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THEMA: AFRIKA

Schattenseiten der Globalisierung

Dass Afrika weltweit am stärksten von Aids betroffen ist, ist bekannt und lässt viele Menschen verzweifeln. Bei all dem Trubel um die horrenden Ausmaße der Aids-Epidemie wird selten in Ruhe überlegt, wieso sich der Immunschwächevirus gerade in Afrika so schnell ausbreiten konnte und welche Auswirkungen das auf die Gesellschaft in den betroffenen Ländern hat. Ein Analyseversuch am Beispiel Namibias.

Von Reimer Gronemeyer und Matthias Rompel

Libyens Revolutionsführer Muammar el Gaddafi hat zum Abschluss des Gipfeltreffens der Afrikanischen Union mit ungewöhnlichen Thesen zur Aids-Epidemie Aufsehen erregt. Die Immunschwäche-Krankheit sei in westlichen Labors erfunden worden, sagte er nach Angaben des südafrikanischen Rundfunks. Die Afrikaner sollten sich aber nicht fürchten. Das Ausmaß der Epidemie werde überschätzt, so Gaddafi, heißt es in einer dpa-Meldung vom 12. Juli.

Zu den Ausmaßen: 29,4 Millionen von weltweit 42 Millionen HIV-infizierten Menschen leben in Afrika. Der afrikanische Kontinent ist damit am stärksten von der HIV-Seuche betroffen. In Namibia sind nach Schätzungen des Aids-Programmes der Vereinten Nationen "Unaids" mehr als 23 Prozent der 15-49-Jährigen HIV-positiv, in Botswana sogar 38 Prozent. Kaum ein Mensch hat eine Ahnung davon, was sich hinter diesen Fakten an menschlichen Dramen und persönlichen Tragödien verbirgt. Ein Teil der Betroffenen sind Kinder, die von der Mutter den HI-Virus übertragen bekommen haben. In Europa wären diese Kinder vermutlich gar nicht mit dem HI-Virus geboren worden. Denn mittels einer Mother-to-child-transmission-Prophylaxis, die in Afrika noch kaum üblich ist, kann das Risiko einer HIV-positiven Schwangeren, ein infiziertes Kind zur Welt zu bringen, deutlich unter ein Prozent gesenkt werden. In der Übertragungsweise von Aids liegt daher ein bedeutender Unterschied zwischen Afrika und den westlichen Industrieländern: In rund 80 Prozent der Fälle wird die Infektion heterosexuell übertragen, und der Anteil der Mutter-Kind-Übertragung beträgt nahezu 20 Prozent. Homosexuelle Übertragung, Infektion durch unsaubere Nadeln (Drogen/Krankenhäuser) und verseuchte Blutkonserven spielen dagegen kaum eine Rolle. In Afrika ist Aids damit kein so genanntes Risikogruppenphänomen. Alle sind betroffen.

Ein weiterer Unterschied zwischen der Situation in Afrika und der in Europa ist die Tatsache, dass man hierzulande seit Jahren dank der so genannten antiretroviralen Kombinationspräparate nicht mehr unbedingt an Aids stirbt. Diese Behandlung, die in Deutschland etwa tausend Euro im Monat kostet, gilt in den meisten Entwicklungsländern als nicht finanzierbar. Bislang haben im subsaharischen Afrika von 29,4 Millionen Betroffenen gerade einmal 13 000 Menschen Zugang zur antiretroviralen Kombinationstherapie. Die Konsequenz: Jeden Tag sterben in Afrika 6600 Menschen an Aids.

Nun stellt sich zwangsläufig die Frage, warum die Infektionsraten überhaupt so hoch sind. An Präventionskampagnen mangelt es nicht: Plakate, Broschüren, Straßentheater, Aufklärungskurse, Radio- und Fernseh-Spots – die meisten Menschen in Namibia sind heute selbst in den ländlichen Bereichen über Aids hinreichend aufgeklärt. Trotzdem greifen die Kampagnen kaum. Dafür gibt es viele Gründe, wie auch für das Scheitern von Kampagnen gegen Nikotin oder Alkohol in Europa. Die Frage nach der Ausbreitung von Aids ist nicht zuerst eine medizinische Frage, sondern eine Frage nach den sozialen und kulturellen Bedingungen. Die Präventionskampagnen setzen Körperkonzepte und Planungsgewohnheiten voraus, die weder in der städtischen noch in der ländlichen Bevölkerung Afrikas vorhanden sind. So folgen afrikanische Vorstellungen traditionellerweise nicht der Trennung von Sexualität und Fruchtbarkeit.

Die Bekämpfung von Aids kann erst dann ihre Wirkung entfalten, wenn das soziale Umfeld, das dem Virus seine Durchsetzungskraft verschafft, zur Kenntnis genommen wird. Und dies ist auch der Wahrheitskern in den umstrittenen Thesen des südafrikanischen Präsidenten Thabo Mbeki, der die Armut der afrikanischen Bevölkerung für die Epidemie verantwortlich macht. Unter Armut ist dabei nicht allein der Mangel an Geld und Kalorien zu verstehen, sondern die Zerstörung von Lebenszusammenhängen, von Familien, von kulturellen Traditionen. Man muss nicht wie Mbeki den Zusammenhang von HIV und Aids bestreiten, aber dass der Virus sich in die zerstörten und aufgebrochenen Lebenswelten Afrikas einnistet und dort ideale Verbreitungsbedingungen findet – das ist nicht zu leugnen und steht auch nicht im Gegensatz zum biomedizinischen Erklärungsmodell. Der Virus braucht Beschleunigung, soziale und geographische Mobilität, zerbrochene Familienzusammenhänge, er braucht Institutionen, in denen neue Verkehrsverhältnisse zwischen den Menschen gelten: Der Virus braucht Kasernen, Schulen, Universitäten, Gefängnisse, Einkaufszentren, bottle stores, Teerstraßen, LKW-Fahrer, Arbeitsmigranten. Kurz: Er braucht entlokalisierte und enttraditionalisierte Verhältnisse. Eine gesellschaftliche Immunschwäche geht – metaphorisch gesprochen – der individuellen Infektion voraus. Der HI-Virus lebt auf, wenn alte Autoritäten und soziale Kontrollinstanzen kraftlos werden und durch erotischen Konsumismus ersetzt werden. Man kann die hohen Infektionsraten also als Folge eines brutalen Modernisierungsprozesses der vergangenen Jahrzehnte und Jahrhunderte beschreiben. Beginnend mit Kolonialisierung und Missionierung wurden die Gesellschaften des südlichen Afrika in einen Prozess der Mobilisierung versetzt, der traditionelle Formen sozialer Kontrolle außer Kraft gesetzt hat. Diese zerstörerischen Prozesse wurden gleichsam zur Grundlage für die Ausbreitung von Aids.

Fraglos tragen auch Gewalt, Vergewaltigung und die soziale Verwundbarkeit von Mädchen und Frauen zur Ausbreitung erheblich bei: Frauen und Mädchen haben gegenüber Lehrern und Verwandten oft nicht die Möglichkeit zu einem "Nein". Die patriarchale Autorität hat hier verhängnisvolle Folgen. Und Arbeiter, die nach monatelanger Abwesenheit aus ihren städtischen Unterkünften zurückkehren, in deren Umkreis sie sich infiziert haben, bringen den Frauen im ländlichen Milieu den Virus mit.

Löcher im Netz der Großfamilie

Eines aber lässt sich in der Vielzahl der persönlichen Geschichten ausmachen: Trotz der geschilderten Zerstörungen traditioneller Lebensformen lässt sich eine ungeheure Tragkraft der verbliebenen Verwandtschaftsstrukturen beobachten. Tausende von Aids-Waisen fanden Unterkunft bei Verwandten (Namibia etwa hat heute schon 82 000 Aids-Waisen – und das bei einer Gesamtbevölkerung von 1,8 Millionen Menschen), Kranke wurden von ihren Angehörigen gepflegt, Essen wurde geteilt und für sterbende Familienmitglieder Raum in der noch so kleinen Vorstadthütte gemacht, auf dem Land von Nachbarn die Feldarbeit für die Kranken und die sie Pflegenden mit erledigt. Auch unter schwierigsten finanziellen Bedingungen wurde immer noch für eine würdige Beerdigung gesorgt. Die Krise, in die die namibische Gesellschaft durch die Aids-Bedrohung geraten ist, wurde in beachtlicher Weise gemeistert.

Und dennoch: Diese Geschichten, die von einer beeindruckenden sozialen Stärke zeugen, werden in zunehmendem Maße von Phänomenen überlagert, die anzeigen, dass die Netzwerke der Großfamilien grenzenlos überlastet sind. "Die afrikanische Eigenart der Großfamilie wird mit Aids ihr Ende haben", formuliert es eine Aids-Aktivistin. Es gibt nahezu keine Familie mehr, die nicht in irgendeiner Form von HIV betroffen ist. Die Friedhöfe sprechen eine eindeutige Sprache. Selbst wenn der Wille zur Hilfe und Unterstützung da ist, überschreitet mittlerweile die Notwendigkeit in vielen Situationen die Grenzen des Möglichen. Die Großmutter, deren Mann und sieben Kinder an Aids gestorben sind, kann nicht mehr alleine alle 18 Enkelkinder versorgen. Die Frau, deren Eltern längst tot und deren drei Geschwister an Aids gestorben sind, kann nur mit einer gewaltigen Kraftanstrengung das Schulgeld und die Lebensmittel für die Versorgung der vier Nichten und Neffen, die sie großzieht, erwirtschaften. Was passieren wird, wenn diese Bezugspersonen selbst einmal erkranken oder auf Hilfe angewiesen sind, steht in den Sternen. Vor allem viele Städter ziehen sich bereits aus Angst vor dieser Beanspruchung und Überforderung in ihre eigene Kleinfamilie zurück und kappen die Brücken zum Rest der Großfamilie.

Das soziale Netz der Großfamilien ist an vielen Stellen so löchrig geworden, dass Kinder nach dem Tod ihrer Eltern ihren eigenen Haushalt führen müssen. Diese so genannten child-headed-households, in denen Waisen alleine für ihre Geschwister sorgen, sind keine Einzelfälle mehr. So entstehen aus der Not heraus ganz neue Familienformen. Fremde, denen aus den eigenen Familien keine Hilfe mehr zur Verfügung steht, schließen sich zu Notgemeinschaften zusammen, um gemeinsam ihr Leben zu meistern.

In den meisten Fällen sind es die Frauen, die die größte Last zu tragen haben; die ihre Söhne, Töchter, Enkelkinder und Ehemänner versorgen, wenn sie an der Immunschwäche oder Folgeinfektionen erkranken. Man kann geradezu von einer Feminisierung der Gesellschaft sprechen: die Männer sind in den Familien abwesend. Schon seit der Einführung der Wanderarbeit in der Kolonialzeit waren die meisten Frauen in Namibia gezwungen, die doppelte Arbeitsbelastung von Hausarbeit und Landwirtschaft zu bewältigen. Denn die Familien wurden abgehalten, den Männern in die Siedlungsgebiete der Weißen zu folgen. In vielen Fällen mussten die Frauen ohne irgendeine Hilfe oder nur mit minimaler finanzieller Unterstützung ihrer Männer und Kindsväter auskommen. Trotzdem haben die Frauen meist einen niedrigeren sozialen Status und sind dadurch auch einem höheren Infektionsrisiko ausgesetzt. Beim Geschlechtsverkehr Kondome zu fordern, ist ihnen fast nicht möglich. Allein die Frage nach Kondomen schlösse den Vorwurf der Untreue ein, weswegen sie unterbleibt – auch wenn beide Partner um weitere Sexualkontakte des Mannes wissen. Die tragende Rolle, welche die Frau in der namibischen Gesellschaft hat, zeigt aber, dass man nicht von einer allgemeinen sozialen Unterlegenheit der Frau ausgehen kann.

Die Männerwelt ist von sozialer Verwahrlosung geprägt: Alkoholismus, Suizid und häusliche Gewalt sind die männlichen Realitäten im heutigen Namibia. Ihrer althergebrachten Geschlechterrollen und Verantwortlichkeiten beraubt und dem leeren Heilsversprechen der Arbeitsgesellschaft ausgeliefert, fahnden sie nach einem Lebenssinn, dessen sich ihre Vorfahren, die in lokale Gemeinschaften eingebunden waren, noch gewiss sein konnten.

Für die Waisen, die zurückbleiben, wenn die Eltern an Aids gestorben sind, stellt sich die Frage, von wem sie versorgt werden. In einigen Krankenhäusern finden sich Babys, deren Mutter bei der Geburt gestorben ist und für die sich niemand mehr verantwortlich fühlt. So wachsen sie in den Hospitälern auf und werden von Krankenschwestern aufgezogen. Welche Lebensverläufe aus einer solchen Sozialisation hervorgehen, kann man sich heute noch nicht vorstellen – vielleicht gehören sie aber bald zur Normalität.


© Zeitschrift für KulturAustausch 3/2003

 

KulturAustausch 3/2003

ZfK 3/2003
Afrika. Patient oder Partner?

Zur Person
Prof. Dr. Dr. Reimer Gronemeyer und Matthias Rompel arbeiten am Institut für Soziologie der Universität Gießen im Forschungsprojekt "Die sozialen Folgen von Aids im südlichen Afrika".

 

 
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