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THEMA: AFRIKA

Der unvergessene Kontinent

Europa bedurfte Donald Rumsfelds, um sich seines Markennamens "Der alte Kontinent" zu entsinnen. Ähnliches brauchte George W. Bush bei seiner jüngsten Afrikareise nicht zu leisten. An den "Vergessenen Kontinent" erinnern bereits regelmäßig Konferenzen und Afrikatage. Des Kontinents gedacht wurde in vierzig Jahren reichlich, bewegt hat der Kampf gegen das Vergessen jedoch wenig. Zeit für einen Paradigmenwechsel.

Von Alois Graf von Waldburg-Zeil

Wer in Deutschland das Thema Afrika zum Gegenstand einer Tagung, einer Publikation wie dieser Zeitschrift oder eines wie auch immer aussehenden Projekts macht, kann sich des Beifalls sicher sein. "Sehr gut!", "wichtiges Thema", "das gehört endlich einmal ganz oben auf die politische Agenda", "wurde viel zu lange übergangen!" So oder ähnlich hören sich die meisten Kommentare an. Nicht von ungefähr muss der Topos des "vergessenen Kontinents" für viele Tagungs- und Artikelüberschriften herhalten. Tenor: Afrika hat keine Lobby, liegt im Windschatten der internationalen Politik und Interessen und wird, wenn überhaupt, allein als Kontinent der Krisen wahrgenommen. Doch ist nicht der verlässlich positive Reflex auf jedes weitere Afrikaforum, ist nicht die lange Reihe der Afrikabeauftragten in der Politik, ist nicht das Engagement von Kirchen, Nichtregierungsorganisationen und Bürgerinitiativen ein einziger Beleg dafür, dass Afrika eben nicht jener vergessene Kontinent ist, den es jetzt mühsam wiederzuentdecken gilt? Ist mangelnde Aufmerksamkeit wirklich das Problem der deutschen Afrikapolitik?

Die Erinnerung des Autors an seine Vergangenheit als Parlamentarier legt anderes nahe - auch wenn mancher Kollege aus der Entwicklungspolitik vielleicht entrüstet widersprechen wird. Keine Frage der Perspektive jedenfalls ist ein Beispiel aus der jüngsten Gegenwart: der Beschluss des Bundestags für eine Beteiligung deutscher Soldaten an der Operation Artemis, der EU-Mission im Kongo. Für die neben der Sicherheits- und Wirtschaftspolitik dritte Säule der Außenpolitik, die Außenkulturpolitik, ist interessant, ob in dem Bekenntnis zum militärischen Eingreifen ein Trend zum Robusten sichtbar wird, der auch die "weiche" Kulturpolitik erfassen könnte – weg vom klassischen Kulturaustausch und Dialog und hin zur Krisenbewältigung und -prävention.

Gilt also noch das, was Willy Brandt 1967 – damals war er noch Außenminister – im Vorwort einer Ausgabe des "Internationalen Afrikaforums" über die Rolle der Kultur schrieb? "Doch die Beziehungen zwischen den Staaten erschöpfen sich nicht im Wirtschaftlichen und Politischen. Die kulturellen Beziehungen zwischen Afrika und Deutschland sind alt", schrieb Brandt und hob an zu einem Lob auf die damals aufkommende Idee des Kulturdialogs: "Neu ist dagegen die Institution der Afrika-Woche, die seit 1961 dem deutsch-afrikanischen Gespräch ein institutionelles Forum bietet. Die deutsche Beteiligung an den ‚Weltfestspielen der Negerkunst' in Dakar zeigt ebenfalls, mit welch wachsendem Interesse man in Deutschland die Besinnung Afrikas auf seine Eigenwerte verfolgt." Die Weltfestspiele der Négritude sind Geschichte. Die Diskussion über eigene und fremde Werte ist lebendig wie eh und je, auch nach sechsunddreißig Jahren.

Ob ein Dialog zur Vermeidung, Begleitung oder Überwindung von Konflikten geführt wird, ob Gespräche zur Wahrung der Menschenrechte stattfinden oder ob ein Engagement zur staatlichen oder zivilen Konfliktschlichtung verwirklicht wird: Es ist unerlässlich, über Werte zu reden, die eben nicht nur solche der europäischen Ideengeschichte, sondern universelle menschliche Prinzipien sind.

Eilig gezimmerte Demokratien

Ein Beispiel ist der Demokratiebegriff. Seit der Unabhängigkeitsbewegung versuchten die ehemaligen Kolonialmächte, eilig gezimmerte Demokratien als Bollwerke gegen das Entstehen sozialistischer Satelliten zu hinterlassen. Aber nur in wenigen Staaten überlebten solche Versuche. Die Mehrzahl von ihnen führte Einparteienherrschaft und Militärregime ein. Anders könne der Staatszerfall in Stammesstrukturen nicht verhindert, könne die Modernisierung der Gesellschaft nicht vorangetrieben werden.

Nach dem Ende des Kalten Krieges gab es eine erneute demokratische Blüte in Afrika. Der frankophone afrikanische Gipfel 1990 in La Baule bekräftigte den Willen zu demokratischen Regierungsformen. Die wichtigste Blüte aber war der Reformprozess in Südafrika, die Haftentlassung Mandelas und sein akzeptierter Wahlsieg 1994. Was der demokratische Weg hier an entsetzlichstem Bürgerkriegspotenzial verhindert hat, kann nicht hoch genug eingeschätzt werden.

Aber auch dieser Aufbruch geriet ins Stocken. Nach dem Scheitern des Versuches, in Somalia militärisch Ordnung zu schaffen, folgte der amerikanische Rückzug aus Afrika. Das Experiment, durch stabile – auch militärische – Regierungen den islamischen Fundamentalismus, vor allem im Zusammenhang mit dem Sudan, einzugrenzen, endete in Kriegen mit ethnischen Explosionen im Gebiet der Großen Seen mit vielen Millionen Opfern. Oft hört man in diesem Zusammenhang, Demokratie sei eben nichts für Afrika. Mehrheitsregierungen seien der Tod der unterlegenen Minderheiten. Abgesehen davon, dass Minderheitsregime auch den Tod der Mehrheit oder ihrer Eliten heraufbeschwören: Das Argument ist falsch. Demokratie plus Minderheitenschutz löst die Probleme am ehesten. Krisenbewältigung, Achtung der Menschenrechte und Entwicklung lassen sich am besten in der Demokratie verwirklichen. Dabei rückt aber ein für Afrika besonders wichtiger Aspekt in den Vordergrund. Demokratie ist keine Formel allein für die Spitze des Staates, sondern für seine Gesamtheit, die viel beschworene Zivilgesellschaft. Ohne sie kann ein Staat, ob stark oder – wie meistens in Afrika – schwach, Konflikte kaum vermeiden und in den Griff bekommen. Hier spielt die Kultur eine wichtige Rolle, im Sinne einer lebendigen und unzensierten Kulturszene der Literaten, der bildenden Künstler und auch einer freien Presse. Aber auch im weiteren Sinn einer Kultur des friedlichen Disputs, der fairen politischen Auseinandersetzung und der allseitigen Toleranz. Weil all das zur Kultur gehört und zu dem, was auch die klassische Außenkulturpolitik seit jeher vermittelt, ist der Streit über die Instrumentalisierung der Kultur oder gar die "Kultur als Magd der Politik" müßig. Die Frage, ob zivile Konfliktprävention denn nun Außenpolitik oder Außenkulturpolitik ist, mag für die Zuordnung in Ressorts wichtig sein, für die deutsche oder europäische Afrikapolitik ist sie es nicht.

Macht ihr Afrika, wir kümmern uns um den Rest

Der amerikanische Historiker Paul Kennedy von der Yale Universität hat jüngst in einem auf Deutsch veröffentlichten Artikel den Europäern empfohlen, ihr internationales Engagement zu verstärken und auf Afrika zu konzentrieren. Grund: Die USA würden sich hier wenig engagieren, anders als etwa in Asien oder in Lateinamerika, wo Europas Einfluss ohnehin geringer sei als in Afrika. Außerdem trage Europa eine historische Verantwortung für den Kontinent. Man mag über diese Begründung geteilter Meinung sein. Für prestigebewusste Europäer dürfte speziell die Vorstellung heikel sein, hier ein internationales Betätigungsfeld ungefragt zugewiesen zu bekommen und das auch nur deshalb, weil es das einzige ist, an dem die verbliebene Weltmacht kein Interesse hat. Doch das war nicht immer so. Noch Präsident Bill Clinton hatte Afrika zu einer Priorität amerikanischer Außenpolitik erklärt. Wenn auch ohne nachhaltige Folgen. Nun hat sein Nachfolger George W. Bush anlässlich seiner Afrikareise ein Jahrzehnt enger Kooperation mit Afrika angekündigt. Man sieht, der vergessene Kontinent wird nicht nur in Deutschland in regelmäßigen Zyklen wiederentdeckt.

Bushs Reise, die Auswahl der besuchten Länder und die amerikanische (übrigens genauso wie die europäische) Wirtschaftspolitik gegenüber dem Kontinent sind umstritten. Amerikanische Eigeninteressen hätten Vorrang gegenüber den vorgeschobenen Postulaten wie dem Kampf gegen Aids und der Unterstützung demokratischer Kräfte, heißt es bei afrikanischen Politikern ebenso wie in der europäischen Presse.

Das sicherheitspolitische Primat ist unbestreitbar, wie das Beispiel Liberias zeigt, das als mögliche neue Heimstatt des Terrornetzwerks Al-Qaida gilt. Dessen Stabilität wird damit zum vitalen Interesse der USA. Um die ordinären humanitären Katastrophen des Kontinents aber werden sich die Vereinigten Staaten, die sich dem weltweiten Krieg gegen den Terror verschrieben haben, nicht kümmern wollen und können. Ähnlich sieht es mit der Rückendeckung für demokratische Regierungen aus, die nicht gleichzeitig von besagtem übergeordneten Interesse sind. Ohne sich Illusionen über die Selbstlosigkeit der Europäer zu machen, bietet sich hier so etwas wie eine Marktlücke für ein aufrichtiges demokratieförderndes Engagement in Afrika – in Partnerschaft mit den Afrikanern.

Mit der schwierigen, im Ausgang ungewissen und schon jetzt hoffnungslos unterdimensionierten Mission im Kongo tut Europa immerhin einen Schritt vom Erinnern und Diskutieren hin zum Handeln. Überflüssig sind Konferenzen und Kulturdialog deswegen nicht. Vor allem, wenn nicht das schlechte Gewissen, etwas so Wichtiges wie Afrika vergessen zu haben, Antrieb ist, sondern der Wille zum Tun. Und zwar nicht nur mit militärischen Mitteln. Für die zivile, für die kulturelle Komponente eines Engagements, das langfristigen Frieden aufbauen will, werden auch die Instrumente der Außenkulturpolitik gebraucht. Dass hierbei Neues gefragt ist, liegt auf der Hand. Die Bilanz von dreißig Jahren Dialog mit Afrika ist schließlich nicht berauschend (genauso wenig wie es die Bilanz von vierzig Jahren Entwicklungs- und Sicherheitspolitik ist). Afrikanische Eigeninitiativen zur Konfliktregelung wie die "Ecomog"-Friedenstruppe der Wirtschaftsgemeinschaft Westafrikanischer Staaten ("Ecowas"), Wahrheitskomitees zur Aufklärung von Verbrechen gegen die Menschlichkeit nicht nur in Südafrika oder die Afrikanische Union mit ihren wirtschaftlichen und politischen Zielen zeigen bei allen Schwierigkeiten und Fehlschlägen doch neue Perspektiven auf – auch für eine Afrikapolitik, die stärker auf lokale Initiativen setzt und lieber hierin investiert als in Erinnerungskonferenzen an den vermeintlich vergessenen Kontinent.


© Zeitschrift für KulturAustausch 3/2003

 

KulturAustausch 3/2003

ZfK 3/2003
Afrika. Patient oder Partner?

Zur Person
Alois Graf von Waldburg-Zeil war von 1998 – 2006 Präsident des Instituts für Auslandsbeziehungen e.V.. Von 1980 bis 1998 war er Mitglied des Deutschen Bundestags, zuletzt Vorsitzender im Unterausschuss für Auswärtige Kulturpolitik.

 

 
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