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Festung Europa
"Was sollt ihr nur tuuuun?"

Von Binyavanga Wainaina


Die Mehrheit der Afrikaner geht nicht an einem beschaulichen Strand in Spanien an Land, wird nicht von einem russischen Schiff auf dem Meer vor der ghanaischen Küste über Bord geworfen, erstickt nicht auf dem Weg nach Frankfurt im Fahrwerk einer Boeing 747. Sie erreicht auch London nicht per First-Class-Flug aus Lagos, mit der Hälfte der Devisenbestände des eigenen Landes im Lederkoffer und einem Termin bei einem plastischen Chirurgen. Wenn ich auf die Karte schaue, sehe ich 905 Millionen Afrikaner in 54 Staaten. Sie sind in den meisten Fällen Schwarzafrikaner wie ich. Für uns ist das nichts Besonderes – aber für Europa und vor allem für Amerika schon. Dieses Besondere hat seine Wurzeln in der vielleicht einzigen Sache, die die meisten von uns Afrikanern gemeinsam haben: Es gab Zeiten, da wir alle eine spezifische Ware für die Neue Welt waren, ein Produkt und keine Person, ein Markenname, der Muskeln, Durchhaltevermögen und Fügsamkeit versprach. Später wurden der Erdteil, den wir bewohnen, sowie sein gesamter Ressourcenvorrat und seine ganze Bevölkerung auf überhasteten Konferenzen in Europa im Jahr 1815 in Stücke aufgeteilt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg versuchte man, eine die ganze Welt umspannende Nationengemeinschaft zu schaffen. Dazu steckte man alle afrikanischen Länder, die nicht in Nationen lebten, kurzerhand in schlecht sitzende Nationalverkleidungen: 20-jährige Minister und Präsidenten, blitzgescheit und mit europäischer Ausbildung, eine Flagge, ein Parlament, ein bisschen Wechselgeld in US-Dollar, ein Entwicklungsplan sowie eine verblüffte und skeptische neue Bürgerschaft. Dazu Europäer, die sich fürsorglich betätigten und noch betätigen, und die den größten Teil der Hilfsgelder, die Afrika "empfängt", auf ihre Bankkonten in Düsseldorf zurücküberweisen. Heute erleben wir das Aufkommen einer massiven Industrie des "Was sollen wir nur tuuuun?". Sie unterstellt, es gebe eine gleichberechtigte Diskussion zwischen souveränen Nationen und eine erfolgreiche Verständigung über Entwicklung und internationale Angelegenheiten.

Ich kann nur für mich selbst sprechen: Ich bin Kenianer, aber habe zehn Jahre in Südafrika gelebt, die längste Zeit illegal. Wer in Kenia bequem leben will, muss unablässig eine Reihe von Netzwerken am Laufen halten, denn die dortige Infrastruktur besteht nicht aus Banken, Straßen oder pünktlichen Eisenbahnen, sondern aus Beziehungen. Ich hatte große Angst davor, in Kenia einen Neuanfang machen zu müssen. Meine durch Sozialhilfe abgefederte Armut in Südafrika war eine sichere Sache. Ich kam nur deswegen nach Hause, weil meine Mutter gestorben war.

Ich kann verstehen, dass viele sich vom Leben in einer gedankenlosen europäischen Welt angezogen fühlen, in der man Geschirr spült und Toiletten sauber macht und Angst hat, den Zug zu verpassen. Eines der Versprechen Europas lautet schließlich, man brauche sich nicht davor fürchten, durch eine winzige Gedankenlücke in die Tiefe gezogen zu werden. Es könnte sein, dass sich viele gut ausgebildete Menschen aus irgendeinem Grund außerstande sehen, in diesen gasförmigen afrikanischen Nationen zu leben. Warum die einen bleiben und andere fortgehen, lässt sich nicht anhand von Statistiken erklären: Ich kenne Leute, die in Kenia ein auskömmliches Leben haben, aber fest zu einem Leben in vornehmer europäischer Armut entschlossen sind, sowie arme Leute, für die eine Auswanderung niemals infrage käme. Die meisten Entscheidungen gründen sich auf Träume, Hoffnungen und Wünsche, gefühlte Ängste und erlebte Bedrohungen. Sie stammen aus Gegenden des Herzens und des Denkens, in die die Stimme der politischen Entscheidungsträger oder des Stacheldrahts nicht vordringt. Und die gesamte Bevölkerung Afrikas steckt in einem Possenspiel fest und schaut und hört sich possenhafte Diskussionen eben darüber an, während sie gleichzeitig verzweifelt versucht herumzurudern, zu verkaufen, zu graben, zu beten und sich einen kleinen und übersichtlichen Raum aufzubauen, in dem sich ein stetes und berechenbares Leben führen lässt. Wenn es einem gut geht, dann deshalb, weil er nach mehreren Anläufen an eine glückliche Unternehmung geraten ist.

Der jüngste Schachzug der Europäischen Union, die Nachkömmlinge jener glanzvollen 20-jährigen Minister mit einer Extra-"Hilfe" zur "Nachhaltigen Entwicklung" zu bestechen, um der Migration nach Europa "entgegenzuwirken", ist eine Lüge, die den Eindruck erwecken soll, als könnte es so etwas wie einen "normalen" Aktionsplan geben. In Wahrheit sorgt dieses Geld dafür, dass diese Klasse an der Macht bleibt, und als Gegenleistung wird die führende Klasse dieser Nationen den Sicherheitskräften Europas künftig dabei behilflich sein, die "illegale Einwanderung" nach Europa zu stoppen.

Aus dem Englischen von Andreas Bredenfeld

© KULTURAUSTAUSCH 4/2006

 



KULTURAUSTAUSCH IV / 2006
Made in India – Was wir von Indien lernen können

Zur Person
Binyavanga Wainaina, geboren 1971, erhielt 2002 den Caine-Preis (Oxford). Der kenianische Autor gründete das Literaturmagazin Kwani. Derzeit ist er Gastautor am Union College in Schenectady, New York

 

 
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