Susanne Gansheimer
Foto: © Harald Schröder

"Die Kunstwelt in Deutschland ist eine internationale"

Susanne Gaensheimer, Kuratorin des deutschen Pavillons der 55. Biennale Venedig, im Interview.

Das Interview führte Dominic Konrad

Institut für Auslandsbeziehungen (ifa): Frau Gaensheimer, was bedeutet für Sie nationale Identität?

Susanne Gaensheimer: Die Idee, dass es eine eindeutige nationale Identität gibt, halte ich für fragwürdig. Ich glaube, dass es sie in dieser Eindeutigkeit überhaupt noch nie wirklich gegeben hat und dass sie im Rahmen der Modernisierung und Globalisierung der Welt in den letzten zehn bis zwanzig Jahren noch mehr in Frage gestellt werden muss. Ich würde einfach sagen, es gibt da keine Eindeutigkeit.

ifa: Trotzdem ist die Biennale mit ihren Nationalpavillons in eine nationale Form gepresst. Wie würden Sie sagen, hat sich das Verständnis der deutschen Nationalidentität seit 1950, seit der Wiederaufnahme der Bundesrepublik auf der Biennale, geändert?

Gaensheimer: Deutschland hat sich ja als Land sehr stark verändert seit 1950. Es gab die Spaltung Deutschlands, dann die Wiedervereinigung, dann die Öffnung gegenüber den osteuropäischen Ländern und seit etwa zehn Jahren den Prozess einer zunehmenden Internationalisierung des Landes. Zum einen, weil Deutschland ein Einwanderungsland ist und in seiner Alltagsrealität immer stärker von der Zuwanderung bestimmt ist, und zum anderen, weil sich die deutsche Wirtschaft ganz stark international definiert. Sie ist mittlerweile so stark international aufgestellt, dass ein Unternehmen wie etwa die Deutsche Bank – ein klassisches deutsches Unternehmen schlechthin – sich selbst gar nicht mehr als ein rein deutsches Unternehmen sieht, um nur ein Beispiel zu nennen.

ifa: Bei dieser Frage setzt der deutsche Pavillon 2013 an. Sie sagen, eine deutsche nationale Identität ist als solche nicht mehr gegeben. Die Künstler, die Sie 2013 ausgewählt haben, stehen für einen internationalen Ansatz. Wie sind Sie zu dieser Auswahl gekommen?

Gaensheimer: Zu der Entscheidung, den Pavillon dieses Jahr wirklich international zu besetzen, haben mich die Zusammenarbeit mit Christoph Schlingensief und der Weg, den wir da schon ein Stück weit zusammen gegangen sind, geführt. Er hatte ein Projekt für den Pavillon geplant, das wir nach seinem Tod leider nicht realisieren konnten. In diesem Projekt hätte er sich stark mit dem Thema der nationalen Repräsentation beschäftigt und er hätte das, was er immer die "vermeintliche Eindeutigkeit der nationalen Identität" genannt hat, durch eine Vielzahl von Maßnahmen zersetzt. Eine große Rolle hätten dabei sicherlich die Erfahrungen gespielt, die er in Afrika gemacht hat, sowie seine Überlegungen, die er bereits in seinen frühen Filmen, beispielsweise in seiner Deutschlandtrilogie, angestellt hat. Und das alles zusammen hätte dann eine Situation hergestellt, die eine deutsche Repräsentation eben auch in Frage gestellt hätte. Wir haben an diesen Ideen sehr intensiv gearbeitet und das war dann für mich der Anlass, weiterzudenken, und auch meine Erfahrung von Deutschland als einem in seiner Alltagsrealität stark international geprägten Land, einzubringen. Und es ist auch so, dass die Kunstwelt in Deutschland eine internationale ist. Berlin beispielsweise ist in Europa die Stadt, in der die meisten Künstler aus anderen Ländern ein neues Zuhause gefunden haben. Dazu gehört auch Ai Weiwei, der, wenn er reisen könnte, hier in Berlin ein Atelier beziehen und eine Professur annehmen würde. Ich dachte mir, es wäre eigentlich mal ganz gut, diese Facette von Deutschland im Pavillon zu zeigen.

Ai Weiwei: Grapes, 2008, 16 Stools from the Qing Dynasty (1644 - 1911); Foto: © Ai Weiwei

ifa: Ai Weiwei ist mit seiner medialen Präsenz gewissermaßen das Schwergewicht des Pavillons. Er wird mit einer Installation beteiligt sein.

Gaensheimer: Die Arbeit ist ganz abstrakt. Es ist eine neue Arbeit, die für den Pavillon und diesen Ort entstanden ist. Sie beschäftigt sich mit dem Verhältnis des einzelnen Menschen zu einer sich im rasanten Modernisierungsprozess befindenden Gesellschaft. Da geht es um das Verhältnis des Einzelnen zum System, metaphorisch formuliert. Man kann das eigentlich als eine Art Grundprinzip verstehen, das in den Arbeiten der anderen Künstler nochmal aufgenommen und konkretisiert wird.

ifa: Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit Ai Weiwei? War sie durch das Ausreiseverbot stark behindert?

Gaensheimer: Wir haben von Anfang an das Problem besprochen und er hat gesagt, dass das für ihn eigentlich kein Hindernis darstellt. Er hat jetzt schon einige Ausstellungen, auch die große Washingtoner Ausstellung, komplett von China aus organisiert. Und in unserem Fall hat er die Installation in einer großen Halle außerhalb von Peking auf dem Originalgrundriss des Raumes, auch mit den Oberlichtern, wie sie im französischen Pavillon sind, entwickelt.  Außerdem kennt er diesen französischen Pavillon sehr gut. Er hat dort schon mal als Assistent eines chinesischen Künstlers gearbeitet. Er hat dann mit seinen Mitarbeitern die Arbeit in Peking abgebaut, sie wurde hierher geschifft und eins zu eins nach einem ganz genauen Plan wieder errichtet. Alles hat total gepasst, es war eigentlich unglaublich.

ifa: Das ist ja auch ein Glücksgriff für die Organisation.

Gaensheimer: Ja, das stimmt wirklich. Extrem professionell.

ifa: Unter den anderen Künstlern sticht Romuald Karmarkar heraus. Er ist der einzige, der deutsche Wurzeln hat.

Gaensheimer: Er ist ein deutscher Künstler. Er hat Eltern unterschiedlichster Herkunft, aber er ist in Deutschland geboren und er hat seine gesamte künstlerische Karriere in Deutschland gemacht. Und er hat sich intensiv mit deutschen Themen beschäftigt. Er ist also ist wirklich ein deutscher Künstler.

Romuald Karmakar: Between the Devil and the Wide Blue Sea, Film still, 2005; Foto: © Pantera Film GmbH

ifa: Wie wird sich das im Pavillon widerspiegeln?

Gaensheimer: Ich habe Romuald Karmakar natürlich nicht ohne Grund ausgewählt, er ist einer der wichtigsten Filmmacher in Deutschland, aber auch Künstler. Er macht nicht nur Dokumentar- und Spielfilme, sondern eben auch künstlerische Filme, die in seinem Werk eine ganz wichtige Rolle spielen. Ich habe ihn eingeladen, weil er einer der wenigen Filmmacher in Deutschland ist, die sich auf sehr konsequente Weise mit deutschen Themen und der deutschen Geschichte beschäftigen, insbesondere mit der Täterperspektive. Das ist das Thema seines filmischen Werkes, im konkreten wie im übertragenen Sinne. Und das wird natürlich im Pavillon eine Rolle spielen.

ifa: Dayanita Sing und Santu Mokofeng sind zwei bedeutende Fotokünstler. Wie bereichert der interkulturelle Blickwinkel, den die beiden Künstler als Südafrikaner und Inderin miteinbringen, den Pavillon?

Gaensheimer: Die Fotographie ermöglicht einen Zugang zu einem bestimmten Blick. Bei Santu Mofokeng ist es der Blick eines schwarzen Südafrikaners. Wir kennen den Blick des Weißen, zum Beispiel durch die Fotografien von David Goldblatt, sehr gut. Aber was wir nicht so sehr kennen ist der Blick eines schwarzen Südafrikaners, der die Apartheit als alltägliche Realität miterlebt hat, und der in seinen Fotografien eine Wahrnehmung zum Ausdruck bringt, die uns im Sinne eines Selbstporträts einer Bevölkerungsschicht Zugang zu einer ganz speziellen Sichtweise ermöglicht. Das ist schon hochinteressant. Dayanita stellt die Frage der Identität: Was ist eigentlich Geschlechteridentität? Was ist nationale Identität? Sie thematisiert Identität im weiteren Sinne als Frau, als Inderin, als Künstlerin, als Fotografin. Darum geht es in ihrer Arbeit. Sie thematisiert das anhand ihres engen Umfelds. Da kommen Menschen vor, die ihr sehr vertraut sind und zu denen sie uns über die Fotografie einen sehr nahen Zugang ermöglicht.

Dayanita Singh: Dream Villa (red tree), 2010; Foto: © Dayanita Singh, Frith Street Gallery

ifa: War es für Sie als Kuratorin schwer, vier so ausdrucksstarke Künstler zusammenzubringen?

Gaensheimer: Ich habe diese vier Künstler ausgewählt, weil ich eine solche Ausstellung im Auge hatte. Bei einigen habe ich auch schon sehr genau gesagt, welche Arbeit ich gerne im Pavillon sehen würde. Das haben wir dann jeweils gemeinsam besprochen, aber vieles hat sich erst im Prozess entwickelt. Ich habe diese vier Künstler eingeladen, weil ich eine inhaltliche Klammer gesehen und mir vorgestellt habe, dass es da trotz aller Unterschiedlichkeit sehr interessante Bezugspunkte geben könnte. Vier vollkommen unterschiedliche kulturelle Hintergründe, die aber dann doch an dem einen oder anderen Punkt zusammenkommen. Das ist eigentlich das Thema dieses Pavillons: Dass wir letztendlich doch viel mehr miteinander zu tun haben - trotz der großen Entfernung und der großen kulturellen Unterschiedlichkeiten.

ifa: Es gibt auch einen weiteren Austausch, der in den Medien thematisiert wird. Was waren die künstlerischen Beweggründe für den Tausch mit dem französischen Pavillon?

Gaensheimer: Dieser Tausch war ein Vorschlag der Auswärtigen Ämter Deutschlands und Frankreichs. Man hatte uns das auch schon letztes Mal vorgeschlagen. Aber aus verschiedenen Gründen wollte Christoph das nicht. Es kam auch zu einem sehr späten Zeitpunkt, da blieb gar keine Zeit mehr. Diesmal haben Christine Marcel, meine Kollegin aus Frankreich, und ich uns von Anfang an überlegt, ob wir diese Möglichkeit aufgreifen wollen. Wir konnten uns gut damit identifizieren, weil das unserer Arbeitsrealität entspricht. Wir kooperieren ja permanent mit anderen Institutionen aus europäischen Ländern und weltweit. Aber für uns war die absolute Prämisse, dass die Künstler das auch können. Die vier Künstler, die ich eingeladen hatte, konnten sich sehr gut mit dem Tausch identifizieren, weil sie sich in ihrem Werk ja ohnehin mit der Fragestellung eindeutiger Identitäten beschäftigen. Es ist ja auch das Thema unserer Ausstellung. Anri Sala war auch einverstanden. Und nachdem alle gesagt haben, dass sie das gut finden, haben wir das gemacht.

ifa: Mit dem Élysée-Vertrag haben Sie auch eine politische Klammer für das Thema bekommen…

Gaensheimer: Ja, das passt natürlich. Das war ja auch der Grund, warum die Auswärtigen Ämter uns das besonders ans Herz gelegt haben. Und es ist auch so, dass dieser Vertrag damals eine große Rolle gespielt hat und heute immer noch spielt. Es ist eine Grundlage für ein vereintes Europa, insofern finde ich, es ist auch eine sehr passende und eine sehr schöne Klammer.

Der Südafrikaner Santu Mofokeng war bereits 1995 und 1996 an zwei Ausstellungen der ifa-Galerien Stuttgart und Bonn beteiligt.
Santu Mofokeng: N1 Louis Trichardt/Johannesburg near Pietersburg, 2011; © Santu Mofokeng, MAKER/Lunetta Bartz, Johannesburg

ifa: Stichwort internationale Beziehungen: Wie hat Sie das Institut für Auslandsbeziehungen bei der Realisierung des Themas unterstützt?

Gaensheimer: Vom ifa habe ich große Unterstützung erfahren, diese Idee zu realisieren. Ich habe schon zu einem frühen Zeitpunkt das Gespräch mit Elke aus dem Moore (Leiterin Abteilung Kunst (die Red.)) gesucht und ihre Meinung dazu eingeholt. Sie hat das kuratorische Konzept sehr befürwortet und mich in der gesamten Zusammenarbeit kollegial unterstützt. Aber das war nicht nur eine infrastrukturelle, sondern auch eine inhaltliche Unterstützung, die von der Grundauffassung von Kunst als Weltkunst her getragen wurde. Diese Erfahrung hat das ifa einfach und deswegen haben sie mir den Rücken gestärkt. Übrigens auch das Auswärtige Amt.

ifa: 2011, bei der letzten Biennale, sind Sie und Christoph Schlingensief mit dem Goldenen Löwen für den besten Länderbeitrag ausgezeichnet worden. Geht man mit so einer Auszeichnung im Rücken anders an einen Beitrag 2013?

Gaensheimer: Es war toll, dass es letztes Mal so gewesen ist, aber das spielt für dieses Mal eigentlich keine Rolle. Man sollte überhaupt nicht mit dem Gedanken spielen, den Löwen zu gewinnen. Das ist ja nicht die Zielsetzung, sondern vielmehr, im Pavillon etwas zu machen, das uns in einem bestimmten Augenblick und an einem bestimmten Ort richtig und sinnvoll erscheint. Eine tolle Ausstellung zu machen und hervorragende Künstler zu zeigen, die das Land auf eine Art und Weise repräsentieren, wie man es in diesem Augenblick für aussagestark hält. Allerdings muss ich sagen, dass es mich natürlich beeinflusst hat, dass ich diesen Pavillon ein zweites Mal kuratiere. Das zweite Mal hat man die Möglichkeit, einen anderen Ansatz zu wählen. Das war mit ein Grund dafür, dass ich vier Künstler, davon drei aus einem anderen Land, eingeladen habe.

ifa: Wie hat Sie persönlich, als Frau der deutschen Kulturszene, die Arbeit für die Biennale weiter gebracht?

Gaensheimer: Es war beide Male eine wertvolle Erfahrung. Letztes Mal durch den Tod von Christoph Schlingensief auch eine sehr traurige. Alles andere war dann sozusagen reine Schadensbegrenzung. Andererseits gab es viel Unterstützung und eine konstruktive Zusammenarbeit mit den Vertrauten Schlingensiefs. Insgesamt kann man sagen, dass der Pavillon ein sehr spezieller Ort ist. Da spielt das Politische eine Rolle, da spielt das Organisatorische eine große Rolle, weil genau das in Venedig eben ziemlich schwierig ist. Es ist eine Erfahrung, bei der man viel lernt. Die Zusammenarbeit mit den vier Künstlern in diesem Jahr ist für mich eine wirkliche Bereicherung, so dass ich einfach dankbar bin, dass ich den Pavillon nochmal in dieser Form machen konnte.