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Zuzanna Donath-Kasiura und Katrin Koschny (v.l.n.r) im Gespräch

"Es ist wichtig, dass wir miteinander kommunizieren"

Ob in Vereinen, in Parteien oder in Gesellschaften: Dass soziales und gesellschaftliches Engagement immer stärker unter Nachwuchsproblemen leidet, ist bekannt. Auch die Arbeit bei der deutschen Minderheit in Polen bleibt davon nicht verschont. Dabei können gerade die jungen Menschen mit ihrem oftmals europäischen Selbstverständnis eine neue Perspektive einbringen. Alt und Jung müssen miteinander kommunizieren, das finden Zuzanna Donath-Kasiura und Katrin Koschny, die bei der "Sozial-kulturellen Gesellschaft der Deutschen im Oppelner Schlesien" und beim "Bund der Jugend der deutschen Minderheit" in Polen tätig sind.

Interview von Katrin Stahl

ifa: Du bist mit gerade einmal 23 Jahren Vorsitzende des "Bundes der Jugend der deutschen Minderheit", Katrin. In diesem Alter sind viele junge Menschen oft nicht so stark an Tradition interessiert. Wer engagiert sich denn bei euch?

Katrin Koschny: Wir sind eine Gruppe junger Leute, die mit der Tradition und der Kultur, mit der wir aufgewachsen sind, weiterleben wollen. Unsere Mitglieder sind zwischen 14 und 35 Jahre alt und gehören zur deutschen Minderheit in Polen. Teilweise machen auch Leute mit, die nicht aus der deutschen Minderheit kommen. Insgesamt haben wir viele Mitglieder. Davon aktiv sind so um die 300 bis 400 Leute, die meisten davon in den Woiwodschaften Oppeln und Schlesien.

ifa: Zuzanna, du bist stellvertretende Geschäftsführerin in der Geschäftsstelle der "Sozial-kulturellen Gesellschaft der Deutschen im Oppelner Schlesien", kurz SKGD. Ihr habt insgesamt 35.000 Mitglieder. Engagieren sich viele junge Leute in eurer Gesellschaft?

Zuzanna Donath-Kasiura: Vor ein paar Jahren hatten wir das Problem, dass die  Vorstände der SKGD eher aus älteren Menschen bestanden. Dann hat jedoch eine Art Generationenwechsel stattgefunden. Unsere Mitglieder sind alle älter als 18 Jahre, ansonsten ist aber jede Altersgruppe vertreten: Von jungen Erwachsenen, über Erwachsene bis hin zu Leuten, die bereits pensioniert sind. Mit unseren Projekten richten wir uns auch oft an Kinder und Jugendliche – zum Beispiel mit Rezitations- oder Liederwettbewerben in deutscher Sprache. Damit verbreiten wir die deutsche Sprache, präsentieren aber auch ganz konkret unsere Ideen und Tätigkeiten.

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Mit ihren Projekten richtet sich die „Sozial-kulturellen Gesellschaft der Deutschen im Oppelner Schlesien“ oft an Jugendliche.

ifa: Das heißt, bei euch in der deutschen Minderheit gibt es kein Nachwuchsproblem?

Katrin: Natürlich ist es anders als vor 25 Jahren, als der BJDM gegründet wurde und es noch mehr Ortsgruppen gab. Damals war ich noch gar nicht auf der Welt. Ich bin jetzt seit fast sieben Jahren in der Organisation dabei und kann beobachten, dass das Interesse bei den Jugendlichen langsam wieder größer wird. Allein in diesem Jahr haben wir drei neue Ortsgruppen gegründet und sind mit der deutschen Minderheit wieder viel präsenter. So konnten wir wieder mehr junge Leute auf uns aufmerksam machen.

Zuzanna: Ich denke, es ist ein generelles Problem, dass sich viele Jugendliche heutzutage stärker für das virtuelle als für das reale Leben interessieren. Aber generell sehe ich es auch nicht so schwarz. Wir haben uns in der deutschen Minderheit entwickelt und in den letzten Jahren unsere Arbeitsmethoden geändert. Außerdem sind wir in verschiedenen Bereichen aktiv – auf politischer Ebene, in Kulturprojekten, mit Sportmaßnahmen. Viele Leute sehen uns nicht mehr als "Kaffee- und Kuchengesellschaft", sondern eher als einen Verein, der interessante Projekte auf Deutsch macht. So gewinnen wir bei der Bevölkerung langsam immer mehr an Akzeptanz.

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"Keine 'Kaffee- und Kuchengesellschaft', sondern ein Verein, der interessante Projekte auf Deutsch macht"

ifa: Wie erreicht ihr beim "Bund der Jugend der deutschen Minderheit" die jungen Menschen?

Katrin: Wir organisieren viele Jugendbegegnungen und -austausche, bei denen wir auch nach Deutschland fahren. Wir wollen den Jugendlichen das Land und auch das moderne Deutschlandbild zeigen. Manche von ihnen waren noch nie in Deutschland. Außerdem bereiten wir Jugendkonferenzen vor. Letztes Jahr haben wir uns unter dem Motto "Europa in den Händen der Jugend" unter anderem mit dem Thema Flucht auseinandergesetzt.

ifa: Wie läuft die Kooperation zwischen BJDM und SKGD denn konkret ab?

Katrin: Da wir zusammen in einem Haus sitzen, sind wir ein bisschen wie eine Familie – nur durch ein paar Türen und Treppen getrennt. Wir unterstützen die Projekte des jeweils anderen und machen Werbung füreinander. Viele Projekte gestalten wir auch gemeinsam, zum Beispiel das Jugendfestival Młodych, das im September dieses Jahres stattfand.

Zuzanna: Wenn es um Jugendarbeit geht, tauschen wir uns immer aus. Es ist schließlich wichtig, dass unsere Mitglieder von der Jugendorganisation und ihrem interessanten Programm erfahren. Wir arbeiten jetzt viel enger zusammen als vor zehn Jahren. Das liegt zum einen am Generationenwechsel in den Reihen der Vorstände, zum andern auch daran, dass der "Bund der Jugend der deutschen Minderheit" nun seit zehn Jahren mit uns in einem Haus sitzt. Bei der SKGD ist uns immer stärker bewusst geworden, dass wir ohne die enge Zusammenarbeit mit den Jugendlichen langfristig keine Zukunft haben. Es ist sehr wichtig, dass wir miteinander kommunizieren.

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Das Jugendfestival Młodych fand im September dieses Jahres statt.

ifa: Bei eurer Arbeit steht die deutsche Kultur im Vordergrund, wie ist es denn privat bei euch: Seht ihr euch als Polinnen oder als Deutsche?

Katrin: Ja, tatsächlich fragen mich Leute aus Polen oder aus Deutschland immer wieder: Als was fühlst du dich? Bist du Polin? Bist du Deutsche? Bist du Schlesierin?
Einerseits lebe ich seit meiner Geburt in Polen, andererseits bin ich mit der deutschen Kultur aufgewachsen. Ich habe die doppelte Staatsbürgerschaft. Mit meiner Familie habe ich Schlesisch gesprochen. Aber warum soll ich mich für eines entscheiden? Ich sehe mich als Europäerin, weil ich in Europa wohne und mir dort alle Türen offen stehen.

Zuzanna: Als Kind habe ich diese Frage nie gemocht, denn damals wusste ich nicht, wo ich dazu gehöre. Heute kann ich gut damit umgehen. Ich bin sowohl Polin als auch Deutsche. Der Mensch muss sich nicht unbedingt für eine Nation entscheiden, das schränkt nur ein. Es ist wichtig, sich in Europa zu Hause zu fühlen und sich gegenseitig zu bereichern. Das ist das Schönste, was ich mir vorstellen kann.

Zuzanna Donath-Kasiura ist Sekretärin im Vorstand der "Sozial-kulturellen Gesellschaft der Deutschen im Oppelner Schlesien", kurz SKGD, und als stellvertretende Geschäftsführerin in der Geschäftsstelle tätig. Mit 330 "Deutschen Freundschaftskreisen" zählt die SKGD zur größten Organisation der deutschen Minderheit in Oberschlesien. Ziel ist es, das kulturelle Leben der deutschen Minderheit zu stärken sowie die deutsche Sprache, deutschsprachige Bildung und soziale Einrichtungen zu fördern.

Katrin Koschny ist Vorsitzende des "Bundes der Jugend der deutschen Minderheit in Polen", kurz BJDM. Der BJDM ist die Jugendorganisation der deutschen Minderheit in Polen und organisiert unter anderem Jugendbegegnungen und -austausche in Polen und Deutschland.

Zuzanna Donath-Kasiura und Katrin Koschny haben im Jahr 2017 am Hospitationsprogramm des ifa teilgenommen. In vier- bis sechswöchigen Stipendien lernen die Hospitantinnen und Hospitanten themenspezifische Best-Practice-Modelle und Arbeitsweisen an Gastinstitutionen kennen.

Mit seinem Bereich Integration und Medien unterstützt das ifa deutsche Minderheiten in Mittel-, Ost- und Südosteuropa und in der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten. Minderheiten, die gesellschaftlich anerkannt sind und über attraktive Programme verfügen, sind Mittler zwischen den Kulturen. Sie geben wertvolle Impulse für ein Zusammenleben in Vielfalt. Mit seinen Projekten und Programmen will das ifa zum europäischen Einigungsprozess und zu den kulturellen Beziehungen innerhalb und außerhalb Europas beitragen.