Folge 2: Nicolaus Schafhausen

1. Sie haben 2007 und 2009 den deutschen Pavillon in Venedig kuratiert. Was geht einem durch den Kopf, wenn man von der Berufung zum Kurator erfährt?

Porträt Nicolaus Schafhausen © Kunsthalle Wien 2014, Foto: Sabine Hauswirth
Porträt Nicolaus Schafhausen © Kunsthalle Wien 2014, Foto: Sabine Hauswirth

Nicolaus Schafhausen: Viele Gedanken habe ich mir im ersten Moment nicht gemacht. Ich wusste, dass ich als Kurator im Gespräch war. Natürlich habe ich mich sehr gefreut, als der Anruf kam. Es war für mich gewissermaßen auch eine Rückkehr nach Venedig: 1993 wurde ich zum ersten Mal nach Venedig eingeladen, damals noch als Künstler für die "Aperto", ein ehemaliges Ausstellungsformat, das in späteren Jahren durch die zentrale Ausstellung abgelöst wurde. Als ich 2007 zum Kurator berufen wurde, leitete ich das Museum Witte de With in Rotterdam, insofern war es besonders spannend, den Pavillon aus einer nicht deutschen, und damit vielleicht auch unabhängigeren Position heraus zu verantworten.

2. Beide Male zeigten Sie Einzel-, keine Gruppenausstellungen: 2007 Isa Genzken, 2009 Liam Gillick. Was macht eine gute Künstler-Kuratoren-Beziehung aus?

Biennale Venedig 2009, deutscher Pavillon, Liam Gillick © Natasa Radovic
Biennale Venedig 2009, deutscher Pavillon, Liam Gillick © Natasa Radovic

Schafhausen: Im Falle von Venedig vor allem größtmögliches Vertrauen. Man steht ein Jahr lang in einem direkten, sehr engen Abhängigkeitsverhältnis. Es ist wichtig, die jeweilige Position zu akzeptieren: der Künstler ist nicht der Kurator und der Kurator nicht der Künstler. Man hilft sich gegenseitig, aber die Aufgaben und die Sichtbarkeit sind unterschiedlich. In erster Linie sitzt ja der Künstler auf dem Präsentierteller, auch wenn man die Unsicherheit angesichts der Reaktionen teilt. Man kann zwar die Kommunikation im Vorfeld steuern, aber nicht die Rezeption.

3. Was ist die größte Herausforderung, wenn man den deutschen Pavillon in Venedig kuratiert?

Der deutsche Pavillon in den Giardini von Venedig © Natasa Radovic
Der deutsche Pavillon in den Giardini von Venedig © Natasa Radovic

Schafhausen: Die Venedig-Biennale ist ein globaler Event mit ungemein hohem Symbolgehalt. Venedig ist ein Ritual. Die Erwartungshaltungen der Medien und Kunstszene an den Künstler und Kurator sind enorm. Das muss man wissen und aushalten können – gerade vor dem Hintergrund des historischen Erbes beim deutschen Pavillon. In meinem Fall ist der Beitrag beide Male von den deutschen Medien stark kritisiert worden: 2007 die Künstlerin, 2009 richtete sich die Kritik eher gegen mich. Die Medienrezeption entspricht nicht unbedingt der Wahrnehmung der Besucher. Viele fahren nach Venedig, um etwas Neues zu sehen, und gerade nicht, um ihre Erwartungen zu bestätigen.
Für mich persönlich, hat die internationale Sichtbarkeit meine weitere kuratorische Laufbahn sehr produktiv und positiv beeinflusst. Zunächst nicht unbedingt finanziell, und auch medial nicht immer zum eigenen Vorteil. Man darf auch nicht vergessen, dass der Kurator damals für eine geringere Aufwandsentschädigung gearbeitet hat. 2009 waren die Bedingungen schwieriger, weil sich die Finanzkrise sowohl im öffentlichen Budget als auch in den Sponsorengeldern bemerkbar machte.

3 ½ Was war Ihr Lieblingsort in Venedig, um Kraft zu tanken?

Venedig; Foto: CC0 Public Domain
Venedig; Foto: CC0 Public Domain

Schafhausen: Ich bin sehr gerne zum Lido gegangen und dort ein bisschen rumgeschwommen. Das mache ich heute noch, wenn ich in Venedig bin. Mein Rat ist, nicht allzu früh ins zu Bett gehen, die Stadt auch nachts kennenzulernen und sie so zu nehmen, wie sie ist – mit all ihren unterschiedlichen Gesichtern: den Massen an Touristen einerseits und der lokalen Szene, den Bewohnern und Saisonarbeitern, andererseits. Ich finde es immer wieder spannend, wie sich die Stadt nach dem touristischen Massenansturm zurückerobert und zwischen allgemeinem Tourismus und Kunst- und Kulturtourismus stets erneut in Frage stellt. Venedig ist ein Ort des Austauschs, vor allem für Kunstschaffende. Insofern glaube ich auch nicht, dass sich die Biennale je überleben wird.

Folge 1: Florian Ebner

Florian Ebner © Museum Folkwang
Florian Ebner, Kurator des Deutschen Pavillons 2015 © Museum Folkwang

Folge 4: Udo Kittelmann

Udo Kittelmann kuratierte den Deutschen Pavillon 2001 © Juliane Eirich
Udo Kittelmann kuratierte den Deutschen Pavillon 2001 © Juliane Eirich

Folge 6: Clemens Kusch

Clemens Kusch; Foto: Michele Mascalzoni
Clemens Kusch, Architekt, zuständig für Bau- und Sanierungsarbeiten am Deutschen Pavillon; Foto: Michele Mascalzoni

Folge 3: Susanne Gaensheimer

Susanne Gaensheimer, Direktorin des Museums für Moderne Kunst in Frankfurt/Main. Foto: Renato Ribeiro Alves
Susanne Gaensheimer, Kuratorin 2011/2013; Foto: Renato Ribeiro Alves

Folge 5: Julian Heynen

Julian Heynen; Foto: Jeanne Hofer
Julian Heynen, Kurator 2003 und 2005; Foto: Jeanne Hofer

Folge 7: Manuel Reinartz

Manuel Reinartz war 2015 Technischer Leiter des Deutschen Pavillons. © ifa / Gögelmann
Manuel Reinartz war 2015 Technischer Leiter des Deutschen Pavillons. © ifa / Gögelmann

Nicolaus Schafhausen ist Direktor der Kunsthalle Wien. Er war künstlerischer Leiter des Künstlerhauses Stuttgart und Direktor des Frankfurter Kunstvereins, Kurator beim Nordic Institute for Contemporary Art in Helsinki (NIFCA) und Gründungsdirektor der European Kunsthalle. Von 2006 bis 2012 leitete er das Witte de With, Center for Contemporary Art in Rotterdam. Seit 2011 ist er strategischer Direktor von Fogo Island Arts, einer Initiative der kanadischen Shorefast Foundation. 2007 und 2009 war Nicolaus Schafhausen Kurator des Deutschen Pavillons auf der 52. und 53. Biennale von Venedig. 2014 war er Co-Kurator des 54. Oktobersalon in Belgrad, 2015 Teil des Kuratorenteams der 6. Moskau Biennale, sowie Kurator des Pavillons der Republik Kosovo auf der 57. Biennale von Venedig.