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THEMA: AFRIKA Die Geister weckt der Muezzin Der islamische Glaube und traditionelle afrikanische Religionen sind in einigen Teilen Schwarzafrikas eine enge Symbiose eingegangen. Das Ausufern der Scharia im Sudan und in Nigeria, die Sympathie für Bin Laden und die mutmaßliche Finanzierung der Al-Qaida über den Diamantenhandel in Liberia lassen Afrika nicht nur in amerikanischen Regierungsplänen als Sicherheitsrisiko erscheinen. Wird Subsahara-Afrika zur Brutstätte islamistischen Terrors? Abdurahman Aden plädiert für den differenzierten Blick: Nicht die allgemeine Islamisierung Afrikas stellt eine Bedrohung dar, sondern die Verdrängung der afrikanischen Traditionen innerhalb des Islam. Von Abdurahman Aden Die Erde ist die Frau Gottes, das heißt des Himmels. Sie erschufen gemeinsam alles: Gott zeugte, indem er auf der Erde lag, und die Erde gebar. Die Erde trägt die Menschen und nimmt sie auf, wenn sie sterben. Die Toten sind ihre Speise. Wenn es sehr trocken ist, bittet die Erde den Himmel: "Mein Ehemann, ich bin ganz von der Sonne verbrannt' – und dann gibt er ihr Regen." Dieser islamische Schöpfungsmythos ist afrikanischen Mythen nicht unähnlich. Das könnte erklären, warum der Islam in weiten Teilen Afrikas so schnell Verbreitung gefunden hat. Der Westen hat die islamische Welt lange Zeit mit dem Orient gleichgesetzt. Diese Vorstellung ist jedoch schon seit einigen Jahrhunderten überholt und wird in Zukunft noch weniger haltbar sein: Es muss sogar die Frage erlaubt sein, ob man ohne weiteres von "dem" Islam reden kann. Tatsächlich sind unter diesem Begriff Richtungen, Länder und Zeitabschnitte versammelt, die sich sehr stark voneinander unterscheiden. Von deren realistischer Einschätzung seitens des Westens kann nicht die Rede sein – differenziert wird, wenn überhaupt, meist nur zwischen schiitischer und sunnitischer Glaubensrichtung. Viel zu wenig bekannt sind Unterschiede der religiösen Praxis zwischen den islamischen Kernländern des Orients einerseits und Subsahara-Afrika andererseits. Diese Wissenslücke ist umso bedauerlicher, als die Zahl der Moslems in Subsahara-Afrika im Verhältnis zur Zahl der orientalischen (und nordafrikanischen) Gläubigen zunimmt und man damit rechnen muss, den Schwerpunkt der islamischen Welt eines Tages von den Küsten des Mittelmeeres an die Küsten des Indischen Ozeans verlagert zu sehen. Wie konnte der Islam bis nach Subsahara-Afrika vordringen? Aus zwei Richtungen: von Norden her auf dem Landweg durch die Wüste und das Niltal und vom Osten her auf dem Seeweg über das Rote Meer und den Indischen Ozean. Naturgemäß waren die Völker, auf die der Islam in diesem räumlich vielgestaltigen Gebiet traf, kulturell, sozioökonomisch und politisch-organisatorisch sehr verschieden. Aber auch die Träger des Islam waren im Hinblick auf Herkunft, Bildung, religiöse Ausrichtung und wirtschaftliche Interessen recht uneinheitlich. So entstand durch die Verbindung des Islam mit den jeweils vorgefundenen religiösen, rechtlichen und sozialen Anschauungen und Praktiken eine kaum überschaubare Formenvielfalt der vom Islam geprägten Kultur. Man kann vereinfachend von vier Regionen sprechen, die eine jahrhundertelange, bei weitem noch nicht abgeschlossene Islamisierungsgeschichte erlebten: Westafrika von Senegal über die westliche und mittleren Sahel-Zone bis zum Tschad, der Sudan im Umkreis des oberen Niltals, Nordostafrika und schließlich Ostafrika. Vom Handel zum Glauben Wie reagierte die schwarze Bevölkerung auf die neue Religion, die sich doch von ihren traditionellen Religionen erheblich unterschied? Die oft gehörte These, dass sich der Islam mit Feuer und Schwert ausgebreitet habe, trifft für Schwarzafrika weitgehend nicht zu. Schlimmstenfalls wurde der Islam von den sesshaften Ackerbauern, etwa in Westafrika, als eine Religion der Wüstennomaden empfunden, mit denen man häufig in Konfrontation lebte. In vielen Regionen bestanden schon vor der Islamisierung rege Handelsbeziehungen zu muslimischen Kaufleuten, im Fall Ostafrikas durch Überseehandel mit Südarabien. Nahm der schwarze Empfänger den Islam an, wertete ihn das in den Augen des hellhäutigen Fremden auf. War er als Heide für diesen nur ein Sklave, so war er als Moslem ein gleichgestellter Glaubensbruder. Wenn der afrikanische Moslem den heidnischen Nachbarstämmen Vieh und Ernte raubte, um Handelsgüter für seine arabischen Glaubensbrüder bieten zu können, dann galt das als verdienstvoll. So vollzog sich die Islamisierung als ein allmählicher Prozess. Der Islam wurde allgemein als eine geistige Bereicherung empfunden, die die Stammesreligion überragte. Über den Ahnen und den Naturkräften stand nun eine Gotteswelt, die dem Gläubigen eine sichere Zukunft im Paradies versprach. Es bedurfte nur des Bekenntnisses zu Allah. Von der Stammesreligion musste dabei nichts Wesentliches aufgegeben werden. Masken, Tanz und Trance sowie Amulette, Regenmacher, Geistaufruf und Geistervertreibung sind nach wie vor gegenwärtig. Weder die Kirchenglocken noch der Muezzin (Gebetsrufer) haben es je vermocht, die afrikanische Trommel zu übertönen, deren Botschaft heute noch die Kehle der Kultur Afrikas symbolisiert. Die Islamisierung Afrikas war und ist ein vielschichtiger Vorgang. Denn Islamisierung meint sowohl die äußere Ausbreitung des Islam als auch seine Vertiefung durch Erneuerung und Reform. Man kann von einer langsamen und selektiven Übernahme von Glaubensvorstellungen und Praktiken sprechen. Rituelle Aspekte des Islam wurden dabei in der Regel schnell, Aspekte des islamischen Rechts hingegen langsam oder gar nicht angenommen. Entscheidend ist jedoch, dass die Islamisierung Afrikas mit einer Afrikanisierung des Islam einhergeht. Dadurch erhält der afrikanische Islam seine dynamische Vielfalt und Offenheit. Die Andersartigkeit des schwarzafrikanischen Islam lässt sich aus der Naturverbundenheit afrikanischer Spiritualität erklären. Die Natur und ihre Wunderkräfte lassen sich für die Afrikaner nicht darauf reduzieren, dass sie Objekte von Allahs Schöpfung sind. Sie bekommen vielmehr eine eigene Dynamik und bergen Geheimnisse, die sich in Geistern verkörpern. Für den traditionsgebundenen Afrikaner ist Religion nicht Alternative zur profanen Realität, denn alles Seiende hat seine religiöse Dimension. John S. Mbiti, ein anglikanischer Priester aus Kenia, beschreibt dies folgendermaßen: "Felsen und Gesteinsblöcke sind nicht sinnentleert, sondern religiöse Gegenstände, der Klang der Trommel spricht eine religiöse Sprache, eine Sonnen- oder Mondfinsternis ist nicht einfach ein stummes Naturereignis, sondern sie spricht mit der Gemeinschaft und warnt sie oft vor einer drohenden Katastrophe." Bei allem Glauben an Allah und die Kraft der Gebete hört man doch auch den Geistern zu, da sie viel mehr wissen als der Mensch und für stark und mächtig gehalten werden. In besonderen Nöten erhofft man sich Beistand und Hilfe durch ihre Anrufung – eine Tür, die sich nur den Geweihten öffnet. Was heute als Schwarze Magie der Hexen und Medizinmänner gefürchtet oder belächelt wird, hat hier seinen Ursprung. Die Geisterbesessenheit und ihre Kulte wurden zwar vom "reinen" Islam missbilligt, übten aber auch auf Muslime, vor allem Frauen, große Anziehungskraft aus. Man kehrte zu diesen Kulten zurück, um Trost in Kümmernissen zu finden, für die der Islam keine Heilung bietet. Die Zeremonie wird von Medizinmännern durchgeführt, die die Geister durch kultische Tänze, Räuchern, Trommeln und Opfergaben besänftigen. In manchen Ländern, etwa in Somalia, wird diese Zeremonie mit Koranlesungen abgeschlossen. Mit rationalem Denken allein lassen sich spirituelle Heilmethoden schwer verstehen. Man findet den Zugang dazu erst, wenn man in die Kosmologie eindringt, in die sie eingebettet sind. Die Kosmologie ist eine Beschreibung der Welt von einem spirituellen Standpunkt aus. Dadurch wird die materielle Umwelt zu einer mit Bedeutung aufgeladenen spirituellen Welt, auf deren Basis man sein Leben ausrichten kann. Dabei ist Weisheit wichtiger als Wissen, denn für den Afrikaner ist niemand Herr seines Schicksals. Er braucht keine Erklärung, keine Begründung – Gott allein ist allwissend! So fügen sich Ahnenmacht und Gottesmacht bruchlos ineinander. Der Islam übernahm Elemente des Ahnenkultes und passte sie seinem Lehrsystem an. Die abgeschiedenen Ahnen hatten im Islam die Rolle von Fürsprechern für die Lebenden. Die Praktiken des Afroislam, die über die kurze Pflichtenlehre des Islam hinausgehen, fallen von Land zu Land unterschiedlich ins Gewicht. Fragwürdige Mittler Neben der kleinen Zahl der Gläubigen, die als religiöse Elite gilt, gibt es die große Masse der Analphabeten, die sich die äußeren Formen der Frömmigkeit zu eigen machen, ohne in die höheren Sphären des Geistes vorzudringen. Die Masse fühlt sich in den Nöten und Sorgen des Alltags viel zu schwach und unbedeutend, als dass sie würdig wäre, sich dem Erhabenen unmittelbar mit ihren kleinen Anliegen zu nähern. Man sucht nach Wegen, um einer bescheidenen Portion der Gnade teilhaftig zu werden. Man schaut sich nach einer Vermittlung um, die erreichbar ist, näher als der ferne Prophet. Dieses unmittelbare religiöse Bedürfnis im Bewusstsein der menschlichen Ohnmacht bleibt durch den offiziellen Hochislam ungestillt. Hier kommt das weite und vielgestaltige System des Volksglaubens zum Zuge. Die mangelhafte Bildung bietet Raum für Scharlatanerie und die Ausbeutung der Unwissenden. Unter den fragwürdigen Heilern und Heiligen finden sich nicht nur Fanatiker, sondern oft harmlose Schwätzer und sich selbst betrügende Betrüger. Mit den alltäglichen Nöten der Bauern und Landarbeiter und insbesondere der Frauen vertraut, finden sie Zugang zu Hilfsbedürftigen, die gern bereit sind, alles als heilig anzusehen, was vom eigenen Durchschnittsmaß abweicht. In Ländern wie Somalia, Äthiopien und Sansibar gibt es ganze Familien, in denen Heiligkeit erblich ist – Familien, die ihren Stammbaum oft bis auf den Propheten Mohammed zurückführen. Noch einflussreicher als die lebenden Heiligen sind in vielen Regionen der islamischen Welt die Verstorbenen. An ihren Gedenkstätten versucht der Verehrer dem Heiligen seinen Besuch in Erinnerung zu rufen, indem er Fetzen eigener Kleidung an geweihten Bäumen oder an Fenstergittern des Heiligtums anbringt – ein vorislamischer Brauch. Träger islamischer Reformen, die aus dem arabischen Kulturkreis stammen, sorgen mit Erneuerungsbewegungen immer wieder dafür, dass solches vorislamisches Brauchtum nicht ausufert. Bei der Dekolonisierung wurde der Islam als "Theologie der Befreiung" in Anspruch genommen. Die Vertreter des arabischen Nationalismus, an der Spitze Führer wie Nasser und Ghaddafi, haben versucht, die Zusammenarbeit mit einigen afrikanischen Staaten für die Verbreitung des arabischen Nationalismus zu missbrauchen. Islam und Arabismus wurden zusammen auf einem silbernen Tablett serviert. Doch Afrikaner unterscheiden zwischen Islamisierung und Arabisierung genau. "Islamisieren – ja! Arabisieren – nein!" lautete die Parole in Ländern wie Eritrea, Somalia und Tschad. Allerdings ist diese Trennung in der Praxis schwer umzusetzen, wenn Lehrbücher, Stipendien und Moscheenbau von Spenden aus Saudiarabien abhängig sind. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erschütterten Dekolonialisierung, Herausbildung afrikanischer Nationalstaaten, gesellschaftliche Modernisierung und ökonomische Globalisierung die Gesellschaften afrikanischer Länder. Die Orientierungskrise begünstigte Bewegungen, die in einer "fundamentalen" Rückkehr zum Islam die Lösung der Probleme der Gegenwart sahen. Das Ausufern der Scharia in Sudan und Nigeria, mit blutigen Folgen für einen Teil der Bevölkerung, die Sympathie für Bin Laden und die Gewährung von Gebieten als Operationsbasis für Terroristen haben das Vertrauen und die Zusammenarbeit mit dem Westen belastet. Terrorangriffe in Nairobi und Mombassa, die mutmaßliche Finanzierung von Al-Qaida über den Kauf von Diamanten in Liberia, das Potential radikaler Islamisten in Nordnigeria machen weite Teile Afrikas tatsächlich zu einem Sicherheitsrisiko. Laut Bericht des Economist vom 28. Juni 2003 treibt die Terrororganisation Hamas einen großen Teil ihrer "Spenden" unter den zahllosen libanesischen Geschäftsleuten an der afrikanischen Westküste ein. Wird Subsahara-Afrika zur Brutstätte islamistischen Terrors? Zwar sind in Afrika Terrorakte verbreitet, nur wenig davon ist jedoch religiös motiviert. Innerafrikanische Kämpfe von Muslimen gegen Nicht-Muslime drehen sich eher um Öl, Landbesitz oder Wahlrecht als um Religion und den Krieg gegen den ungläubigen Westen. Bezeichnend ist auch, dass es bisher praktisch keine schwarzafrikanischen Selbstmord-Attentäter gibt. Vielleicht haben afrikanische Muslime die Warnung des Propheten Mohammed ernst genommen: "Wer sich selbst tötet, wird in der Hölle mit seiner eigenen Tötungsart gefoltert werden." Kulturell widerspricht gewaltsame Selbsttötung auch schlicht der afrikanischen Mentalität. Der Verlust eines Clanmitgliedes wird entweder als Schande oder Schädigung aufgefasst. Westliche Einrichtungen in Afrika sind trotzdem von Terroranschlägen bedroht – aufgrund des insgesamt niedrigen Sicherheitsstandards. Polizeikräfte sind rar, schlecht ausgebildet und bestechlich. Die Justiz arbeitet langsam und ist korrupt. Gleichzeitig versprechen sich gerade deshalb auch viele Muslime eine Besserung durch Scharia-Gerichte. Dort, wo diese Gerichte eingeführt wurden, hat das Volk aber durchaus ein Gespür dafür, dass die Politiker die Scharia eher als Machtmittel einsetzen, anstatt die soziale Gerechtigkeit zu fördern. Den kleinen Dieben wird die Hand abgehackt, so murren die Leute, und die großen in den Regierungsstellen bleiben unbehelligt. Bisher wurde nur eine kleine, wenn auch wachsende Minderheit durch die Sprache des Hasses fanatisiert. In den Städten, so die Hoffnung, wird sich der Hass verlieren, denn dort gehen die Menschen lieber ungestört ihren Geschäften nach. Afrikanischer Islam stellt für den Westen nicht die Bedrohung dar, die von manchen Schlagzeilen suggeriert wird. Dennoch haben afrikanische Muslime mit Empörung den Feldzug der USA gegen den Irak wahrgenommen. In Nigeria, dem Senegal und ostafrikanischen Staaten bemühten sich die Regierungen daraufhin, die politisch-moralische Nähe des weltlichen Staates zum Islam deutlicher hervorzuheben. Als Hintergrund gelten Spannungen mit den religiösen Gruppierungen und ihren Eliten, den Marabouts, die auch nicht davor zurückschrecken, wie Warlords in Erscheinung zu treten. Die politischen Eliten der Staaten sind auf die Loyalität dieser religiösen Gruppierungen angewiesen. Ob die Gefahr künftiger religiös begründeter Konflikte besteht, hängt auch von deren Einbindung in den politischen Prozess ab. Diese politische Integration ist in den verschiedenen Ländern unterschiedlich stark ausgeprägt. In Dschibuti, Gambia, Guinea, den Komoren, Mali, Mauretanien, Niger, dem Senegal und Somalia stellen Muslime den überwiegenden Teil der Bevölkerung und spielen sowohl gesellschaftlich als auch politisch eine zentrale Rolle. Ebenso verhält es sich im Sudan und in der Republik Tschad; die zum Teil beträchtlichen nichtmuslimischen Minderheiten sind hier jedoch kaum ins politische Leben integriert. Burkina Faso, Eritrea, Guinea-Bissau, Kamerun, Sierra Leone und Tansania sind Länder, in denen Muslime zwar nicht die Bevölkerungsmehrheit, doch einen wesentlichen Teil bilden und weitgehend politisch integriert sind. Die Frage der Religion spielt hier bei politischen und ökonomischen Konflikten keine oder nur eine geringe Rolle. Anders in Nigeria und Äthiopien, wo bedeutende muslimische Bevölkerungsgruppen sich zunehmend aus dem politischen Leben ausgeschlossen fühlen. Ethnische und regionale Konflikte werden auf diese Weise häufig als religiöse Auseinandersetzungen empfunden. Die Zeitbombe tickt immer lauter. Der Islam erlebt heute eine weltweite Wiederbelebung, die auch vor Subsahara-Afrika nicht Halt macht. Durch die systematische Darlegung der islamischen Lehre und Gebote für das einfache Volk und die Distanzierung von alten lokalen islamischen Bräuchen versucht man, den Islam wiederzubeleben. Diese Wiederbelebung wird hauptsächlich durch die Gründung von Vereinigungen vorangetrieben, die sich in alle politischen und gesellschaftlichen Belange einmischen, sei es die Union Musulmane du Togo, die Yan Izala in Nigeria oder der Muslim Writers' Workshop in Tansania. Diese Vereine kritisieren westlich geprägte Eliten ebenso wie traditionelle muslimische Führer. Was Afrika dringend braucht, ist ein von Anachronismen befreiter Islam. Im Vordergrund steht hier vor allem eine kritische Sichtung der Scharia. Die unterstellte Ungleichheit der Geschlechter, fragwürdige Praktiken im islamischen Strafrecht, die fehlende konstitutionalisierte Orientierung, die den Brückenschlag zur Rechtsstaatlichkeit verhindert, sowie die Diskriminierung von Nicht-Muslimen innerhalb der islamischen Gesellschaft sind nur einige der Scharia-Prinzipien, die mit dem Völkerrecht nicht übereinstimmen. Der aufkommende Fundamentalismus stärkt die Bindung an die arabische Welt und schwächt den Einfluss sowohl der afrikanischen Tradition als auch der Elemente der kolonialen Rechtspflege, die sich in der Praxis bewährt hatten. Von westlicher Seite wäre es aber kontraproduktiv, grundsätzlich gegen die Scharia einzutreten, die für viele Muslime kulturelle Identität, Gerechtigkeit und Ordnung schlechthin versinnbildlicht. Sinnvoller ist es, die vorhandenen Interpretationsspielräume konsequent zu nutzen, so dass die im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit geförderten Wirtschafts- und Lebensformen nicht von vornherein als unvermeidlicher Bruch mit "dem" Islam erscheinen.
ZfK 3/2003 Zur Person Veröffentlichungen |