Eliza Douglas in Anne Imhof, Faust 2017; Deutscher Pavillon, 57. Internationale Kunstaustellung – La Biennale di Venezia, Foto: Nadine Fraczkowski
Eliza Douglas
Lea Welsch, Emma Daniel, Mickey Mahar und Thilo Garus in Anne Imhof, Faust, 2017; Deutscher Pavillon, 57. Internationale Kunstausstellung – La Biennale di Venezia, © Fotografie: Nadine Fraczkowski
Lea Welsch, Emma Daniel, Mickey Mahar, Thilo Garus
Eliza Douglas in Anne Imhof, Faust, 2017; Deutscher Pavillon, 57. Internationale Kunstausstellung – La Biennale di Venezia, © Fotografie: Nadine Fraczkowski
Eliza Douglas
Eliza Douglas und Lea Welsch in Anne Imhof, Faust, 2017; Deutscher Pavillon, 57. Internationale Kunstausstellung – La Biennale di Venezia, © Fotografie: Nadine Fraczkowski
Eliza Douglas und Lea Welsch

Bildnachweis (alle Bilder):
Anne Imhof, Faust, 2017
Deutscher Pavillon, 57. Internationale Kunstausstellung – La Biennale di Venezia
© Fotografie: Nadine Fraczkowski

Während der gesamten Laufzeit sind Performances unterschiedlicher Dauer zu sehen.

Aktuelle Änderungen

  • Sonntag, 1. Oktober: Ausstellung geöffnet, die Performance pausiert
  • Samstag, 7. Oktober: Ausstellung geöffnet, die Performance pausiert
  • Sonntag, 8. Oktober: Ausstellung geöffnet, die Performance pausiert

Faust Jr.
Ab dem 11. Oktober gelten die regulären Zeiten: Mittwoch – Sonntag, ab 11:00 Uhr, 1–2 Stunden
 
Faust
03. – 06. Oktober
23. – 26. November
ab 11 Uhr, jeweils ca. 4 Stunden

Anne Imhof. Faust 

Deutscher Pavillon. La Biennale di Venezia

Auf Einladung von Susanne Pfeffer hat Anne Imhof die Arbeit "Faust" für den Deutschen Pavillon auf der 57. Internationalen Kunstausstellung – La Biennale di Venezia entwickelt. In der für den Raum und die Situation entwickelten skulpturalen Setzung entfacht sich das zusammen mit ihrem festen Team neu konzipierte Stück zu neuen Kompositionen. "Faust" ist zum einen eine gut fünfstündige Inszenierung, zum anderen ein auf sieben Monate angelegtes Langzeitszenario aus performativer Dynamik, skulpturaler Installation, malerischer Setzung und präziser Choreografie der Sichtachsen und Bewegungen, das den gesamten Pavillon umfasst. So ist "Faust" unbedingte Gegenwart, deren Essenz sich dem Betrachter unmittelbar, im Augenblick mitteilt:

Eliza Douglas und Franziska Aigner in Anne Imhof, Faust 2017; Deutscher Pavillon, 57. Internationale Kunstaustellung- La Biennale di Venezia  Foto: Nadine Fraczkowski
Eliza Douglas, Franziska Aigner
Emma Daniel und Lea Welsch in Anne Imhof, Faust 2017; Deutscher Pavillon, 57. Internationale Kunstaustellung – La Biennale di Venezia, Foto: Nadine Fraczkowski
Emma Daniel, Lea Welsch
Eliza Douglas in Anne Imhof, Faust 2017; Deutscher Pavillon, 57. Internationale Kunstaustellung – La Biennale di Venezia, Foto: Nadine Fraczkowski
Eliza Douglas
Lea Welsch, Billy Bultheel, Emma Daniel, Franziska Aigner und Mickey Mahar in Anne Imhof, Faust 2017; Deutscher Pavillon, 57. Internationale Kunstaustellung – La Biennale di Venezia, Foto: Nadine Fraczkowski
Lea Welsch, Billy Bultheel, Emma Daniel, Franziska Aigner, Mickey Mahar
Franziska Aigner und Eliza Douglas in Anne Imhof, Faust 2017; Deutscher Pavillon, 57. Internationale Kunstaustellung – La Biennale di Venezia, Foto: Nadine Fraczkowski
Franziska Aigner, Eliza Douglas
Franziska Aigner und Eliza Douglas in Anne Imhof, Faust 2017; Deutscher Pavillon, 57. Internationale Kunstaustellung – La Biennale di Venezia, Foto: Nadine Fraczkowski
Franziska Aigner, Eliza Douglas

Ein Raum, ein Haus, ein Pavillon, eine Institution, ein Staat. Fließend, kristallin und hart durchziehen Glasboden und Glaswände wie in den Machtzentren des Geldes den Raum. Raumgrenzen, die zugleich offenlegen und permanent alles sichtbar und kontrollierbar machen. Der erhöhte Boden hebt die Körper an und verändert die Proportionen des Raums. Unter, neben und über uns sind Körper Einzelner und Vieler. Erhoben wie erniedrigt bewegen sich die Performer durch, unter und auf dem Pavillon. Auf frei stehenden gläsernen Podesten stehen oder hocken sie wie schwebend an den Wänden der Räume – Körper, Skulptur und Ware zugleich. Unversehens befinden wir uns in einer Konstruktion von Macht und Ohnmacht, Willkür und Gewalt, Widerstand und Freiheit. Draußen, im eigenen Territorium, bewachen die Hunde das Haus.

Der Schrei verstummt unter dem verzögerten Schlag der eigenen Hand. Die vermeintliche Umarmung erstarrt im stillen Kampf der angespannten Kräfte. Dumpf verhallt der Schlag der Faust auf der Brust und lässt den Arm mechanisch zurückschnellen. Gegen das Glas gepresst, verformen sich die Körper bis zur Unkenntlichkeit zu einer fleischigen Masse. Die Hand befriedigt autark und still das eigene Geschlecht. Die Körper der Performer sind auf das nackte Leben reduziert. Sie lassen sich anhand ihrer Sexualökonomie analysieren. Masturbation als Regression und Widerstand, als Tod der Sexualität und zugleich als Bild einer Sexualität, die allein dem visuellen Konsum dient. Lust entsteht nicht im sexuellen Akt, sondern im Akt des Sehens und Gesehenwerdens. Die stummen Schreie zeugen vom Schmerz des zunehmenden Verschwindens des Lebendigen, der Zombisierung des kapitalisierten Körpers. Die dualistische Konstruktion, die Grenze zwischen kapitalisiertem Subjekt und kapitalisiertem Objekt, scheint aufgelöst. Wie aber agiert die Macht, wenn sie sich von den Subjekten abspaltet und sie zum Objekt macht? "Niemals zuvor konnte sich Macht so schnell im gesellschaftlichen Körper ausbreiten und war so schwer zu fixieren." (Paul B. Preciado) Die Essenz des Kapitalismus ist der hemmungslose Verbrauch der Körper. 

Elisa Douglas, Emma Daniel und Micky Mahar in Anne Imhof, Faust 2017; Deutscher Pavillon, 57. Internationale Kunstaustellung – La Biennale di Venezia, Foto: Nadine Fraczkowski
Elisa Douglas, Emma Daniel, Micky Mahar
Josh Johnson in Anne Imhof, Faust 2017; Deutscher Pavillon, 57. Internationale Kunstaustellung – La Biennale di Venezia, Foto: Nadine Fraczkowski
Josh Johnson
Franziska Aigner und Emmal Daniel in Anne Imhof, Faust 2017; Deutscher Pavillon, 57. Internationale Kunstaustellung – La Biennale di Venezia, Foto: Nadine Fraczkowski
Franziska Aigner, Emma Daniel

Das transparente Glas erlaubt den sezierenden Blick des Betrachters auf den Performer und zurück; die kalte, symmetrische Struktur ermöglicht unmittelbare Beobachtung sowie direkte Kontrolle. Das trennende Glas schafft Distanz wie auch Selbstwahrnehmung und die Bewusstwerdung der Betrachtung. Blicke treffen sich, aber keine Kommunikation entsteht. Die Performer nehmen einen wahr, aber erkennen einen nicht an. Man ist inmitten der performativen Handlungen, aber wird nie Teil davon sein. Nach Gender, individuell und eigen, zugleich aber stereotyp, treten die Performer in Erscheinung. Die individuellen Bewegungen und Gesten jedes Einzelnen stehen im Widerstreit zu den uniformen, mit Textmessages gesteuerten Bewegungen, die an unreflektierte, aber unaufhörlich eingeübte gesellschaftliche Codes erinnern. So erscheinen diese dressierten und fragilen Körper wie von unsichtbaren Machtstrukturen durchzogenes Material. Sie sind Subjekte, die sich permanent gegen ihre Objektwerdung zu sträuben scheinen. Den Bio-Techno-Körpern ist ihre mediale Vermittlung bereits inhärent. Den Performern ist bewusst, dass ihre Gesten kein Zweck an sich sind, sondern sie allein in ihrer Medialität existieren. So scheinen sie sich permanent in konsumierbare Bilder zu verwandeln; sie wollen zum Bild werden, zur digitalen Ware. In einer hochgradig von Medialität gekennzeichneten Zeit bilden Bilder unsere Realität nicht nur ab, sondern stellen sie her.

Billy Bultheel in Anne Imhof, Faust 2017; Deutscher Pavillon, 57. Internationale Kunstaustellung – La Biennale di Venezia, Foto: Nadine Fraczkowski
Billy Bultheel
Eliza Douglas in Anne Imhof, Faust 2017; Deutscher Pavillon, 57. Internationale Kunstaustellung – La Biennale di Venezia, Foto: Nadine Fraczkowski
Eliza Douglas
Eliza Douglas in Anne Imhof, Faust 2017; Deutscher Pavillon, 57. Internationale Kunstaustellung – La Biennale di Venezia, Foto: Nadine Fraczkowski
Eliza Douglas
Billy Bultheel in Anne Imhof, Faust 2017; Deutscher Pavillon, 57. Internationale Kunstaustellung – La Biennale di Venezia, Foto: Nadine Fraczkowski
Billy Bultheel
Eliza Douglas und Franziska Aigner in Anne Imhof, Faust 2017; Deutscher Pavillon, 57. Internationale Kunstaustellung – La Biennale di Venezia, Foto: Nadine Fraczkowski
Eliza Douglas, Franziska Aigner
Josh Johnson in Anne Imhof, Faust 2017; Deutscher Pavillon, 57. Internationale Kunstaustellung – La Biennale di Venezia, Foto: Nadine Fraczkowski
Josh Johnson
Emma Daniel und Franziska Aigner in Anne Imhof, Faust 2017; Deutscher Pavillon, 57. Internationale Kunstaustellung – La Biennale di Venezia, Foto: Nadine Fraczkowski
Emma Daniel, Franziska Aigner
Mickey Mahar in Anne Imhof, Faust 2017; Deutscher Pavillon, 57. Internationale Kunstaustellung – La Biennale di Venezia, Foto: Nadine Fraczkowski
Mickey Mahar

Die gegenwärtigen biopolitischen Körper sind keine eindimensionale Oberfläche mehr, auf der sich Macht, Gesetz, Kontrolle und Bestrafung einschreiben, sondern ein dichtes Innen, in dem Leben ebenso wie politische Kontrolle stattfindet – in Form von Austausch und Kommunikation. Es tritt ein neues Subjekt in Erscheinung: hormonal, medial, hoch vernetzt. Die Schönheit der Körper, die wir sehen und als selbstoptimiert annehmen, ist durch die Werbe- und Warenbildökonomie, der wir immer ausgesetzt sind, konditioniert. Sie liegt nicht im Auge der Betrachtenden, sondern in der Perfektionierung der Verwertungszusammenhänge, der Algorithmen. Eigens für die jeweiligen Stimmen der Performer geschaffene Kompositionen erklingen zunächst vereinzelt und summieren sich im technologischen Zusammenschluss der Mobiltelefone mehr und mehr zu einem ebenso gewaltigen wie solipsistischen Chor. In der Gruppe formiert, bleibt die ziellose Individualität bestehen. Auch wenn sie gemeinsam singen, singen sie vom Ich.Die Hunde im Zwinger, Herr und Hund, Hund und Gefährte sind Zeugnis eines dem kulturellen Wandel unterzogenen Machtverhältnisses und Sinnbild der sich wandelnden Konstruktionen von Natur: kein trennender Dualismus von Natur und Kultur, sondern der Zwinger als Welt. 

Frances Chiaverini in Anne Imhof, Faust 2017; Deutscher Pavillon, 57. Internationale Kunstaustellung – La Biennale di Venezia, Foto: Nadine Fraczkowski
Frances Chiaverini
Eliza Douglas in Anne Imhof, Faust 2017; Deutscher Pavillon, 57. Internationale Kunstaustellung – La Biennale di Venezia, Foto: Nadine Fraczkowski
Eliza Douglas
Billy Bultheel in Anne Imhof, Faust 2017; Deutscher Pavillon, 57. Internationale Kunstaustellung – La Biennale di Venezia, Foto: Nadine Fraczkowski
Billy Bultheel

In einer Gesellschaft, in der die Schuldfrage keine religiöse, sondern eine der individuellen Eigenverantwortung, in der Krankheit keine Gottesstrafe, sondern selbstverschuldet ist, wird der Körper zum Kapital und Geld zum einzigen Parameter. Der Körper wird zum Konsumgegenstand des freien Marktes. So entscheidet die Marktrationalität, ob ein Körper schützenswert ist oder nicht – bis hin zur Nekropolitik. Im Kapitalismus ist die Herrschaft des Geldes absolut. Ähnlich wie in Goethes "Faust" wollen wir etwas verkaufen, das es gar nicht gibt. Die Seele gibt es hier nicht, die Waren der Finanzwirtschaft gibt es nicht, und doch, oder gerade deshalb, funktioniert das System. Allein im Zusammenschluss als Gruppe von Körpern und in der Besetzung von Raum kann sich Widerstand formieren. Auf den Balustraden und Zäunen, im Untergrund und auf dem Dach, erobern und besetzen die Performer den Raum, das Haus, den Pavillon, die Institution, den Staat. 

Eliza Douglas in Anne Imhof, Faust 2017; Deutscher Pavillon, 57. Internationale Kunstaustellung – La Biennale di Venezia, Foto: Nadine Fraczkowski
Eliza Douglas
Mickey Mahar in Anne Imhof, Faust 2017; Deutscher Pavillon, 57. Internationale Kunstaustellung – La Biennale di Venezia, Foto: Nadine Fraczkowski
Mickey Mahar
Eliza Douglas in Anne Imhof, Faust 2017; Deutscher Pavillon, 57. Internationale Kunstaustellung – La Biennale di Venezia, Foto: Nadine Fraczkowski
Eliza Douglas