Skulptur "Sólfar" von Jón Gunnar Àrnason in Reykjavík, Foto: Matt Lamers (CC0 1.0), via Unsplash

Freiräume schaffen

Ein Gedankenaustausch zu Kultur im Internet

Antonia Blau und Asiem El Difraoui

Antonia: Am Morgen des 24. Juni 2016 schaute ich ungläubig auf mein Handy – mehrere SMS: Brexit. Sie sind raus. Wie geht es nun weiter? Ich hatte es bis zum Ende nicht wirklich geglaubt, niemand in meinem Brüsseler Kulturumfeld hatte es geglaubt. Ich leitete damals seit einem Jahr das EU-Büro des Goethe-Instituts in Brüssel und hatte mittlerweile ein recht gutes Gefühl für die Stimmung in den Kulturinstitutionen, den Kunstzentren, den europäischen Institutionen, in den Netzwerken und Verbänden, den Vertretungen und unter den NGOs, für die die EU nicht nur Arbeitsalltag, sondern Lebensrealität ist. Uns schien es beinah, als hätten wir ein Familienmitglied verloren. Wir in Brüssel waren uns scheinbar zu sicher gewesen, dass sich die Menschen auf den Britischen Inseln für einen Verbleib in der EU entscheiden würden. Jetzt war klar: Wir sind vielmehr diejenigen, die auf einer Insel leben. Einer Insel namens Brüssel.

Asiem: Auch ich habe das Brexit-Votum mit Entsetzen wahrgenommen. Gewinnen jetzt die populistischen Fliehkräfte und machen das Europa, an das ich so tief glaube, zunichte? Warum schaffen wir es nicht, den Europa-Gedanken besser zu kommunizieren?

Antonia: Seit dem Brexit-Votum kreisen viele meiner Gespräche in Brüssel um diese Frage. Ermutigend ist, dass nicht nur lamentiert wird, sondern Gedanken dazu formuliert werden, wie Kunst und Kultur innovativ genutzt werden können, um die Idee eines gemeinsamen Europas zu verteidigen. Und dabei meinen wir Europa als gemeinsamen Kultur- und nicht nur als Wirtschaftsraum. Das zu vermitteln, scheinen wir versäumt zu haben. Federica Mogherini, die EU-Außenbeauftragte, unterstrich kurz vor dem Brexit-Referendum Anfang Juni 2016 in einem lange überfälligen Strategiepapier, dass Europa von außen als »kulturelle Supermacht« wahrgenommen wird. Kultur soll künftig eine größere Rolle in den EU-Außenbeziehungen spielen. Ich bin überzeugt davon, dass Kultur auchinnerhalb Europas integrierend und identitätsstiftend wirkt.

Asiem: Aber was versteht die EU eigentlich unter dem Begriff »Kultur«?

Antonia: Mogherini etwa nutzt einen erweiterten Kulturbegriff, der Hochkultur ebenso einschließt wie Populärkultur, Gastronomie und Sport, aber auch Bildung und Spiel, Wissenschaft und Religion. Das Strategiepapier macht darüber hinaus das Spannungsfeld deutlich, in dem Außenkulturpolitik heute steht: Da trifft ein Verständnis von Kultur als Instrument zwischenstaatlicher Diplomatiebemühungen und nation branding auf ein Bottom-up-Konzept internationaler kultureller Beziehungen, das Dialog auf Augenhöhe, Ko-Kreation und Ko-Produktion meint und für das die Zusammenarbeit mit der Zivilgesellschaft im Zentrum steht.

Asiem: Ich würde gerne noch über eine weitere Facette nachdenken, nämlich über die Wechselwirkungen zwischen Kultur und Internet. Als Politologe habe ich mich mit dem Internet als politischem und gesellschaftlichem Mobilisierungsinstrument beschäftigt. Lass uns die Frage also weiter fassen: Wie kann das Internet dazu beitragen, das integrative Potenzial von Kultur besser für Europa zu nutzen, und welche Rolle kann die EU in diesem Prozess spielen?

Chancen und Risiken des Internets

Asiem: Das Wort »Internet« wollte ich eine Zeitlang nicht mehr benutzen – ich fand es zu altmodisch. Jetzt finde ich, dass es einfach ein toller Oberbegriff ist, der etwas Ruhe in eine rasante technologische Revolution mit unübersehbaren politischen, gesellschaftlichen und natürlich auch kulturellen Konsequenzen bringt. Eine Revolution, in deren Folge nicht nur ständig »neue Medien« entstehen, sondern selbst Begriffe wie das »Web 2.0« schon obsolet sind, weil Interaktivität mittlerweile nicht mehr nur zwischen Menschen und Medien besteht, sondern im Web 3.0 oder 4.0 sogar bereits zwischen Maschinen sowie zwischen Menschen und Tieren, wenn beispielsweise Landwirten per App mitgeteilt wird, wann es Zeit ist, ihre Kühe zu melken. Hinzu kommt die sogenannte Crossmedialität, also die Aufhebung der Trennung zwischen klassischen und neuen Medien und vor allem auch zwischen Produzenten und Konsumenten von Inhalten – die Menschen und selbst die Maschinen machen heute beides: Sie werden zu »Prosumenten«. Hinsichtlich der Folgen dieser andauernden Revolution existieren heute vier theoretische Postulate:
Erstens
sei das Web ein glorreiches Instrument für Demokratisierung und mehr Mitbestimmung. Dies war zum Beispiel die Maxime der Cyberaußenpolitik von Hillary Clinton, als sie noch US-Außenministerin war. Das Postulat schien sich im Zuge des sogenannten Arabischen Frühlings 2010 und 2011 zunächst auch zu bestätigen. Hier wurden die neuen Medien mit ihrer Crossmedialität zum Instrument der Selbstermächtigung und zum Ausdruck dafür, dass es fortan keine Totalzensur mehr geben kann.

Antonia: Das Stichwort Partizipation steht nunmehr im Zentrum. Immer mehr neue Akteure teilen unterschiedlichste Dinge; diese reichen von Kommentaren, Songs, Untertiteln oder ganzen Filmen über Programme, die ein peer-to-peer learning oder gemeinsame Produktionen ermöglichen, bis hin zum Bereitstellen einer Couch, einer Wohnung oder eines Autos.

Asiem: Zweifellos werden durch das Internet neue Formen der Mobilisierung und ein komplexer internationaler Austausch möglich. Von Vorteil ist, dass dabei nicht viele Ressourcen notwendig sind, um Menschen am anderen Ende der Welt zu erreichen und zu berühren. Zweitens berge das Web aber die Gefahr, populistische und extremistische Strömungen zu fördern. Es erlaube »Wutbürgern« wie den Pegida-Anhängern, Gleichgesinnte zu mobilisieren und Andersdenkende mit ihren Shitstorms zu drangsalieren. Diesen Prozess erklärt der Kolumnist und Blogger Sascha Lobo folgendermaßen: »Menschen, die sich im virtuellen Raum zusammenfinden und ihre Ansichten teilen, werden zu einer sozialen Gruppe. Finden sie sich gemeinsam auf der Straße zu Protesten zusammen, wird dieser Prozess der Selbstermächtigung und der Identitätsbildung durch andere Faktoren wie Kollektiverlebnisse weiter verstärkt.« Diese »soziale Gruppenbildung« im virtuellen Raum kann durchaus sehr problematische Konsequenzen haben: Ohne falsche Informationen seiner Anhänger auf sozialen Netzwerken und den eigenen zornigen und zum Teil unwahren Twitterfeeds wäre Donald Trump wohl kaum US-Präsident geworden. Ohne das Web hätte auch der sogenannte Islamische Staat nicht so erfolgreich neue Anhänger rekrutieren können und wäre auch mit seinen Videos der totalen Barbarei niemals so bekannt geworden.

Antonia: Es werden eben keinesfalls nur das Schöne und Positive geteilt, sondern auch der Hass. Spaltungen in der Gesellschaft werden so im Internet deutlich und finden dort – oft unter dem Deckmantel der Anonymität – ihre extremsten Ausdrucksformen. Auf kultureller Ebene passt dazu vielleicht, was ich den libanesischen Autor Amin Maalouf einmal bei einer Lesung sagen hörte, nämlich dass das Internet uns einerseits einander nähergebracht habe, da wir per Skype, E-Mail und so weiter immer und überall erreichbar sind. Andererseits befördere es aber auch ein Leben in Blasen. So kann man gerade auch im Ausland per Internet in engem Kontakt mit der eigenen kulturellen und sprachlichen Community bleiben und damit die Auseinandersetzung mit den Menschen in der neuen Umgebung vermeiden. Das Internet verbindet also nicht nur, es kann auch den Rückzug in die eigene Peergroup und die Abschottung nach außen begünstigen.

Asiem: Drittens werde das Internet zum totalen Unterdrückungs- und Überwachungsinstrument – so lautet die von Evgeny Morozov in seinem Buch The Net Delusion 2011 vorgebrachte These. Edward Snowden etwa behauptet zwar, genau dies durch die Offenlegung von Spionagepraktiken und die Verbreitung geheimer Informationen verhindern zu wollen. Doch Julian Assange von Wikileaks warnt ebenfalls davor, dass die größere Transparenz, wie sie das Internet ermöglicht, für Überwachung und Kontrolle missbraucht werden kann.

Antonia: Ein Beispiel für Überwachung im Kulturbetrieb, das mich nachdenklich macht, ist, dass der Blog des US-amerikanischen Schriftstellers Dennis Cooper im Juli 2016 ohne Vorwarnung und Begründung von Google abgeschaltet wurde. Es handelte sich dabei um das Ergebnis jahrelanger Arbeit: literarische Werke, Manuskripte, Collagen. Auf mehrfache Nachfragen reagierte Google nicht.

Asiem: Viertens sei das Web Teil des Weltkapitalismus. Es diene einzig zur Selbstinszenierung der User in einer hedonistischen Konsumgesellschaft und zur wirtschaftlichen Bereicherung der Web-Giganten.

Antonia: Hinzu kommt, dass das Internet die sozialen Ungerechtigkeiten reproduzieren kann, denn während die westliche Welt über 5G-Mobilfunknetze und freies WLAN in Großstädten diskutiert, hat ein Großteil des afrikanischen Kontinents überhaupt keinen Zugang zum Internet – bis auf wenige kleine, privilegierte Gruppen. Und selbst innerhalb der EU wird das Gefälle zwischen Zentren und Peripherien durch die Frage nach dem Zugang zum Internet noch einmal verstärkt. Aufgabe ist es deshalb, einen gerechten Zugang zum Web für alle zu schaffen.

Asiem: Alle vier Postulate enthalten wichtige Erkenntnisse und widersprechen sich auch nicht unbedingt. Es sind die Menschen, die das Internet nutzen und die es mit ihren jeweiligen unterschiedlichen Interessen und Zielen zu einem positiven oder negativen Instrument des gesellschaftlichen Wandels machen.

Virtuelle Räume für mehr Kunst, Kultur und Kreativität

Antonia: Zum Teil lassen sich die Internet-Postulate auch auf Kunst und Kultur übertragen, vor allem, was Mitbestimmung und Teilhabe betrifft. Früher waren es die traditionellen kulturellen Institutionen – etwa das Fernsehen, das Theater, die Museen –, die die Themen, Namen und Strömungen in Kunst und Kultur vorgaben, ebenso wie die Kriterien und den Maßstab für Qualität. Ihnen gegenüber saß, hörte, sah, las ein passiv konsumierendes, bestenfalls kritisches Publikum. Heute werden die Menschen zunehmend selbst zu Produzenten, Künstlern, Kritikern – und zwar vorwiegend online. Dies mag für etablierte Sender und Verlagshäuser problematisch sein; in erster Linie aber ist es Ausdruck davon, dass sich die Beziehung zwischen den Institutionen und dem Publikum grundlegend ändert.

Asiem: Aber es gibt natürlich auch etablierte Institutionen, die mit ihrer Onlinepräsenz experimentieren.

Antonia: Und die damit weit über eine reine Öffentlichkeitsarbeit hinausgehen. Das New Yorker Museum of Modern Art stellt einen komplett interaktiven Teil seiner Website bereit, in dem digitale Ausstellungen angeboten werden.4 So konnte man vor Kurzem überall auf der Welt etwa die Geschichte von Fotografien und deren Fotografen einsehen, Papierschnitte à la Matisse nachbasteln oder Stadtentwicklungsprojekte verfolgen. Das interaktive Programm bildet einen eigenen, ebenfalls kuratierten Raum, der sich mit Kunst und Kunstvermittlung auseinandersetzt und für User weltweit zugänglich ist.
Bemerkenswert ist auch das dank des Fraunhofer-Instituts online verfügbare 3D-Modell des Pergamonaltars.5 Der Altar wird seit 2013 bis voraussichtlich 2019 in Berlin restauriert und ist deshalb in dieser Zeit für die Öffentlichkeit nicht zugänglich. Der digitale Raum jedoch ermöglicht das Archivieren, Forschen und Besichtigen auch dann, wenn kulturelles Erbe durch Zerstörung infolge von Klimawandel oder Krieg bedroht ist – man denke etwa an Palmyra, Nimrud oder Mossul. Ein Versuch der EU, einen gemeinsamen virtuellen Raum für europäische Kunst und Kultur zu schaffen, ist die Europeana, eine virtuelle Bibliothek, die 2008 ins Leben gerufen wurde und mittlerweile vielerlei ist – eine Art digitales Museum wie auch ein digitales Archiv. Als gemeinsamer vielsprachiger Raum für digitale Bestände aus europäischen Museen, Bibliotheken, Archiven und Sammlungen hatte die Seite anfangs so viele Zugriffe und Nutzer, dass sie zusammenbrach. Sie wird weiterhin technisch verbessert und umfasst mittlerweile mehr als 30 Millionen Objekte. Derzeit wird diskutiert, wie eine langfristige Präsenz sowie regelmäßige inhaltliche und technische Weiterentwicklung gewährleistet werden können. Denn die Plattform wird von der Europeana Foundation betreut, die selbst über keine finanziellen Mittel verfügt und von europäischer Projektförderung und nationaler Unterstützung abhängig ist.

Asiem: Das Internet bringt auch ganz neue kulturelle Phänomene hervor.

Antonia: Interessant sind in diesem Zusammenhang Felix Stalders Ausführungen zur Kultur der Digitalität (2016). Zentrales Charakteristikum unserer von Digitalisierung geprägten Gegenwart ist seiner Ansicht nach die »Referenzialität«. Damit bezeichnet Stalder das Sich-aufeinander-Beziehen und Nutzen von bereits vorhandenem Material, einen unbefangenen Umgang mit Quellen. So würden visuelle, Audio- und andere Daten, traditionelle und neue Medien miteinander verknüpft, gesampelt, neu arrangiert – im Sinne des zuvor beschriebenen Crossmedialen. Die kuratorische Arbeit spielt bei dieser Neuinszenierung von Informationen und Materialien eine wichtige Rolle. Für die freie Nutzung bereits vorhandener Daten und Datensammlungen tritt etwa die Bewegung »Recht auf Remix« ein. Für sie ist das Crossmediale ein entscheidendes Format in der zeitgenössischen Kunst und Kultur, darum fordert die Bewegung einen freien Umgang mit Materialien im Internet und in den digitalen Technologien.

Asiem: Zudem hat das Internet spezifische und oft leicht zugängliche Kunstformen hervorgebracht – ich denke an die ephemeren Werke auf Plattformen und Netzwerken, sei es in Form von Twitterkunst, aber auch in Form der Fotos auf Instagram, Snapchat, Pinterest.

Antonia: Aber auch traditionelle Kunstformen werden vom Internet beeinflusst. Nach wie vor viel diskutiert sind die Auswirkungen der Digitalisierung auf Film und Fotografie, Musik, aber auch auf Printmedien und das gute alte Buch. Der digitale Wandel hat nicht nur die Produktions- und Distributionsmöglichkeiten audiovisueller und literarischer Kunstwerke verändert, sondern auch deren Ästhetik und die Art, wie wir sie rezipieren. Einerseits liegt darin ein demokratisches Element, wenn nunmehr jeder seinen eigenen Film drehen, zu jeder Zeit Fotos machen, Musik aufnehmen, Texte veröffentlichen und sofort mit beliebig vielen Menschen teilen kann. Andererseits haben sich die Bild- und Tonqualität der Aufnahmen und damit auch die Wahrnehmung des Publikums für immer verändert. Wir lesen keine komplette Zeitung mehr, sondern einen Artikel, den uns jemand empfohlen hat. Wir nehmen keine Bücher mehr zur Hand, in denen wir durch Unterstreichung oder Eselsohren unsere Lieblingsstellen markieren, sondern den E-Reader. Wir kaufen keine Alben mehr, die wir endlos abspielen, sondern haben ein Abo bei Spotify. Wir gehen nicht mehr ins Kino, sondern streamen neue Filme und Serien. Und selbst die darstellenden Künste verändern sich; Beispiele wurden unter dem Stichwort »Performersion« im Rahmen der re:publica 2016 präsentiert. Es geht um die Aufhebung der Trennung zwischen Künstlern und Publikum durch die Kreation gemeinsamer digitaler Räume.

Asiem: Ich finde es in diesem Zusammenhang sehr wichtig, dass das Internet ein Diskussionsraum ist oder vielleicht eher noch neue Diskussionsräume eröffnet, die sonst nicht denkbar wären.
Antonia: In der Reihe »Urban Places – Public Spaces« des Goethe-Instituts beispielsweise diskutierten im Jahr 2015 Teilnehmer über Videoverbindung an jeweils drei Orten in der Welt miteinander über das Thema Stadtentwicklung. In den Münchner Kammerspielen gab es dazu jedes Mal eine Videoübertragung. Der lokale Kontext, der für das Thema entscheidend ist, kam so nicht nur zur Sprache, sondern war Teil der Inszenierung eines globalen Gesprächs. Begleitet wurden die Debatten durch Aktionen wie Video- oder Audiowalks in den jeweiligen Städten, die den digitalen und den physischen Raum miteinander in Verbindung setzten.

Asiem: Das sind alles positive Beispiele, aber eine wahrhaft europäische Netzkultur existiert trotzdem bis heute nicht. Die Politologin und Netzaktivistin Geraldine de Bastion behauptet sogar, dass sich auch das Internet viel mehr in Sprach- als in geografische oder gar politische Räume unterteile. Sie könne oftmals besser mit einem englischsprachigen Aktivisten aus Ghana als mit einem polnischen Kollegen kommunizieren. Es gibt zu wenig Austausch zwischen den Netzakteuren der verschiedenen europäischen Länder, hauptsächlich aufgrund der Sprachbarrieren. Und das gilt sowohl für den Bereich der Kultur als auch für den der Politik.
Was hat die EU versäumt?

Asiem: Will die EU das Web künftig stärker nutzen, um die Menschen für Europa zu gewinnen, dann erfordert das einen ausgesprochen hohen Einsatz unterschiedlichster Ressourcen: Kreativität, um neue starke Inhalte zu schaffen, eine hohe Motivation, Finanzen, technische Kapazitäten und viel Freiheit. Bedauerlicherweise bekleidet die EU bislang in der Weltrangliste schlechter Kommunikatoren einen der Top-Plätze. Die EU ist spezialisiert auf negative Berichterstattung. Die Gründe für ihre so mangelhafte Kommunikation sind mannigfaltig und wurden – auch über die leider teilweise zutreffenden Klischees von überbürokratisierten Funktionären oder nationalstaatlichem Kulturhoheits-Hickhack hinaus – auch schon diskutiert.

Antonia: Naja, es ist ja nicht nur die EU, die verantwortlich ist, sondern es sind auch die Journalisten in den Mitgliedsstaaten, die schlecht, gar nicht oder oftmals einseitig über die politischen Entscheidungsträger und -prozesse in Brüssel berichten. Sie wiederum stehen unter dem Druck, ihre Beiträge in den Redaktionen nationaler Medien platzieren zu müssen, die sich an ein nationales Publikum richten und meist nationale Interessen vertreten.

Asiem: Ich habe an zahlreichen Beratungs- und Informationsgesprächen auf unterschiedlichen EU-Ebenen teilgenommen – beim Kaffee, Aperitif oder aber auch ganz förmlich –, bei denen es darum ging, die Kommunikationspolitik der EU zu reflektieren. Dutzende von Strategiepapieren liegen irgendwo in Brüssel, aber auch in Straßburg, Warschau oder Madrid in Schubladen; teilweise stehen die Ideen auch im Internet. Umgesetzt wurde davon kaum etwas.

Antonia: Den Brüsseler Inselbewohnern und der Netzcommunity scheint es manchmal an Offenheit und Verständnis füreinander zu mangeln. So stand die Ausgabe der re:publica 2015 unter dem Titel »Finding Europe«. Neben europäischen Netzaktivisten war auch der EU-Kommissar für digitale Wirtschaft und Gesellschaft, Günther Oettinger, eingeladen. Er schien allerdings vollkommen fehl am Platz. Zeitungen titelten: »Oettinger erntet Gelächter und gibt keine Antworten auf entscheidende Fragen«. Und auch auf dem Kulturforum 2016 in Brüssel vor Hunderten von Vertretern der Zivilgesellschaft aus dem Kulturbereich wirkten die Reden der beiden EU-Kommissare Oettinger und Tibor Navracsics, dem Kommissar für Bildung, Kultur, Jugend und Sport aus Ungarn, alles andere als angemessen. Sie wirkten wie von einem anderen Planeten, was zum Teil mit dem Generationenunterschied und dem Gefühl zu tun hatte, die Herren würden selbst eher wenig mit den Errungenschaften des Internets und sozialen Medien beziehungsweise Fragen zeitgenössischer Kulturproduktionen zu tun haben. Den Politikern scheint es insgesamt schwer zu fallen, sich auf ihr Publikum einzustellen, den richtigen Ton zu treffen und die relevanten Themen zu finden. In der Diskussion mit Vertretern der europäischen Zivilgesellschaft, Journalisten und Künstlern zu Themen wie der Rolle der Privatwirtschaft und der vielbeschworenen Europäischen Digitalunion sollte zumindest ein Raum für Kontroversen existieren.

Asiem: Generell ist es den europäischen Institutionen im Gegensatz zu den populistischen Bewegungen bisher nicht gut gelungen, die Emotionen der Bevölkerung in ausreichendem Maß anzusprechen. Anstatt mutig und laut über eine gerechtere und dynamischere Zukunft nachzudenken, sind wir gegenüber rückwärtsgewandten populistischen Parteien – egal ob sie AfD, Front National, FPÖ, PiS oder Jobbik heißen – in eine fast defätistische Defensive geraten. Parteien, die keine Vision zu bieten haben, sondern die das Europa, das uns so viel gegeben hat, zerstören wollen. Und wir setzen ihnen keine klare, mutige Vision von Europa entgegen – schon gar nicht im Internet.

Antonia: Das bereits erwähnte Strategiepapier für Kultur in den EU-Außenbeziehungen, gemeinsam von verschiedenen Generaldirektionen der Europäischen Kommission und dem Europäischen Auswärtigen Dienst verabschiedet, positioniert Kultur im Herzen der europäischen auswärtigen Politik. Dafür sollen allen voran die EU-Delegationen in Drittländern für die Nutzung kultureller oder kulturpolitischer Instrumente, Methoden und Aktivitäten in ihrer außenpolitischen Arbeit sensibilisiert werden, und dies durch eine aktive cultural diplomacy.

Asiem: Allein die Übersetzung ins Deutsche bereitet Kopfschmerzen: Kulturdiplomatie? Kultur als soft power? Meine Freundin Nicole Colin-Umlauf, Professorin für Germanistik, vertritt die Ansicht, dies sei im Endeffekt nichts anderes als Propaganda. Sie fügt zu Recht hinzu: Die absolute Freiheit der Kunst und Kultur ist die Messlatte für die Freiheit unserer Gesellschaften und unserer politischen Systeme. Nur wo Kunst und Kultur wirklich frei sind, sind auch wir frei.

Mehr Internet für die EU

Antonia: Statt also Kultur für eine wie auch immer geartete Mission in der Welt zu nutzen, geht es vielmehr darum, wirkliche kulturelle und künstlerische Freiräume zu schaffen, die nicht durch politische oder kommerzielle Interessen bestimmt sind. Und dazu ist das Internet besonders geeignet. Eine große Errungenschaft der EU wäre genau das: transnationale Räume der freien Meinungsäußerung und des unzensierten künstlerischen Schaffens, wie sie weder in Diktaturen noch in Nationen, die eine Politik der Abschottung betreiben, gegeben sind.

Asiem: Damit das Internet hier seine Wirkung entfaltet, muss schnell, kreativ, unbürokratisch und mutig damit gearbeitet werden. Die EU kann das nicht allein, aber sie kann die Bedingungen dafür schaffen, sie kann Inkubator sein. Ein erster Schritt wäre eine Veranstaltung zum Thema. Ein gut kuratierter Input-Workshop mit denjenigen, die das Internet wirklich kreativ für Kultur und Kunst nutzen. Und auch der Veranstalter sollte jemand sein, der wirklich kreativ mit On- und Offline gleichzeitig umgehen kann – wie etwa die re:publica. Bei solch einer Veranstaltung würden viele Ideen zu Inhalten und Formen generiert werden – die besten davon müssen umgesetzt werden.

Antonia: Ich bin da etwas skeptisch. Wer sollte das machen?

Asiem: Eine Stiftung, die von der EU das Startgeld und eine Mindestfinanzierung erhält. Nicht irgendeine langweilige, x-beliebige Stiftung, sondern ein neues Format. Dazu ein Ort, an dem die Federführenden nur zwei oder drei Jahre lang bleiben dürften und dann durch einen kreativen Wettbewerb neu bestimmt würden. Eine Kreations- und Ideenfabrik, die die eben erwähnten Freiräume schafft. Dieser Denk- und Schaffensraumsollte auch nicht in Brüssel angesiedelt sein. Es müsste eine unbürokratische kreative Koordinierungsstelle geben, die auch andere Drittmittel einwerben kann.

Antonia: Ich finde, dass vor allem eine große Bandbreite an unterschiedlichen Akteuren einbezogen werden muss: kein Top-down-Ansatz, sondern die Beteiligung von zivilgesellschaftlichen Akteuren, aber auch von einzelnen Künstlern, Künstlerkollektiven und vor allem Jugendlichen und Leuten, die zu ihnen Zugang haben. Dem syrischen Youtube-Star Firas Alshater zum Beispiel gelingt das mit Humor. Seit einigen Jahren in Berlin, betreibt er dort seinen eigenen Youtube-Kanal und erklärt nun anderen Flüchtlingen, wer die Deutschen eigentlich sind, und den Deutschen, wie sie wahrgenommen werden. Der Filmemacher hat mit seiner Serie einen solchen Erfolg, weil es ihm gelingt, über ein digitales Medium einen gemeinsamen Erlebnisraum zu erschaffen.

Asiem: Das ist ein gutes Beispiel dafür, dass das Internet nicht etwa im luftleeren Raum oder nur auf Bildschirmen existiert, sondern einen Beitrag zu öffentlichen Diskussionen leisten und in die Gesellschaften hineinwirken kann.

Antonia: Genau. Uns in den Kultur- und anderen Institutionen fällt das Mitdenken des Digitalen oft schwer, weil es als etwas Zusätzliches wahrgenommen und am Ende irgendwo drangebastelt wird.

Asiem: Weiterhin muss auch intensiver über die grundsätzliche Rolle von Kunst für die Gesellschaften diskutiert werden. Das Maß, in dem Künstler – egal wie sie sich politisch positionieren – kreativ arbeiten und auch davon leben können, zeigt an, wie pluralistisch eine Gesellschaft ist.

Antonia: Die der Kunst eigenen Aspekte der Offenheit und Prozesshaftigkeit können relevant für festgefahrene und statische gesellschaftliche und politische Bereiche sein. Gerade Kunst im Internet ermöglicht dem Rezipienten diesen Freiraum, ohne immer schon eine fertige Definition oder ein Ergebnis vorzugeben. So können gerade hier Utopien entstehen, alternative Modelle dafür, wie wir uns unsere Zukunft und unser Zusammenleben vorstellen. Kunst kann ein Seismograf für gesellschaftliche Freiheit sein. Und deswegen müssen der Kunst die Freiräume geschaffen und garantiert werden, damit sie entstehen und wirken kann. Das ist in Europa heute in den meisten Ländern der Fall. Also könnte genau das die Botschaft sein, die Europa ausmacht und die besser kommuniziert werden sollte. Von der Insel Brüssel aus, aber nicht nur. Von uns allen.

Kann Kultur Europa retten? / Ronald Grätz (Hg.) - Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung, 2017. -240 S.

Themenreihe

In Zeiten von Populismus, Abschottung und Angst vor dem Fremden stellt sich die Frage: Was hält die Europäische Union in Zukunft zusammen? Was verbindet die Menschen in Europa? In der Themenreihe "Kann Kultur Europa retten?" begeben sich Kunst- und Kulturschaffende sowie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf die Suche nach Antworten. In loser Folge veröffentlichen wir Auszüge aus dem vom ifa gemeinsam mit der Bundeszentrale für politische Bildung herausgegebenen Band "Kann Kultur Europa retten?".

Folge 1: Freiräume schaffen.

Folge 2: "Don't panic, I'm Islamic". Riem Spielhaus stellt die Frage, wie Europa mit dem Islam umgeht.