Folge 3: Susanne Gaensheimer

1. Sie haben 2011 und 2013 den Deutschen Pavillon auf der Venedig-Biennale kuratiert. Wie wollten Sie Deutschland zeigen?

Porträtfoto Dr. Susanne Gaensheimer. Foto: Renato Ribeiro Alves
Porträtfoto Dr. Susanne Gaensheimer. Foto: Renato Ribeiro Alves

Susanne Gaensheimer: Die Beiträge auf der Biennale sollten auf jeden Fall politisch sein, denn die Länderpavillons sind politische Orte. Alles was man dort macht, ist automatisch in irgendeiner Form politisch oder kann zumindest politisch interpretiert werden. 2011 ging es mir mit Christoph Schlingensief um eine radikale deutsche Selbstwahrnehmung; um die Frage, wie ein Deutscher Deutschland wahrnimmt. 2013 wollte ich Deutschland als weltoffenes, internationales Land zeigen. Deswegen habe ich Ai Weiwei, Romuald Karmakar, Santu Mofokeng und Dayanita Singh ausgewählt. Alle vier haben eine starke Präsenz in Deutschland und pflegen enge berufliche Kontakte nach Deutschland.

2. Beeinflussen die Erfahrungen der Venedig-Biennale Ihre aktuellen Projekte?

Christoph Schlingensief, 2011 © Roman Mensing
Christoph Schlingensief, 2011 © Roman Mensing

Susanne Gaensheimer: Ich habe meist die gleiche Herangehensweise an Ausstellungen, egal wo ich kuratiere. Ich beschäftige mich sehr stark mit dem Ort und versuche eine Ausstellung zu realisieren, die in irgendeiner Form für diesen bestimmten Ort, für diesen bestimmten Kontext, von Relevanz ist. Das mache ich im Museum, das habe ich beim Pavillon in Venedig gemacht und so mache ich das auch bei der Kleinplastik-Triennale Fellbach. Venedig war eine wunderbare Erfahrung. Ich denke gerne an die Zeit zurück, wobei das erste Mal mit dem Tod von Christoph Schlingensief natürlich eine schwierige Situation war. Die mediale Aufmerksamkeit für den Deutschen Pavillon war besonders groß. Das hat mich im Umgang mit den Medien auf jeden Fall geprägt. Meine persönliche Reaktion war darauf, mich von den Medien ein bisschen zurückzuziehen.

3. Was zeichnet die "perfekte" Kuratorin aus?

Ai Weiwei "Bang", 2010-2013, courtesy of Ai Weiwei und Galerie neugerriemschneider, Berlin / Foto: © Roman Mensing, artdoc.de in Zusammenarbeit mit Thorsten Arendt
Ai Weiwei "Bang", 2010-2013, courtesy of Ai Weiwei und Galerie neugerriemschneider, Berlin / Foto: © Roman Mensing, artdoc.de in Zusammenarbeit mit Thorsten Arendt

Susanne Gaensheimer: Ich würde niemals sagen, dass es die perfekte Art des Kuratierens gibt. Jede Kuratorin, jeder Kurator hat einen anderen Ansatz. Auch das Urteil über eine Ausstellung ist letztendlich Geschmacksache. Mein Ansatz ist, vom Kunstwerk ausgehend eine Vision für den Ort zu entwickeln. Diese Maxime finde ich wichtig. Außerdem hat die Kuratorin oder der Kurator die Aufgabe zu moderieren, sowohl die Kunstwerke als auch die beteiligten Menschen – die Künstlerinnen und Künstler, die Verwaltung oder die Politiker. 2011, als Christoph Schlingensief plötzlich verstarb, habe ich beispielsweise versucht, den Input und das Knowhow von all jenen, die über Jahrzehnte hinweg eng mit ihm zusammengearbeitet hatten, in den Pavillon einzubringen.

3½. Nach Gudrun Inboden waren Sie die zweite Frau, die den deutschen Länderbeitrag in Venedig kuratierte. 2017 wird der Deutsche Pavillon von Susanne Pfeffer kuratiert. Sind weibliche Kuratorinnen im Kommen? Und müssen Frauen besonders hartnäckig sein?

Verleihung des Goldenen Löwen, 2011 © Roman Mensing
Verleihung des Goldenen Löwen, 2011 © Roman Mensing

Susanne Gaensheimer: Wenn Frauen heute in der Kunstwelt erst im Kommen wären, dann wäre das echt ein Armutszeugnis für Deutschland. Es stimmt schon, dass es komisch ist, dass Frauen so selten den Deutschen Pavillon kuratiert haben. Das fällt auf und gibt zu denken. Aber eigentlich finde ich es schlimm, dass man überhaupt noch betont, wenn eine Frau den Deutschen Pavillon kuratiert. Es ist doch selbstverständlich, dass eine Frau das genauso gut kann wie ein Mann. Das ich besonders "hartnäckig" sei, wird mir von außen zugeschrieben. Ich selbst würde das nicht als Hartnäckigkeit, sondern als Klarheit bezeichnen. Ich weiß immer sehr genau, was ich will und dann kann ich das auch vertreten und umsetzten. Ich bin niemand, der hadert.

Folge 1: Florian Ebner

Florian Ebner © Museum Folkwang
Florian Ebner, Kurator des Deutschen Pavillons 2015 © Museum Folkwang

Folge 4: Udo Kittelmann

Udo Kittelmann kuratierte den Deutschen Pavillon 2001 © Juliane Eirich
Udo Kittelmann kuratierte den Deutschen Pavillon 2001 © Juliane Eirich

Folge 6: Clemens Kusch

Clemens Kusch; Foto: Michele Mascalzoni
Clemens Kusch, Architekt, zuständig für Bau- und Sanierungsarbeiten am Deutschen Pavillon; Foto: Michele Mascalzoni

Folge 2: Nicolaus Schafhausen

Nicolaus Schafhausen © Kunsthalle Wien 2014, Foto: Sabine Hauswirth
Nicolaus Schafhausen, Kurator 2007/2009 © Kunsthalle Wien 2014, Foto: Sabine Hauswirth

Folge 5: Julian Heynen

Julian Heynen; Foto: Jeanne Hofer
Julian Heynen, Kurator 2003 und 2005; Foto: Jeanne Hofer

Folge 7: Manuel Reinartz

Manuel Reinartz war 2015 Technischer Leiter des Deutschen Pavillons. © ifa / Gögelmann
Manuel Reinartz war 2015 Technischer Leiter des Deutschen Pavillons. © ifa / Gögelmann

Susanne Gaensheimer ist Direktorin des Museums für Moderne Kunst in Frankfurt/Main und kuratiert die 13. Kleinplastik Triennale Fellbach, die noch bis 2. Oktober 2016 geöffnet ist. Sie studierte Kunstgeschichte in München und Hamburg und war bis 2001 Direktorin des Westfälischen Kunstvereins in Münster. Danach leitete sie bis 2008 die Sammlung für Gegenwartskunst in der Städtischen Galerie im Lenbachhaus in München. 2011 kuratierte sie den deutschen Beitrag auf der 54. Biennale in Venedig. Dafür wurde sie mit dem "Goldenden Löwen" ausgezeichnet. Zwei Jahre später war Gaensheimer erneut Kuratorin des Deutschen Pavillons auf der Venedig-Biennale.

Foto: © Harald Schröder
Foto: Harald Schröder

ifa | Susanne Gaensheimer, Kuratorin des Deutschen Pavillons auf der Biennale in Venedig 2013, im Interview.