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KULTURVERSTÄNDNIS Netzdesign der Kulturen Seit Huntingtons These zum Konflikt der Zivilisationen steht der Kulturbegriff wieder im Mittelpunkt des Interesses. Konzepte zur Interkulturalität oder Multikulturalität wurden vielerorts diskutiert. Was verbirgt sich hinter diesen Vorschlägen zum Umgang mit verschiedenen Kulturen? Müssen wir unsere Vorstellung vom Kulturbegriff überdenken? Von Wolfgang Welsch Zum ersten Mal im 17. Jahrhundert von Samuel von Pufendorf verwendet, wurde "Kultur" zum Generalbegriff sämtlicher Tätigkeiten eines Volkes, einer Gesellschaft und einer Nation. Dieser globale Kulturbegriff erhielt dann hundert Jahre später durch Johann Gottfried Herder seine für die Folgezeit verbindliche Form. Der Herdersche Kulturbegriff ist durch drei Punkte charakterisiert: durch die ethnische Fundierung, die soziale Homogenisierung und durch die Abgrenzung nach außen. Die Annahmen dieses traditionellen Kulturkonzepts sind heute unhaltbar geworden. Moderne Gesellschaften sind in sich so hochgradig differenziert, dass von einer Einheitlichkeit der Lebensformen nicht mehr die Rede sein kann. Das traditionelle Kulturkonzept ist unfähig, den aktuellen binnenkulturellen Differenzierungen gerecht zu werden, etwa den Unterschieden von regional, sozial und funktional divergierenden Kulturen, von hoher und niedriger, leitender und alternativer Kultur – von den Besonderheiten einer wissenschaftlichen, technischen, künstlerischen oder religiösen Kultur ganz zu schweigen. Aber auch die ethnische Fundierung der Kulturen ist äußerst problematisch: Herder beschreibt Kulturen als Kugeln oder autonome Inseln, die jeweils dem territorialen Bereich und der sprachlichen Extension eines Volkes entsprechen sollten. Wie wir aber nicht nur aus der deutschen Geschichte des vergangenen Jahrhunderts wissen, sind solche völkischen Definitionen hochgradig imaginär und fiktiv. Die Kugelvorstellung und das Reinheitsgebot bereiten politischen Konflikten und Kriegen einen Nährboden – wie wir gerade heute zu erkennen Anlass haben, wo die Berufung auf ethnische und kulturelle Identität weltweite Separatismen und Kriege produziert. Heute kommt es darauf an, die Kulturen jenseits des Gegensatzes von Eigenkultur und Fremdkultur zu denken. Was verbirgt sich hinter dem Konzept der Interkulturalität? Dieses Konzept ist der Versuch, die traditionelle Kulturvorstellung zu ergänzen, um ihre problematischen Folgen aufzufangen. Es reagiert auf den Umstand, dass die Kugelverfassung der Kulturen notwendig zu interkulturellen Konflikten führt. Kulturen, die wie Inseln oder Kugeln verfasst sind, können sich der Logik ihres Begriffs gemäß nur voneinander absetzen, sich gegenseitig verkennen, ignorieren, diffamieren oder bekämpfen – nicht hingegen sich verständigen und austauschen. Mit den Worten Herders können sich solche Kugeln aneinander nur stoßen. Ihr Vorurteil gegenüber anderen Kulturen sei eine Bedingung ihres Glückes. Das Konzept der Interkulturalität sucht nun nach Wegen, wie die Kulturen sich gleichwohl miteinander vertragen, miteinander kommunizieren, einander verstehen oder anerkennen können. Hier hat die Suche nach interkulturellen Konstanten ein unerschöpfliches (weil ergebnisloses) Betätigungsfeld. Die Misere der Interkulturalität liegt in der Tatsache verborgen, dass sie noch immer von einer insel- bzw. kugelartigen Verfassung der Kulturen ausgeht. Eben deswegen vermag man zu keiner Problemlösung zu gelangen, denn die interkulturellen Probleme entspringen der Insel- bzw. Kugelthese der Kulturen. Das klassische Kulturkonzept schafft durch den separatistischen Charakter der Kulturen das Problem der strukturellen Kommunikationsunfähigkeit und schwierigen Koexistenz dieser Kulturen. Daher sind die Empfehlungen zur Interkulturalität zwar gut gemeint, aber ergebnislos. Das Konzept versäumt es, die Wurzel des Problems anzugehen. Es ist nicht radikal genug, sondern bloß kosmetisch. Multikulturalität Ähnliches gilt für das Konzept der Multikulturalität. Es greift die Probleme des Zusammenlebens verschiedener Kulturen innerhalb einer Gesellschaft auf, widmet sich also strukturell der gleichen Frage wie das Konzept der Interkulturalität. Dabei bleibt aber auch dieses Konzept im Status des traditionellen Kulturverständnisses. Es geht von der Existenz klar unterschiedener, in sich homogener Kulturen aus – nur jetzt innerhalb ein und derselben staatlichen Gemeinschaft. Das Multikulturalitätsprinzip hat jedoch die Hinnahme solcher Schranken geradezu zur Basis und kann daher auch zur Rechtfertigung solcher Schranken dienen. Das Konzept ist zwar gegenüber konservativen Forderungen nach gesellschaftlicher Homogenität progressiv, in seinem Kulturverständnis aber bleibt es traditionell und droht, regressiven Tendenzen Vorschub zu leisten. Sie führen unter Berufung auf die kulturelle Identität zu Ghettoisierung und Kulturfundamentalismus und sind vor dem Übergang in den politischen Fundamentalismus nicht gefeit. Die Kritik am traditionellen Konzept der Einzelkulturen sowie an den neueren Konzepten der Interkulturalität und der Multikulturalität lässt sich folgendermaßen resümieren: Wenn die Kulturen tatsächlich noch immer, wie diese Konzepte unterstellen, inselartig und kugelhaft verfasst wären, dann könnte man das Problem ihrer Koexistenz und Kooperation weder loswerden noch lösen. Nur ist die Beschreibung der Kulturen als Kugeln bzw. Inseln heute deskriptiv falsch und normativ irreführend. Die Kulturen haben de facto nicht mehr die unterstellte Form der Homogenität und Separiertheit. Dies ist der Ausgangspunkt des Konzepts der Transkulturalität. Transkulturalität Kulturen sind intern durch eine Pluralisierung möglicher Identitäten gekennzeichnet und weisen extern grenzüberschreitende Konturen auf. Sie haben eine neuartige Form angenommen, die durch die klassischen Kulturgrenzen wie selbstverständlich hindurchgeht. Das Konzept der Transkulturalität benennt diese veränderte Verfassung der Kulturen und versucht, daraus die notwendigen konzeptionellen und normativen Konsequenzen zu ziehen. Der traditionelle Kulturbegriff scheitert heute an der inneren Differenziertheit und Komplexität der modernen Kulturen. Moderne Kulturen sind durch eine Vielzahl unterschiedlicher Lebensformen und Lebensstile gekennzeichnet. Ferner ist die klassische separatistische Kulturvorstellung durch die äußere Vernetzung der Kulturen überholt. Die Kulturen sind hochgradig miteinander verflochten und durchdringen einander. Die Lebensformen enden nicht mehr an den Grenzen der Nationalkulturen, sondern überschreiten diese und finden sich ebenso in anderen Kulturen. Die neuartigen Verflechtungen sind eine Folge von Migrationsprozessen sowie von weltweiten materiellen und immateriellen Kommunikationssystemen (internationaler Verkehr und Datennetze) und von ökonomischen Interdependenzen. Grundlegende Probleme und Bewusstseinslagen treten heute in den einst für so grundverschieden erachteten Kulturen in gleicher Weise auf, gehen gleichsam quer durch sie hindurch, stellen Determinanten dar. Die Austauschprozesse zwischen den Kulturen lassen nicht nur das alte Freund-Feind-Schema als überholt erscheinen, sondern auch die scheinbar stabilen Kategorien von Eigenheit und Fremdheit. Es gibt nicht nur kein strikt Eigenes, sondern auch kein strikt Fremdes mehr. Im Innenverhältnis einer Kultur – zwischen ihren diversen Lebensformen – existieren heute tendenziell ebenso viele Fremdheiten wie im Außenverhältnis zu anderen Kulturen. Es gibt zwar noch eine Rhetorik der Einzelkulturen, aber in der Substanz sind sie alle transkulturell bestimmt. Anstelle der separierten Einzelkulturen von einst ist eine interdependente Globalkultur entstanden, die sämtliche Nationalkulturen verbindet und bis in Einzelheiten hinein durchdringt. Transkulturalität dringt überdies nicht nur auf der Makroebene der Kulturen, sondern ebenso auf der Mikroebene der Individuen vor. Für die meisten unter uns sind, was unsere kulturelle Formation angeht, mehrfache kulturelle Anschlüsse entscheidend. Wir sind kulturelle Mischlinge. Zeitgenössische Schriftsteller betonen häufig, dass sie nicht nur durch eine einzige Heimat, sondern durch verschiedene Bezugsländer geprägt sind, durch deutsche, französische, italienische, russische, süd- und nordamerikanische Literatur. Ihre kulturelle Formation ist transkulturell; die der nachfolgenden Generationen wird das noch mehr sein. Wenn ein Individuum durch unterschiedliche kulturelle Anteile geprägt ist, wird es zur Aufgabe der Identitätsbildung, solche transkulturellen Komponenten miteinander zu verbinden. Nur transkulturelle Übergangsfähigkeit wird uns auf Dauer noch Identität und so etwas wie Autonomie und Souveränität verbürgen können. Die Entdeckung und Akzeptanz der transkulturellen Binnenverfassung der Individuen ist eine Bedingung, um mit der gesellschaftlichen Transkulturalität zurechtzukommen. Hass gegenüber Fremdem ist (wie insbesondere von psychoanalytischer Seite mehrfach dargelegt wurde) projizierter Selbsthass. Man lehnt stellvertretend etwas ab, was man in sich selbst trägt, aber nicht zulassen will, was man intern verdrängt und extern bekämpft. Umgekehrt bildet die Anerkennung innerer Fremdheitsanteile eine Voraussetzung für die Akzeptanz äußerer Fremdheit. Wir werden dann, wenn wir – anders als das traditionelle Kulturkonzept es uns rät – unsere innere Transkulturalität nicht verleugnen, sondern wahrnehmen, zu einem anerkennenden und gemeinschaftlichen Umgang mit äußerer Transkulturalität fähig werden. Das Konzept der Transkulturalität zielt auf ein vielmaschiges und inklusives, nicht auf ein separatistisches und exklusives Verständnis von Kultur. Es intendiert eine Kultur, deren pragmatische Leistung nicht in Ausgrenzung, sondern in Integration besteht. Stets gibt es im Zusammentreffen mit anderen Lebensformen nicht nur Divergenzen, sondern auch Anschlussmöglichkeiten. Solche Erweiterungen, die auf die gleichzeitige Anerkennung unterschiedlicher Identitätsformen innerhalb einer Gesellschaft zielen, stellen heute eine vordringliche Aufgabe dar. Man könnte einwenden, das Konzept der Transkulturalität laufe auf die Annahme einer zunehmenden Homogenisierung der Kulturen und auf eine uniforme Weltzivilisation hinaus. Aber bedeutet Transkulturalität tatsächlich Uniformierung? Keineswegs. Nur verändert sich unter den Bedingungen der Transkulturalität der Modus der Vielheit. Vielheit im traditionellen Modus der Einzelkulturen schwindet in der Tat. Statt dessen entwickelt sich eine Vielheit unterschiedlicher Lebensformen transkulturellen Zuschnitts. Auch sie ist durch hohe Individualisierung und Differenzierung gekennzeichnet. Die Differenzierungen folgen jedoch nicht mehr geographischen oder nationalen Vorgaben, sondern kulturellen Austauschprozessen. Insofern sind sie jetzt erst genuin kulturell geworden. In der Epoche der Transkulturalität schwindet die Bedeutung der Nationalstaatlichkeit oder der Muttersprache für die kulturelle Formation. Die Verwechslung von Kultur mit Nation oder die restriktive Bindung der Kultur an eine Muttersprache wird immer weniger möglich. Die neuen kulturellen Formationen überschreiten die alten Festmarken, erzeugen neue Verbindungen. Dies bedeutet auch, dass die Welt im Ganzen statt eines separatistischen eher ein Netzwerk-Design annimmt. Unterschiede verschwinden dadurch zwar nicht, aber die Verständigungsmöglichkeiten nehmen zu. Will man darin einen Nachteil sehen? Das Konzept der Transkulturalität entwirft ein anderes Bild vom Verhältnis der Kulturen. Nicht eines der Isolierung und des Konflikts, sondern eines der Verflechtung, Durchmischung und Gemeinsamkeit. Es befördert nicht Separierung, sondern Verstehen und Interaktion. Gewiss enthält dieses Konzept Zumutungen gegenüber liebgewonnenen Gewohnheiten – wie die heutige Wirklichkeit überhaupt. Im Vergleich zu anderen skizziert es aber den am ehesten gangbaren Weg.
ZfK 1/2002 Zur Person |