Kulturtransfers #8

Chen Kuen Lee (1915–2003)

Hauslandschaften. Organisches Bauen in Stuttgart, Berlin und Taiwan

Hongkong-Bar, Berlin, 1957; © Privatarchiv Yu-Dembski
Hongkong-Bar, Berlin, 1957; © Privatarchiv Yu-Dembski

Transkulturalität

Die Architekten des Neuen Bauens suchten nach unkonventionellen, ahistorischen Raumlösungen für gestalterische Fragestellungen. Darum bot gerade die Analyse der außereuropäischen Kulturen die Möglichkeit, die eigene europäische Herkunft zu befragen um neue Formimpulse zu erhalten. Lees Zusammenarbeit mit Hans Scharoun fiel in einen Zeitraum, in dem die chinesische Architektur im Fokus stand. Hugo Häring, Hans Scharoun und Chen Kuen Lee gründeten darum die Arbeitsgemeinschaft des soganannten Chinesischen Werkbunds, in dem sie Schriften, Publikationen und Darstellungen analysierten, die in Berlin vor allem durch die Forschung des Sinologen Ernst Boerschmann publiziert worden waren. Lees Rolle als Vermittler ist in diesem Prozess prägend und bedeutend.

Aus der Entdeckung der westlichen Kultur, der Auseinandersetzung mit der traditionellen chinesischen Baukunst und der Fähigkeit, eigene Raumlösungen zu schaffen, entwickelte Lee eine Position einer eigenen, transkulturell angelegten Architektur. Die Kenntnis beider Wissensräume, des europäischen und chinesischen, eröffnete ihm eine interkulturelle Diskurslinie auch über die ursprünglich eigene Tradition hinaus.

Deutlich wird dies in der Dachgestaltung. Er schuf eine Architektur, in der das Dach als Weiterführung der Topografie gelesen wird und als gefaltete Dachlandschaft elegant mit Haus und Umgebung harmoniert. Die Innenräume erfahren mit filigranen Treppen und Balustraden eine detaillierte Ausgestaltung. Das Zentrum des Hauses am offenen Kamin und Wasserbecken reflektiert die Balance gegensätzlicher Aspekte aus dem traditionellen chinesischen "Buch der Wandlungen", dem I Ging. Die Suche nach Ausgleich von innen und außen, von Feuer und Wasser, von Landschaft und Architektur ist Widerhall der west-östlichen Denk- und Arbeitsweise Lees. 

Von Hans Scharouns Schulbauten inspiriert: Chen Kuen Lees Entwurf für Einfamileinhäuser; © AdK
Haus Dr. Gilliar, Nabburg, 1996, Wintergarten mit öffenbarem Dach; Foto: A. Körner; © bildhübsche Fotografie
Hongkong-Bar, Berlin, 1957; © Privatarchiv Yu-Dembski
Chen Kuen Lee, Haus Lin, 1997, Taiwan; © AdK
Haus Dr. Gärtner mit Gartenanlage von Hannes Haag, Bretten-Sprantal, 1979-81; © H. Haag
Apartmenthaus in Berlin-Schlachtensee, 1963-64; © A. Körner, bildhübsche Fotografie
Wohnanlage im Märkischen Viertel, Berlin, 1965-70, Detail des abgestuften Dachs; © A. Körner, bildhübsche Fotografie