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THEMA: AFRIKA Der afrikanische James Bond Der europäische Großkonzern Guinness sponsert den nigerianisch-südafrikanischen Actionfilm "Critical Assignment" und feiert sich als Förderer des ersten großen pan-afrikanischen Films. Nigeria als Testgebiet für eine neue Marketingstrategie? Von Muritala Sule Luxuriöse Autos parken an den Küstenstraßen. Fünf-Sterne-Hotels und Botschaftsgebäude sorgen für eine prachtvolle Beleuchtung. Händler bieten Alkohol, Marihuana und Zigaretten. Junge Frauen schlendern ohne männliche Begleitung die Promenade entlang und stellen mit knappen, tief ausgeschnittenen Oberteilen Bauchnabel und üppige Dekolletés zur Schau. Intime Zusammenkünfte am Strand sind keine Seltenheit. Kuramo Beach in Lagos bietet abends eine farbenfrohe Kulisse. Der Küstenstreifen von Victoria Island ist der Traum eines jeden, der in der nigerianischen Hauptstadt hoch hinaus will. Der ideale Schauplatz für Guinness' aktuelle Werbekampagne. Vor vier Jahrzehnten eröffnete das irischstämmige Bierunternehmen seine Filiale in Nigeria – die erste außerhalb Europas – und verzeichnet seitdem unaufhörliches Wachstum. Um seinen zweiten Platz auf dem nigerianischen Markt zu behaupten, lässt sich Guinness einiges einfallen. Gerade ist der Spielfilm "Critical Assignment" mit dem "afrikanischen James Bond" Michael Power gedreht worden und soll heute in Kuramo Beach gezeigt werden. Um das Publikum vorher anzuheizen, fordert ein tanzendes Pärchen auf dem Guinnesswagen Zuschauer auf, zu ihnen auf den Wagen zu klettern. Wer am besten zu der Musik afrikanischer Superstars wie Femi Kuti oder Angelique Kidjou tanzt, kann T-Shirts und Baseballkappen mit dem Guinness-Logo gewinnen. Aber auch diejenigen, die nicht auf dem Wagen tanzen, können einen von angeblich 6,5 Millionen Preisen gewinnen, wenn sie ein Guinness Extra Dunkel kaufen und an der Innenseite des Deckels rubbeln. Neben T-Shirts und Mützen winken dem glücklichen Gewinner DVD-Rekorder, CD-Anlagen, Michael-Power-Armbanduhren, Handyaccessoires und Laptops. Auch die Eintrittskarte für den Film ist auf der Preisliste. Guinness macht an diesem Abend ein Bombengeschäft, auch wenn die Flasche Bier hier wesentlich teurer ist als woanders. Guinness ist nicht das erste Produkt, das durch eine Kinokampagne à la Hollywood an den Käufer gebracht werden soll. Die Zigarettenmarke Rothmans hat bereits den Import von vier Hollywoodfilmen gesponsert, darunter den Schwarzenegger-Streifen "Colateral Damage". Guinness wurde bei der Planung seiner Roadshow von Rothmans beraten und technisch unterstützt. Aber das Bierunternehmen bringt auch genügend eigene Erfahrung auf dem Sektor mit: Bereits seit vier Jahren läuft die Michael-Power-Actionserie auf Afrikas größtem Fernsehnetzwerk NTA (Nigerian Television Authority). Zu NTA gehören über 100 Fernsehkanäle in Nigeria. Selbst in Benin, Togo und Kamerun sind sie zu empfangen. In Miniabenteuern ist Michael Power der Supermann, der Frauenretter, der gute Freund, für den man Überraschungspartys gibt, oder der jubelnd begrüßte Gast auf Familienfesten. Und bei jeder Gelegenheit wird Guinness geschluckt, bis der Zuschauer fürchten muss, dass alle zum Schluss betrunken umkippen. Hunger nach Hollywood Der Sendepreis allein der Serie soll bei 3,5 Millionen Dollar liegen, ein immenses Budget für Afrika. 32 nigerianische Städte sollen nun in den Genuss der Kampagne für den Spielfilm kommen. Andere afrikanische Städte werden folgen. Tragendes Element der Werbestrategie ist die Vermarktung von "Critical Assignment" als ersten großen Film von Afrikanern für Afrikaner. Die Schauspieler kommen überwiegend aus Nigeria und Südafrika, gedreht wurde in fünf afrikanischen Ländern. Michael Power selbst genießt einen hohen Bekanntheitsgrad in Nigeria, obwohl man von seinem Darsteller lediglich weiß, dass er afrikanischer Herkunft ist und in den Vereinigten Staaten lebt. Auf seiner Tour durch Nigeria im Jahr 2001 sagte er über seine Rolle: "Wir wollen die wahre Kraft Afrikas demonstrieren. Wir wollen unseren Lebensstil zeigen, wie wir reden, wie wir uns amüsieren. Wir wollen darstellen, was das Besondere an uns Afrikanern ist." Ob diese Botschaft bei den Afrikanern ankommt, ist fraglich. Schon die Fernsehserie erreichte im Wettbewerb mit einheimischen Produktionen nicht die erhofften Zuschauerzahlen. Auf dem afrikanischen Filmfestival "Fespaco" (Festival Panafricain du Cinéma et de la Télévision de Ouagadougou), das im Februar in Ouagadougou, Burkina Faso, stattgefunden hat, ist kaum davon die Rede gewesen; eher von Filmen wie "Moi et mon Blanc" oder "L' Afrique". Beide Beiträge thematisieren die Beweggründe für Emigration und die quälende Sehnsucht nach der Heimat; in beiden Filmen konnten sich die Zuschauer wiedererkennen. Das können sie in Michael Powers illustrer Runde kaum. Der Autor von "Critical Assignment", Tunde Babalola, lebt in England, von der Realität in Nigeria weit entfernt. Dennoch passt die Wahl des im britischen Fernsehen sehr etablierten Autors in das moderne, internationale Flair der Werbekampagne, die um die Figur Michael Power aufgebaut wird. Und die Nigerianer haben zurzeit einen unersättlichen Hunger nach allem, was modern ist und aus dem Ausland kommt. Hollywoodfilme werden kopiert und stoßen auf große Begeisterung. Die Regierung befindet sich auf einem vor nichts Halt machenden Privatisierungskurs. Globalisierungskritiker findet man lediglich noch an Universitäten oder im intellektuellen Umfeld. Diskussionen um Bücher wie John Pilgers "New Rulers of the World" über die verheerenden Folgen der Globalisierung in Indonesien oder Donna Woolfolk Cross' kritische Abhandlung über die Manipulation des Fernsehens "Mediaspeak" gibt es in Nigeria nicht. Vance Packards vieldiskutiertes Buch "The Waste Makers", in dem er die Konsumhaltung der Amerikaner anprangert, findet hier ebenfalls keine Leser. Der Appell einiger weniger, sich eine eigene Kultur zu bewahren, verläuft im Sande. Was aus der westlichen Welt kommt, wird kritiklos angenommen. Dem hohen Absatz von Guinness Extra Dunkel würde selbst ein Misserfolg des Films letztendlich wenig anhaben. Seit Jahrzehnten wird der Genuss von Guinness mit Potenz, Kraft, Intelligenz, Beliebtheit und Verantwortung assoziiert und als Heilmittel gegen alle möglichen Krankheiten beworben. Im nördlichen Teil Nigerias, wo die Scharia Alkoholgenuss verbietet, werden mit der alkoholfreien Version Rekordgewinne verbucht. Hauptzielgruppe der Kampagnen ist die Jugend, die mehr als die Hälfte der 120 Millionen Einwohner Nigerias ausmacht. Und man kann sicher sein, dass diese auch in Zukunft entrückt auf Guinness-Partys tanzt und Deckel rubbelt. Aus dem Englischen von Jessica Falzoi
ZfK 3/2003 Zur Person Veröffentlichungen |