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MAGAZIN

Eine Frage der Gewalt 

Was Mozarts "Zauberflöte" und der Deutsch-Herero-Krieg in Namibia 1904 gemeinsam haben – ein südafrikanischer Künstler erklärt sein Kunstwerk "Black Box / Chambre Noir"

Von William Kentridge

Eines Tages fügte ich altes Filmmaterial aus der Zeit der deutschen Kolonien in Namibia, in dem ein Nashorn erschossen wird, mit einem Teil aus Sarastros zweiter Arie in Wolfgang Amadeus Mozarts "Zauberflöte" zusammen. Da wurde mir klar: Das könnte ein zentraler Punkt in meinem Projekt werden. Oft ist es so, dass Dinge, die zum Schluss sehr wichtig und substanziell erscheinen, nicht klarem Denken entspringen. Wenn das unbewusste Denken richtig ist, kann solch ein Zusammenprall Früchte tragen.

Die namibische Gesellschaft ist noch stark von ihrer deutschen Vergangenheit geprägt, manche Gegenden wirken wie aus einer anderen Zeit. In Walker’s Bay werden beispielsweise an Hitlers Geburtstag in einer Bäckerei heiße Wecken mit SS-Runen verkauft, einige Geschäfte dort bieten Langspielplatten mit Hitlers Reden an. Die Karte des Namibischen Nationalparks zeigt, wie der Militärfriedhof mit den 23 Gräbern der deutschen Soldaten, die im Deutsch-Herero-Krieg 1904 getötet wurden, zu erreichen ist. Der Friedhof ist sehr gepflegt und sehr bewegend, wie alle Militärfriedhöfe. Im Restaurant dieses Erholungsgebietes hängen Fotos vom Kaiser und seiner Frau, von den deutschen Truppen am Waterberg während des Deutsch-Herero-Krieges. Aber nirgends findet man Informationen zum historischen Kontext dieser 23 Gräber. Die anderen Toten sind unbekannt und ungenannt. Ein Teil meines Projektes wurde es, je mehr es sich entwickelte, diese Lücken und das Schweigen zu bedenken. Das Töten von 85.000 Herero ist nicht nur in Südafrika, wo ich herkomme, eine Art unbekanntes Ereignis. In Windhuk steht im Stadtzentrum ein großes Kriegsdenkmal: die Statue eines deutschen Soldaten auf einem Pferd, das Wissmann-Denkmal. Das ist immer noch das bestimmende Symbol für diesen Krieg, der mit einer Revolte begann, angeführt von Samuel Ma Herero. Das Nationalarchiv hat nun angefangen, persönliche Geschichten zu sammeln, und plant eine Gedenkstätte ziemlich weit außerhalb der Stadt. Deshalb zeigt mein Kunstwerk an einer Stelle eine Liste mit Clan- und Familiennamen – keine Liste mit echten Namen, denn eine solche war in den Archiven nicht aufzufinden. Der Prozess, Orte, Bücher und Archive aufzusuchen und physische Spuren zu finden, ist eine Konstante in meinem Werk.

Die Arbeit mit der "Zauberflöte" war der zweite Teil meines Projekts. Je länger ich mich mit der Oper beschäftigte, desto mehr Respekt bekam ich vor jedem Wort des Librettos und jeder Note in der Partitur, desto schwieriger wurde es für mich zu erkennen, was Mozart eigentlich versucht hatte zu sagen. Wie kann man sich zwischen einer Musik und einem Libretto von 1791 verorten – mit einem um 216 Jahre verspäteten Blick? All diese Fragen liefen für mich schließlich auf eine Frage hinaus: Wer ist Sarastro in der Oper?

George Bernhard Shaw sagte: "Wenn Gott Musik wäre, würde er wie Sarastro klingen." Offensichtlich spielt Sarastro in der Oper eine beruhigende Rolle. Er streichelt uns, versichert uns, dass alles gut sein wird in der Welt. "In diesen heiligen Hallen" kannst du dich sicher fühlen, dort gibt es keine Rache, keine Gewalt, und wir werden alle zusammen sein. Und am Ende ist es dieser Sarastro mit all seiner Güte und seinen guten Worten, der die Königin der Nacht in Stücke schlägt, mit plötzlich freigesetzter Höllenwut.
Die komplexe Frage ist also: Wie viel von dem, was gesungen wird, ist in die Musik eingebettet und wie viel existiert nur in der Sprache? Die erste Tatsache ist, dass Sarastro Pamina nicht überzeugt, mit ihm zu kommen: Er entführt sie einfach. Zweitens: Als einer seiner Handlanger, angestellt als Schläger, einen Fehler macht, ist Sarastros sofortige Reaktion ebenfalls, ihn zu schlagen. Am Ende des ersten Aktes befiehlt Sarastro, dass der Mohr Monostatos ausgepeitscht wird. Und Sarastros Großzügigkeit liegt darin, dass er nicht 1.000 Hiebe anordnet, sondern die Zahl auf 77 reduziert. Postkarten, die das Auspeitschen von Menschen zeigten, sehr gewaltsame Bilder, wurden in der Kolonialzeit von Namibia nach Deutschland geschickt – ähnlich wie man in den Vereinigten Staaten Postkarten mit Lynch-Motiven herstellte. Das sind merkwürdige Ausformungen für das, was wir sind, und was es in solchen Momenten bedeutet, ein Mensch zu sein. Wann ist die Person, die diese Dinge ertragen muss, ein menschliches Wesen, ein Subjekt, und wann ist sie nur ein Ding, ein Objekt? Der Schmerz, der anderen zugefügt wird, ist nicht von dieser Welt und betrifft uns nicht.
Solche Momente von Gewalt und Autorität finden sich also in der "Zauberflöte", und es stellt sich immer mehr die Frage, wie die Sehnsucht nach Aufklärung mit der sie begleitenden Gewalt zusammenhängt. Die Haltung, die Mozart in der Sarastro-Figur darstellt, ist die eines Philosophenkönigs, einer Person, die alle Macht, alles Wissen und alle Güte der Welt besitzt. In der Sicherheit, alles Wissen zu haben, schwingt ein Unterton der Gewalt mit. Und angenommen, dass Gewalt und Autorität unter Sarastros Oberfläche brodeln: Wo sind sie dann in der Musik? In der ersten Szene der Oper wird Sarastro von Papplöwen auf die Bühne gezogen. Er kommt von der Jagd. Wenn man nun "In diesen heiligen Hallen" nicht für Bass-Stimme setzt, sondern für Blaskapelle, Becken, Trompeten und kleine Trommel, wird daraus merkwürdige Militärmusik. In dieser Musik liegt ein Militärmarsch versteckt – ohne dass man das Tempo verändern muss. Mit diesem Thema hängt zusammen, dass ich in Namibia ein paar Hererolieder aufnahm. Die Hereromusik ist sehr vielseitig: Es gibt Lieder über Rinder und Vieh, Handelslieder sowie Trauerlieder, die nur von Frauen gesungen werden sollen. Ich sagte: Mal sehen, was passiert, wenn wir Mozarts Musik und Hererolieder zusammenführen und mit der sehr grausamen Szene von der Nashorn-Jagd aus dem kolonialen Filmmaterial koppeln.

Damit wollte ich zeigen, was passiert, wenn man so unterschiedliche Elemente zusammenführt, bevor man sie analysiert. Auf einmal entstehen verschiedene Kombinationen, die zusammenpassen und plötzlich Sinn ergeben. Man hört etwas und es klingt richtig und passend. Und es ist nicht aus einer theoretischen Konzeption heraus entstanden. Das ist ein Zusammentreffen von Sinneswahrnehmungen, nicht von Ideen.

Aus dem Englischen von Nikola Richter


© KULTURAUSTAUSCH 1/2006

 


Kulturaustausch 1/2006

KULTURAUSTAUSCH I / 2006
Fernbeziehungen. Kommen wir zusammen?

Zur Person
William Kentridge, geboren 1955, ist Künstler, Theaterregisseur und Filmemacher. Er lebt in Johannesburg.

 

 
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