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"Emigration ist nicht die Lösung" 

Ein Gespräch mit dem marokkanischen Schriftsteller Tahar Ben Jelloun über seinen neuen Roman, die Massenflucht aus Nordafrika und das Verhältnis zwischen muslimischer und westlicher Kultur


Kulturaustausch: Herr Ben Jelloun, Sie haben mehrfach geäußert, Sie seien ein glücklicher Europäer. Bezieht sich dieses Gefühl auch auf die europäische Immigrationspolitik?

Tahar Ben Jelloun: Nein. Ich fühle mich als Europäer und halte die europäische Idee für eine sehr gute Sache. Aber ich bin etwas enttäuscht davon, wie Europa sich entwickelt hat. Es gibt keine gemeinsame Einwanderungspolitik, jedes Land tut, was es will. Spanien und Italien haben in den letzten Jahren vielen Illegalen eine Aufenthaltsgenehmigung erteilt; Frankreich hat das nicht getan. Zurzeit liest man, dass Italien und auch andere europäische Länder immer weniger Anträge auf ihre Staatsangehörigkeit bewilligen. Es wird also immer schwieriger, Europäer zu werden.

Kulturaustausch: Ihr neuer Roman "Verlassen" (im Original "Partir") spielt zwischen 1995 und 1999 in Tanger und Barcelona. Es geht um meist junge Marokkaner, die alles tun, um nach Europa zu gelangen. Sie selbst kamen 1971 unter ganz anderen Umständen nach Paris.

Ben Jelloun: 1971 genügte ein marokkanischer Pass, um nach Frankreich einzureisen. Man brauchte kein Visum wie heute. Ich kam nicht, um zu arbeiten, sondern um meinen Doktor in Psychologie zu machen. Das kann man nicht mit der Situation von Menschen vergleichen, die täglich ihr Leben riskieren, um ihr Leben zu retten – und es dabei manchmal schnell verlieren. Die Umstände der Auswanderung und die wirtschaftliche und politische Lage Marokkos und Frankreichs waren damals völlig anders.

Kulturaustausch: Entsprach Frankreich bei Ihrer Ankunft dem Bild, das Sie von Europa hatten?

Ben Jelloun: Frankreich – denn Europa war für uns in erster Linie Frankreich – war das Land der Menschenrechte und der Freiheit. Diese Dinge bedeuteten uns Marokkanern sehr viel. Leider werden diese Werte heute gegenüber Einwanderern nicht sehr respektiert. Damals war die politische Situation in Marokko sehr schwierig. Es hatte zwei Staatsstreiche gegeben, und die Linken, die Intellektuellen, waren nicht besonders beliebt. Frankreich war für mich ein Zufluchtsort. Niemand zeigte mit dem Finger auf Immigranten, es wurde aber auch nicht über ihre Lebensumstände berichtet. Man interessierte sich schlichtweg nicht für sie. Das war eine Zeit, zu der es in Frankreich keine Arbeitslosigkeit gab. Die Probleme begannen erst, als Präsident Giscard d’Estaing 1974 das Gesetz zur Familienzusammenführung erließ, ohne Vorkehrungen für die Aufnahme von Frauen und Kindern zu treffen.

Kulturaustausch: Können Sie, da Sie sich heute als Europäer fühlen, das Gefühl der Unsicherheit nachvollziehen, das viele Staaten ihre Grenzen schließen lässt?

Ben Jelloun: Dass Europa sich abschirmt, basiert auf einer falschen Analyse. Es sind ja nicht die Einwanderer, die ein Sicherheitsproblem darstellen, Europa braucht sie schließlich als billige Arbeitskräfte. Dieses Unsicherheitsgefühl ist durch die dramatische wirtschaftliche Situation entstanden. Die Leute, die Arbeit suchen, denken, die Immigranten würden ihnen die Arbeit wegnehmen. Das ist meist nicht richtig. Zweitens entstand das Gefühl der Unsicherheit dadurch, dass zu wenig getan wurde, um zwei so unterschiedliche Kulturen wie die muslimische und die westliche aufeinander einzustimmen. Man weiß zu wenig vom anderen. Nur so konnte die Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen zum Eklat führen. Niemand hat den Muslimen erklärt, dass die Meinungs- und Pressefreiheit in einem demokratischen Land ein Heiligtum ist. Und niemand erklärte den Menschen im Westen, dass die Religion für Immigranten etwas grundlegend Wichtiges ist, nicht nur aus traditionellen Gründen, sondern weil sie sich so in Europa als Teil einer Gemeinschaft fühlen können. Die erste Einwanderergeneration nimmt oft nicht an der westlichen Kultur teil. Die muslimische Religion ermöglicht ihnen eine kulturelle Identität und verschafft ihnen eine Art innere Sicherheit.

Kulturaustausch: Wer ist in erster Linie dafür verantwortlich, das Wissen auf beiden Seiten zu mehren?

Ben Jelloun: Ich glaube stark an die Pädagogik. Zuerst muss man wissen, woher man kommt und an was man glaubt, man muss seine Traditionen und seine Kultur kennen. Dann sollte der Dialog mit der anderen Kultur folgen. Wie soll ein Deutscher, der einen Türken oder einen Marokkaner auf der Straße sieht, wissen, warum dieser sich verhält, wie er sich verhält, wenn der Deutsche sich nicht einmal selbst kennt?

Kulturaustausch: Wie könnte eine effektivere Zusammenarbeit auf politischer Ebene zwischen der Europäischen Union und den Maghrebstaaten aussehen?

Ben Jelloun: Man sollte den Umgang mit Einwanderung unter den Bedingungen der Globalisierung völlig neu überdenken. Welche Interessen haben die Auswanderungs-, welche die Einwanderungsländer? Europa und Afrika sollten auf einer objektiven, wissenschaftlichen Basis miteinander verhandeln. Weder macht es Sinn, mehr Immigranten nach Europa zu lassen, ohne dort entsprechende Vorkehrungen zu treffen, noch ist es sinnvoll zu hoffen, dass sich das Problem von selbst löst, wenn Europa seine Grenzen noch stärker sichert. Man muss die Immigration organisieren. Die Botschaft, die von meinem Roman "Verlassen" ausgehen soll, ist die, dass Emigration für mich nicht mehr die Lösung ist. In Ländern wie Marokko sollte genügend Arbeit geschaffen werden, damit die Jungen nicht mehr ihr Leben riskieren, um zu Leuten zu gelangen, die nicht auf sie gewartet haben. Die verantwortlichen Behörden in den Heimatländern müssen etwas gegen diese Hoffnungslosigkeit tun, die sich so oft in Tragödien verwandelt.

Kulturaustausch: Viel Übel liegt ja auch in dem Traumbild, das viele Afrikaner von Europa haben. Wie kann man dem entgegenwirken?

Ben Jelloun: Das Bild von Europa ist in den letzten Jahren schon sehr viel realistischer geworden. Inzwischen spricht niemand mehr vom Paradies, es geht vor allem ums Überleben. Spätestens seit den Fernsehbildern von überfüllten Booten, von Leichen, die auf dem Wasser treiben, weiß man Bescheid.

Kulturaustausch: In Ihrem Roman "Verlassen" ist Tanger noch zentraler Anlaufpunkt für Afrikaner, die nach Europa wollen. Seit einem Abkommen zwischen Spanien und Marokko zur verstärkten Überwachung der Küsten starten die meisten Flüchtlingsboote von Mauretanien in Richtung Kanarische Inseln. Tanger muss sich in den letzten Jahren stark verändert haben.

Ben Jelloun: Ja, heute legen nur noch wenige Boote von hier ab. Und nur noch wenige Afrikaner drücken sich am Hafen herum auf der Suche nach einem Lkw, einem Reisebus oder einem Boot, das sie nach Europa bringt. Inzwischen wagen vor allem Menschen aus Schwarzafrika die gefährliche Reise übers Meer, weil sich ihre Situation noch hoffnungsloser darstellt als die der Marokkaner. Vor zehn, fünfzehn Jahren war das anders. Damals war die wirtschaftliche Situation Marokkos dramatisch. Seit 1999, seitdem Mohammed VI. König ist, hat sich in Marokko jedoch einiges verbessert, was sowohl die wirtschaftliche Lage als auch die Situation der Menschenrechte und der Meinungsfreiheit angeht. Dennoch ist Auswanderung weiterhin ein großes Thema. Ich habe es bewusst literarisch aufgegriffen, weil die Literatur die Menschen emotional berühren und so nachhaltiger wirken kann als etwa ein Dokument. Ich will weder psychologische noch soziologische Romane schreiben, sondern Menschen für gewisse Probleme sensibilisieren. Wenn sich die Leser mit der Figur des Azel identifizieren, sich in die Situation eines jungen Marokkaners hineinversetzen, der Jura studiert hat und keine Arbeit findet, dann hoffe ich, dass das Wirkung zeigt.

Kulturaustausch: Die Schwester Ihres Protagonisten Azel ist die einzige Figur, die als Emigrantin nicht ihre Würde verliert. Kenza kommt in Barcelona viel besser zurecht als Azel, der eine bessere Ausbildung hat und eigentlich leichter Arbeit finden dürfte.

Ben Jelloun: Kenza ist stark, weil die Frauen in diesem Land engagierter für ein besseres Leben kämpfen als die Männer. Frauen sind sich eher über die Schwierigkeiten im Klaren, sie haben vielleicht auch mehr Vertrauen in sich und die Welt als die Männer. Kenza will unbedingt ihre Chance auf ein besseres Leben nutzen. Auch als in Spanien ihre große Liebe zerbricht, steht sie wieder auf. Azel dagegen hat in dieser Geschichte seine Seele verloren. Er hat sich der Leichtigkeit, den Illusionen hingegeben.

Kulturaustausch: Sie werfen auch die Frage danach auf, wie weit man sich selbst verleugnen muss, um seinen Traum von einem besseren Leben verwirklichen zu können.

Ben Jelloun: Man ist nie stärker als sein Schicksal. Das muss auch Azel erfahren, der glaubt, dass er sich mit der Homosexualität, die ihm den Sprung nach Europa ermöglicht, anfreunden kann, obwohl er überhaupt nicht dafür gemacht ist.

Kulturaustausch: Was halten Sie von einer Einstellung, wie sie viele junge Marokkaner in Ihrem Buch haben: Hauptsache nach Europa? Ihre Figur Malika ist schon als Kind von dem Traum besessen, später auszuwandern.

Ben Jelloun: Vergessen Sie nicht, dass das Buch im Jahr 1995 spielt. Ein Mädchen wie Malika würde sich heute vermutlich weniger dazu gedrängt fühlen wegzugehen. Ich wollte einfach eine gewisse Anzahl unterschiedlicher Charaktere darstellen, darunter ein kleines Mädchen, das keine Zukunft in seinem Land sieht. Es ist ja durchaus normal, dass man als Kind träumt. Man träumt sogar sehr viel.

Kulturaustausch: Mir hat "Verlassen" mit seiner klaren Sprache und der vielschichtigen Behandlung des Themas Immigration sehr gut gefallen. Das Schlusskapitel wird dann allerdings nebulös, stellenweise fast kitschig. Warum dieser Schluss?

Ben Jelloun: Weil eine offene Lösung auf literarischer Ebene interessant ist. Ich mag die Vorstellung, dass die Figuren durch den Schluss nicht eingeengt werden, dass sie vielleicht über ihre klare Definition hinauswachsen. Eine Mischung aus Kräften, Charakteren und Träumen sorgt dafür, dass man nicht weiß, ob etwas geträumt oder wahr ist. Es ist ein literarisches, kein soziologisches oder politisches Ende.

Das Gespräch führte Jeanette Villachica

Verlassen. Roman. Von Tahar Ben Jelloun. Aus dem Französischen von Christiane Kayser. Berlin Verlag, Berlin 2006.


© KULTURAUSTAUSCH 4/2006

 



KULTURAUSTAUSCH IV / 2006
Made in India – Was wir von Indien lernen können

Zur Person
Tahar Ben Jelloun ist Psychiater und freier Schriftsteller in Paris.

Veröffentlichungen
Verlassen. – Berlin: Berlin-Verlag, 2006
Die Schule der Armen. – Reinbek: Rowohlt, 2004
Papa, was ist der Islam? Gespräch mit meinen Kindern. – Berlin: Berlin-Verlag, 2003
Das Schweigen des Lichts. – Berlin: Berlin-Verlag, 2001

 

 
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