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![]() THEMA: DIE ZUKUNFT DER STADT Mythos Lagos Einst entdeckten westliche Intellektuelle Lagos als romantisches Modell der dezentralen Stadt. Wie läuft es wirklich in der unregierbaren Metropole? Von David Aradeon In den letzten fünf Jahren hat Lagos international Beachtung gefunden. Auf der documenta 11 im Jahr 2002 wurde Lagos als eine der "Four Cities under Siege" bezeichnet, also eine von "vier Städten im Belagerungszustand". Die anderen drei waren Freetown, Kinshasa und Johannesburg. Während die weiße Kolonialstadt Johannesburg als Resultat der Apartheidpolitik recht aufpoliert und einheitlich wirkt, sind Freetown, Kinshasa und Lagos durch einen ständigen Austausch zwischen Siedlergemeinschaften und Einheimischen geprägt. Im Fall von Lagos spielt die Mischung aus unterschiedlichsten Einflüssen eine wichtige Rolle für die Entwicklung und den Charakter der Stadt. Eine Eigenheit, auf die sich auch europäische Wissenschaftler und Stadtplaner wie Rem Kolhaas konzentrierten, ist das Phänomen der "non-governance" ("Nicht-Regierung", fehlende öffentliche Verwaltung). Nigerias postkoloniale Regierungen behielten Institutionen aus Zeiten der kolonialen Zwangsherrschaft – wie Polizei, Überfallkommandos und Armee – bei, passten diese aber nicht an den Geist und die Erfordernisse der neuen Nation an. In Lagos müssen sich einzelne Interessengruppen um nationale Angelegenheiten kümmern, ohne dabei mit Unterstützung durch staatliche Institutionen rechnen zu können. Die öffentliche Verwaltung funktioniert nicht mehr, sie hat ihre gesellschaftliche Verantwortung abgegeben. Zugleich zieht die Stadt, die durch Lärmbelastung, überfüllte Plätze und endlose Reihen von Marktständen gekennzeichnet ist, Schätzungen zufolge fünf bis zehn Migranten pro Minute an. Sie gilt als faszinierend farbenfrohes Chaos. Seit die britischen Kolonialherren vor 45 Jahren ihre Macht abgaben, hat sich die Stadt dramatisch verändert. Mit ihrer kulturellen Vielfalt hat die Bevölkerung Einrichtungen und Strukturen aus der Kolonialzeit in ihrer Bedeutung zurückgedrängt. Direkt neben den zahlreichen Verkehrsstaus entstehen Straßenmärkte, still gelegte Fabriken werden von Fernsehpredigern übernommen, deren Gemeinden immer weiter wachsen. Da der öffentliche Verkehr, das Bildungssystem, die Müllabfuhr und Trinkwasserversorgung privatisiert wurden und nicht oder nur schlecht funktionieren, nehmen auch die Umwelt- und Gesundheitsprobleme drastisch zu. Die gelben Danfos, Volkswagen-Minibusse, die sich durch den Berufsverkehr schlängeln oder im Stau stecken, sind zum Bild für Lagos geworden. Die Wolkenkratzer, die drohend über der "Third Mainland Bridge" ("Dritte Brücke zum Festland") aufragen, wirken wie die Symbole des herkömmlichen Wirtschaftssystems, das nicht mehr trägt. Aufgrund der unzuverlässigen Stromversorgung sind die Aufzüge außer Betrieb. Mit ihren großen Pfeilern haben die Betonbrücken von Lagos unsere Wahrnehmung des urbanen Raums verändert. Da Überholspuren, Geschwindigkeitsbegrenzungen, Ampeln, Fußgängerwege und eine Verkehrsschulung fehlen, ist die Unfallgefahr in Lagos groß. Ganze Stadtviertel werden von Stadtautobahnen wie der sechsspurigen "Ikorodu express road" zerschnitten. Zur Lösung dieses Problems hat man nachträglich Fußgängerbrücken gebaut, doch für jene, die zu alt oder zu jung sind, sie zu benutzen, stellt der Verkehr eine ständige Lebensgefahr dar. Dass die Einwohner von Lagos sich im Zustand einer fortwährenden Kulturrebellion befinden, lässt sich am besten an den öffentlichen Plätzen ablesen, die Raum bieten für Sprayer, Telefonate, Märkte, Garküchen, Diskussionen und allerlei Aufführungen. Da das Sozialverhalten auf den Märkten und an den Verkehrsknotenpunkten stark durch Austausch und Interaktion geprägt ist, befindet sich die Stadt in einem ständigen Umgestaltungsprozess; aus dem Chaos entstehen neue Formen. Die Architektur und ihr Kontext, Baubestimmungen und Planungsvorgaben, sind weder unverrückbar noch sakrosankt. In den letzten 40 Jahren ist Lagos zum Schlachtfeld eines Überlebenskampfes geworden. Religionen ringen um die Vorherrschaft, Kirchen streiten um Raum. Als Fußgänger muss man sich zwischen Straßenverkehr und -märkten, Auto- und LKW-Wracks sowie Müllpyramiden hindurchlavieren. Poster und Werbetafeln, die am Straßenrand und über den Stadtbrücken prangen, wetteifern um unsere Aufmerksamkeit. Die Luft ist erfüllt vom Lärm der LKW-Hupen, die auf die Okadas, die Transportmotorräder, montiert wurden, und von den Auspuffgasen, dem Kohlenmonoxid der Molues, den vor Ort gebauten Bussen. Die Mischung aus Eleganz und Groteske, Absurdität und Stumpfsinn, Dissonanz und Harmonie macht die besondere Energie des heutigen Lagos aus. Als sozialer und ökonomischer Kitt der Stadt dient ein informelles, alternatives Marktsystem, es bestimmt das gesellschaftliche und politische Leben. Obwohl Abuja zur Hauptstadt von Nigeria wurde und einige Verwaltungszentren entstanden, bleibt Lagos de facto Dreh- und Angelpunkt des Landes. Während der Einfluss der Regierung zurückgeht und der Bereich öffentlicher Dienstleistungen mehr und mehr zerfällt, wird das Lagos des 21. Jahrhunderts zunehmend von einzelnen Interessengruppen bestimmt. Aktuelle Studien unterstreichen das gemeinsame Interesse von Wohnungseigentümern und Mietern, das die Grundlage für die Entwicklung von Gemeinschaften und Institutionen, Überwachungs- und Schutzmaßnahmen gegen Raubüberfalle bildet. Einerseits haben Interessengemeinschaften, die oft auf Erfahrungen aus der Kolonialzeit gründen, das Wachstum von Lagos ermöglicht; andererseits haben sie eine geordnete Entwicklung behindert. Bestimmte Gemeinschaften wie die "gated communities", durch Mauern und Zäune abgeschirmte Gemeinschaften, schränken unsere Bewegungsfreiheit in der Stadt ein. Sie bewirken, dass sich mehr und mehr Stadtbewohner in privater Initiative um den Aufbau eigener Dienstleistungseinrichtungen kümmern: Sie finanzieren Bohrungen für eine eigene Wasserversorgung und schaffen Stromgeneratoren an. Zugleich sind die monatlichen Gebühren für entsprechende Dienstleistungen an die Stadt zu entrichten. Überall blüht die Kultur der "gate keeper", die an Schranken und Toren Gebühren erheben. Nirgendwo ist dies so offenkundig, wie auf der Lekki-Halbinsel, der Satellitenstadt, welche die Regierung in den 1980er-Jahren gegründet hat und in der sich Gemeinschaften von Landbesitzern zusammenfanden, um ihr Wohngebiet selbst zu gestalten. Als sich diesem Projekt immer mehr private Investoren und Stadtplaner anschlossen, Banken und andere Spekulanten, ging der Traum von einem einfach und funktional gestalteten Lebensraum am äußeren Rand der Stadt verloren. Da sich jeder einen Zugang zum "Lekki express way" baute, siedelten sich bald immer mehr Geschäfte, Märkte, Tankstellen, Zementhersteller und -händler entlang dieser Straße an. Lekki ist eines der vielen Experimente zur Neugestaltung des urbanen Raums von Lagos. Obwohl genaue Planvorgaben und Bauschriften fehlten oder sich als wirkungslos erweisen, wird in einem beängstigenden Tempo weitergebaut, und die Verkehrssituation verschlimmert sich täglich. Unkontrolliert strömt der Verkehr von allen Seiten auf den "Lekki express way", der wie so viele andere derartige Straßen immer mehr als Zubringer dient. In Anbetracht einer rapiden Ausweitung der Stadt in Richtung Süden zum Meer hin und den Wasserläufen und Sümpfen im Westen bedarf Lagos kühner Visionen, massiver Investitionen, eines wirtschaftlichen und architektonischen Masterplans und einer systematischen Neuordnung der Infrastruktur und des Dienstleistungsbereichs. Vielleicht kann die vorgeschlagenen "Free Trade Zone" (Freihandelszone), ein Gemeinschaftsunternehmen zwischen einem chinesischen Konsortium und dem "Lagos State Government Project", tatsächlich zu dem Unternehmen werden, das, so der Chairman, "Lagos, und vor allem Lekki, in ein internationales Handelszentrum und Industriegebiet verwandelt". Aus dem Englischen von Loel Zwecker
KULTURAUSTAUSCH III / 2006 Zur Person |