Folge 4: Udo Kittelmann

1. Vom Augenoptiker zum Museumsdirektor: Was hat Sie mit 30 Jahren dazu bewogen, den Optikerberuf für die Kunst aufzugeben?

Udo Kittelmann 2016 © SPK SMB Berlin, Foto: Juliane Eirich
Udo Kittelmann 2016 © SPK SMB Berlin, Foto: Juliane Eirich

Udo Kittelmann: Die Flucht vor der zu erwartenden beruflichen Eintönigkeit und Routine. Die Neugierde auf einen nicht vorhersehbaren und nicht kalkulierbaren beruflichen Lebenslauf. Und natürlich die Passion für die Kunst.

2. Als Kommissar des Deutschen Pavillons haben Sie 2001 den Künstler Gregor Schneider eingeladen. Sein Beitrag, das "Tote Haus u r" erhielt den Goldenen Löwen. Was hat Sie an Schneider besonders fasziniert?

Goldener Löwe © ifa
Goldener Löwe © ifa

Udo Kittelmann: Ganz einfach: Damals stellte Gregor Schneiders Werk für mich einen einzigartigen künstlerischen Entwurf dar. An dieser Einschätzung hat sich im Übrigen bis heute nichts geändert. Ich erinnere mich auch noch daran, als das "Tote Haus u r" seinerzeit in Venedig endgültig Gestalt und Form annahm, wir uns darüber zunehmend bewusst wurden, etwas sehr Ungewöhnliches in die Welt gesetzt zu haben. Aber auf irgendeine Auszeichnung waren wir nicht vorbereitet, zumal es ja im Vorfeld an meiner Künstlerauswahl auch öffentlich Kritik gab und selbst noch am Tag der Verleihung des "Goldenen Löwen für den besten nationalen Beitrag" musste der Pavillon auf Grund von Vandalismus geschlossen werden.

3. Sie waren der erste nichtrussische Kurator, der den russischen Pavillon gestaltete (2013). Damals zeigten Sie den russischen Konzeptkünstler Vadim Zakharov. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?

Vadim Zakharov DANAË, Russian Pavilion Venice 2013, view inside, © photo: Daniel Zakharov
Vadim Zakharov DANAË, Russian Pavilion Venice 2013, view inside, © photo: Daniel Zakharov

Udo Kittelmann: Mit Vadim Zakharov habe ich spätestens seit Mitte der neunziger Jahre immer wieder zusammengearbeitet. Er war es, der sich mich als Kurator seines Biennale-Beitrages wünschte und das Russische Kulturministerium hat diesem Wunsch entsprochen. Andere Länder, andere Strukturen. Eigentlich unnötig zu sagen, dass diesem auch sozial-politisch aufgeladenen Länderbeitrag von Vadim Zakharov eine sehr konstruktive und auch konzentrierte Zusammenarbeit vorausging. Zakharovs Beitrag hatte im Übrigen durchaus seine ironischen und sogar humoristischen und grotesk absurden Facetten, die sich aber hauptsächlich nur denen gegenüber offenbarten, die mit den kulturellen Eigenarten der russischen Weltsicht vertraut sind. Der große russische Dichter Danill Charms ließ grüßen. So schien es mir damals.

3 ½. Was hat Ihnen als Kommissar des Deutschen Pavillons am meisten Spaß gemacht und was ist Ihr Geheimtipp für Venedig?

Das ehemalige Olivetti-Geschäft in Venedig; Foto: Jean-Pierre Dalbéra (CC BY 2.0, via Wikimedia Commons)
Das ehemalige Olivetti-Geschäft in Venedig; Foto: Jean-Pierre Dalbéra (CC BY 2.0, via Wikimedia Commons)

Udo Kittelmann: Die unendlichen Menschenschlangen, die geduldig oft über Stunden vor dem Deutschen Pavillon warteten und die vielen Besucher, die sich nach dem Verlassenen des "Toten Haus u r" dahingehend äußerten, dass sich das Warten auf etwas selten so gelohnt hätte. Und natürlich die große internationale Anerkennung für einen bis dato noch nicht sehr bekannten Künstler. Und mein Geheimtipp? Das einstige Olivetti-Geschäft unter den Arkaden am Markusplatz, das ich immer wieder besuche. Es wurde von dem bedeutenden italienischen Gestalter und Architekten Carlo Scarpa Ende der fünfziger Jahre entworfen und befindet sich seit einigen Jahren wieder im Originalzustand. Was für ein Showroom!

Folge 1: Florian Ebner

Florian Ebner © Museum Folkwang
Florian Ebner, Kurator des Deutschen Pavillons 2015 © Museum Folkwang

Folge 3: Susanne Gaensheimer

Susanne Gaensheimer, Direktorin des Museums für Moderne Kunst in Frankfurt/Main. Foto: Renato Ribeiro Alves
Susanne Gaensheimer, Kuratorin 2011/2013; Foto: Renato Ribeiro Alves

Folge 6: Clemens Kusch

Clemens Kusch; Foto: Michele Mascalzoni
Clemens Kusch, Architekt, zuständig für Bau- und Sanierungsarbeiten am Deutschen Pavillon; Foto: Michele Mascalzoni

Folge 2: Nicolaus Schafhausen

Nicolaus Schafhausen © Kunsthalle Wien 2014, Foto: Sabine Hauswirth
Nicolaus Schafhausen © Kunsthalle Wien 2014, Foto: Sabine Hauswirth

Folge 5: Julian Heynen

Julian Heynen, Kurator des Deutschen Pavillons 2003 und 2005; Foto: Jeanne Hofer
Julian Heynen, Kurator des Deutschen Pavillons 2003 und 2005; Foto: Jeanne Hofer

Folge 7: Manuel Reinartz

Manuel Reinartz war 2015 Technischer Leiter des Deutschen Pavillons. © ifa / Gögelmann
Manuel Reinartz war 2015 Technischer Leiter des Deutschen Pavillons. © ifa / Gögelmann

Udo Kittelmann, 1958 in Düsseldorf geboren, ist seit November 2008 Direktor der Nationalgalerie in Berlin. 2002–2008 leitete er das Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main (MMK), 1994–2001 war er als Direktor des Kölnischen Kunstvereins in Köln tätig. Udo Kittelmann ist Kurator vieler Ausstellungen im In- und Ausland und Autor zahlreicher Veröffentlichungen zur zeitgenössischen Kunst.

Das "Haus u r" ist ein Wohnhaus in der Unterheydener Straße 12 im Mönchengladbacher Ortsteil Rheydt, der Heimatstadt des Künstlers Gregor Schneiders. Die Bezeichnung leitet sich aus dem Anfangs- und Endbuchstaben des Straßennamens ab. Sie steht gleichzeitig für "umbauter Raum", "unsichtbarer Raum". Totes Haus bezeichnet die Werke, die dem Haus u r entnommen wurden bzw. für die Installation in Venedig rekonstruiert wurden.

Siehe Paul Schimmel, "Life's Echo: Gregor Schneider's Dead Haus u r", in: Gregor Schneider, Ausst.-Kat. The Museum of Contemporary Art, Los Angeles, Barbara Gladstone Gallery, New York, Mailand 2003, S. 104 und S. 226. Vgl. auch Juliane Heynen, "Ver-Bergen", in: Gregor Schneider, Ausst.-Kat. Kunsthalle Bern 1996, S. 19-24.