

Europa liest – Literatur in Europa / Institut für Auslandsbeziehungen, Robert Bosch Stiftung (Hg.) in Zusammenarbeit mit dem British Council, der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia, der Stiftung für Deutsch-Polnische Zusammenarbeit und der Calouste Gulbenkian Stiftung. – Stuttgart: ifa, 2010. – 208 S. – (Kulturreport Fortschritt Europa; 3) – Download (PDF) – bestellen 

Inhaltsverzeichnis VORWORT
Erlesenes Europa. Ingrid Hamm Die Kamele Europas. Sebastian Körber 
1. EUROPA LIEST
Welche Bindung schafft das Buch?
Nur ein kleiner Prozentsatz der Titelproduktionen der Nachbarländer steht uns als Übersetzung zur Verfügung. "Wir lesen nacheinander die Bücher aus den Vereinigten Staaten und dann die jeweiligen nationalen", klagt der polnische Journalist Adam Krzemiński. Kann man überhaupt von einer europäischen Literatur sprechen, wenn mangels Übersetzungen kaum ein Literat europaweit gelesen wird? Welche Rolle spielt die Literatur für die Identität Europas? Bürden wir ihr zu viel auf, wenn wir sie als "Packesel" für kulturelle Vielfalt und interkulturellen Dialog betrachten? Umberto Eco Eine Liebeserklärung Ein Buch ist unersetzbar. Was in ihm "drinsteht", kann man vielleicht auch anders mitteilen, doch jeder wirkliche Leser weiß, dass ihm sein Lieblingsbuch nur in der Form etwas bedeutet, wie es bei ihm im Schrank steht. Anmerkungen eines Buchliebhabers.
Adam Thorpe Jenseits des Politbüros Literatur ermöglicht uns, die Welt aus einem anderen Blickwinkel zu sehen. Wir schlüpfen in einen fremden Charakter und können dadurch unsere Empathiefähigkeit erweitern und vielleicht sogar unsere Toleranz steigern. Welche Rolle spielt das Buch für die Identität Europas? Welche Bindungen kann es bewirken?
Rüdiger Wischenbart Angstfreude am Untergang Bedruckte Seiten weichen zunehmend digitalen Medienformaten. Kleinere Verlage haben es schwer, sich gegen die großen Konzernverlage zu behaupten. Doch aus diesen Entwicklungen den baldigen Untergang des geschriebenen Kulturguts herauszulesen, ist voreilig. Der Autor hat Hoffnung.
Angus Phillips Lesefrust und Leselust Griff vor acht Jahren noch jeder dritte Deutsche regelmäßig zum Buch, ist es heute nur noch jeder Vierte. 2005 ergab eine britische Studie, dass 27 Prozent aller Briten überhaupt nie ein Buch und weitere 7 Prozent nur dann ein Buch lesen, wenn sie im Urlaub sind. Wie verändern sich die Lesegewohnheiten in Europa?
Holger Fock Warum ich trotzdem übersetze In den meisten Ländern der EU liegen die Einkommen von anerkannten, professionellen Literaturübersetzern an oder unter der jeweiligen Armutsgrenze. Viele Übersetzer betreiben ihren Beruf aus schierer Passion. Der Literaturbetrieb aus Sicht eines Überlebenskünstlers.
Gabriella Gönczy "To be translated or not to be" Wenn ein wichtiger Autor aus Osteuropa nicht auf Deutsch, Englisch oder Französisch vorliegt, dann wird er vielleicht nie im Nachbarland gelesen. Wir brauchen eine paneuropäische literarische Öffentlichkeit und eine adäquate Übersetzungsförderung, damit wir Literatur über Sprach- und Ländergrenzen genießen können.
Steve Austen Schranken zu Schnittstellen Sämtliche Maßnahmen, den EU -Binnenmarkt zu vereinheitlichen, betreffen auch die Kulturen der Mitgliedstaaten. Was bedeutet die marktgesteuerte Philosophie der EU für ein starkes und vielfältiges kulturelles Leben in Europa? Kann eine europäische Kultur überhaupt ohne eine europäische Kulturpolitik gedeihen?
Eleftherios Ikonomou Raus aus der Nische ins Rampenlicht Machen Buchmessen im Zeitalter des Internets noch Sinn? Welche Bedeutung haben sie für die Verbreitung der europäischen Literatur? Wie kann Interesse für die Literaturen der Nachbarn geweckt werden? Eines ist klar: Das Buch braucht professionelle Botschafter.
Hubert Winkels Das Schöne und sein Preis Das Publikum erwartet von den Autoren keine Welterklärungen und ethischen Aufbauhilfen mehr. Eine neue Generation junger Schriftsteller bekennt sich offensiv zum schönen Schein der Marktwirtschaft. Entwickelt sich der Literaturbetrieb zu einer Sparte der Lifestyle-Industrie? Welche Rolle spielt die Literaturkritik dabei? Soll sie lediglich Orientierung im Überangebot bieten? Wohin entwickelt sie sich?
Sigrid Bousset Vernetzte Räume Es verbindet literarische Zentren in Europa, organisiert interkulturelle Begegnungen und lässt die Akteure des literarischen Lebens – Autoren, Übersetzer, Vermittler – die Vielfalt der verschiedenen Kulturen erleben: HALMA, das Netzwerk Literarischer Zentren in Europa.
Carmine Chiellino Schreiben in der Fremde Die Migration hat nicht nur die Gesellschaften Europas verändert, sie hat auch in der europäischen Gegenwartsliteratur Spuren hinterlassen. Was macht die sogenannte Migrantenliteratur aus? Welche Rolle spielt die interkulturelle Literatur heute?
Beat Mazenauer und Francesco Biamonte Lernen von den Eidgenossen Viele Sprachen auf kleinstem Raum: Die Schweiz macht vor, dass eine gemeinsame Kultur nicht an den Sprachgrenzen Halt machen muss. Wie fördert man mehrsprachige Literatur am besten?
Emma House Sprachliche Supermacht Englisch ist in Europa lingua franca. Britische Autoren haben einen Sprachbonus. Warum aber lesen die Briten so wenige andere europäische Autoren?
Tanya Andrews und Patrick Hart Vom Lesen zur Kommunikation Die Rolle des British Council bei der Förderung kultureller Beziehungen in Europa durch die Literatur.
Josep Bargalló Kleine und große Übersetzernationen Die katalanische Sprache kann auf eine mehr als tausendjährige Geschichte zurückblicken. Katalonien – und Barcelona als dessen Hauptstadt – ist heute das wichtigste Verlagszentrum der spanischsprachigen Welt. Der Übersetzungsanteil ins Katalanische, das immerhin von 8 Millionen Menschen in vier Staaten gesprochen wird, ist hoch.
László L. Simon Verspäteter geistiger Systemwechsel Fehlende Lesekompetenz bei Schülern und die Schließung öffentlicher Bibliotheken. Wie steht es um die Lesekultur in Europa? Ein Blick nach Ungarn, einem Land, dessen Verlage und Buchhandel zu den ältesten des europäischen Literaturbetriebs zählen.
Stefano Zangrando Der lange Schatten des Sokrates Auf den Spuren von Cervantes und Rabelais geht es für heutige Autoren darum, die Wurzeln des Romans in Europa wiederzuentdecken. Den Geist des Humors und der Ironie, um mannigfache Wahrheiten auszusprechen. Nur so wird es gelingen, dass der Kontinent seine kulturelle Zeugungsfähigkeit wiedererlangt. 
2. FORTSCHRITT EUROPA?
Wie Schriftsteller die Rolle von Kultur in Europa sehen
Europa kann zwar seine Literaten nicht in die Pflicht nehmen, aber Europas Literaten können Europa in die Pflicht nehmen. Aus Sicht der Literatur: Wie sehen die Schriftsteller die Rolle der Kultur in Europa? Wie definieren sie europäische Kultur, was macht europäische Kultur jenseits der nationalen Kulturen aus? Kann sie eine strategische Rolle übernehmen, um dem Kontinent zu einem noch immer vermissten Gemeinschaftsgefühl zu verhelfen? Kann Kultur Europa gar eine Seele einhauchen? Welche Fortschritte oder Rückschritte sind in den letzten Jahren auf dem Weg zu einer europäischen Kultur zu verzeichnen? Rafik Schami Mittler zwischen den Kulturen Ob historisch, kulturell oder politisch: Europa ist untrennbar mit seinen Nachbarregionen verwoben und damit geradezu prädestiniert, eine Mittlerrolle einzunehmen. Und: Es lohnt sich für einen gerechten Frieden im Nahen Osten einzutreten, denn auch die Zukunft in Europa wird an ihm teilhaben. Anmerkungen eines Autors, der in Reichweite von Palästinensern, Afghanen, Griechen, Tscherkessen und Libanesen geboren und selbst zum Mittler wurde.
Ulrike Draesner Alt, aber nicht unbedingt klug Nicht selten stößt man auf die Metapher der Familie für Europa: weit verstreut, meist abwesend, aber eben verwandt. Das ist ein Euphemismus. Europa ist keine Familie, sondern ein Polit-Programm. "Kultur" findet dort nicht "einfach so" statt und wird sich bestenfalls als Kopfgeburt organisieren lassen. Schließlich wollen wir uns den Brüsselbürokratieroman gar nicht erst vorstellen.
Tim Parks Sicherer Weg zum Ruhm Es tut immer gut, vom Scheitern anderer Länder zu hören. Wenn man Thomas Bernhard oder Elfriede Jelinek liest, denkt man stets mit einem leichten Schaudern, wie schrecklich Österreich doch sein muss. Die EU allerdings ist ein zu amorphes und vielschichtiges Konzept, als dass sich die Leser an einem Unrecht erfreuen würden, das dort geschieht. Niemand schreibt darüber einen Roman.
Sigitas Parulskis Ich glaube nicht an Europa, ich glaube an die Kultur Die Lyrik wird untergehen wie der Begriff des alten Europa, prophezeit der litauische Autor Sigitas Parulskis. Ist Europa nur noch ein poetischer Topos, eine Metapher, die ihre Bedeutung längst verloren hat und nun dem Vergessen anheimfällt?
Antonio Moresco Der gärende Bauch des alten Kontinents Ist Europa nur ein Finanz- und Wirtschaftsorganismus ohne jegliche Seele? Die gewachsene EU wird nicht bestehen können, wenn sie sich auf die ökonomische Dimension beschränkt. Dem Kontinent, der sich über Jahrhunderte in Konflikten feindlicher Reiche zerfleischt hat, eröffnen sich unwiederbringliche Möglichkeiten. Was kann die Kultur leisten?
Alban Lefranc Tanz auf dem Drahtseil Die Herausforderungen, mit denen Europa zu tun hat, sind oft technischer, ziemlich nüchterner Natur wie Übersetzer- und Dolmetschervergütung. Doch wo sonst kann ein Autor so sehr aus der kulturellen Vielfalt schöpfen, wo ein Kafka das Deutsch Goethes durch das Tschechische und Jiddische bereicherte, und zum Nomaden und Einwanderer der eigenen Sprache werden?
Dubravka Ugrešić Nützlicher Kit Kultur kann ein touristisch-edukatives Geschenkpaket sein, das ein bisschen Geschichte, ein bisschen Folklore, ein bis zwei Verse enthält. Sie kann einfaches Marketingprodukt sein oder als Identitätskit dienen. Klar ist allerdings: Das Wort Kultur fügt sich perfekt in das Wörterbuch des administrativen Sprachjargons der EU ein, sind doch in diesem die häufigsten Begriffe zugleich auch die verschwommensten.
Andrea Grill Wenigstens wie Kollegen Auf dem europäischen Kontinent lebt ein bescheidenes, in die Ecke gedrängtes, seit Jahrhunderten immer wieder unterworfenes, peripheres Europa der östlichen und südöstlichen europäischen Völker. Literatur ist eine Möglichkeit, dessen vielschichtige Normalität zu erleben. Denn: Wer liest, hat das Privileg, in den Kopf eines anderen zu steigen. Man macht es sich zwischen den Gedanken des Verfassers gemütlich.
Slavenka Drakulić Das Anti-Europa "Woran denken Sie, wenn Sie das Wort 'Balkan' hören?", fragt die kroatische Autorin Slavenka Drakulić. An idyllische Adria-Strände und schmackhafte Speisen oder an Blut, Leid und Kriegsterror? Der Balkan sind immer die anderen – das Anti-Europa. Die Grenze verläuft in den Köpfen und hält den Südosten des Kontinents draußen.
Beqë Cufaj Kultur der Angst Ausgerechnet Schriftsteller und Journalisten, Regisseure und Philosophen spielten eine unrühmliche Rolle, als im ehemaligen Jugoslawien das Rad der Geschichte zurückgedreht wurde. Heute sind in diesem Teil Europas die Schrecken der Vergangenheit noch immer wach. Die Menschen sorgen sich um die Zukunft. Literatur, Film und der intellektuelle Austausch können diesen Zustand nur beschreiben. Ein Bericht über eine Reise nach Kosovo.
Glenn Patterson Zwischen den Polen Jahrzehntelang beherrschte der Konflikt in Nordirland das Leben der Menschen dort. Europa war, wenn überhaupt, kaum mehr als ein ferner Traum. Mit dem Friedensschluss vor einigen Jahren kehrte Normalität ein, ein gewisser Wohlstand verbreitete sich. Und mit ihm kamen Arbeitsmigranten aus anderen Teilen Europas. Ihnen ist es zu verdanken, dass die Nordiren dem Kontinent ein Stück nähergekommen sind.
Eeva Park Geistige Esel der Beladenen Für viele Esten blieb Europa auch zur Zeit des Eisernen Vorhangs geistige Heimat. In der seit fünf Jahren zur Europäischen Union gehörenden Republik Estland leben wiederum Menschen, die einer vergangenen Zeit angehören, die ihrer Erziehung und ihrer Mentalität nach Bürger der stalinistischen Sowjetunion sind. Wo ist die geistige Heimat der jungen Generation?
Isabel Capeloa Gil Wo das Meer endet und das Land beginnt Jenseits imperialistischer Ansprüche der Vergangenheit hat in Portugal die Weite der Meeresgrenze den kosmopolitischen Dialog zur täglichen Praxis werden lassen. Kulturwissenschaftliche Anmerkungen vom westlichsten Rand Europas.
Immanuel Mifsud So nah und doch so fern Seit dem EU -Beitritt Maltas wurden gerade einmal zwei maltesische Werke in eine andere europäische Sprache übersetzt. Magere Ausbeute oder Inselmentalität? Das kleine Land hat sich damit abgefunden, draußen zu bleiben, jedoch gleichzeitig so zu tun, als sei es mitten im Geschehen.
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