenzen hinaus. Wichtig ist, dass solche Verbünde auch in ärmeren Regionen, beispielsweise an der polnisch- tschechischen Grenze, funktionieren und sogar – warum nicht – als Partnerschaft von Regionen, die gar nicht benachbart sein müssen, sich aber kulturell durch eine spezielle Aufgabenstellung verbunden fühlen.

Die aufgeführten Beispiele für transregionale Kooperation in einigen Fällen, aber auch die Fehlanzeigen in anderen demonstrieren, dass ein "Europa der Regionen" sich heute anders als in den 1970er-Jahren nicht mehr an kultureller Differenz, sondern zur Pflege von Gemeingütern herausbildet – und dies insbesondere in Form kultureller Kooperationen. Aktivitäten wie Städtepartnerschaften, Museumskooperationen, Schüleraustauschprogramme bereichern nicht nur die beteiligten Regionen, sondern leben vor, was für Europa als Ganzes gilt: Zusammenarbeit und ein Wir-Gefühl machen keinesfalls an nationalen Grenzen halt. Regionale und Städtenetzwerke können damit auch über ihre kulturellen Leistungen hinaus den Anstoß bieten für transregionale und globale Kooperationen in den Gebieten des Klima- und Meeresschutzes sowie der Wasserversorgung.

Kann Kultur Europa retten? / Ronald Grätz (Hg.) - Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung, 2017. -240 S.

Themenreihe

In Zeiten von Populismus, Abschottung und Angst vor dem Fremden stellt sich die Frage: Was hält die Europäische Union in Zukunft zusammen? Was verbindet die Menschen in Europa? In der Themenreihe "Kann Kultur Europa retten?" begeben sich Kunst- und Kulturschaffende sowie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf die Suche nach Antworten. In loser Folge veröffentlichen wir Auszüge aus dem vom ifa gemeinsam mit der Bundeszentrale für politische Bildung herausgegebenen Band "Kann Kultur Europa retten?".

Folge 1: Freiräume schaffen. Ein Gedankenaustausch zu Kultur im Internet

Folge 2: "Don't panic, I'm Islamic". Riem Spielhaus stellt die Frage, wie Europa mit dem Islam umgeht.

Folge 3: Wider die Eindimensionalität. Sineb El Masrar über die Bedeutung von Kultur für Ankommende.

Folge 4: Superhelden für Europa. Flucht und Migration im Comic

Folge 5: Kleiner – größer – anders. Claus Leggewie über die Zukunft der Regionen in Europa

Folge 6: Europa in nicht allzu ferner Zeit. David Engels über ein dystopische Szenario Europas