Skulptur "Sólfar" von Jón Gunnar Àrnason in Reykjavík, Foto: Matt Lamers (CC0 1.0), via Unsplash

Europa in nicht allzu ferner Zeit

Eine Dystopie

Schon die Leitfrage des vorliegenden Bandes – "Kann Kultur Europa retten? " – birgt in vier Worten das gesamte Paradoxon der gegenwärtigen Lage unseres Kontinents. Was ist überhaupt "Europa"? Wieso und wovor muss es "gerettet" werden, und will es das überhaupt? "Kann" diese Rettung überhaupt noch geschehen? Und inwieweit ist "Kultur" dabei ein Hoffnungsträger? Hinzu kommt die ebenso dringliche wie bedrückende Zeitfrage: Was wäre, wenn eine solche Rettung misslänge und Europa nicht nur immer tiefer in die gegenwärtige Krise hineingezogen würde, sondern durch den Zerfall der Europäischen Union erneut in Dutzende miteinander rivalisierende Nationalstaaten zersplittert würde?

Denk' ich an Europa

Betrachten wir zunächst die ersten beiden Grundbegriffe der Leitfrage: Europa und die Dringlichkeit seiner Rettung. Für "Europa" bieten sich im Wesentlichen zwei recht unterschiedliche und zudem in einem gewissen inneren Widerspruch stehende Definitionen an.

Den einen ist "Europa" eine Idee und "Abendland" ein anachronistisches Reizwort. Für sie ist "Europa" die Erinnerung an eine Gesellschaft, deren Entstehen, Wachsen und Blühen vor allem dem intensiven Kontakt mit den umliegenden Kulturen zu verdanken sei und die nur durch Öffnung nach außen und Mischung mit Fremdem zur späteren Größe gelangte, während die Verfolgung eigengesetzlicher Bestrebungen immer wieder zu Krieg und Katastrophe geführt habe. "Europa" könne in diesem Sinne also immer nur eine Chiffre für die Summe seiner verschiedenen Komponenten sowie für die Gesetze ihres harmonischen Zusammenlebens sein, nicht aber eine allein in sich ruhende autonome Größe. Entsprechend müsse auch der europäische Einigungsprozess mit dem Ziel einer größtmöglichen Öffnung nach außen und Vielfalt im Inneren vollzogen werden, wobei als fundamentale politische Leitlinie einzig die allgemeinen Menschenrechte stehen können, die als die eigentlich "europäischen" Werte betrachtet werden.

Den anderen hingegen ist "Europa" ein letztlich unwesentlicher geografischer Begriff und bestenfalls ein ungefähres Synonym für den viel bedeutsameren Begriff "Abendland", einer über die Jahrhunderte auf Grundlage der Etappen Jerusalem–Athen–Rom entstandenen kulturellen Identität, die weit mehr sei als die Summe ihrer Glieder, nämlich ein nahezu eigenständiges historisches Seelenbild, dessen spezifische Weltsicht es vor jeder unbedachten Vermischung mit Fremdem zu schützen gelte. Die allgemeinen Menschenrechte erscheinen hier zwar ebenfalls als konstitutiv für die abendländische Identität, aber eher als quasiteleologisches Resultat einer eigengesetzlichen geistigen Entwicklung, die nicht ohne Weiteres exportfähig sei und zudem in ihrer Sinnhaftigkeit bedroht werde, wenn die historisch-traditionellen Pfeiler, auf denen sie ursprünglich fußte, geschwächt werden.

So stehen sich denn auch die beiden Antworten auf die Frage, welches Europa es nun zu retten gilt – europäisch-kosmopolitische Wertegesellschaft oder christlich-abendländische Identität – auf den ersten Blick unvereinbar gegenüber. Sie umschreiben hierdurch gleichzeitig das drängende Problem, inwieweit die Europäische Union nun auf einer Gemeinsamkeit des Rechts oder vielmehr auf einer Gemeinschaft historischer Erfahrungen aufbauen solle – ein Problem, das sich spätestens immer dann als grundlegende Seinsfrage herausstellt, wenn es gilt, das Verhältnis der Europäischen Union zu Russland und zur Türkei zu bestimmen.

Kein Mangel an Rettungsbedarf

Jenseits dieser unterschiedlichen Verständnisse von "Europa" stellt sich nun die Frage seines Rettungsbedarfs. Auch diese wird äußerst kontrovers diskutiert, und entsprechend vielfältig und widersprüchlich fallen die Antworten aus. Die einen sehen in der Verarmung der Gesellschaft, der Massenarbeitslosigkeit und dem Abbau sozialstaatlicher Errungenschaften die größte Bedrohung für Europa, die anderen hingegen im Mangel an Unternehmensgeist und in einer hypertrophierten Reglementierungssucht. Für die einen ist es das Fehlen einer jeglichen, entschieden in die Zukunft blickenden Investitionspolitik, für die anderen die zunehmende Staatsverschuldung. Für die einen ist es der stetige Verlust christlicher Werte und traditioneller abendländischer Identität, für die anderen der Anstieg von Intoleranz und Fundamentalismus aller Art. Für die einen ist es die Entmachtung des Nationalstaates durch eine immer größer werdende Anzahl übernationaler Institutionen und Gremien, für die anderen die engstirnige Verfolgung eigener Interessen durch eine Politikerkaste, die das große Ganze aus dem Blick verloren hat – und die Liste ließe sich fortsetzen.

Es fehlt Europa also kaum an Rettungsbedarf, und selten in der Weltgeschichte wurden die verschiedenen Faktoren, deren tragische Verkettung den Kontinent den steilen Abhang des Niedergangs hinuntertreibt, so luzide analysiert wie heute, ohne dass dies den generellen Verlauf der Krise Europas im Mindesten zu beeinflussen scheint. Tragisch ist hierbei vor allem das verbreitete Bewusstsein, dass die verschiedenen, einander auf den ersten Blick widersprechenden Punkte sich nicht etwa extremen Perspektiven auf eine in der gesunden Mitte befindliche Situation verdanken. Ganz im Gegenteil scheint es, dass nahezu alle oben aufgezählten Aspekte gleichermaßen zutreffend sind und nur partielle Einschätzungen einer höchst komplexen, umfassenden Krisensituation darstellen, in der die verschiedenen Extreme einander paradoxerweise gegenseitig bedingen und sogar noch verstärken.

Kurz gesagt: Fern davon, durch ihre Widersprüchlichkeit eine kohäsive, vermittelnde Kraft zu entfalten, scheint die europäische Gesellschaft durch eine solche Vielfalt von Zentrifugalkräften beherrscht, dass sie zunehmend Gefahr läuft, zerrissen zu werden. Hierbei macht es nur wenig Unterschied, inwieweit einzelne dieser Aspekte auf individuellen Wahrnehmungen statt auf der Realität gründen. Denn seit jeher ist es das innere Bild, das eine Gesellschaft von sich selbst hat, das ausschlaggebend für Krisenbewusstsein und Reformgeist ist. Die gegenwärtige Stimmung, die mehr und mehr zwischen dem Selbstüberdruss des fin de siècle, den letzten Jahren der Weimarer Republik und den immer wieder gezogenen Parallelen zum Untergang der Römischen Republik (oder gar des Römischen Reiches) hin und her pendelt, stimmt hier wenig optimistisch.

Die Frage, ob Europa "gerettet" werden will, lässt sich daher nur bejahen – mit allen gefährlichen Konsequenzen, die ein solches Rettungsbedürfnis mit sich bringen kann. Denn überall in Europa wird das über Jahrzehnte, in manchen Fällen sogar über Jahrhunderte hinweg sorgfältig austarierte Gleichgewicht zwischen den großen etablierten Regierungsparteien unter dem Eindruck von Krisensymptomen und Angst zunehmend infrage gestellt. Die Bedrohung für den Zusammenhalt der europäischen Gesellschaft kommt hierbei aus zwei Richtungen.

Zum einen führt die Unzufriedenheit immer größerer Teile der europäischen Bevölkerung mit der Lage des "alten" Kontinents dazu, dass ein ursprünglich durch gesellschaftliche Zugehörigkeit oder feste politische Überzeugung begründetes Wahlverhalten zunehmend zugunsten erratischer Entscheidungen verdrängt wird. So ist es in vielen europäischen Ländern fast zu einer politischen Konstante geworden, die gegenwärtig an der Macht befindliche Partei am Ende einer Wahlperiode zugunsten der Opposition "abzustrafen". Dadurch kommt es zu einer unheilvollen Pendelbewegung, in deren Folge die meisten Wähler sich letztlich nicht mehr "für", sondern vielmehr "gegen" eine gewisse Orientierung entscheiden, während fast alle Parteien sich darauf einstellen, das politische Ruder nach wenigen Jahren aus der Hand zu geben und entsprechend eher kurz- als langfristige Erfolge anstreben.

Zum anderen sehen wir gerade in den vergangenen Jahren überall in Europa den ungeahnten Aufstieg neuer Parteien, die sich außerhalb des bislang etablierten traditionellen Konsenses bewegen. Zwar argumentieren sie von verschiedenen Extrempositionen ausgehend, aber in der zentralen Frage einer entschiedenen Ablehnung des gegenwärtigen "Systems" stimmen sie alle überein.

Bedeutsam für die Entwicklung der Zukunft ist dabei zweierlei. Einerseits bewirkt die politische Frustration der Bürgerinnen und Bürger eine zunehmende Bereitschaft, nicht nur punktuell, sondern auch langfristig für jene alternativen Parteien zu stimmen und somit das bisherige politische Gleichgewicht mitsamt seiner Tendenz zur Pendelbewegung dauerhaft infrage zu stellen. Andererseits verführt die steigende Popularität dieser Kräfte die etablierten Parteien oft dazu, zum einen ihre Macht durch die systematische Bildung großer Koalitionen zu sichern und dadurch der Kritik am angeblich verkrusteten "System" und der Aufweichung der alten Ideologien implizit Recht zu geben, und zum anderen ihre eigenen Positionen oder zumindest eigene Themenstellungen denen der neuen Parteien anzugleichen und so deren Überzeugungen Vorschub zu leisten. Von diesen Entwicklungen sind nicht nur zentrale politische Ausrichtungen und Entscheidungen der Nationalstaaten, sondern auch der Europäischen Union betroffen, und gerade hier sind der Wunsch nach Rettung und die sich stetig verschärfende Krise verquickt, präsentieren sich doch EU-Skeptiker wie Ultra-Europäer gleichermaßen als die einzigen "echten" Europäer unter Berufung auf die oben skizzierten Definitionen. 

Ein Europa ohne Europäische Union

Damit sind wir am Dreh- und Angelpunkt der Frage "Kann Kultur Europa retten?" angekommen: Inwieweit trägt die im Begriff "kann" liegende Nuance zum Verständnis der gegenwärtigen Krisensituation bei? Die zitierte Leitfrage umfasst eine andere Bedeutung als etwa die Formulierung "Soll Kultur Europa retten?", oder "Wird Kultur Europa retten?". Der in der Vokabel "kann" einbegriffene Zweifel ist unüberhörbar – und leider auch gerechtfertigt. Was wäre, wenn alle denkbaren Rettungsversuche scheitern und es nicht nur zu einer Vertiefung der Krise, sondern auch zur Auflösung der Europäischen Union kommen würde? Im Folgenden werden wir versuchen, dieses Szenario durchzuspielen.

Die Schwere der politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Krise der europäischen Gesellschaft wird mittlerweile kaum mehr bestritten und hat sich in den Köpfen festgesetzt. Im politischen Diskurs verengt sich der Blick bei der Suche nach dem Verantwortlichen zunehmend auf die Europäische Union selbst, vor allem aufseiten der alternativen, populistischen Parteien. Diese sehen in der Schwächung beziehungsweise Auflösung des Staatenbundes den ersten Schritt zur Besserung, obwohl ein wesentlicher Teil der Krise von Faktoren bestimmt wird, die entweder globaler oder individueller Natur, in jedem Fall aber nicht kausal durch die Europäische Union bedingt sind, und eine Rückkehr zur rein nationalstaatlichen Ebene viele der bestehenden Probleme sogar noch verschärfen dürfte.

Die möglichen Auslöser für einen Zerfall der Europäischen Union sind mittlerweile so zahlreich, dass es kaum eines ausgefeilten Szenarios bedarf, um sich eine Zukunft auszumalen, in der es zu einer systematischen Schwächung der Union bis hin zu ihrer Auflösung oder zumindest Umbildung in einen weitgehend nominellen Verbund kommen könnte. Politisch erscheint dies am wahrscheinlichsten, wenn in den meisten europäischen Ländern die aufstrebenden europaskeptischen und nationalistischen Kräfte die Regierung bilden beziehungsweise ihr wachsendes politisches Gewicht dazu nutzen, den etablierten Parteien einen solchen Kurs aufzuzwingen. Was geschieht dann?

Von einer echten Rückkehr zu den Verhältnissen der Epoche der (angeblich) "guten alten Nationalstaaten" des 19. Jahrhunderts wäre kaum auszugehen. Ganz im Gegenteil hat die wirtschaftliche, institutionelle und kulturelle Verflechtung der europäischen Staaten untereinander einen solchen Grad erreicht, dass eine echte Trennung nur unter schwersten Opfern zu vollziehen wäre. Denn nicht nur die alten geopolitischen und strukturellen Unterschiede zwischen, sondern auch innerhalb der Nationen, die sich durch den gemeinsamen Markt, allgemeingültige Regeln und den interregionalen Strukturausgleich allmählich harmonisiert haben, würden wieder verstärkt hervortreten. Würde zudem durch die Auflösung der Union fortan jegliche gesamteuropäische zwischenstaatliche Koordination verhindert werden, wären allerorten ebenso egoistische wie gefährliche, da auf Kosten des Wohlergehens des ganzen Kontinents gehende Alleingänge beziehungsweise privilegierte Partnerschaften einzelner Staaten zu erwarten, die die gegenwärtige Transparenz durch einen erneuten ungesunden und durch vielfältige Einflussnahmen verzerrten Wettbewerb ersetzen würden, der letztlich nur zulasten des Sozialstaates und der Bürgerinnen und Bürger gehen würde.

Die wirtschaftlich schwächeren Staaten im Süden Europas wären nach dem Zerfall der Europäischen Union der Unterstützung beraubt und würden rasch eine Phase der beschleunigten Rezession und Inflation erleben. Wenn die Einführung eigener Währungen hier auch mildernd wirken könnte, ist doch kaum zu erwarten, dass die schwach industrialisierten, hoch verschuldeten und von den Folgen des Verfalls der islamischen Staatenwelt stark betroffenen Staaten sich kurz- bis mittelfristig aus eigener Kraft aus der gefährlichen Abwärtsspirale von Armut, Inflation, Ranking- Abwertung und Sezessionsdrohungen befreien können. Dies gilt umso mehr, als ohne den Druck der europäischen Institutionen wieder mit einem verstärkten Aufkommen von Protektionismus, Bürokratismus und Vetternwirtschaft und einer nicht zu vernachlässigenden Einflussnahme außereuropäischer Staaten wie Russland, China oder den USA zu rechnen wäre.

Parallel zu dieser Entwicklung in Südeuropa dürfte zumindest kurzfristig ein weiterer Aufschwung der Bundesrepublik als eigentlicher wirtschaftlicher Motor des Kontinents erfolgen. Davon könnten möglicherweise auch die mit Deutschland wirtschaftlich eng assoziierten Länder profitieren, also die Benelux-Staaten und Österreich sowie wahrscheinlich Polen, Tschechien, Dänemark und vermutlich auch Slowenien, Ungarn und die Slowakei. Dabei ist sogar zu erwarten, dass diese Staaten, falls der bisherige Partikularismus der Visegrad-Staaten durch die schwierige Wirtschaftslage abgeschwächt würde, eine Art mitteleuropäische Rumpf- EU gründen würden. Allerdings wäre es um die Prosperität eines solchen Gebildes mittelfristig keineswegs günstig bestellt. Zum einen würde das Wegbrechen der südeuropäischen Staaten und ihr Versinken in Protektionismus und Verarmung eine solche mitteleuropäische Union wichtiger Märkte berauben und die deutsche Exportstrategie vor gravierende Probleme stellen, zumal im Kontext der anzunehmenden Rezession Frankreichs. Zum anderen ist zu bedenken, dass all diese Staaten in den nächsten zwei Generationen unter einer massiven Bevölkerungsabnahme leiden und somit vor großen Herausforderungen im Bereich der Sozial-, Gesundheits- und Rentensysteme stehen werden. Dass dieser Lage allein mit einer freizügigen Einwanderungspolitik zu begegnen sei, darf als Illusion betrachtet werden, insbesondere in dem bereits seit Jahren vorherrschenden Klima der Terrorangst und Islamophobie sowie vor dem Hintergrund des in unserem Szenario zu erwartenden wirtschaftlichen Niedergangs der meisten peripheren Staaten und des generellen Umbruchs der bisherigen politischen Leitlinien.

Es wäre daher vielmehr zu erwarten, dass sich die immer größere innere Polarisierung der europäischen Gesellschaften gerade nach dem Zerfall der Europäischen Union noch weiter verstärken würde. Entsprechend käme es auch zu immer größeren weltanschaulichen Verwerfungen. Die Rückkehr zum Nationalstaat wäre hier kein hinderndes, sondern vielmehr ein beschleunigendes Moment. Denn von dem Augenblick an, in dem die Europäische Union als Feindbild wegfallen würde und zugleich dennoch klar wäre, dass nicht nur die ehemals "transferbegünstigten" Staaten, sondern auch die "Einzahler" schlechter gestellt wären als vorher, dürfte der Hass aller Unzufriedenen sich noch intensiver als bislang nationalistischer Ressentiments bedienen. Dabei würde er sich vermutlich auf zwei Feindbilder konzentrieren, die heute schon präsent sind: zum einen auf die meist muslimischen Einwanderer, die noch stärker als bisher nicht nur pauschal mit Fundamentalismus, Kriminalität und Terrorismus in Verbindung gebracht werden würden, sondern zunehmend auch mit der stetig steigenden Arbeitslosigkeit und dem Zusammenbruch von Sozialstaat und Rentensystem; zum anderen auf das System der repräsentativen Demokratie. So ist zu erwarten, dass die bislang auf die Europäische Union konzentrierten Vorwürfe mit nur leichten Abwandlungen auf die innere politische Lage der einzelnen Nationalstaaten übertragen würden und auch hier die Rufe nach simplistischen Lösungen, hartem Durchgreifen und plebiszitärer Legitimität lauter würden.

Dieses komplexe Amalgam wirtschaftlichen Niedergangs, politisch-ideologischer Unsicherheit und innergesellschaftlicher Spannungen könnte sich überall in Europa zu heftigen bis hin zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen radikalen Gruppierungen verschiedenster politischer und religiöser Couleur zuspitzen, die ein Ringen des Staates um effiziente Kontrolle mittels Notstandsgesetzen und massiven Militär- und Polizeieinsätzen sowie eine immer weitere Verhärtung der ideologischen Fronten nach sich zögen. Die daraus resultierende Abwärtsspirale bis hin zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen würde dabei keineswegs nur die Peripherie des Kontinents betreffen, sondern auch und gerade sein stark exportorientiertes und von einem tief greifenden demografischen Wandel betroffenes mitteleuropäisches Zentrum. Auch im Ausland würde Europa seine wirtschaftliche wie politische Glaubwürdigkeit einbüßen und durch Börsenspekulationen in den völligen Bankrott und den Ausverkauf seiner Produktionsstätten getrieben werden.

Eine neue autoritäre Ordnung 

Dieser Zerfall des Kontinents und seiner Werte brächte früher oder später, wie schon so oft in der Geschichte als Resultat eines jahre- oder sogar jahrzehntelangen Niedergangs, die Verfechter einer neuen autoritären Ordnung an die Macht. Ob diese aus dem Populismus der Gegenwart hervorgehen würden, der als "Retter in der Not" durch den Zulauf der alten Eliten allmählich an ideologischer Gesetztheit gewinnen würde, oder aus den etablierten, aber im Zuge der Dauerkrise radikalisierten Parteien, kann kaum beantwortet werden und ist auch unwesentlich. In jedem Fall wäre die neue Ordnung nach außen hin vermutlich bemüht, als Wiederherstellung der geordneten Verhältnisse der Vorkrisenzeit zu wirken und ein Mindestmaß an Ruhe, Ordnung, Wohlstand und Toleranz zu sichern, alle wichtigen Entscheidungen durch Plebiszite absegnen zu lassen und durch weitgehende Beibehaltung etablierter Institutionen und Vorgänge eine beruhigende Kontinuität herzustellen. Tatsächlich dürfte sie aber eine Diktatur unter republikanischer Fassade und kulturkonservativen Vorzeichen darstellen – nicht unähnlich etwa dem augusteischen "Principat", der seine autoritäre Natur ebenfalls geschickt hinter der Fassade einer wiederhergestellten Römischen Republik verschleierte.

Die autoritäre Neuordnung der europäischen Gesellschaften dürfte dabei rasch den nationalstaatlichen Rahmen hinter sich lassen, da die europaweiten Unruhen ebenso wie die ihnen zugrunde liegenden Krisensymptome früher oder später auch eine über die Ländergrenzen hinweg ausgreifende Politik aller beteiligten Akteure erforderlich machen würden. Schon jetzt wird deutlich, dass europaskeptische, nationalistische Parteien ebenso wie fundamentalistische Terrorgruppen paradoxerweise durch eine erheblich stärkere europäische Vernetzung und Koordination charakterisiert sind als die traditionellen politischen Kräfte der Mitte. Ob das Resultat ein enger, immer weiter zusammenwachsender Bund autoritärer und konservativer Nationalstaaten wäre, wie er jetzt schon vielen rechtspopulistischen Parteien vorschwebt, oder eher ein plebiszitär-kommunitaristischer europäischer Zentralstaat, wie er zunehmend von Linksaußen beschworen wird, kann zu diesem Zeitpunkt kaum bestimmt werden. Paradoxerweise könnte nach dem Zerfall der Europäischen Union eine enge Zusammenarbeit noch notwendiger erscheinen als in der politischen Situation der Nachkriegszeit – wenn auch diesmal nicht als Mittel zur Verhinderung zwischenstaatlicher Konflikte, sondern vielmehr zur Bewältigung innergesellschaftlicher Unruhen.

Um dieses äußerst dystopische Szenario zu verhindern, müsste die Europäische Union dringend ebenso rasch wie energisch die derzeitigen strukturellen Krisensymptome bewältigen, die zum Anfang ihres Endes werden könnten. Ihre gegenwärtige institutionelle wie konzeptionelle Schwäche und zunehmende Unbeliebtheit stimmen allerdings kaum optimistisch. Leider steht vielmehr zu befürchten, dass das gegenwärtige, unentschieden zwischen Bundesstaat und Staatenbund schwankende vereinigte Europa kaum zur rechten Zeit – also in den kommenden Jahren – imstande sein wird, eine ebenso umfassende wie überzeugende und von allen Akteuren getragene Lösung für die fatale Kombination aus Arbeitslosigkeit und Verarmung, Bevölkerungsrückgang und Einwanderungsfrage, Materialismus und Globalisierung, Werteverlust und Fundamentalismus, Technokratie und Politikverdrossenheit, dem Niedergang der Demokratie und dem Ruf nach Ordnung zu finden. Die Lage ist daher bitterernst, denn schon vor 2000 Jahren brachte genau diese Kombination scheinbar so moderner Probleme mit der späten Römischen Republik ein überaus fortgeschrittenes Staatswesen ins Wanken und bewirkte zunächst die grässlichen Jahre der Bürgerkriege und des inneren Verfalls, bevor sie schließlich der Machtergreifung des Augustus den Weg ebnete.

Allerdings könnte der Fortbestand der Europäischen Union unser Szenario zumindest abmildern. Denn in diesem Fall bliebe dem Kontinent wenigstens die Rückkehr ausgewachsener zwischenstaatlicher Konflikte und die Degradierung der kleineren Staaten zu hilf losen Satelliten stärkerer oder außereuropäischer Mächte erspart. Die Europäische Union könnte gar als Kristallisationspunkt einer umfassenden Reform der europäischen Gesellschaften dienen. Dies würde freilich ein politisches Umdenken nicht nur seitens der europäischen Institutionen, sondern auch der nationalen Politiker und vor allem der Bürgerinnen und Bürger selbst voraussetzen. Denn die politische Legitimität einer europäischen Notstandsregierung könnte nur dann gewährleistet werden, wenn neben der bislang unterentwickelten gesamteuropäischen Öffentlichkeit auch ein europäischer Patriotismus entstehen würde sowie eine echte innereuropäische Solidarität jenseits der heute verbreiteten Einzahler-Empfänger-Mentalität. Doch eine solche umfassende Politik-, Geschichts- und Schicksalsgemeinschaft kann kaum das Licht der Welt erblicken, wenn sowohl die europäischen als auch die nationalen Institutionen sich nicht offen und stolz zu ihrer Zugehörigkeit zu einer gemeinsamen europäischen Kultur bekennen.

Liegt in der Kultur die Rettung?

Damit kommen wir wieder zu unserer Ausgangsfrage zurück und schließlich zu ihrem letzten Grundbegriff. Inwieweit ist denkbar, dass gerade "Kultur" Europa retten könnte? Auch die Definition von "Kultur" ist ein weites Feld und darüber hinaus untrennbar verbunden mit der bereits skizzierten, überaus problematischen Frage nach der europäischen Identität.

Am einfachsten wird das Verständnis von "Kultur" durch die Beschäftigung mit dem jeweiligen Gegenbegriff. Dies wird gerade am Beispiel derer deutlich, die den Kulturbegriff überhaupt ablehnen, um stattdessen vom freien zwischenmenschlichen Austausch zu sprechen. Denn dadurch verlagert sich der Begriff lediglich auf eine andere Ebene: An die Stelle von "Kultur" treten andere Worte wie "offene" oder "zivilisierte Gesellschaft", denen dann ihre jeweiligen inneren wie äußeren Feinde entgegengesetzt werden, die mit Gegenbegriffen wie "Intoleranz" oder "Barbarei" beschrieben werden. Implizit wird somit "Kultur" oder der in diesem Kontext meist synonym gebrauchte Begriff der "Zivilisation" gleichgesetzt mit der Vorstellung einer ursprünglich zwar westlich geprägten, mittlerweile aber globalen humanistisch-universalistischen Gesellschaft, die sich einen erbitterten Kampf gegen jene Kräfte liefert, die der Öffnung die Abschließung, der Inklusion die Exklusion entgegensetzen.

Neben dieses gerade im beginnenden 21. Jahrhundert wieder äußerst bedeutsame Begriffspaar aus "Kultur" und "Barbarei" treten aber auch andere Verständnismöglichkeiten. Eine besonders im 19. Jahrhundert populäre und gerade während des Ersten Weltkrieges vielbemühte Sichtweise verstand "Kultur" nicht als synonym für "Zivilisation", sondern vielmehr als ihren Gegensatz: "Kultur" bezeichnete ein Zeitalter des kreativen Chaos, in dem Ordnung und Revolution, Verantwortung und Gehorsam, Glaube und Freigeist, Lokalpatriotismus und Weltbürgertum, Versonnenheit und Prophetentum, Handwerk und Genie eine fruchtbare Mischung eingingen und als Grundvoraussetzungen für eine künstlerische Blütezeit betrachtet wurden. "Zivilisation" hingegen galt als Synonym für eine technisierte, imperialistische, rationalistische, entpersönlichte, technokratische und individualistische Epoche, die die verfassungsmäßige Freiheit des Einzelnen durch Preisgabe künstlerischer Kreativität erkaufe.

Zu diesen beiden Kulturbegriffen tritt schließlich die kulturrelativistische Schule, die als Gegensatz zu "Kultur" im Wesentlichen nur eine "andere" Kultur gelten lässt. In diesem Sinne gibt sie die Sicht einer allgemeinen, linearen und in sich mehr oder weniger sinnhaften Menschheitsgeschichte zugunsten einer parallelen Lebensbeschreibung verschiedener, mehr oder weniger analoger oder doch zumindest in ihrer Eigenart vergleichbaren "Kulturen" auf, zwischen denen es kaum oder doch nur wenig Verständnis gibt, und die scharf von vorkulturellen wie posthistorischen Zuständen abgegrenzt sind.

Ein genaues Verständnis der Frage, ob Kultur Europa retten kann – ganz zu schweigen von der Frage, inwieweit geistige Werte als bloßer Überbau oder vielmehr als konstitutiver Unterbau einer Gesellschaft gesehen werden sollen –, hängt also davon ab, was genau mit "Kultur" gemeint ist: Soll Europa nun, wie wir gerade durchgespielt haben, durch Erziehung zur Teilhabe an einer "offenen Gesellschaft" gerettet werden? Oder vielmehr durch den Versuch einer Rückkehr in ein nicht "zivilisiertes", sondern vielmehr "kultiviertes" Zeitalter? Oder schließlich durch die Besinnung auf die ureigene kulturelle "Identität" Europas und deren Verteidigung gegen das Versinken in ein "Ende der Geschichte"?

So unüberwindlich dieser Unterschied ideologisch und geschichtsphilosophisch auch scheinen mag, so überlappen sich die von allen Varianten des Kulturbegriffs bezeichneten Realitäten wenigstens im Kontext der gegenwärtigen Krise Europas doch weitgehend. Deshalb können zumindest einige quintessenzielle Schlüsse gezogen werden, ohne die grundsätzlichen Differenzen der verschiedenen Ansätze zu übersehen.

Ob man nun humanistische Kultur der seelenlosen Zivilisation entgegenstellt, die offene Gesellschaft der fundamentalistischen Intoleranz oder die Dynamik einer jeden menschlichen Kultur der Stagnation der Vor- und Nachgeschichte – allen drei Modellen ist gemeinsam, dass die Lage der gegenwärtigen westlichen Welt zunehmend pessimistisch aufgefasst wird und sie ihre jeweiligen Grundwerte – Kreativität, Recht oder geschichtlicher Sinn – in existenzieller Gefahr sehen, und das leider völlig zu Recht, wie wir im Laufe unserer historisch-politischen Spekulationen gesehen haben.

Will man also ein Fazit aus diesen Überlegungen ziehen, so besteht kein Zweifel daran, dass nur eine Stärkung der Kultur, und zwar in jeder der drei dargelegten Denkweisen, eine kleine Hoffnung birgt, Europa und den europäischen Einigungsprozess so zu stärken, dass das Schlimmste verhindert werden kann.

Zum einen ist offensichtlich, dass jeder, dem es um die Kultur Europas geht, nicht anders kann, als den Fortbestand der europäischen Einheit zu fördern. Das muss nicht unbedingt bedeuten, die bestehende Europäische Union als solche gutzuheißen, sondern vor allem die Werte und Ideen, für die sie zumindest theoretisch steht, weiter zu verteidigen und an der möglichst umfassenden Umsetzung dieser Gedanken durch eine realistische Reform der bisherigen Institutionen zu arbeiten. Zum anderen vermag aber nur eine Rückbesinnung auf die Grundwerte von Kultur die Grundlagen für den dringend nötigen inneren wie äußeren Kurswechsel Europas zu bilden. Gerade hierbei gilt es, die Synthese aus den oben genannten Fragestellungen der Krise und den Definitionen von "Kultur" zu bilden und viel mehr auf Integration denn auf doktrinären Ausschluss hin zu wirken.

Ein Umdenken Europas bedeutet somit zunächst unbedingt auch eine Absage an eine rein materialistische, technokratische und utilitaristische "Zivilisation", wie sie seit einigen Jahrzehnten überall in Europa Einzug gehalten hat, und eine Rückbesinnung auf ebenso grundlegende kulturelle Ideale wie Schönheit, Kunst, Güte und Geist. Umdenken im Sinne der Kultur bedeutet gleichzeitig allerdings auch eine ebenso klare wie streitbare Position der Kultur gegen die Unkultur, das heißt der Öffnung, der Neugierde und der Menschenfreundlichkeit gegen die Selbstabschließung, den Hass und das Misstrauen. Dabei ist auch das Paradoxon eines Kampfes der Toleranz gegen die Intoleranz nicht zu scheuen und muss der Geist der Grundwerte europäischen Denkens gegen diejenigen geschützt werden, die nur aus seinem Wortlaut Profit ziehen wollen. Und gegen die Auflösung der Kultur in die Beliebigkeit alltäglicher Machtpolitik zu kämpfen, bedeutet schließlich, den Mut zu haben, zum eigenen historischen Wesen zu stehen und für die Selbsterhaltung Europas als eines geschichtlichen Akteurs einzutreten, dessen spezifische Werte einen unersetzlichen Beitrag zum immerwährenden Versuch der Menschheit geleistet haben, Antworten auf die letzten Fragen zu geben und eine ideale Gesellschaftsordnung zu entwickeln.

Sollte unser dystopisches Szenario dennoch eintreten, steht zu hoffen, dass die Pflege des moralischen, kulturellen und historischen Erbes unseres Kontinents die Bürgerinnen und Bürger befähigen wird, die Grundwerte des abendländischen Geistes mitsamt seinem Sinn für Verantwortung, Gerechtigkeit, Gleichheit und Freiheit auch unter diesen Vorzeichen weiter zu kultivieren und zu einer raschen Wiederkehr geordneter Verhältnisse beizutragen – nicht unähnlich dem Wirken des Stoizismus in der römischen Kaiserzeit. In diesem Sinne muss als Antwort auf die Frage "Kann Kultur Europa retten?" formuliert werden: "Nur Kultur kann Europa retten, denn Europa ist Kultur." 

Kann Kultur Europa retten? / Ronald Grätz (Hg.) - Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung, 2017. -240 S.

Themenreihe

In Zeiten von Populismus, Abschottung und Angst vor dem Fremden stellt sich die Frage: Was hält die Europäische Union in Zukunft zusammen? Was verbindet die Menschen in Europa? In der Themenreihe "Kann Kultur Europa retten?" begeben sich Kunst- und Kulturschaffende sowie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf die Suche nach Antworten. In loser Folge veröffentlichen wir Auszüge aus dem vom ifa gemeinsam mit der Bundeszentrale für politische Bildung herausgegebenen Band "Kann Kultur Europa retten?".

Folge 1: Freiräume schaffen. Ein Gedankenaustausch zu Kultur im Internet

"Don't panic, I'm Islamic"Folge 2: "Don't panic, I'm Islamic". Riem Spielhaus stellt die Frage, wie Europa mit dem Islam umgeht.

Folge 3: Wider die Eindimensionalität. Sineb El Masrar über die Bedeutung von Kultur für Ankommende.

Folge 4: Superhelden für Europa. Flucht und Migration im Comic

Folge 5: Kleiner – größer – anders. Claus Leggewie über die Zukunft der Regionen in Europa

Folge 6: Europa in nicht allzu ferner Zeit. David Engels über ein dystopische Szenario Europas