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![]() MAGAZIN "Afrikaner im Vorstand" Die südafrikanische Literaturnobelpreisträgerin Nadine Gordimer erklärt, weshalb Afrika für Europa so interessant ist und warum auch Afrikaner Chefs sein sollen
Kulturaustausch: Zu Beginn dieses Jahres bereiste der deutsche Bundespräsident Horst Köhler Afrika, letztes Jahr setzte der englische Premierminister Tony Blair das Thema ganz oben auf die Tagesordnung. Braucht Afrika die europäische Aufmerksamkeit? Nadine Gordimer: Ich sehe das anders. Weil Afrika von verschiedenen Völkern kolonialisiert wurde, gab es immer nur das Hin und Her zwischen Süd-Nord, Nord-Süd. Afrika schaute nach Europa, auf all die europäischen Standards, auf all das, was an Europa erstrebenswert war: von trivialen Dingen wie Mode bis zu wichtigen Dingen wie wirtschaftliche Strukturen und Handel. Nun kommt Bewegung in die Sache: Der afrikanische Kontinent entwickelt eine immer stärkere Einheit und enge wirtschaftliche und politische Beziehungen der afrikanischen Länder untereinander. Inzwischen gibt es die Afrikanische Union und andere politische Organisationen, die Handel und kulturellen Austausch fördern. Die Nord-Süd-Achse wurde durch engere Beziehungen zu Brasilien und anderen lateinamerikanischen Staaten abgelöst. Mit diesen Ländern haben wir viel gemeinsam: unsere Kolonial-Vergangenheit, die Unterentwicklung, den Wunsch nach Entwicklung. Vor allem aber müssen wir dafür sorgen, dass unsere Rohstoffe nicht einfach abgepumpt werden, von Europa aufgekauft und gewinnbringend zum Endprodukt gefertigt werden, sondern wir müssen sie selbst im Land verarbeiten. Kulturaustausch: Gibt es ein neues afrikanisches Selbstbewusstsein – und damit einhergehend, einen neuen europäischen Blick auf Afrika? Gordimer: Das müssen Sie die Europäer fragen. Aber sicher, Afrika wird jetzt als ein wichtiger Teil der Welt wahrgenommen, nicht mehr als ein Irgendwo, ein kleines koloniales Eigentum. Afrika hat natürlich viele wichtige natürliche Rohstoffe, etwa Öl und Uran. Früher ging es nur um Gold, jetzt nicht mehr. Wir alle wissen von der Ölkrise. Europa interessiert sich jetzt sehr für jedes Land mit Ölvorkommen im Boden oder im Meer. Kulturaustausch: Afrika steht jetzt auch mit Indien und China in engen wirtschaftlichen Beziehungen. Entwickelt sich Afrika zu einem neuen weltpolitischen Partner? Gordimer: Ja, das kann man so sagen. Der Kontinent wird nun auch von den großen Jungs ernst genommen. Leider passieren hier immer noch schlimme Dinge. Zunächst sind da diese ewigen Konflikte. Und wir haben korrupte Regierungen – etwa die in Simbabwe, wo Herr Mugabe dieses wunderschöne Land, den Garten der Region, auf die Knie zwingt und ruiniert. Daran, wie die Einheit unseres Kontinents vorangetrieben wird, habe ich eigentlich nichts auszusetzen, außer dass ich die „Peer Reviews“ der Afrikanischen Union kritisiere. Die sollen ja so funktonieren: Im Falle von antidemokratischen Bewegungen in Ländern der Afrikanischen Union ermahnen sich die Staatschefs dieser Länder gegenseitig als Peers – als Partner – und ziehen sich zur Rechenschaft. So soll der Kontinent umfassend demokratisiert werden. Aber noch greift niemand wirklich durch. Die Peers sagen etwa: "Dieser oder jener handelt falsch, wenn er die Pressefreiheit einschränkt", aber ernsthafte Strafmaßnahmen bleiben aus. Sie fühlen sich als Brüder: Sie sind schwarz, sie wurden Jahrzehnte lang unterdrückt. Daher fällt es ihnen schwer, sich gewissermaßen gegeneinander zu stellen, obwohl das dringend notwendig wäre. Bisher sind die Peer Reviews noch sehr uneffektiv. Prinzipien sind gut und schön, aber ihnen müssen auch Taten folgen. Kulturaustausch: Wie könnten die Peer Reviews besser funktionieren? Gordimer: Es ist gut, dass es sie gibt. Wichtig ist, dass wir nicht darauf warten, dass uns der Rest der Welt kontrolliert. Wir müssen unser Haus, den afrikanischen Kontinent, alleine aufräumen. Kulturaustausch: Wohin geht es für Afrika? Gordimer: Tja, wohin geht es mit der Welt? Die Umweltverschmutzung ist unser gemeinsames Problem. Amerika zum Beispiel verbraucht unglaubliche Mengen an globalen Energievorräten. Die Industriestaaten sollten erst einmal vor ihrer eigenen Haustür kehren. Nun sind wir auch dabei, uns zu entwickeln, und es besteht die Gefahr, dass wir auch Umweltverschmutzer werden. Überall auf der Welt stehen wir vor der kommenden Wasser-, Kraftstoff- und Stromknappheit. Die Frage ist, ob mit den Ölreserven zukünftig genug Energie erzeugt werden kann. Deshalb wird überall nach Öl gesucht – verstärkt auch in unterentwickelten Ländern, wo die Ressourcen bisher vernachlässigt wurden. Und über uns hängt, das ist klar, die nukleare Bedrohung. Diese Sorgen teilen wir mit der ganzen Welt. Wir leben nicht mehr in der Isolation. Und wie verändern sich globale Akteure, etwa Handelsorganisationen? Globalisierung erscheint erstrebenswert, aber noch funktioniert sie nur sehr, sehr fehlerhaft. Bisher profitieren nur die reichen Länder von ihr. Aber so sieht die weltweite Entwicklung aus, und wir müssen daran teilhaben. Kulturaustausch: Jedes Land hängt an der ganzen Welt. Gordimer: Ja. Überleben ist unser gemeinsames Problem. Kulturaustausch: Was bringt Afrika in diese globalisierte Beziehung, die weltweite Partnerschaft, ein? Gordimer: Wir sollten den Tatsachen ins Auge sehen: Abgesehen von Bodenschätzen und landwirtschaftlichen Produkten, können wir ein Riesenpotenzial menschlicher Arbeitskraft und Kompetenz einbringen. Wir brauchen mehr Investitionen mit einer bestimmten Komponente: Wenn beispielsweise eine deutsche Firma ein Motorenwerk errichtet, sollte die regionale Bevölkerung nicht nur auf dem niedrigsten Lohnniveau, als Zuarbeiter, beschäftigt werden. Die Verträge beinhalten häufig, dass die Unternehmen ihre eigenen Experten aus dem Ausland mitbringen. Wir freuen uns, dass sie kommen. Aber die internationalen Firmen sollten ihre eigenen Maßstäbe nur dann anwenden können, wenn sie auch die Ortsansässigen mit einbinden und darauf vorbereiten, die Führung zu übernehmen. Ich meine nicht, dass sie auch finanziell alles übernehmen sollten, dass also der Betrieb in das Eigentum des Landes übergeht. Aber sie sollten auch im Vorstand sitzen, Direktor werden: mit anderen Worten, den Laden schmeißen können. Kulturaustausch: Afrikaner sollten auch Chefs sein. Gordimer: Genau. Sie sollten auch für höhere Positio-nen ausgebildet werden. Kulturaustausch: Wir haben jetzt viel über Bodenschätze gesprochen. Gordimer: Natürlich gibt es in Afrika auch kulturelle Schätze. Wie steht es beispielsweise um die afrikanische Literatur? Kulturaustausch: Wie könnte man den afrikanischen Autoren von Europa aus helfen? Gordimer: Eine Sache, über die ich mir in meinem eigenen Land Sorgen mache, ist das Fehlen literarischer Zeitungen und Magazine, in denen junge Leute ihre eigene Arbeit erstmalig publiziert sehen können. Nur so bekommt man einen objektiveren Blick. Man entwickelt sich, andere können Kritik üben – und das hilft wieder der eigenen Entwicklung. Natürlich ist alles, was mit Bildung zu tun hat, bei uns willkommen. Aber die Künste sind auch ein wichtiger Teil der Bildung. Wenn man afrikanische Literatur unterstützen will, wäre es ein Kleines, uns Geld für die Gründung einiger Literatur-Magazine zu geben. Es besteht noch eine andere Gefahr: Ich nenne sie "Pocket-Television". Menschen lenken sich heute durch Bilder ab. Kinder lesen immer weniger. Wie ist das in Deutschland? Und ein weiterer Aspekt ist wichtig, wenn wir über die Zusammenarbeit zwischen Europa und Afrika reden. Mehr Übersetzungen! Viele, die so wie ich nie Deutsch gelernt haben, wären nie in der Lage gewesen, die wunderbare deutsche zeitgenössische Literatur zu lesen, wenn es keine Übersetzungen gegeben hätte. Übersetzungen sind sehr wichtig, und ich würde mir wünschen, dass die Verlage viel stärker zusammenarbeiten. Das Interview führten Valentina Heck und Nikola Richter
KULTURAUSTAUSCH IV / 2006 Zur Person Veröffentlichungen
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