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MAGAZIN

Netzakademie

Karge Bibliotheken und wenig Geld: Studenten aus ärmeren Ländern nutzen digitale Medien, um sich weiterzubilden und selbst zu organisieren. Ein Beispiel aus Kamerun

Von Ludovic Penda

Das Internet hat bei afrikanischen Studenten große Hoffnungen geweckt. In der Tat ist es ein fantastisches Instrument für das wissenschaftliche Arbeiten. Es hat den Vorteil einer einfachen Handhabung, ist recht zuverlässig und voller wertvoller Informationen, die sonst – in einem Land wie Kamerun, wo ich Soziologie und Anthropologie studiere – schwer zugänglich sind. Unsere Bibliotheken sind schlecht bestückt und wissenschaftliche Bücher sind für die Mehrzahl der Studenten zu teuer. Wer Geld hat, findet in den Buchhandlungen nicht unbedingt das Buch, das er sucht. Ich erinnere mich an den Kurs "Soziologie der Religionen", in dem wir einen wissenschaftlichen Essay über den Rosenkreuzorden und seinen Einfluss auf unsere Gesellschaft ausarbeiten sollten. Ohne das Internet wären wir dazu niemals in der Lage gewesen. Denn über diesen Orden spricht man in Kamerun nur hinter vorgehaltener Hand, gedruckte Dokumente sind nicht erhältlich.

In einem Seminar über soziale Ungleichheiten und mögliche gesellschaftliche Lösungsansätze, untersuchte meine Arbeitsgruppe, inwiefern soziale Segregation zu räumlicher Trennung führt, und zwar weniger anhand großer Theorien als mit Hilfe konkreter Beispiele. Hierfür ist das Internet optimal. Via Cyberspace untersuchten wir, welche Rolle Immobilienmakler dabei spielen, segregative Mechanismen in einem Pariser Vorort zu schaffen und studierten die vor allem in Nord- und Südamerika verbreiteten umzäunten und kontrollierten Wohngegenden.

Doch die hiesige Internetsituation kann auch ernüchternd sein: Die Übertragungsraten sind dürftig, von den Studenten wird der Zugang ins Netz auch "Schneckenverbindung" genannt. Die Computer sind alte, meist ausrangierte Modelle aus Europa. Das erst seit kurzem erhältliche ADSL kann sich kaum jemand leisten, selbst die meisten Internet-Cafés nicht. So wird die wissenschaftliche Recherche oft zu einer nervenaufreibenden Geduldsprobe.

Die schlechte Ausstattung der Internet-Cafés ist letztlich eine Folge der generell dürftigen Infrastruktur des Landes. Diese ist überall spürbar und belastet die Gesellschaft enorm. So mancher Traum wird bereits im Keim erstickt. Kürzlich wollte ich mit einigen Freunden ein Diskussionsforum zum wissenschaftlichen Austausch gründen. Keiner von uns hatte einen Computer zu Hause. Die Lösung? Na klar, das Internet-Café! Nach und nach merkten wir jedoch, dass dies nicht der optimale Ort ist, um ein solches Projekt umzusetzen. Oft bleibt nach einem langen Tag in der Universität oder nach Feldforschungen nur die Nacht, um solchen Aktivitäten nachzugehen. Doch kein Internet-Café in erreichbarer Nähe hat dann noch geöffnet, und von uns kann sich keiner einen PC, geschweige denn einen Laptop leisten. Angesichts der vielen Hindernisse, die in Kamerun und anderen afrikanischen Ländern bestehen, stellen wir uns immer häufiger die Frage, ob das Internet nicht doch nur ein Instrument der reichen Länder des "Nordens" ist.

Besonders bei einer Studie war dies der Fall. Es ging um die in der Hafenstadt Douala lebende Ewondo-Bevölkerung. Sie stammt aus ländlichen Gegenden und ist in den letzten Jahrzehnten auf der Suche nach Arbeit zunehmend in die Städte übergesiedelt. Da man in unseren Bibliotheken schwerlich auf Literatur zu solch spezifischen Themen stößt, noch dazu, wenn es sich um einzelne kamerunische Bevölkerungsgruppen handelt, hofften wir wieder einmal auf das Internet. Leider ließ es uns diesmal im Stich. Wir fanden lediglich oberflächliche, unwissenschaftliche Texte, die uns kaum weiterhalfen. Eine Recherche über einzelne europäische Bevölkerungsgruppen hingegen brachte viele nützliche Ergebnisse.

Ist das Internet also wirklich ein Mittel zur Informationsbeschaffung für Afrikaner? Nein, ich denke nicht – noch nicht. Das Internet lässt zu wünschen übrig, sobald man Afrika-spezifische Informationen sucht. Fehlt uns Afrikanern das Knowhow, unsere Informationen online zu stellen? Liegt es an unserer unzulänglichen Infrastruktur? Klar ist nur, dass Wissen und ortspezifische Informationen für Politikplanung und ein gutes, an den Bedürfnissen der Bürger ausgerichtetes Regieren unabdingbar sind. Was im Falle Kameruns wiederum die Frage aufwirft, auf welcher Grundlage bei uns regiert wird.

Trotz Schwächen ist das Internet ein wunderbares Fenster in andere Welten. Es lehrt uns jedoch wenig über uns selbst – was für uns junge Afrikaner, die wir mit so vielen Fremdeinflüssen aufwachsen, wertvoll wäre.

Aus dem Französischen von Eric Van Grasdorff und Maja Neff


© KULTURAUSTAUSCH 4/2006

 



KULTURAUSTAUSCH IV / 2006
Made in India – Was wir von Indien lernen können

Zur Person
Ludovic Penda ist Student der Soziologie und Anthropologie an der Universität Douala (Kamerun) und Mitarbeiter der Stiftung AfricAvenir in Douala. Er wurde 1983 in Douala geboren.

 

 
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