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THEMA: WELTSPRACHE MUSIK What have they done to my song? "Afrikanische Verhältnisse" befürchten immer mehr Beobachter für die westliche Musikindustrie. Das drohende Szenario: Auch hierzulande können Musiker angesichts von massenhafter Schwarzbrennerei und illegalen Downloads nicht mehr von den Rechten an ihrem Werk leben, sondern sind auf die Einkünfte angewiesen, die sie durch Liveauftritte erzielen. Warum Afrika längst erlebt, wovor der Westen noch zittert, und warum afrikanische Musiker die westlichen subventionieren. Von Sigbjørn Nedland Nehmen wir einmal an, ein Musiker aus Tansania schreibt einen Song. Der Song wird auf CD veröffentlicht, aber nicht in Tansania selbst, sondern in, sagen wir einmal: Norwegen. Das bietet sich an, denn es ist das Land, in dem der Autor dieser Zeilen nicht nur lebt, sondern auch arbeitet – unter anderem seit sieben Jahren als Verantwortlicher für eine Weltmusikreihe im norwegischen Rundfunk NRK. In Norwegen also wird der Song aus Tansania zu einem bescheidenen Weltmusikhit, was bedeutet, dass er es vielleicht nicht unter die Top 40 schafft, aber doch zumindest in den zwei Monaten nach seiner Veröffentlichung rund fünfmal die Woche gesendet wird und danach für den Rest des Jahres im Schnitt einmal die Woche. Der Song ist fünf Minuten lang, seine gesamte Spielzeit im norwegischen Radio beläuft sich demnach auf 425 Minuten. Wenn ein Mitglied der norwegischen Komponistenvereinigung "Tono" diesen Song geschrieben hätte, dann hätte er damit 31 000 Norwegische Kronen verdient, rund 4000 Euro. Eine geringe Summe? Nicht, wenn man bedenkt, dass diese 4000 Euro allein durch Radioeinsätze in einem der kleinsten Länder Europas zusammenkommen. Plattenverkäufe und die sonstige Nutzung der Aufnahme wurden nicht mitgezählt, und der Betrag würde selbstverständlich höher ausfallen, wenn der Song auch nur auf einem genauso bescheidenen Niveau von anderen europäischen Radiostationen gesendet würde. Nun kenne ich zufällig den Komponisten des Songs, von dem die Rede ist, und ich weiß, dass er das Geld, das dadurch zusammengekommen ist, dass ich seinen Song im Radio gespielt habe, niemals bekommen wird. Er ist bei keiner Verwertungsgesellschaft Mitglied. Zwar gibt es solche Gesellschaften in Tansania, aber sie sind unzuverlässig und funktionieren nicht so recht. Kommt noch hinzu, dass es zwischen ihnen und der norwegischen "Tono" keine Abkommen gibt, die eine Weiterleitung von Tantiemen regeln. Also erreichen die in Norwegen zusammengekommenen 4000 Euro den Komponisten aus Tansania nicht. Er muss von dem leben, was er mit dem Spielen in den Bars und Restaurants von Dar Es Salaam verdient – im Schnitt 75 Euro im Monat. Wohin also gelangt das Geld? Schauen wir uns die Dinge einmal genauer an. In den westlichen Medien ist in den vergangenen Monaten viel vom Problem der Musikpiraterie in den Ländern der so genannten Dritten Welt die Rede gewesen. Berichte über groß angelegte Exporte raubkopierter CDs durch eine musikalische "Achse des Bösen", die vorwiegend in Asien und Afrika zu finden sei, erhitzten die Gemüter. Nun ist Musikpiraterie ohne Zweifel ein ernst zu nehmendes Problem, das bekämpft werden muss. Leidtragende sind allerdings nicht in erster Linie die großen internationalen Pop- und Rockstars – die nagen ja für gewöhnlich nicht gerade am Hungertuch. Wirklich unter der Musikpiraterie zu leiden haben die weniger bekannten Künstler. Das Gleiche gilt für die Probleme, die durch die Möglichkeiten des Internets für die Musikindustrie entstehen. Ein wichtiger Gesichtspunkt ist jedoch in den Medien kaum beachtet worden – und dem breiten Publikum ist er ohnehin weitgehend unbekannt. Es geht dabei um einige der größten und mächtigsten Musikorganisationen der Welt. Diese Organisationen gewinnen ständig an Größe und Einfluss, und das auf Kosten der am wenigsten begüterten Künstler und Autoren: Komponisten, Texter und Musiker aus den ärmsten Ländern der Welt. Nicht, dass den Organisationen diese Probleme unbekannt wären oder sie sich nicht bemühten, die Missstände zu beseitigen, allein: Bislang waren diese Bemühungen nur von mäßigem Erfolg gekrönt. Subventionen aus Afrika In den meisten europäischen Ländern bringt es jedes Mal, wenn Musik im Radio gesendet wird, den Rechteinhabern Geld ein. Die Rechteinhaber sind diejenigen, die am Zustandekommen der gesendeten Musik beteiligt sind, seien es Musiker, Komponisten, Produzenten oder Texter. Damit Musik im Radio gesendet werden darf, muss ein Vertrag zwischen dem Radiosender und der Verwertungsgesellschaft, die den oder die jeweiligen Rechteinhaber vertritt, bestehen. Dieser Vertrag setzt den Betrag fest, der für die Ausstrahlung der Musik im Radio fällig wird. Wenn es sich bei der gesendeten Musik um eine Aufnahme aus einem anderen Land handelt, sammelt die nationale Verwertungsgesellschaft auch dafür das Geld ein. Durch Verträge zwischen den nationalen Verwertungsgesellschaften wird sichergestellt, dass dieses Geld zu den Rechteinhabern des anderen Landes gelangt. Nach diesem System verfährt man in Europa, und es funktioniert hier ziemlich gut. Ganz anders in Afrika: Die Verwertungsgesellschaften, so es sie denn überhaupt gibt, arbeiten unzuverlässig. Zwar haben manche von ihnen Abkommen mit europäischen Verwertungsgesellschaften geschlossen, aber die funktionieren in der Regel genauso schlecht wie die Gesellschaften selbst. In einigen Ländern sind die Gesetze zum Urheberrecht nicht ausreichend, fehlen vollkommen oder sind noch nicht in Kraft getreten. Zudem sind in vielen afrikanischen Ländern die Komponisten und Texter noch nicht einmal Mitglieder von Verwertungsgesellschaften. All das führt dazu, dass die europäischen Verwertungsgesellschaften die Komponisten in Afrika nicht bezahlen können. Meistens versuchen sie pflichtbewusst, den Komponisten ausfindig zu machen, aber wenn er kein Mitglied einer Verwertungsgesellschaft ist oder kein entsprechender Vertrag zwischen der afrikanischen und der europäischen Verwertungsgesellschaft besteht, kann das Geld nicht ausgezahlt werden. Also bleibt das Geld in dem Land, in dem es gesammelt wurde – und kommt eventuell den Musikern dort zugute. Das Ergebnis: Ein Musiker und Komponist in Tansania, der ungefähr 75 Euro im Monat verdient, subventioniert europäische Musiker mit ungefähr 4000 Euro in einem Jahr. Natürlich, auch europäische Komponisten und Musiker erhalten im Gegenzug für ihre Plattenverkäufe und die Ausstrahlung ihrer Musik in Afrika keine entsprechende Vergütung. Raubkopierer verkaufen Musik, ohne die Rechteinhaber zu entschädigen, und die afrikanischen Medien, Radio- und Fernsehsender, senden Musik, ohne dafür zu zahlen. Aber es besteht ein entscheidender Unterschied: Geld, das für afrikanische Musik in Europa zusammenkommt und nicht an seine rechtmäßigen Besitzer ausgezahlt werden kann, bleibt bei den europäischen Verwertungsgesellschaften, während europäische Musik in Afrika schlichtweg gestohlen wird und Medien subventioniert, die nicht für die Nutzung der Musik zahlen. Gibt es eine Lösung für dieses Problem? Die gibt es. Afrikanische Musiker und Künstler müssen sich organisieren und in Verbänden zusammenschließen. Die afrikanischen Regierungen müssen die Raubkopiererei bekämpfen und in ihren Ländern für angemessene Urheberrechtsgesetze sorgen. Verwertungsgesellschaften müssen gegründet werden – und richtig funktionieren –, und es muss ein System geschaffen werden, das die Vergütung der Rechteinhaber für den Verkauf und die Nutzung ihrer Musik regelt. Das ist eine enorme Aufgabe, die Jahre, vielleicht Jahrzehnte in Anspruch nehmen wird. Ein Vorschlag zur Güte: Wie wäre es, wenn das Geld, das dadurch zusammenkommt, dass afrikanische Musik in Europa gespielt wird, für den Aufbau einer afrikanischen Urheberrechtsorganisation verwendet würde? Das würde nicht nur den afrikanischen Musikern nutzen; auch für die europäischen Komponisten und Künstler wäre die Einrichtung eines Systems von Vorteil, mit dessen Hilfe sie davon profitieren könnten, dass ihre Musik in Afrika gekauft und gespielt wird: eine Win-Win-Situation! Erfolgreiches Modell Im übrigen existiert ein Modell hierfür bereits: "Kopinor", eine kleine norwegische Urheberrechtsorganisation, hat einen Fonds mit dem Namen "Kopinor's Development Fund" eingerichtet, in den all das eingenommene Geld fließt, das nicht an die tatsächlichen Rechteinhaber ausgezahlt werden kann. Durch diesen Fonds werden Projekte gefördert, die Künstler und Autoren dabei unterstützen, ihre Rechte geltend zu machen und sich in Vereinigungen zu organisieren. "Kopinor" hat seit seiner Gründung im Jahre 1985 fast 30 Millionen Norwegische Kronen gesammelt; 20 Millionen Norwegische Kronen wurden in Projekte zur Entwicklung des Urheberrechts investiert – also ungefähr 2,5 Millionen Euro. Wenn nur ein kleiner Teil des durch die Ausstrahlung afrikanischer Musik in den europäischen Medien zusammengekommenen, aber nicht ausgezahlten Geldes in einen solchen Fonds gezahlt würde, käme man in relativ kurzer Zeit auf einen ansehnlichen Betrag. Das Geld könnte dazu verwendet werden, afrikanische Länder bei der Bekämpfung der Musikpiraterie und beim Aufbau funktionierender Instrumente für den Urheberschutz zu unterstützen. Werden die deutsche "Gema", die französische "Sacem" oder andere große europäische Verwertungsgesellschaften sich dieser Herausforderung stellen? Aus dem Englischen von Svenja Wegner
ZfK 2/2004 Zur Person |