Megumi Matsubara © Matteo Lonardi
Megumi Matsubara © Matteo Lonardi
Installation in der ifa-Galerie © Megumi Matsubara
Installation in der ifa-Galerie © Megumi Matsubara
Ausstellungseröffnung in Berlin: Kuratorin Alya Sebti stellt ihr Konzept vor. © Victoria Tomaschko
Ausstellungseröffnung in Berlin: Kuratorin Alya Sebti stellt ihr Konzept vor. © Victoria Tomaschko

"Begegnungen machen uns zu dem, der wir sind"

Muss Kunst politisch sein? Wie verhalten sich Politik und Kunst zueinander?
Ein Gespräch mit Alya Sebti, Kuratorin der ifa-Ausstellung "Carrefour/Treffpunkt", und Megumi Matsubara, Künstlerin und Architektin aus Japan.

Das Interview führte Juliane Pfordte

ifa (Institut für Auslandsbeziehungen): Wirtschaftskrisen, Flüchtlingskrisen – Krisen, wohin man schaut. Inwiefern kann Kunst ein Katalysator für politischen Wandel sein?

Alya Sebti: Für mich ist es ein politischer Erfolg, wenn sich Menschen die Ausstellung "Carrefour/Treffpunkt" ansehen und sich somit mit Werken wie dem Video von Leila Alaoui auseinandersetzen. Ihre Arbeit Crossings reproduziert nicht die typischen medialen Bilder von gekenterten Flüchtlingsbooten, sondern lässt diese Menschen mit ihrer ganz persönlichen Geschichte zu Wort kommen.

ifa: Welche Rolle spielt Politik für Ihre Arbeit als Kuratorin?

AS: In der aktuellen Ausstellung ist Politik in Form von "low politics" präsent, schließlich ist jede Form von Interaktion politisch. Aber ich halte nichts davon, Politik als Ausgangspunktpunkt oder als Label für Kunst zu benutzen. Zumindest versuche ich, die Distanz zwischen Politik und Kunst zu wahren. Zwar sind einige Arbeiten politischer als andere, zum Beispiel die bereits genannte Arbeit von Leila Alaoui, aber "Carrefour" ist keine Ausstellung über die aktuelle Lage von Flüchlingen. Sie soll in Klang, Duft und Bild neue Sprachen aufzeigen und den Zuschauer dafür sensibilisieren, den Menschen im Video wirklich zuzuhören und sie nicht nur als Migranten abzustempeln. In "Carrefour" geht es um die Form der Migration an sich, denn auch die Ausstellung ist ein Ort, an dem sich viele Wege kreuzen. Die Herausforderung als Kuratorin liegt für mich darin, ein Gleichgewicht zwischen Kunst und Politik zu finden und Kunst als Kanal zu nutzen, um verschiedene Realitäten anzusprechen und dafür ein Bewusstsein zu schaffen. Aber Ziel sollte nicht sein, Politik oder bestehende Konflikte für künstlerische Zwecke zu benutzen. Das wäre respektlos.

Megumi Matsubara: Was ich als Künstlerin tue, hat nichts mit Politik zu tun. Für mich und mein künstlerisches Schaffen war Politik noch nie ausschlaggebend. Klar kann mein Handeln politische Folgen haben, aber meine Motivation ist nie politisch. Kunst steht nicht im Dienst politischer Zwecke. Nur deswegen kann sie jenseits von Politik etwas bewirken.

ifa: Wie genau entstand die Idee zu "Carrefour"?

AS: Ich liebe den gleichnamigen französischen Supermarkt (lacht). Nein, ehrlich gesagt habe ich gar nicht an den Supermarkt gedacht. Erst Megumi hat mich auf den Namen und eine mögliche Verwechslung aufmerksam gemacht. Der vollständige Titel "Carrefour/Treffpunkt" ist daher umso wichtiger. Die Idee, die Ausstellung als Treffpunkt zu konzipieren, kam mir zunächst während der letzten Marrakech Biennale 2014 "Where are we now?", die ich künstlerisch leitete. Andererseits entstand die Idee während des Global Art Forum 2014 in Dubai, wo die Idee des Globalen Südens und das "Zentrum-versus-Peripherie"-Thema intensiv diskutiert wurde. Meiner Meinung nach ist es rückwärtsgewandt, den Westen als Zentrum und den Rest, einschließlich Afrika, als Peripherie zu betrachten. Es gibt so viele Zentren wie Individuen: Das Zentrum hängt immer von der Perspektive ab.

ifa: Bewegen wir uns also auf eine polyzentrische globale Kunst zu?

AS: Polyzentrisch ja, aber nicht global. Es gibt keine globale Kunst, nur subjektive Perspektiven auf Kunst. Mein Wunsch ist es, die Vorstellung vom Zentrum und von der Peripherie ein für alle Mal zu überwinden und dass wir uns mehr auf die verschiedenen Zentren der Welt konzentrieren.

ifa: Welche Kriterien waren ausschlaggebend bei der Auswahl der Künstler für "Carrefour"?

AS: Ich habe nach Künstlern gesucht, die mich selbst inspiriert und mich motiviert haben, meine eigene Perspektive zu verändern. Ich wollte Zeit mit ihnen verbringen und gemeinsam neue Ideen entwickeln. Die Künstler und Autoren, die am Katalog der Ausstellung mitgewirkt haben, haben mich dazu gebracht, meine Komfortzone zu verlassen. Und ich wollte ihnen eine Plattform bieten, ihre eigenen Ideen weiterverfolgen und sich austauschen zu können.

Alya Sebti © M.D.
Alya Sebti © M.D.

ifa: Sie selbst sind in Marokko geboren und arbeiten als Kuratorin sehr viel zum Thema Marokko. Fühlen Sie sich manchmal abgestempelt als "marokkanische Kuratorin, die über Marokko kuratiert"?

AS: Ja, gegen dieses Etikett muss ich mich oft wehren, vor allem nach der letzten Marrakech Biennale. Auch "Carrefour" ist keine Ausstellung über Marrakesch, sondern ein Treffpunkt. Klar wäre es einfacher, ausschließlich Ausstellungen über Marokko zu machen. Ich kenne die Kunstszene, immerhin habe ich mehr als fünf Jahre dort gearbeitet. Aber es wäre langweilig und außerdem gefährlich, Kunst regional einzugrenzen. Wenn man territorialisiert, kreiert man Grenzen. Mein künsterlischer Ansatz ist es, genau diese Grenzen loszuwerden, diese Form der Territorialität.

ifa: Das könnte schwierig werden, immerhin sprechen die Medien ständig vom sogenannten Boom zeitgenössischer afrikanischer Kunst.

AS: Allerdings, aber ich finde die Idee einer geographischen Identität und Kunst falsch. Wenn ich über Marrakesch spreche, meine ich den Ort als Schmelztiegel pluraler, poröser und verschiedener Identitäten. Es gibt keine afrikanische Identität, genauso wenig, wie es eine europäische Identität gibt. Ich kann verstehen, dass es für Medien leichter ist zu "framen", etwas in vorgefertigte Formen zu packen. Aber dabei geht immer Individualität verloren, als würde man einen Kreis in ein Quadrat packen wollen – es funktioniert einfach nicht.

ifa: Wäre es korrekter, von "Kunst aus Marokko" oder "Kunst aus afrikanischen Perspektiven" zu sprechen so wie das Magazin Contemporary And (C&)?

AS: Ja, ich kenne das Magazin sehr gut und schätze die Herangehensweise sehr. Genau darum drehte sich auch meine letzte Ausstellung in Mons im April 2015. Mons, eine der Europäischen Kulturhauptstädte 2015, lud acht Städte ein, sich zu präsentieren, unter anderem Sydney, London, Tokyo und Casablanca. Und sie baten mich, den Teil über Casablanca zu kuratieren. Zuallererst machte ich klar, dass ich keine Ausstellung über und nur mit Künstlern aus Casablanca machen würde. Auch Casablanca war für mich nur ein Ausgangspunkt. Ich wählte also Künstler, die sich von der Stadt inspirieren ließen oder die die lokale Kulturszene beeinflusst haben.

Megumi Matsubara © ifa
Megumi Matsubara © ifa

ifa: Megumi, Sie haben in Tokyo und London studiert und leben derzeit in Fes. Inwiefern beeinflusst Ihre japanische Herkunft Ihre Arbeit als Künstlerin in Marokko?

MM: Die gleiche Frage wurde mir während letzten Marrakech Biennale gestellt, auf der ich mit einer Einzelausstellung vertreten war – einer Lichtinstallation in einem historischen marokkanischen Gebäude des 17. Jahrhunderts mit klassischem Hinterhof. Ein Journalist sprach mich auf die angeblichen japanischen Elemente in meiner Arbeit an: die Betonung des Wechsels von Tag, Nacht und Natur. Ich glaube nicht, dass diese Ideen mit meinen japanischen Wurzeln zu tun haben. Als ich nach Marokko kam, sprach ich weder Französisch noch Arabisch. Aber ich spürte den starken Drang, mit meiner Umwelt zu kommunizieren – nicht klassisch über verbale Sprache, sondern mit meinem Körper, meiner Erscheinung und Wahrnehmung.

ifa: Was fordert Sie in so unterschiedlichen Ländern und Kulturen am meisten heraus?

MM: Sehr viele Dinge, aber auf positive Art und Weise. In einer neuer Umgebung wird plötzlich alles in Frage gestellt. Man betrachtet sich selbst und seine Umwelt plötzlich viel genauer. In den ersten Monaten in Marokko begegnete ich blinden Studenten. Das menschliche Sehvermögen hat mich schon immer fasziniert. Meine Mutter ist Augenärztin und ich erinnere mich noch genau, wie sie sich Augenoperationen ansah, während wir bei Tee und Kuchen zusammensaßen. Die Arbeit mit blinden Menschen hat mir einmal mehr gezeigt, dass wir mit all unseren Sinnen, nicht nur mit Sprache, kommunizieren können.

ifa: Die in der ifa-Galerie gezeigte Duftinstallation trägt den Titel "Undress". Wie ist der Titel zu verstehen?

MM: In "Undress" geht es um Nackheit, aber nicht um die physische. Es gibt sehr viel gewagtere Formen des Nacktseins, als die sich auszuziehen. Es geht um wirkliche Nähe und Intimität.

ifa: Und worauf beruht die Arbeit mit verschiedenen Düften?

MM: Als Teenager war ich besessen von Parfum. Mein Vater reiste viel und brachte mir als Souvenir immer ein neues Parfum mit. Ich hatte eine riesige Sammlung und kannte jeden Duft, jeden Flacon auswendig. Aber mit 22 Jahren konnte ich die synthetischen Gerüche nicht mehr ertragen, sodass ich plötzlich völlig auf Parfum verzichtete. Erst im Zusammenhang mit "Undress" fing ich wieder an, mich mit Düften zu befassen und in arabischen, japanischen und europäischen Parfümerien zu recherchieren. Aber der wahre Grund war ein anderer. Meine Großmutter zeigte mir einmal ein Andenken an ihre älteste Tochter, meine Tante, die im Alter von 27 Jahren starb – ein Jahr, bevor ich geboren wurde. Es war eine Geschenkbox mit einer ungeöffneten Flasche Parfüm, das letzte Geschenk ihres damaligen Verlobten. Ich war wie gefesselt von diesem Bild, habe mich aber nie getraut, den Duft zu riechen. Erst vor zwei Jahren habe ich mir selbst das Parfum gekauft und so wuchs in mir die Idee für "Undress".

ifa: Wie funktioniert die Duftinstallation?

MM: Die Installation besteht aus acht verschiedenen Düften, die an unterschiedlichen Stellen durch den Raum ziehen und zusammen den neunten Duft, "La Japonaise", kreieren.  Der Raum ist so konzipiert, dass der Besucher den sich ständig wandelnden Duft wahrnehmen kann. Die acht Düfte habe ich zusammen mit einem marokkanischen Aroma-Therapeuten entwickelt. Ich gab ihm acht Texte meiner Buchserie, an der ich gerade arbeite, und er übersetzte sie in Düfte.

Ifa: Warum genau acht?

MM: Acht ist die Zahl der Unendlichkeit und acht Düfte waren ausreichend, um das zu zeigen, was ich wollte und konnte: acht Geschichten, nicht mehr und nicht weniger.

Ifa: Welche Rolle spielt Raum für Ihr künstlerisches Schaffen?

MM: Ich habe Architektur studiert und war schon immer von Raum fasziniert – davon, wie Menschen ihn wahrnehmen. Trotzdem beschränke ich mich nicht auf physikalischen, sondern auf psychologischen Raum. Raum ist für mich grenzenlos, auch wenn viele Leute denken, dass Raum viel zu abstrakt ist, um überhaupt darüber zu sprechen. Für mich war Raum schon immer mein Medium, meine Inspiration. Alles, was ich ausdrücken möchte, kann in Raum übertragen werden. Das schließt Texte mit ein, denn Schreiben ist für mich die Kreation von Raum auf einem weißen Blatt Papier.

ifa: Sie haben von der Übersetzung von Texten in Düfte gesprochen und davon, dass Ihre Gedichte mentale Bilder vermitteln. Würden Sie sich selbst als Synästhetikerin beschreiben, als jemanden, bei dem die unterschiedlichen Sinneswahrnehmungen verschmelzen?

MM: Ich selbst sehe mich nicht als Synästhesistin, aber ich glaube an eine besondere Sprache, die über die rein linguistische Kommunikation hinausgeht. Diese Sprache schließt Duft und Licht mit ein. Geruch und Duft sind Möglichkeiten, um uns selbst zu öffnen.

AS: Megumis Gedichte setzen Bilder mit Farben und Düften in Verbindung, weshalb all unsere Sinne und damit auch Erinnerungen angesprochen werden. Die Lektüre und Interpretation ihrer Gedichte verrät viel mehr über einen selbst, über die eigene Erinnerung. Ich glaube, genau das macht das Projekt so einzigartig. Es geht um die Grenzen der gesprochenen und geschriebenen Sprache. Stacy Hardy, eine der Autoren des Katalogs, beschreibt das perfekt im letzten Abschnitt ihres Textes. Darin beschreibt sie eine Situtuation in Addis Abeba, als ich mit ihr über das Projekt "Carrefour" sprach:

"Nach einer Weile verstummen wir. Ich versuche, mir etwas auszudenken, das ich sagen könnte, aber dann gebe ich auf und sehe aus dem Fenster. Wippende Dächer. Wolken. Die Lichter der Stadt unter uns so unerreichbar, so präsent […]. Ich denke, dass vielleicht manchmal das Sich-Ausdrücken überbewertet wird. Worte werden überbewertet. Sprache existiert, weil Sprache versagt. Aber nicht jede Art der Kommunikation ist auf Sprache angewiesen. Alya lächelt mich an und ich lächle zurück und plötzlich weiß ich, dass wir uns wiedersehen werden; dass wir in Zukunft zusammenarbeiten werden."

ifa: Weshalb haben Sie sich für den Beruf der Kuratorin entschieden?

AS: Das habe ich nie geplant. Ich lernte einfach verschiedene Menschen kennen und es entwickelte sich zufällig. Im Moment bin ich Kuratorin, aber wer weiß? Vielleicht mache ich in zehn Jahren etwas völlig anderes. Gerade fühlt es sich richtig an, denn als Kuratorin habe ich die Möglichkeit mit vielen verschiedenen tollen Menschen zusammenzuarbeiten. Vor mehr als zehn Jahren arbeitete ich in einer Werbefirma in Paris und erhielt Abendunterricht in Kunstgeschichte. Während meiner Promotion über zeitgenössische Kunst lernte ich Pierre Sterckx kennen, einen großartigen Lehrer. Er brachte mir bei: "Wir sind, wem wir begegnen". Die Menschen, denen wir begegnen, ihre Geschichten und Wege machen uns zu dem Menschen, der wir sind.

ifa: Ich danke Ihnen beiden für das Interview.

© ifa (Institut für Auslandsbeziehungen/Juliane Pfordte, 2015)

Ausstellungskatalog

Carrefour. Die Marrakech Biennale und darüber hinaus. – Stuttgart: ifa, 2015. – 79 S.

Carrefour

Die Marrakech Biennale und darüber hinaus

Stuttgart: ifa, 2015. – 79 S. – bestellen
  • Alya Sebti: Die verbotene Frucht – Über die Beziehungen von Kunst und öffentlichem Raum, Kurzvortrag, FUTURE MEMORIES Konferenz, Addis Abeba, September 2014
  • Megumi Matsubara
Saâdane Afif: Erinnerung: Der Geometrie-Unterricht, Marrakesch,2014; © Foto: Max Glauner, Galerie Mehdi Chouakri, Berlin, Xavier Hufkens, Brüssel und RaebervonStenglin, Zürich
Leila Alaoui: Übergänge, Videostill, Installation, 2013; © Leila Alaoui
Yassine Balbzioui: Grosse Tête (Großkopf), Fotografie, Performance 2014; © Yassine Balbzioui
Max Boufatal: Der Eid des Hippokrates, galvanisierter Draht, Kupferdraht und Korb, 2014; © Max Boufatal
Megumi Matsubara: Die erste Farbe, die im Dunklen verschwindet, Pigmentdruck, in nicht-reflektierendem Glas gerahmt, 2014; © Megumi Matsubara
Clara Meister: Singende Karten und geborgene Gesänge