"Wir müssen als Weltgemeinschaft zusammen finden". Foto: Peggy Sylopp (CC BY-SA 2.0)

"Wir müssen als Weltgemeinschaft zusammen finden"

Ein Gespräch mit der intermedialen Künstlerin Peggy Sylopp

Internetzugang ist ein "Menschenrecht" – davon ist Peggy Sylopp überzeugt. Für ihr Projekt "Free Digital Territories" unternahm die intermediale Künstlerin, Informatikerin und Kunst- und Kulturorganisatorin im Mai eine einmonatige Recherchereise durch Brasilien. Ihr Ziel war es, mehr über die Zugänglichkeit öffentlicher Technologien im Land zu erfahren. Die neuen Eindrücke und Kontakte sollten Grundlage für weitere Projekte sein. Unterstützt wurde sie durch das ifa-Programm "Künstlerkontakte", das den Austausch und die Zusammenarbeit zwischen deutschen Kulturschaffenden und Kulturschaffenden aus Transformations- und Entwicklungsländern fördert. Im Interview erzählt Peggy Sylopp von ihrem künstlerischen Rechercheprojekt, ihrer Zeit in Brasilien und davon, wie die Reise sie auch persönlich geprägt hat.

Interview von Katrin Stahl

ifa: Frau Sylopp, Sie sind Computer Scientist und Art Activist – wie passt das zusammen?

Peggy Sylopp: Ich würde die Gegenfrage stellen: Warum sollte das nicht zusammenpassen? Ich bin mit einem sehr natürlichen Zugang zu Technik und Elektronik aufgewachsen. Nach meiner Ausbildung zur fototechnischen Assistentin kam ich über verschiedene künstlerische Stationen zur digitalen Bildverarbeitung und letztendlich zum Programmieren und zur Informatik. Das Digitale sah und sehe ich immer in einem konzeptionellen, philosophischen und ästhetischen Zusammenhang.

Foto: Peggy Sylopp (CC BY-SA 2.0)
Die intermediale Künstlerin Peggy Sylopp (2. v. l.) zusammen mit Pedro Belasco, Sandra Becker und Flavia Le Fevre

ifa: Dieser Zusammenhang zeigt sich auch in Ihrem letzten Projekt "Free Digital Territories". Was haben Sie dabei genau gemacht?

Sylopp: Bei "Free Digital Territories" handelte es sich um ein künstlerisches Rechercheprojekt. Im Frühjahr war ich für einen Monat in Brasilien unterwegs, um mehr über den Austausch zwischen brasilianischen und deutschen Communities, die sich für freie Netzwerke einsetzen, zu erfahren und diesen zu fördern.

ifa: Wie ist die Idee zu diesem Projekt entstanden?

Sylopp: In Berlin gehöre ich zur Freifunk-Community. Das ist eine Initiative, die sich für ein freies Funknetz einsetzt. Wir wollen mit selbstverwalteten Computernetzwerken die lokale Kommunikation fördern und haben dafür zum Beispiel auch mit Flüchtlingen in Berlin zusammen gearbeitet. Das hat mir wirklich die Augen geöffnet, denn so ist mir noch einmal bewusst geworden, wie einschränkend ein fehlender Internetzugang ist. Daraufhin habe ich beschlossen, in den Dialog mit Teilen der Gesellschaft in Brasilien zu treten, die ebenfalls keinen Internetzugang haben.

ifa: Warum gerade Brasilien?

Sylopp: Vor zwei Jahren habe ich für zwei Monate den Aufbau des "Media Art Lab Mercosul" des Goethe Instituts Porto Alegre geleitet und konnte viele Kontakte knüpfen. Unter anderem habe ich so von dem Software-Projekt Baobáxia erfahren, einem digitalen Archiv, in dem die indigene Bevölkerung Fotos und Videos auf lokalen Servern abspeichern und somit besondere kulturelle Anlässe, aber auch ihr alltägliches Leben dokumentieren kann. Werden die einzelnen Computer miteinander vernetzt, kann ein Austausch der unterschiedlichen Gruppen stattfinden. Mich hat es interessiert, mehr über die dortige Kommunikation und Vernetzung zu erfahren. Natürlich hatte ich anfangs auch Zweifel: Will ich Menschen ans Internet anschließen, nur weil ich denke, dass es gut für sie ist? Welchen Einfluss kann das auf die dortige Kultur haben? Ich wollte gerne Antworten auf meine Fragen erhalten und schauen, wie meine Ideen ankommen. Deshalb bin ich hingefahren.

ifa: Welches Projekt, das Sie dort kennengelernt haben, hat Sie besonders beeindruckt?

Sylopp
: Sehr beeindruckend fand ich das Projekt der Initiative "Sempreviva Organização Feminista", kurz Sof. Diese baut gerade ein Mesh-Netzwerk auf, um Bäuerinnen im Vale do Rebeira zu unterstützen. In dieser ländlichen Gegend ist es für die Frauen oft sehr schwierig, den Verkauf ihrer Produkte auf dem Markt zu organisieren. Sof möchte die wirtschaftliche Situation vor Ort mithilfe besserer Kommunikationsnetzwerke fördern, denn mit Internetzugang können sich die Frauen untereinander organisieren und Kontakt mit der Stadt halten. Ein weiterer entscheidender Punkt ist, dass aktuell viele junge Menschen in die Städte gehen, um digital angeschlossen zu sein. Da die Wirtschaft in den ländlichen Gebieten aber oft stabiler ist als in den Städten, bringt ihnen diese Landflucht existenziell leider nicht viel. Wir müssen die Lebensqualität auf dem Land heben, zum Beispiel durch einen guten Internetzugang. Der würde viele dieser jungen Menschen dazu bewegen, in ihren Dörfern zu bleiben.

Ein Mesh-Netzwerk besteht aus einzelnen Rechnern, die Sender und Empfänger sind und direkt Daten miteinander austauschen. Jeder dieser Rechner fungiert als Netzknoten und arbeitet wie ein eigenständiger Router. Ein zentraler Server entfällt. Da ein Wlan-Gerät immer mit dem Netzknoten verbunden wird, der das stärkste Signal bietet, eignen sich Mesh-Netzwerke zur Internet-Abdeckung größerer Flächen.

Foto: Mit freundlicher Genehmigung der Sof-Organisation (CC BY-SA 2.0)
Die Initiative "Sempreviva Organização Feminista" unterstützt die Bäuerinnen im Vale do Rebeira.

ifa: Internetzugang bedeutet also mehr Lebensqualität. Sie gehen aber noch einen Schritt weiter und verstehen den freien Zugang zum Internet als "Menschenrecht". Wie wichtig ist digitale Teilhabe für jeden von uns?

Sylopp: Wir müssen uns vor Augen halten, dass in der Gesellschaft eine riesige digitale Kluft existiert: Auf der einen  Seite gibt es Menschen mit Breitbandzugang, auf der anderen Seite Menschen, die – wenn überhaupt – nur eine Prepaid-Simkarte mit begrenztem Datenvolumen besitzen. Welche Auswirkungen hat das? Für den Einzelnen bedeutet es: Ich habe keinen Zugang zu Bildung und Information. Ich habe keine politische Teilhabe. Ich habe weniger Zugang zu anderen Kulturen. Natürlich bin ich nicht die Erste, die das sagt. Nicholas Negroponte, Professor am "Massachusetts Institute of Technology" hat bereits 2002 das Projekt "one laptop per child" ins Leben gerufen. Der UN-Menschenrechtsrat erklärte im Jahre 2016 das Internet zu einem Menschenrecht. Das ist auch ein wesentlicher Grund, warum das Projekt "Free Digital Territories" so wichtig ist: Wir wollen diese allgemeinen Forderungen auf direkte Begegnungen mit den Menschen vor Ort runterbrechen. Somit erfahren wir, welche Möglichkeiten sich hieraus für den Einzelnen, aber auch für die gesamte Gesellschaft ergeben.

ifa: Mit Ihrer Reise wollten Sie ja recherchieren, an welchen Stellen noch Förderbedarf ist. Was würden Sie denn rückblickend sagen: Wie können und wie müssen Initiativen in Brasilien noch stärker gefördert werden?

Sylopp: Es geht ganz klar darum, die bestehenden Strukturen zu stärken. Das ist ein wesentlicher Punkt. In Brasilien schaut man oft nach Europa. Und das bringt Verantwortung unsererseits mit sich. Aufgabe unseres Projektes ist es, Vertrauen zu schaffen, die Kommunikation zu stärken, Projekte an die Öffentlichkeit und in einen künstlerischen Kontext zu bringen – Empowerment ist das Stichwort.

Foto: Peggy Sylopp (CC BY-SA 2.0)
Peggy Sylopp möchte Projekte an die Öffentlichkeit und in einen künstlerischen Kontext zu bringen.

ifa: Wie geht es denn jetzt weiter?

Sylopp: Da gibt es einige Ideen. Zusammen mit "CooLab" und dem "Garoa Hacker Clube" – dem größten Hackerspace in Brasilien – will ich ein öffentliches Mesh-Netzwerk in São Paulo aufbauen. Wir werden dieses Projekt mit einer öffentlichen Veranstaltung verbinden, inklusive Kunstveranstaltungen und Workshops. Die Besucher können mehr über Mesh-Netzwerke und auch über die Verantwortung, die mit dem Digitalen verbunden ist, erfahren. Technik wirkt ja oft etwas trocken, doch gerade Kunst kann Menschen faszinieren und ermutigen. Deswegen sehe ich in der Verbindung von Technik und Kunst einen riesigen Vorteil. Schließlich möchte ich mit meiner Arbeit den Menschen einen spielerischen und ästhetischen Zugang ermöglichen.

Foto: Peggy Sylopp (CC BY-SA 2.0)
Der Garoa Hacker Clube ist der größte Hackerspace in Brasilien.

ifa: Zum Abschluss noch eine letzte Frage: Hat die Reise Sie auch persönlich geprägt?

Sylopp: Ich konnte die Erfahrung machen, dass wir Menschen – egal in welchem Teil der Erde – uns in unseren Bedürfnissen gar nicht so stark unterscheiden. Meiner Meinung nach ist es an der Zeit, unseren Eurozentrismus aufzugeben und die koloniale Grundhaltung, die noch so oft in den Köpfen verankert ist, abzubauen. Es ist nicht mehr zeitgemäß, nur zu romantisieren und bewahren zu wollen. Ich glaube, dass das Digitale sehr viel ermöglicht, weil es Begegnungen erleichtert und Perspektiven durch den Dialog im Netz zusammen bringt. Der Aufenthalt hat mich dazu ermutigt, stärker als Weltbürgerin zu denken. Das bedeutet unter anderem, den Blick auf manche Dinge zu verändern und durch Impulse aus der Kunst mehr Dynamik in diese Weltkultur zu bringen. Es geht darum, dass wir als Weltgemeinschaft zusammen finden.

ifa: Vielen Dank für das Gespräch!

Das Programm Künstlerkontakte des ifa unterstützt Projekte aus den Bereichen zeitgenössische bildende Kunst, Architektur, Design, Fotografie und Medienkunst. Der Schwerpunkt liegt auf dem Austausch und der inhaltlichen Zusammenarbeit zwischen deutschen Kulturschaffenden und Kulturschaffenden aus Transformations- und Entwicklungsländern. Es können Arbeitsaufenthalte und Reisen bezuschusst werden. Nächster Bewerbungsschluss: 31. Januar 2018