Sibylle Bergemann – Photographien
Sibylle Bergemann: Mitte, Mauerpark, 1976
Sibylle Bergemann: Mitte, Oranienburger Straße, 1977

links: Mitte, Mauerpark, 1976
rechts: Mitte, Oranienburger Straße, 1977

Berlin

Tröstliches Grau, dunkle Geborgenheit, die Stadt im verlängerten Nachkrieg der DDR, wo Geschichte nicht vergehen wollte. Wo am alten Karussell Mann und Frau aus Pappmaché bis in alle Ewigkeit tanzen. Idylle zwischen Einschusslöchern und Brandmauer, in die ein Fenster geschlagen wurde. Hinterhöfe, auf denen die Wäsche öffentlich trocknet. Im gefliesten Bahnhof Schönhauser Allee sucht ein junges Paar Wärme in der Berührung seiner Körper. Lebenszeichen vom Rand – das Bekenntnis der Fotografin. Im neuen Palast der Republik begutachtet das Volk Seit an Seit Lampen und Teppiche. Und doch vollzieht sich das menschliche Leben oder verfehlt sich am einzelnen Ich, nirgends sonst, schrieb Max Frisch. Auf der Baustelle vor den kühlen Plattenbauten von Marzahn zögern im grellen Winterlicht weit voneinander entfernte Schlittschuhläufer. Zwanzig Jahre später wird das östliche Außenministerium abgerissen, eine Ruine der neuen Zeit, die Zukunft hatte es eilig.

Jutta Voigt