Skulptur "Sólfar" von Jón Gunnar Àrnason in Reykjavík, Foto: Matt Lamers (CC0 1.0), via Unsplash

"Don't panic, I'm Islamic"

Handlungsmächtigkeit durch Kunst und Kultur

Riem Spielhaus

In den Diskussionen über Europa und seine Zukunft, die gegenwärtig kaum ohne die Frage nach dem Verhältnis zum Islam und den Muslimen auskommen, konkurrieren zwei gegensätzliche Gesellschaftsentwürfe. Die inklusive Erzählung geht davon aus, dass ein Zusammenleben in Pluralität zwar gestaltet und moderiert werden muss, prinzipiell aber gelingen kann. Das exklusive Narrativ hingegen behauptet, dass die Differenzen zwischen den Religionen und Kulturen so groß sind, dass es früher oder später unweigerlich zu Konflikten kommen muss. Aufgrund "abweichender Werte" drohe die Anwesenheit von Musliminnen und Muslimen, die infolge der sogenannten Flüchtlingskrise nach Europa weiter zugenommen hat, den Kontinent zu zerreißen, so die eine Position.

Die Idee eines Europas in Vielfalt sei in Gefahr, wenn es nicht gelingen sollte, Andersgläubige als zugehörig zu verstehen, so die andere Position. Entlang dieser Annahmen polarisiert sich die Debatte in Deutschland und in anderen Ländern Europas zunehmend. In Dänemark, Schweden, Frankreich, den Niederlanden, Großbritannien, Polen und Ungarn liegen die Erfolge populistischer Parteien, die Euroskepsis – kombiniert mit nationalistischer Rhetorik – gegen Zuwanderung, gegen Minderheiten wie Sinti und Roma und gegen Muslime richten und zur Mobilisierung von Wählerstimmen nutzen, konstant bei über 20 Prozent.  Aber auch Parteien der politischen Mitte überlegen kritisch, wie viel "Multikulti", Religionsfreiheit und Vielfalt Europa und seine Nationen überhaupt vertragen können. Dabei wird immer wieder auch die Zugehörigkeit des Islams zu Deutschland oder der Muslime zu Europa infrage gestellt.

Zum einen werden die hier lebenden Muslime ausgegrenzt. Zum anderen ignorieren derlei Debatten die tiefen Spuren in der europäischen Kunst-, Kultur- und Wissenschaftsgeschichte, die die jahrhundertelange Präsenz von Muslimen sowie der Austausch und die Auseinandersetzung von Europäern mit islamisch geprägten Regionen jenseits Europas auf dem Kontinent hinterlassen haben. Mit der andalusischen Baukunst für die Architektur, der Zentralperspektive für die Kunst, der Überlieferung von Schlüsseltexten für die Philosophie und der Entwicklung von Instrumenten für Medizin und Musik setzten sie Impulse für das, was heute weithin als "europäisch" verstanden wird. Der Islam ist also Teil der europäischen Geschichte. Und doch diente und dient er nicht selten als ein Gegenbild, an dem das wahlweise als "christlich", "aufgeklärt" oder "modern" imaginierte Selbst geformt werden kann.

Es konkurrieren also Erzählungen von einem Europa, zu dem die Muslime gehören, und von einem Europa, zu dem sie nicht gehören. Der Ethnologe Talal Asad weist darauf hin, dass ein Verständnis von "Europa als Zivilisation" – im Gegensatz zum Verständnis von "Europa als Kontinent" – nicht selten dazu geführt hat, dass die historische Präsenz etwa von Tataren in Osteuropa und Pomaken oder Bosniaken in Südosteuropa ausgeblendet wurde. Die Geschichte Europas als Zivilisation wird Asad zufolge eben gerade nicht als die Geschichte der Bevölkerungen Europas erzählt. Muslime seien in einem derart verstandenen Europa zweifellos anwesend (gewesen) und dennoch auf bemerkenswerte Weise abwesend. Die gegenwärtige Präsenz von Muslimen werde denn auch häufig als Resultat von Migration betrachtet, die erst nach dem Zweiten Weltkrieg begonnen habe. Weil die Muslime wesentliche geschichtliche Entwicklungen wie die Aufklärung, die Industrialisierung und die Säkularisierung verpasst hätten, so Asad weiter, würden sie als "Fremde" angesehen, die zwar in Europa leben dürften, die aber trotzdem nicht als Teil von Europa gelten können.
So ist es möglich, Europa gleichzeitig als Hort der Religionsfreiheit und als christlich geprägtes Abendland zu verstehen. Der Islam hingegen erscheint mit den ihm attestierten Attributen der Frauenunterdrückung, Gewalttatlegitimation, Homophobie und des Antisemitismus als Schreckgespenst für die freiheitlichen Vorstellungen des "aufgeklärten Abendlandes".  Das Konzept "Europa als Zivilisation" blendet muslimische Feministinnen und schwule muslimische Aktivisten ebenso aus wie etwa den auch in den europäischen Nationalstaaten nach wie vor existenten Antisemitismus. Mit dieser Externalisierung unerwünschter Einstellungen und Sichtweisen lassen sich Heteronormativität und Sexismus im eigenen Land unhinterfragt fortsetzen und die Einschränkung von Rechten für die muslimische Bevölkerung wie das Kopftuchverbot für Lehrerinnen oder die Verweigerung der Einbürgerung rechtfertigen.

Kreativität als Mittel der Auseinandersetzung

Einwanderer und ihre Nachkommen, die von der Gesellschaft als Migranten wahrgenommen und markiert werden, nutzen unter anderem das gesellschaftskritische Potenzial von Kunst und Kultur, um stereotypisierende Zuschreibungen zu thematisieren und ihren eigenen Perspektiven Sichtbarkeit zu verschaffen.

In den 1980er-Jahren traten erstmals die beurs in Erscheinung. Der Begriff war zunächst eine Selbstbezeichnung von Kindern und Jugendlichen, deren Eltern oder Großeltern als Einwanderer aus Algerien, Marokko und Tunesien nach Frankreich gekommen waren. Die Jugendlichen, häufig in Vorstadtbezirken (banlieues) angesiedelt und oft ohne Zugang zu (Aus-)Bildung oder zum Arbeitsmarkt, prägten das Motto black, blanc, beur (schwarz, weiß, arabisch) in Anlehnung an das bleu, blanc, rouge der Trikolore und entwickelten viele weitere kreative Strategien, um vermeintlich feste Identitäten zu hinterfragen, zu dekonstruieren und neu zu entwerfen. Sie schufen die französische Jugendsprache verlan, in der Buchstaben vertauscht und Silben von Wörtern verdreht werden: Araber – arabes – werden zu beurs und à l’envers – französisch für "umgekehrt" – zu verlan. Mit dieser subversiven Technik machten die beurs nicht nur deutlich, dass sich Gesellschaften und ihre Sprachen in stetem Wandel befinden, sondern verschafften sich auch ein Medium, um kritisch über Zuschreibungen zu reflektieren und sich und ihre Anliegen zum Ausdruck zu bringen. Das verlan verließ bald den engen Radius der Vorstädte und wurde überall in Frankreich zur Jugendsprache. Auch die Musik, Filme und literarischen Werke der beurs wurden bald Teil der französischen Kulturlandschaft und schließlich auch im Ausland wahrgenommen. So führte etwa 1985 der preisgekrönte Film Thé au harem d’Archimède (Tee im Harem des Archimedes) von Mehdi Charef dem europäischen Kinopublikum die sozialen Hürden vor Augen, mit denen marginalisierte und als Außenseiter stigmatisierte Jugendliche in Paris konfrontiert werden, und zeigte, wie intensiv sie darum ringen, einen selbstbestimmten Platz in der Gesellschaft zu erhalten. Der Film gilt als Beginn des cinéma beur und ist für Cineasten ein Klassiker.

Kunst und Kultur sind privilegiert, um sich mit Stereotypen auseinanderzusetzen, vermeintlich feste Identitäten zu hinterfragen und neue Sichtweisen auf gesellschaftliche und politische Entwicklungen in die Gesellschaft einzubringen. So praktiziert es das Berliner Maxim-Gorki-Theater, das das auf der Kreuzberger Off-Bühne Ballhaus Naunynstraße entstandene postmigrantische Theater beherbergt. Hier wurden unter prekären Verhältnissen Stücke inszeniert, denen schnell die Aufmerksamkeit von Publikum und Kritikern sowie renommierte Preise zuteil wurden. Der Umzug in das kleinste Berliner Stadttheater folgte. Mit einem neuen Ensemble steigerte das Gorki in den ersten fünf Monaten unter der Leitung von Shermin Langhoff seine Auslastung auf 95 Prozent und wurde nach nur einer Spielzeit von der Jury der Zeitschrift Theater Heute zur Spielstätte des Jahres gekürt. Die »bunte Truppe« sei nicht nur "aufmüpfig", so die Jury, sondern es gelinge ihr auch, "brennende, gesellschaftlich relevante Themen in kontroverser Form auf die Bühne zu bringen". Im Jahr 2016 bestätigte die Jury diese Einschätzung, und das Gorki erhielt die Auszeichnung zum zweiten Mal.

Das Maxim-Gorki-Theater greift in seinem Programm immer wieder aktuelle Themen auf und beschränkt sich dabei nicht auf den nationalen Rahmen, sondern möchte auch die innereuropäische Verständigung fördern. So brachte es im Rahmen des Festivals "Europe 14|14" im Mai 2014 etwa 500 junge Menschen aus ganz Europa zusammen, um die Bedeutung des Ersten Weltkrieges für junge Europäer persönlich, für ihre jeweilige nationale Identität und für das heutige Europa als gemeinsames Friedensprojekt zu erkunden.

Auch im Comedy-Bereich bieten sich den Nachkommen der Eingewanderten vielfältige Möglichkeiten, ihre Sicht auf aktuelle politische und gesellschaftliche Entwicklungen zum Ausdruck zu bringen. Die ehemalige Waldorfschülerin Idil Baydar etwa entwickelte aus ihrer Ohnmacht angesichts der Klischees, die türkische Mädchen zum bildungsfernen Opfer patriarchaler Strukturen abstempeln, die Bühnenfigur der Neuköllner Ghettobraut Jilet Ayse. Auf dem Sofa sitzend, schimpft sie über ihre erfolgreiche, aber angepasste Schwester Aysegül, die "Integrationsnutte", über Sarrazin und das "ehrlose" Deutschland. Zunächst in Youtube-Videos, später auf der Bühne urbaner Comedy-Clubs, begegnet Baydar Stereotypen und islamfeindlichen Narrativen wie dem vom Niedergang Deutschlands aufgrund der hohen Geburtenrate türkischer und arabischer Einwanderer mit Übertreibung und bissigem Spott. Nach wenigen Monaten hatte ihre 2011 auf Youtube veröffentlichte Tirade Isch bin voooll sauer!!! mehrere Hunderttausend Zuschauer, vier Jahre später über eine Million Klicks und knapp 2000 kontroverse Kommentare. Seit 2013 präsentiert Idil Baydar ihre Rollen Jilet Ayse und Gerda Grischke auf Theater- und Kleinkunstbühnen.

Kinder von Einwanderern sind mittlerweile regelmäßig in traditionsreichen Satiresendungen der öffentlich-rechtlichen Sender, in Comedy- Shows privater Kanäle genauso wie in politischen Kabaretts zu Gast. Einige von ihnen, etwa Bülent Ceylan, füllen mit ihren Soloprogrammen Stadien und spielen vor Zehntausenden. Andere, wie der marokkanischstämmige Abdelkarim, der zwischen 2013 und 2015 drei Staffeln der im Auftrag des SWR produzierten und auf dem Digitalsender Eins Plus ausgestrahlten Show StandUpMigranten – Comedy mit allem und scharf moderierte, werden zu Gastgebern eigener Shows. Indem sie auf der Bühne stehen und nicht mehr die Objekte von Witzen sind, sondern zu Akteuren werden, kehren die Künstler die eingefahrene Ordnung der Dinge um. Dieser "Trend" ist nicht nur in Deutschland, sondern auch in weiteren europäischen Ländern zu beobachten.

In Großbritannien feiert der Humorist Nabil Abdulrashid mit Comedy- Formaten wie der Bühnenshow Don’t Panic, I’m Islamic! sowie der Sendung Which religion is funniest competition, einem Wettstreit um die lustigste Religion, große Erfolge. In Norwegen provoziert die in Pakistan geborene Kolumnistin und Comedienne Shabana Rehman Gaarder Extremisten aller Art. Und in den Niederlanden macht der Humorist und Schauspieler Najib Amhali, 2009 zum witzigsten "cabarettier" des Landes ernannt, auf die Ambivalenzen des Muslim-Seins in Europa zwischen Vereinnahmungen und Ausgrenzungen aufmerksam.

Einige Comedians setzen sich kritisch mit dem Vorurteil auseinander, sie seien Muslime, so beispielsweise der Berliner Masud Akbazadeh, wenn das Gegenüber ganz selbstverständlich davon ausgeht, dass er aufgrund seines iranischen Hintergrunds auch Muslim sein müsse:
 "Ich wurde hier eingeladen. Die meinten: 'Ja Masud, rede mal über dein Leben als Moslem und so.' Ich hab gesagt: 'Ich bin kein Moslem.' Und die: 'Jajajajaja, rede einfach darüber!' (Publikum lacht) Wissen Sie, wie schwer das ist für mich als Ausländer ’ne Currywurst zu bestellen? Ich bekomm jedes Mal die gleiche Antwort: 'Du weißt schon, dass da Schwein drin ist???' – 'Sorry, danke Alter! Ich hatte keine Ahnung."

So wie die Postmigranten das Label "Migrant" ablehnen, sperren sich viele Kreative "mit Migrationshintergrund" gegen die islamisierenden Zuschreibungen, denen sie sich ausgesetzt sehen. In ihren Beiträgen zeigen sie, wie absurd es sein kann, wenn ihnen unreflektiert eine Religionszugehörigkeit attestiert wird; manche von ihnen blenden die Religion auch bewusst aus oder weisen sie gänzlich zurück. Viele der neuen Kreativen halten sich mit Glaubensbekenntnissen zurück. Deshalb wäre es auch problematisch, sie als "muslimische" Künstler zu bezeichnen.
Aber es gibt auch bekennende Muslime unter den Kreativen: Eine Gruppe muslimischer Jugendlicher rief den muslimischen Poetry-Slam I’slam ins Leben, mit dem es gelang, humorvolle Formate in islamischen Gemeinschaften und damit letztlich ein muslimisches Publikum zu etablieren. Als Antwort auf den selbst ernannten "Islamischen Staat" entstand der Youtube-Kanal Datteltäter, der sich humor- und fantasievoll gegen Extremismus jeglicher Art wendet. Mit ihren Charakterisierungen der Lebenswelten kopftuchtragender Frauen fanden die Comic-Zeichnerin Soufeina Hamed und die Bloggerin Kübra Gümüsay nicht nur Eingang in etablierte Medienformate, sondern haben auch ein ansehnliches Stammpublikum in der muslimischen Bevölkerung gewonnen und die Öffentlichkeit darüber hinaus für ihre grafischen und literarischen Kommentare interessiert.
Andere Kulturschaffende muslimischer Herkunft reagieren auf Zuschreibungen und islamfeindliche Tendenzen mit einem humorvollen Bekenntnis zum Islam – auch wenn islamische Religionspraxis nicht ihren Lebensalltag bestimmt. So ließ sich die Berliner DJane Ipek Ipekcioglu einige Monate nach dem 11. September 2001 mit einem T-Shirt mit dem Aufdruck "Don’t Panic, I’m Islamic" für ein Musikmagazin ablichten. Wenige Jahre später saß die Schauspielerin Pegah Ferydoni, bekannt geworden in ihrer Rolle in der Serie Türkisch für Anfänger, mit dem gleichen T-Shirt in einer Talkshow.

Im Fall Deutschlands verdeutlicht nicht zuletzt eine Persönlichkeit wie Navid Kermani, seit 2007 Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und mit zahlreichen renommierten Kultur- und Literaturpreisen ausgezeichnet, dass ein Kind von Eingewanderten und bekennender Muslim zu einem zentralen Akteur der Hochkultur eines Landes werden kann. In den Niederlanden wurde der mit der Ehrendoktorwürde der Universität Groningen dotierte Autor Kader Abdolah im Jahr 2000 zum Ritter des Ordens vom Niederländischen Löwen ernannt.

Postmigrantisches Zeitalter

Obwohl diese Künstler die Bühnen erobern und auf ein begeistertes Publikum treffen, ist noch ein weiter Weg zu gehen, bis sie selbst, ihre Themen und Sichtweisen ganz selbstverständlich ein integraler Bestandteil der Institutionen in Europa sein werden. Zunehmend werden Stimmen laut, die ihnen mehr Gehör verschaffen wollen. So veröffentlichte etwa der Autor und Migrationsforscher Mark Terkessidis 2010 ein vielbeachtetes Pamphlet, in dem er die interkulturelle Öffnung der Kulturinstitutionen fordert. Der in Innsbruck lehrende Erziehungswissenschaftler Erol Yildiz und die Berliner Soziologin Naika Foroutan kritisieren seit geraumer Zeit das Fehlen postmigrantischer Perspektiven und Narrative im deutschsprachigen Diskurs.
Die türkeistämmige Journalistin Mely Kiyak hatte 2008 auf einer internationalen Konferenz des Goethe-Instituts ihre Wahrnehmung der deutschen Literatur noch wie folgt beschrieben:

"Ich suche den Topos Gastarbeiter oder Migrant in der Prosa, in der Lyrik, auf der Bühne, in der bildenden Kunst, in der Musik, in der Oper, im Ballett. Ich lese also Wolfdietrich Schnurre, Günter Grass und Martin Walser. Ich lese sie alle und finde mich nicht. Komisch, dachte ich manchmal, Nutella habe ich auch gegessen,  aber die haben mich alle vergessen. Die haben vergessen zu berichten, dass in den Klassenzimmern neben ihnen, auf der westdeutschen Seite der Mauer, in den Läden und Clubs, an allen Orten, die die deutschen Gegenwartsliteraten beschreiben, auch Türken waren. Ja, Sachbücher gibt es viele über mich, Polittalkshows auch, die Zeitungen sind voll mit Meldungen über solche wie mich, über Migranten und Muslime, doch ich möchte mehr sein als ein Politikum. Es fällt schwer, mit einer Gegenwartskultur konfrontiert zu sein, die mich als Bestandteil der Gegenwart nicht sieht."

Wie Kiyak bemerkt, werden sie und ihresgleichen immer noch zu häufig aus nur einer Perspektive betrachtet: aus der Perspektive, die sie aufgrund ihrer Hautfarbe, ihres Akzents oder nur noch ihres Namens lediglich als "Migranten" wahrnimmt und sie damit zunehmend zur Weißglut bringt, aber auch zu kreativen Ausbrüchen anregt.
Einiges hat sich seit diesem Vortrag verändert, aber als "Migranten" markierte Schauspielerinnen oder Regisseure haben bei der Suche nach einer festen Anstellung an Theatern bis heute einen schweren Stand; in Museen kommen Europas religiöse Vielfalt und die Geschichten von Eingewanderten nur in temporären Migrationsausstellungen vor, und auch für aktuelle Schulbücher wurde eine problembehaftete Darstellung von Migration dokumentiert.

Narrative der Vielfalt

Seit Jahren engagieren sich deshalb Einzelpersonen, Initiativgruppen und zunehmend auch Institutionen dafür, derartige Leerstellen nicht nur zu kritisieren, sondern sie mit neuen Inhalten und Narrativen der Vielfalt zu füllen. Mit Blick auf Deutschland sind hier, neben dem Maxim-Gorki- Theater in Berlin, die Initiative für ein Deutsches Migrationsmuseum des Dokumentationszentrums und Museums für die Migration in Deutschland (DOMiD) oder an inklusiveren, Vielfalt abbildenden Schulbüchern und ergänzenden Unterrichtsmaterialien arbeitende Autorinnen und Autoren wie Saraya Gomis  oder Mathias Bahr zu nennen.
Neue Akzente für eine europäische Erinnerungspolitik, die auch muslimische Anteile an der europäischen Geschichte einbezieht, setzte der British Council mit dem Projekt Our Shared Europe. Das 2007 initiierte Programm führte nach zahlreichen Konsultationen und in Kooperation mit internationalen und lokalen Partnern Diskussions- und Dialogveranstaltungen in ganz Europa durch und organisierte Wanderausstellungen, die teils auch online verfügbar sind. Ausstellungen über muslimische Beiträge zur Wissenschaftsgeschichte gehören genauso zum Projekt wie Reflexionen der Fremd- und Selbstbilder Europareisender aus dem osmanischen Reich und Orientreisender aus Europa. In Kooperation mit der Alliance of Civilizations der Vereinten Nationen und der Carnegie Foundation wurde das Projekt 2011 unter dem Namen Our Shared Future auf Nordamerika ausgeweitet, bevor es 2012 schließlich wieder eingestellt wurde.
Allerdings unterstützt der British Council weiterhin ähnliche Projekte wie etwa den Film A Journey into Europe. Darin reist Ahmed Akbar, Ethnologieprofessor aus Washington und ehemaliger Botschafter Pakistans, durch Europa und führt in Granada, Palermo, Srebrenica, London, Berlin, Kopenhagen und in vielen weiteren europäischen Städten Interviews, die die Geschichte und Gegenwart muslimischen Lebens auf dem Kontinent zum Gegenstand haben.  Der Film thematisiert das friedliche Zusammenleben von Christentum und Islam in Südspanien unter muslimischer und in Süditalien unter christlicher Herrschaft genauso wie die Wunden, die der Krieg auf dem multireligiösen Balkan hinterlassen hat. Ähnlich wie im Projekt Our Shared  Europe stehen dabei auch im Film die Spuren muslimischer Präsenz in der europäischen Geschichte und die Verflechtungen im Zentrum, wie sie sich auf Gemälden, in der Architektur und auf Speisekarten zeigen. Das Kulturprogramm der Europäischen Union finanzierte die Erstellung der Wanderausstellung Islam, It’s Also Our History – Europe and Its Muslim Legacies, die seit Juni 2012 zunächst in Sarajevo und Brüssel und insgesamt in sechs europäischen Ländern gezeigt wird.
Der Glaube an die Kraft der Kunst steht im Mittelpunkt der britischen Muslim Museum Initiative, die mit Ausstellungen wie Faith in Art im Frühjahr 2016 im Craven Museum in Yorkshire und vielen weiteren Projekten die Geschichte von Angehörigen des Islams in Großbritannien beleuchtet und zugleich muslimischen Künstlern zu mehr Sichtbarkeit in der Kulturwelt verhelfen will. Auf ihrer Website sind nicht nur die zahlreichen Ausstellungsinitiativen in renommierten Kunsthäusern dokumentiert, sondern es findet sich auch eine lange Liste von Kunstschaffenden muslimischer Herkunft.
Um kulturellen Austausch, Kommunikation und Kooperation zwischen Frankreich und der arabischen Welt zu fördern, aber auch mit dem Ziel, das gesellschaftliche Klima in Frankreich und in Europa zu verbessern, gründeten Frankreich und 22 Mitgliedsstaaten der Arabischen Liga bereits 1980 in Paris das Institut du Monde Arabe, das 1987 für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde. Mit der Sammlung, Ausstellung und wissenschaftlichen Bearbeitung widmet es sich arabischer Kunst als Teil der globalen Hochkultur und strebt die Förderung des Dialogs auf Augenhöhe an. Wie die Ethnologin Alexa Färber in ihren Arbeiten zum Institut du Monde Arabe zeigte, ist dieses Projekt von den dominanten Diskursen der 1980er-Jahre geprägt, in denen sich Europa vor allem für kulturelle, ethnische und sprachliche Aspekte in Nordafrika sowie dem Nahen und Mittleren Osten interessierte, und hat gleichzeitig zu diesen beigetragen.  Das 2006 im Pariser Stadtteil Barbès eröffnete Institut des Cultures d’Islam hingegen verfolgt einen grundlegend anderen Ansatz und greift die seit den 2000er-Jahren wirkmächtig gewordene religiöse Kategorisierung von über Generationen hinweg als Eingewanderte wahrgenommenen Anwohnern auf. Zu diesem Zentrum gehört neben den Ausstellungs- und Konferenzräumen auch ein islamischer Gebetsraum. Zielgruppe sind nicht internationale Kunstsammler, Kuratoren oder Kritiker sondern Anwohner aus der Nachbarschaft und dem Pariser Stadtraum, die im Rahmen von Symposien und Abendpodien Gelegenheit zur Auseinandersetzung mit theologischen und politischen Grundfragen des Islams haben, mit dem Zentrum aber auch einen Ort für Gemeinschaftsaktivitäten erhalten. Eine derartige Verknüpfung von Kunst, Kultur, Dialog und islamischem Gemeindeleben ist bisher europaweit einzigartig.

Neue Gesichter Europas

Die angeführten Künstler und ihre Projekte wären nicht ohne Verluste aus der Kulturlandschaft des gegenwärtigen Europas wegzudenken. Sie bringen neue Geschichten und Perspektiven in Debatten ein, die einen anderen Blick auf den Islam und seine vielfältigen Ausprägungen ermöglichen und die Diskussionen über Vorstellungen des Zusammenlebens in Europa bereichern. Ihre Aktivitäten und Initiativen machen einerseits deutlich, wie viel Potenzial die inklusiven Perspektiven und Narrative für die europäische Kulturlandschaft zu bieten haben. Andererseits legt die Tatsache, dass sie meist nur im Rahmen temporärer Projekte gefördert werden, auch das Beharrungsvermögen der trägen Strukturen im Bildungsbereich und im Kulturbetrieb offen, in denen die präsentierten Perspektiven, Erzählungen und Ansätze bislang nur in Ausnahmefällen zum festen, verstetigten Inventar gehören.
Dabei werden die neuen Kreativen interessanterweise in der Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik bereits als "Gesichter Europas" präsentiert: So schickt das Goethe-Institut die bekennend lesbische DJane Ipek Ipekcioglu als Repräsentantin deutscher Kultur nach China oder Ägypten. Und in den landeskundlichen Materialien des Goethe-Instituts für den Deutschunterricht, Meet the Germans, wird im Modul "Migration und Integration" ein Interview mit der türkeistämmigen Bloggerin und bekennenden Muslima Kübra Gümüsay angeführt, um über Integration und über die Diskriminierungserfahrungen von Menschen muslimischen Glaubens zu reflektieren.
Lässt sich daraus schließen, dass die Öffnung der Institutionen in der Außendarstellung leichter fällt als im Innern? Wie im Fall von Shermin Langhoff, der erst nach einem Abwerbeversuch aus Österreich ein Theaterhaus in Berlin-Mitte angeboten wurde, kann der Erfolg im internationalen Rahmen durchaus die Anerkennung im eigenen Land nach sich ziehen. Doch es geht nicht nur um (Finanzierungs-)Strukturen, sondern auch um Inhalte und Partizipationsmöglichkeiten. Denn die Entwicklungen der vergangenen Jahre machen deutlich: Muslime und Menschen, die als solche wahrgenommen werden, sind an Kunst und Kultur interessiert, sobald sie selbst, ihre Geschichten, Perspektiven und Probleme darin vorkommen. Am besten gelingt das, wenn neue Kreative nicht nur als Adressaten, sondern als Akteure von Kultur verstanden und einbezogen werden.

Gefragt ist nichts weniger als ein grundsätzliches Neudenken der Kultureinrichtungen: Neue Themen, neue Personen und sicherlich auch eine Veränderung der Strukturen sind Voraussetzungen für Repräsentationen der gegenwärtigen Gesellschaft, mit denen es gelingen kann, die vermeintlichen Gegensätze aufgrund von Herkunft oder Religion zu überwinden. Kulturpolitische Impulse, die Zukunftsvisionen für Europa in den Mittelpunkt stellen, ohne kontroverse Themen und die Probleme des Zusammenlebens auszuklammern, und seine Bevölkerung ins Gespräch bringen, können den Wandel unterstützen.
Europas Kulturförderung ist jedoch derzeit noch in nationalstaatlichen Strukturen verfangen. Bis auf Ausnahmen wie das deutsch-französische und das deutsch-polnische Geschichtsschulbuch werden Lehr- und Lernmaterialien bisher weiterhin im nationalstaatlichen Rahmen erstellt. Von europäischen Teams gestaltete digitale Materialien, die die heutigen Herausforderungen für Europa zum Thema machen, sind daher ein ebenso akutes Desiderat wie die langfristige Förderung von Ausstellungsprojekten und von europäischen Theater-, Film- und Kunstfestivals, die Kreative zusammenbringen, dominante Narrative hinterfragen und neue Visionen entwickeln.

Kann Kultur Europa retten? / Ronald Grätz (Hg.) - Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung, 2017. -240 S.

Themenreihe

In Zeiten von Populismus, Abschottung und Angst vor dem Fremden stellt sich die Frage: Was hält die Europäische Union in Zukunft zusammen? Was verbindet die Menschen in Europa? In der Themenreihe "Kann Kultur Europa retten?" begeben sich Kunst- und Kulturschaffende sowie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf die Suche nach Antworten. In loser Folge veröffentlichen wir Auszüge aus dem vom ifa gemeinsam mit der Bundeszentrale für politische Bildung herausgegebenen Band "Kann Kultur Europa retten?".

Folge 1: Freiräume schaffen. Ein Gedankenaustausch zu Kultur im Internet

Folge 2: "Don't panic, I'm Islamic". Riem Spielhaus stellt die Frage, wie Europa mit dem Islam umgeht.