Vortrag Andreas Rost, Februar 2016 © ifa/Schulz
Vortrag Andreas Rost, Februar 2016 © ifa/Schulz

Wandel der Pressefotografie in Deutschland

Welche Aufgabe hat die moderne Pressefotografie in Zeiten von Photoshop und Digitalkameras? Inwieweit wird die Branche durch aktuelle Trends beeinflusst und welche entscheidenden technischen Entwicklungen hat es von 1920 bis heute gegeben? Andreas Rost, Kurator der ifa-Ausstellung "Zeitsprung", stand den Besuchern seines Vortrags am 18. Februar Rede und Antwort.

Von Marina Schulz und Josefine Zach

Der Andrang in der ifa-Galerie ist groß. Im Halbkreis sitzen die Besucher um den Kurator. "Glücklicherweise war Erich Salomon nicht nur Fotograf, sondern auch Autor", sagt Andreas Rost. Er schiebt sich die dicke Brille auf die Nase und schlägt ein kleines Buch auf: "Berühmte Zeitgenossen in unbewachten Augenblicken" von Erich Salomon. Rost räuspert sich und beginnt, eine Anekdote aus Salomons Aufzeichnungen vorzulesen: Salomon versucht, einen Blick in das Hotelzimmer zu erhaschen, in dem sich 1932 der Reichskanzler mit dem britischen Premierminister Ramsay MacDonald trifft. Die Wachleute entdecken Salomon und schicken ihn weg. In seiner Not fotografiert er die verschlossenen Türen und Hüte der Minister; das Foto hängt heute in der ifa-Galerie Stuttgart.  

"Wandel der Pressefotografie in Deutschland" lautet das Thema des Abends. Andreas Rost nimmt die Besucher mit auf eine Zeitreise von den Anfängen der Fotografie zu Zeiten Erich Salomons über Babara Klemm bis heute.  

Blick hinter die Fassade

Den Beruf des Fotojournalisten gibt es erst seit den 1920er Jahren, erklärt Rost. Erich Salomon war einer der ersten, die sich mit Fotografie einen Namen machten. Seine Arbeiten waren zum damaligen Zeitpunkt revolutionär. Möglich machte sie die Entwicklung zweier neuer Kameratypen im Jahr 1924: die Leica und die Ermanox. Zum ersten Mal waren gut belichtete Aufnahmen in Innenräumen möglich, ohne den aufwendigen Magnesium-Blitz zu verwenden. Dadurch waren beide Kameras handlich und unauffällig. Salomon nutzte dies, um das Fotografieverbot bei Gerichtsverhandlungen zu umgehen. Seine kleine Ermanox versteckte er unter einem Hut und zog sie nur im entscheidenden Moment hervor.

Berühmt wurde er jedoch vor allem für seine Fotos, die Politiker und bekannte Persönlichkeiten wie Max Schmeling abseits der öffentlichen Bühne in entspannten Posen zeigen. Zum ersten Mal bekam die Bevölkerung einen Einblick in die Arbeit der Politiker – und sah auch ihre menschliche Seite. Denn: "Inszenierte Auftritte gab es damals noch nicht", sagt Rost. Ein Beispiel dafür sind die Bilder der Haagener Konferenz, auf der die Minister schlafend in ihren Sesseln zu sehen sind. "Salomon arbeitete wie ein heutiger Paparazzi. Er suchte aber nicht den Skandal. Er wollte zeigen, was hinter verschlossenen Türen passierte", sagt der Kurator. Laut Rost war Salomon vor allem ein Aufklärer. Er bezeichnete sich selbst als "Großwildjäger". Geduldig abwarten und dann im entscheidenden Moment abdrücken – das war seine große Stärke.

Doch auch ästhetische Merkmale wurden immer bedeutender. 1930 gründete die Berliner Illustrierte einen Künstlerischen Beirat, der Fotos erstmals auch unter künstlerischen Aspekten beurteilte. Die Frage, inwieweit Fotografie die Realität abbilden kann oder nur ein Ergebnis einer Inszenierung ist, begleitet die Fotografie seit ihren Anfängen. Was ist die Aufgabe der Pressefotografie? Kunst oder Dokumentation? Diese Fragen waren damals genauso aktuell wie heute. 

Während Salomon als einer der frühesten Vertreter der Pressefotografie gilt, begann Barbara Klemm ihre Karriere, als sich der Beruf des Pressefotografen längst etabliert hatte. Von 1970 bis 2005 arbeitete sie als Auftragsfotografin für die FAZ. Auch sie fotografiert mit einem hohen ästhetischen Anspruch. Die Bildkomposition steht für sie besonders im Vordergrund. "Ein Foto muss immer auch ein Bild sein", zitiert Rost ihren Arbeitsgrundsatz.  

Klemms durchweg in schwarz-weiß aufgenommen Bilder des Zeitgeschehens stechen aus der breiten Masse von Bildern heraus, die uns tagtäglich begegnen. Anders als viele andere Fotojournalisten schießt Klemm ausdrucksvolle Bilder, die eine Geschichte erzählen, die über das Abgebildete hinausgeht.  

"Sie wollte immer eine Geschichte erzählen für die, die nicht dabei waren", beschreibt Rost ihren Anspruch.      

Laut Rost gelang ihr dies, weil sie schon vor dem Pressetermin genau wusste, was sie einfangen wollte. Am Beispiel des berühmten Fotos vom Bruderkuss zwischen Leonid Breschnew und Erich Honecker erklärt der Kurator die intensive Vorarbeit, die Klemm vor all ihren FAZ-Aufträgen betrieb. "Bedingt durch ihre Vorbereitung wählte Klemm oftmals einen anderen Standpunkt als der Großteil der anderen Pressefotografen", erzählt Rost. Dank ihrer Recherche wusste sie, dass die Oberhäupter der sozialistischen Staaten sich bei feierlichen Veranstaltungen gerne brüderlich küssen. Der Kuss war also das Motiv, das es beim 30. Jahrestag der DDR abzulichten galt. Statt sich auf den Bruderkuss zu beschränken, hielt Klemm die gesamte Szenerie fest. Die Aufnahme zeigt nicht nur den Kuss, sondern auch die Reaktionen der umstehenden Politiker und vermittelt so einen Gesamteindruck der Situation.

Obwohl auch Klemm auf den entscheidenden Moment wartet, bevor sie auf den Auslöser drückt, waren und sind die Umstände, unter denen sie fotografiert doch ganz andere als zu Salomons Zeit. Die Pressefotografie ist zu Klemms Wirken in den späten 80er Jahren auf ihrem Höhepunkt, der gleichzeitig den Endpunkt einer Entwicklung darstellt: Das Fernsehen hat die Zeitung als Leitmedium abgelöst. Es stehen nicht länger die Fotografen bei Presseempfängen in der ersten Reihe, sondern Fernsehreporter.

Anders als in den 20er Jahren ist es für Pressefotografen jedoch schwieriger, hochrangige Persönlichkeiten in unbeobachteten Augenblicken abzupassen. Die Politiker haben gelernt, sich so zu inszenieren, wie sie von der Öffentlichkeit wahrgenommen werden möchten. Es wird für Fotojournalisten folglich immer schwieriger, an nicht gestellte Aufnahmen heranzukommen.
Ein Privileg Klemms war, dass sie dank ihrer Bekanntheit von ihrem Beruf leben konnte. Anders als Salomon musste sie keine Fotos für den tagesaktuellen Journalismus liefern. Ihre Aufnahmen sollten vor allem die längeren Texte der Tiefdruckbeilage der FAZ bebildern. Daher mussten ihre Fotografien aussagekräftig sein und eine Geschichte in einem Bild verdichten. Viele ihrer Bilder entstanden ohne konkrete Veröffentlichungsabsicht und landeten zunächst im Archiv. Bei Bedarf wurde später auf sie zurückgegriffen.

Da sie bei vielen ihrer Arbeitsreisen nicht unter Zeitdruck stand, konnte sie die Orte auf sich wirken lassen und die Besonderheiten von Ländern und Städten einfangen, erzählt Kurator Andreas Rost. Im Gegensatz zu Salomon ist sie nicht nur eine Fotografin der Eliten, sondern lichtet die gesamte Gesellschaft ab. So ist sie dabei als in Berlin die Mauer fällt oder in Frankfurt gegen die Startbahn West protestiert wird. 

Und heute?

Nachdem Barbara Klemm 2005 offiziell die FAZ verließ, stellte die Tageszeitung auf digitale Pressebilder um. Diese Entwicklung spiegelt wider, in welche Richtung sich die Pressefotografie auf der ganzen Welt entwickelt hat. Dem künstlerischen Anspruch und der Geduld auf den richtigen Moment zu warten, die Klemms und Salomons Bilder auszeichnen, steht heute der Druck entgegen, aus der zunehmenden Flut an Bildern herauszustechen.   

Welche Relevanz hat der Beruf des Fotojournalisten noch, wenn jeder mit seiner Handykamera Bilder knipsen und sofort verschicken kann? Wenn jeder Laie seine Fotografien mit Programmen wie Photoshop nach Belieben verändern kann?  

Beim World Press Photo Award, der seit 1995 jährlich verliehen wird, sortierte die Jury im letzten Jahr knapp ein Viertel aller eingesendeten Bilder aus, da sie zu stark bearbeitet waren. Die großen Nachrichtenagenturen wie Reuters und die Jury des World Press Photo Award reagierten mit verschärften Regeln. So dürfen Fotografen Reuters ihre Arbeiten nur noch im JPEG-Format übergeben, also direkt so wie sie aus der Kamera kommen.  

Andreas Rost ist der Ansicht, dass "Fotos durch die Digitalisierung sowieso immer schon vorbearbeitet sind. Verschärfte Regeln wie der Bilderkodex beim World Press Photo Award sind Quatsch."   

Aber was unterscheidet ein gutes Foto von einem schlechten?

Rost erzählt von den Fotos junger Magnum-Fotografen, die feiernde Demonstranten am Tahrir-Platz zeigen. Diese seien zwar technisch perfekt, jedoch nicht authentisch, da sie die Massenmisshandlungen von Frauen außen vor lassen, die Teil der Proteste waren. "Ein Problem der heutigen Fotografen ist, dass sie oftmals nicht unabhängig von einer Zeitung arbeiten, sondern nur die Interessen ihres Auftraggebers im Blick haben", sagt der Kurator. So kommt es, dass relevante Details übersehen werden, weil die Fotografen nur festhalten, wofür sie bezahlt werden.  

Der Druck, zeitnah Bilder zu liefern, verhindert die "Großwildjagd". "Wer keine Zeit zur intensiven Vorbereitung hat und unter Zeitdruck fotografiert, sieht nur das, was er erwartet. Die kleinen Feinheiten, die Teil des Ganzen sind, bleiben unentdeckt", sagt Rost.

Einen guten Fotografen macht also mehr aus als technische Perfektion oder in Andreas Rosts Worten:

"Mit Fotos ist es wie mit Worten. Schreiben kann jeder. Aber nicht alle schreiben Poesie."

© ifa (Institut für Auslandsbeziehungen), Feburar 2016

Ausstellungskatalog

Zeitsprung. Erich Salomon. Barbara Klemm. – Stuttgart: Institut für Auslandsbeziehungen (ifa), 2007. – 142 S.

Zeitsprung

Erich Salomon. Barbara Klemm. – Stuttgart: ifa, 2007. – 142 S. – bestellen

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