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THEMA: AFRIKA

Hexer im Kittel

Die "Perle Afrikas", so nannte Winston Churchill Uganda vor 100 Jahren. Zu Beginn der neunziger Jahre jedoch wurde das ostafrikanische Land am Victoriasee zum Synonym der rasanten Verbreitung von Aids in Afrika. Präsident Museveni schreckte damals durch Tests innerhalb der Armee auf, die belegten, dass jeder zweite Soldat HIV-positiv war. Museveni ahnte, dass diese Zahlen repräsentativ für sein Land sein könnten und steuerte gegen. Eine wichtige Rolle sowohl bei der Verbreitung als auch im Kampf gegen den Virus spielen die traditionellen Heiler.

Von Jennifer Bakyawa und Donna Kabatesi

Andrew Kasatiro war gerade sechs Jahre alt, als er in die traditionelle Heilkunst eingeführt wurde. Damals begleitete er seinen Vater in den Busch, um Heilpflanzen zu sammeln. Seine Eltern waren beide Heiler aus Zentraluganda und gaben ihm ihr Wissen weiter. Mit zwölf verschrieb er bereits für verschiedene Leiden Kräuter an Patienten, wenn seine Eltern nicht da waren. 1982 musste Kasatiro die Schule verlassen. Sein Vater war in einem Guerrillakrieg getötet worden, und es fehlte das Geld für seine weitere Ausbildung. Außerdem war er ja von den Ahnen auserwählt worden, um die Familientraditionen der Behandlung von Patienten und der Geisterbeschwörung fortzuführen.

Bis vor zehn Jahren hatte Kasatiro von der Immunschwächekrankheit Aids nur durch Fernsehen und Radio gehört; weitergehende Fragen zu dem Thema blieben unbeantwortet. Wie die meisten traditionellen Heiler tat er wenig gegen die Ausbreitung der Krankheit oder für Aidspatienten. Nicht wenige Heiler trugen durch ihre Praktiken sogar selbst zur Verbreitung der Seuche bei. Untereinander kooperierten sie kaum, erst recht nicht mit westlichen Gesundheitsdiensten. Anfang der neunziger Jahre stand Uganda weltweit an der Spitze der Verbreitung von Aids. Weder westlich ausgebildete Ärzte noch das traditionelle Gesundheitssystem hatten für das Problem eine Lösung parat. Auf der Suche nach einer Antwort strömten die Menschen weiterhin zu ihren traditionellen Heilern.

Aus dieser Situation heraus entstand 1992 das Projekt THETA: Traditional and Modern Health Practitioners together against Aids. THETA begann mit Unterstützung des nationalen Aids-Programmes, der Uganda Aids-Kommission, der Aids-Support-Organisation und Ärzte ohne Grenzen, auf die Zusammenarbeit gerade mit den Heilern zu setzen. Dabei machten sie auch auf die Risiken einiger Praktiken aufmerksam, sei es Sex mit weiblichen Patienten oder die gemeinsame Nutzung von Rasierklingen und anderen scharfen Instrumenten. Auch Kasatiro begann, mit THETA zusammenzuarbeiten. "Sie waren erstaunt, wie viele Patienten ich hatte, obwohl ich noch so jung war", erinnert er sich an seine erste Begegnung mit den Leuten aus der Organisation.

Heute arbeitet er nicht nur mit dem Wissen seiner Eltern, sondern berät auch Patienten mit fundierten Informationen zu Aids und HIV. Anderthalb Jahre hat ihn THETA dafür ausgebildet. Mehr als 300 Heiler haben bisher ein solches meist zweijähriges Trainings- und Zertifizierungsprogramm durchlaufen, weitere 1000 Heiler an einem dreitägigen Aids-Workshop teilgenommen. Das Programm von THETA bezieht jedoch nicht nur traditionelle Heiler ein, sondern auch Ärzte, die in westlicher Medizin ausgebildet worden sind. "Es ist wichtig, in beiden Gebieten der Medizin Kenntnisse zu haben", sagt Dr. Yahaya Sekagya, einer der THETA-Ärzte.

Mit Hilfe der Heiler und ihrer Fähigkeit, große Gemeinschaften zu mobilisieren, begann THETA zwei Pilotprojekte in der Hauptstadt Kampala. Das erste sollte den Nutzen der traditionellen pflanzlichen Behandlung für spezifische Aidssymptome bewerten, während das zweite die Fähigkeit traditioneller Heiler zur Aidsaufklärung und -beratung untersuchte. Auf Bitten der Uganda-Aids-Kommission erweiterte THETA das Programm. Heiler begannen, auf Gemeinden in abgelegenen Gebieten einzuwirken. Sie sorgten für gemeinschaftliche Aidsaufklärung, individuelle Beratung und Behandlung, machten Hausbesuche, verteilten Kondome und verbesserten das Patientenmanagement, indem sie die Patienten untereinander und an Hilfsorganisationen überwiesen. Einige Heiler spezialisierten sich auf den Anbau von Heilpflanzen und kombinieren heute biomedizinische und traditionelle Heilkunst.

Früher konnten HIV-Infizierte in ländlichen Gebieten keine Beratung in Anspruch nehmen, da es an professionell ausgebildeten Ärzten fehlte. Sie waren nicht nur arm, sondern litten auch an mangelnder medizinischer Versorgung. Niemand ging zu HIV-Tests, und Eltern wollten keine Behandlungskosten für ihre HIV-positiven Kinder "verschwenden", da sie ja ohnehin sterben würden. "Viele meiner Patienten berichteten über eine wachsende Diskriminierung in der Gemeinschaft. Das veranlasste mich zu Hausbesuchen, um zu sehen, was wir dagegen tun können", erzählt Kasatiro. Er gründete mit acht Kollegen eine Gruppe, die mit Hilfe von eingängigen Liedern und Theaterstücken über Verhütung, Vorurteile und Gesundheitspflege aufklärt. Mit Erfolg. Immer mehr Jugendliche lassen sich inzwischen vor der Heirat auf HIV testen, ebenso wie verheiratete Paare vor der Entscheidung für ein Kind. Und wenn heute ein Patient zu Kasatiro kommt, bei dem HIV-Verdacht besteht, überweist er ihn an ein westliches Gesundheitszentrum. Die Aids-Rate in Uganda hat sich inzwischen stabilisiert. Während 1997 noch 13 Prozent der Ugander den Virus in sich trugen, waren es 2002 laut GTZ nur noch sechs Prozent.

Das Beispiel Uganda zeigt, dass man alte Konventionen aufbrechen und das Sexualverhalten der Bevölkerung mit Hilfe einer konsequenten Politik verändern kann. Überall in Uganda tauchten Safer-Sex-Plakate auf, der staatliche Rundfunk propagierte den Spaß am Kondom. Aidsprävention stand plötzlich auch in den Schulen auf dem Stundenplan. Inzwischen gehört Aids zum Alltag, auch im Fernsehen ist die Prävention Dauerthema. "Straight Talk", eine Sendung für Jugendliche, wird auf sechs Kanälen des Landes ausgestrahlt, in Englisch und auf Luo. So werden über 90 Prozent der Jugendlichen erreicht. "Straight Talk" gibt es auch als Zeitung, die monatlich in einer Auflage von 450 000 Exemplaren erscheint und kostenlos verteilt wird.

Aus dem Englischen von Diana Böhme


© Zeitschrift für KulturAustausch 3/2003

 

KulturAustausch 3/2003

ZfK 3/2003
Afrika. Patient oder Partner?

Zur Person
Dr. med. Donna Kabatesi ist die Leiterin von Traditonal and Modern Health Practitioners Together Against AIDS (THETA) in Entebbe, Uganda. Jennifer Bakyawa ist ugandische Journalistin.

 

 
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