Meditation über die materielle und politische Natur der Bilder unserer digitalen Gegenwart

von Florian Ebner

Hito Steyerl: Factory of the Sun, 2015; Videostill; © Hito Steyerl

Eine zeitgemäße Idee für den Deutschen Pavillon auf der Biennale von Venedig zu entwickeln bedeutet für einen Kurator der Fotografie zwei Dinge gleichzeitig zu tun, den realen und historischen Raum des Pavillons und den metaphorischen Raum des Fotografischen zusammenzudenken.

Fotografie und Videokunst haben im Deutschen Pavillon spätestens seit den Achtzigerjahren ihren Platz gefunden – neben Malerei, Skulptur und Installation: Den Arbeiten von Bernd und Hilla Becher, Thomas Ruff, Candida Höfer, Katharina Sieverding und Rosemarie Trockel – allesamt Protagonisten der vitalen Düsseldorfer Akademie-Kunstszene des späten 20. Jahrhunderts – folgten zuletzt die Aktionen und Filme von Christoph Schlingensief und Romuald Karmakar sowie die dokumentarischen Ansätze der indischen Künstlerin Dayanita Singh und des südafrikanischen Fotografen Santu Mofokeng.

Nichts also müsste hier nachgeholt werden, um dem heutigen Stellenwert der Fotografie im Kunstmarkt gerecht zu werden, ginge es nicht darum, auch der Reflexion über die heutige veränderte Bedeutung der Bilder einen zentralen Platz im künstlerischen Diskurs einzuräumen. Und kein Ort wäre hier prominenter als der Deutsche Pavillon. Wir leben längst schon in einer digitalisierten und globalisierten Welt – einer Welt aus Bildern. Schon deutet sich nach dem digital turn der algorithmic turn an. Fotografien sind nicht mehr reine Aufzeichnungen, sondern Produkte fortwährender Neuberechnung und Optimierung, ihre Verbindung zur sichtbaren Wirklichkeit scheint bald gekappt zu sein. Wie lässt sich von heute aus das Fotografische der Bilder denken, das einst für die Zeugenschaft der Bilder stand? Was ist das Neue an diesen Bildern? Und wie lässt sich dafür ein Sinnbild im Raum schaffen?

Jasmina Metwaly & Philip Rizk: Out on the Street, 2015; Filmstill; © Jasmina Metwaly & Philip Rizk

Das Innere des Deutschen Pavillons nimmt mit seinem basilikalen Grundriss, den hohen Wänden und der Apsis eine sakrale, fast bühnenartige Form ein. Diese architektonische Struktur eignet sich in besonderer Weise für die raumgreifende Skulptur, die Installation oder das große Tafelbild – ein denkbar schwerer Raum für das kleinformatige oder projizierte Bild. So gilt es ein räumlich-mediales Dispositiv zu schaffen, das den Bildern unserer Tage ebenso wie dem Gebäude gerecht wird. 

Anhand von vier Aspekten und Ideen – migrierende Bilder, Teilhabe der Akteure, das Licht als elementarer Bildträger und das Dach als Ort der Freiheit – lässt sich ein inhaltliches und formales Kraftfeld abstecken, aus dem dieser Pavillon seine Spannung beziehen wird. Klassische Fragen der Repräsentation – das Machtverhältnis von Subjekt und Objekt und die alte Asymmetrie von Fotograf und Modell – stellen sich im Lichte der digitalen Bilder neu. Ein heutiges Verständnis des Fotografischen als einer zentralen Haltung dokumentarischen Arbeitens steht zur Diskussion. Alle Arbeiten entstehen speziell für den Deutschen Pavillon und werden dort zum ersten Mal gezeigt.

Migrierende Bilder

Tobias Zielony: The Citizen, 2015; © Tobias Zielony. Courtesy Tobias Zielony & KOW, Berlin

Auf sehr unterschiedliche Weise nehmen die filmischen und fotografischen Arbeiten von Tobias Zielony, Hito Steyerl und Jasmina Metwaly/Philip Rizk die migrierenden und volatilen Bilder in den Blick. Migration ist eine Seinsbedingung des modernen Menschen; im übertragenen Sinne gilt dies auch für die digitalen Bilder, mehr noch, es scheint sogar eine ihrer wichtigsten Qualitäten zu sein.

Das migrant image (J.T. Demos) stellt die Frage, wie dokumentarische Praktiken auf die Auswirkungen der Globalisierung reagieren (und sich selbst verändern). Durch die massenhafte Verbreitung der Bilder in sozialen Netzwerken tritt die Frage, was unsere Bilder als shared images eigentlich darstellen, mehr und mehr in den Hintergrund, der performative Akt des Bildermachens und -zeigens erscheint von größerer Relevanz.

Wer erzählt die Geschichten von transitorischen Existenzen, und auf welche Weise, mit welcher Autorität und mit welcher Stimme, und an wen richten sie sich?

Teilhabe der Akteure

Die Formen der Teilhabe, die das Internet ermöglicht, zum Beispiel die Partizipation an politischen Prozessen, umfassender Information und Bildung, hat viele Gesichter. In diesem Sinne werden die für die Biennale entstehenden Beiträge den Begriff der Partizipation in seiner politischen wie medialen Bedeutung diskutieren und auch das dialektische Moment dieser Prozesse mitreflektieren: das Auftreten aber auch Verschwinden (und Unsichtbar-Werden) des menschlichen Subjekts in den Bildern unserer Tage. Dem setzen die verschiedenen Arbeiten den selbstbewussten und selbstermächtigten Akteur entgegen, in den unterschiedlichsten Formen und Figuren, sei es als dokumentarischer oder fiktiver Auftritt, als körperliche oder virtuelle Gestalt.

Das Licht als elementarer Bildträger

Dasjenige Element, das die inhaltliche und formale Ausgestaltung des Pavillons prägen wird, ist das Licht. Angesichts der Auseinandersetzung mit dem Digitalen scheint dieser alte Akteur der Kunst im ersten Moment zu emphatisch gewählt zu sein. Doch bedeuten die Übertragung, Codierung und Decodierung sowie die weltweite Distribution von Information heute nichts anderes als die Reduzierung und Übertragung der Information in Lichtsignale – wie dies die Arbeit von Hito Steyerl im Besonderen herausstellen wird.

Das Dach als anderer Ort

Olaf Nicolai: Giro, 2015, Performance; © Olaf Nicolai, VG Bild-Kunst, Bonn, 2015

Olaf Nicolai wird sich dem Gebäude als Ganzem widmen, dem Inneren wie dem Außenbereich. Diese Konzeption schließt mit ein, den Raum als eine Bühne für die visuellen Arbeiten zu denken. Sein künstlerisch-plastischer und architektonischer Eingriff wird nicht umhin kommen, auf die historische Gestalt einzugehen, mit ihr und gegen sie zu arbeiten, auf das tektonische, vertikal ausgerichtete Gebäude zu reagieren. Konzentrierten sich vorhergehende Interventionen im Pavillon auf den Boden – erinnerten manche Eingriffe und Installationen an ein archäologisches Arbeiten –, so wird die Konzeption nun auch das Dach in die Gestaltung miteinbeziehen. Dieser spezifische Ort spielt zum Teil eine Rolle in den Beiträgen der anderen eingeladenen Künstler. Er lässt sich darüber hinaus als Heterotopie begreifen, als ein Ort, an dem Freiheit denkbar ist.