Medina in Tunis © Humpert

Ein Sprachrohr für die Medina

Wer die Altstadt von Tunis, die Medina, durch das Stadttor Bab Bhar betritt, kann einen Kulturschock erleben. Aus der im französischen Kolonialstil gebauten Neustadt mit ihren baumgesäumten Avenuen taucht man plötzlich ein in eine orientalische Welt: Ein undurchschaubar erscheinendes Gewirr von engen Gassen, manche davon kaum einen Meter breit. Um die 100 000 Menschen leben hier auf einer Fläche von etwa 1,2 Quadratkilometern. Einer davon ist der Stuttgarter Architekt Raoul Cyril Humpert. 

Von Frank Armbruster

Vor zweieinhalb Jahren ist der 30-Jährige von Stuttgart nach Tunis gezogen, um dort seine Dissertation über das Leben in traditionellen Wohnformen zu schreiben. Mit einer finanziellen Unterstützung durch das ifa hat er daneben ein Zeitungsprojekt für die Medina ins Leben gerufen. Zusammen mit zwei Freunden hat Raoul Humpert 2014 das Projekt begonnen. Seitdem erscheint alle zwei bis vier Monate das "Journal de la Medina". 1700 Stück betrug die erste Auflage, 2400 die zweite, in der vierten gingen dann schon 8000 Exemplare weg.

Mittlerweile ist die ifa-Förderung ausgelaufen, die Zeitung muss sich allein über Spenden finanzieren, was die Auflage drückt. Dennoch ist die Zahl der Macher beständig gestiegen. Um die fünfzehn Mitglieder umfasst das Kollektiv derzeit, die meisten davon sind junge Tunesier, die selbst in der Medina leben. "Jede Ausgabe steht unter einem Thema", erklärt Humpert. Das können die Stimmen und Klänge der Medina sein, ihr Licht, aber auch Geschichten, die die Gassen erzählen. Dazu erscheinen regelmäßig Porträts ihrer Bewohner und der Menschen, die hier arbeiten. Die meisten Artikel sind in tunesischem Dialekt verfasst.

Anfangs mussten die Redakteure noch auf die Bewohner zugehen, um sie zu befragen, mittlerweile werden ihnen Texte auch ohne Aufforderung angeboten - ein Entwicklungsprozess, der mit der Geschichte Tunesiens zusammenhängt. "Bis zur Revolution", sagt Humpert, "hatte die Bevölkerung kaum Möglichkeiten, sich öffentlich zu äußern. Das Journal soll eine Art Sprachrohr für sie sein." Damit es jeder lesen kann, liegt es kostenlos an zwei Stellen in der Medina aus, einem Café und einer Buchhandlung. Diese befindet sich in einer Seitengasse der Souks, wie man die gewundenen Marktgassen nennt, die bereits im 9. Jahrhundert von der arabischen Dynastie der Aghlabiden angelegt wurden.

Redakteure des Journal de la Medina; Foto © Humpert

Tradition und neuer Aufschwung

In manchen dieser Souks scheint die Zeit stehengeblieben zu sein. Hier dominiert noch traditionelle Handwerkskunst, Gold- und Kupferschmiede bieten ihre Waren feil, es gibt Schuhmacher und Parfumeure, Teppichweber und Spezialgeschäfte für Brautschmuck. Nur in den Hauptgassen in Richtung der Zitouna-Moschee im Zentrum, durch die sich die Touristenströme wälzen, findet man auch die üblichen Billigprodukte aus Fernost.

Im Mittelalter war Tunis eine der reichsten Städte der islamischen Welt, heute gilt die Medina vielen Tunesiern als ärmlich und heruntergekommen. Viele der alteingesessenen und wohlhabenden Familien haben zwischen den 70er und 90er Jahren ihre Häuser in der Medina verlassen, um in die Vorstädte zu ziehen. Dort wohnen sie in neuen, komfortablen  Häusern mit Parkplätzen und Gärten. "Für Menschen, die nichts mit der Medina zu tun haben", sagt Humpert, "ist sie so etwas wie ein Freilichtmuseum. Alte Steine, verlassene Häuser, arme Menschen. Deswegen kommen die meisten gar nicht erst hierher."

Doch allmählich beginnt sich der Trend umzukehren. Nicht nur die Mittelschicht zieht langsam wieder zurück, auch zahlreiche Institutionen und Kulturinitiativen haben sich in der Medina angesiedelt. Künstler und Schauspieler entdecken die Reize der jahrhundertealten Siedlung, es gibt Museen und Galerien, hier eröffnet ein Café, dort ein Fahrradladen. Auch er, so Raoul Humpert, habe sich sofort in die Medina verliebt - nicht zuletzt wegen der Bevölkerung, die, anders als in manchen anderen arabisch geprägten Staaten, Ausländern gegenüber offener eingestellt ist. Er muss es wissen, kennt er doch viele dieser Länder.

Medina Tunis; Foto: © Humpert

Schmelztiegel der Kulturen

Zweieinhalb Jahre hat Humpert an der Uni Stuttgart einen Masterstudiengang über Stadtentwicklung in der arabischen Welt koordiniert und war in diesem Zusammenhang im Libanon, in Algerien, Ägypten, Marokko und dem Oman. So kam er in Kontakt mit arabischen und insbesondere tunesischen Studenten. Dass sich ausgerechnet Tunesien für internationale Organisationen und Stiftungen zu einem so wichtigen Land entwickelt hat, liegt seiner Einschätzung nach auch daran, dass es das einzige ist, das nach den Aufständen des Arabischen Frühlings erfolgreich demokratische Strukturen aufgebaut hat.

Von der mächtigen Stadtmauer, die die Medina einst umschlossen hat, ist heute nur wenig übrig. Als Tunesien im 19. Jahrhundert französisches Protektorat wurde, fiel die Stadtmauer. Tunis, so der Wille der Besatzer, sollte modern werden. Architektonisch ist die Medina ein Schmelztiegel der Kulturen. Araber, Berber, Andalusier, Türken, Römer und Byzantiner haben ihre Spuren hinterlassen, seit 1979 ist der historische Stadtkern UNESCO-Welterbe. Er zählt zu den am besten erhaltenen der arabischen Welt. 

Eine Wohnung in der Medina

Doch auch wenn viele Häuser hier leer stehen - dass Raoul Humpert hier zusammen mit einem Freund ein Haus mieten konnte, ist durchaus nicht selbstverständlich. "Es gibt", so erzählt er, "nur wenige Häuser, die überhaupt vermietet werden, was vor allem am islamischen Erbrecht liegt. Da alle Kinder einen Teil des Elternhauses erben, hat ein solches Haus nach einigen Generationen unter Umständen bis zu dreißig Besitzer, die sich häufig nicht darüber einigen können, ob ein Haus verkauft oder vermietet wird. Dann lässt man es eben leer stehen, was der Bausubstanz meist nicht gut bekommt."

Dass Tunesien für Studenten wie ihn so attraktiv ist, liegt auch an den niedrigen Lebenshaltungskosten. Für 300 Dinar, umgerechnet etwa 120 Euro, kann man dort eine schöne Wohnung mieten. Für einen Tunesier, der im Durchschnitt etwa 800 Dinar verdient, ist das viel. Für einen Europäer wenig. Bis Ende des Jahres will Raoul Humpert seine Doktorarbeit abschließen, dann weiß er noch nicht, ob er in Tunesien bleiben wird. "Wir haben ein Tunis-Syndrom", sagt er. "Selbst wenn wir sagen, wir gehen wieder zurück nach Europa, sind wir ein paar Monate später wieder hier."

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Zielgruppen auf der Seite der islamisch geprägten Welt sind junge Berufstätige und Engagierte in unterschiedlichen Bereichen der Zivilgesellschaft und Multiplikatoren in reformrelevanten Organisationen und Medien. In den Regionalmodulen Südasien sowie Zentralasien werden insbesondere Personen gefördert, die in Kernbereichen des (gesellschafts-)politischen Aufbaus beschäftigt sind.